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Kein Witz. Auch diese Szene ist im "Extra 3"-Spottlied zu sehen: Präsident Erdogan bei einer Parteiveranstaltung 2014, mit Perücke und turkmenischer Tracht.

© AFP

Erdogan und der Satiresong: Warum Diktatoren keinen Spaß verstehen

Wer das Sagen hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen: Über Autoritäten und das Lachen, den Erdogan-Song und das Recht auf die böse Pointe in der Demokratie.

Chefwitz gefällig? Kommt ein Mann in die Zoohandlung und will einen Papagei kaufen. Sind aber alle sehr teuer, weil sie auch Fremdsprachen können. Also fragt er nach dem kleinen grauen Vogel in der Ecke, der jedoch noch teurer ist. Was kann der denn?, will der Mann wissen. Sagt der Verkäufer: Weiß ich auch nicht, aber die anderen sagen alle Chef zu ihm.

So ein Chefwitz ist schnell mal gefährlich – wenn der Chef ihn zu Ohren bekommt. Und wenn der Witzbold nicht in in einer Demokratie lebt, bei der Humor und Ironie nun einmal dazu gehören. Als Ventil zum Dampfablassen in hierarchischen Strukturen, als legitime Blasphemie gegenüber Autoritäten und Würdenträgern, sei es der Boss, die Kanzlerin, der König oder der Papst. Chefwitze gehorchen der Märchenlogik von „Des Kaisers neue Kleider“, nach dem Motto: keine Angst vor dem da oben.

Diktatoren verstehen keinen Spaß. Für einen Hitler-Witz bezahlte mancher mit dem Leben

Es sind die Ohnmächtigen, die Witze über die Mächtigen erzählen. Ein kleiner, schneller Akt der Anarchie, und hinterher gehorcht es sich leichter. Wenn der Witze-Erzähler dagegen in einer Diktatur lebt, ist Schluss mit lustig. Flüsterwitze über Hitler konnten ihre Erzähler das Leben kosten. Bei Hitlers Einzug in eine Stadt hält ein Mädchen ihm ein Büschel Gras entgegen. Hitler: „Was soll ich damit?“ Das Mädchen: „Alle sagen, wenn der Führer ins Gras beißt, kommen bessere Zeiten“. Der Sänger und Kabarettist Robert Dorsay erzählte den Witz im Restaurant des Deutschen Theaters Berlin, ein Spitzel war dabei, er wurde zum Tode verurteilt. Jüngeres Beispiel: Die Nordkorea-Filmsatire „The Interview“ zog Ende 2014 Cyberattacken auf Sony und Terrordrohungen gegen US-Kinos nach sich.

Nun ist der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan kein Diktator. Aber wenn der Song „Erdowie, Erdowo, Erdogan“ aus der „Extra 3“-Sendung vom 17. März diplomatische Spannungen zur Folge hat, Erdogan den deutschen Botschafter einbestellt und die Absetzung des nicht mal zweiminütigen Satire-Videos verlangt, benimmt er sich nicht wie ein Demokrat.

Dank an den Präsidenten. Weil er wegen seiner Kritik den Spot populär machte, kürte die "Extra 3"-Redaktion den Präsidenten zum "Mitarbeiter des Monats".

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Schnell kommt einem jener legendäre 14-Sekunden-Sketch in den Sinn, den Rudi Carrell im Februar 1987 in seiner „Tagesshow“ ausstrahlte. Darin bewarfen verschleierte Iranerinnen den Ayatollah mit Unterwäsche, der Text dazu: „Ayatollah Khomeini wird von der Bevölkerung gefeiert und mit Geschenken überhäuft“. Die Folgen: Deutsche Diplomaten müssen das Land verlassen, der iranische Botschafter wird aus Bonn ausgewiesen, Iran-Air streicht seine Deutschlandflüge, das Goethe-Institut in Teheran muss schließen und Carrell erhält Morddrohungen. Noch 2010 gab Radio Bremen den Spot für eine Satire-Ausstellung im Bonner Haus der Geschichte nicht frei.

"Der Protz vom Bosporus": Im Netz ist der Clip ein Hit

Diesmal bekennt sich die Bundesregierung zum öffentlich-rechtlichen Spott als „selbstverständlichem“ Bestandteil der deutschen Medienlandschaft. Damals fiel der Verweis auf die Meinungsfreiheit nicht gerade überzeugend aus. Und es gab noch kein Internet. Erdogans Vorgehen gegen das Spottlied hat die Bekanntheit des Songs immens gesteigert. also auch das Wissen um Erdogans Verständnis von Pressefreiheit. Zeilen wie „Ein Journalist, der was verfasst,/ das Erdogan nicht passt,/ ist morgen schon im Knast“ zur Verhaftung des „Cumhuriyet“-Chefredakteurs kennen nun weit mehr Leute als bloß das „Extra 3“-Publikum. Oder „Er lebt auf großem Fuß,/der Protz vom Bosporus“ als Verweis auf Erdogans Präsidentenpalast mit tausend Zimmern und ohne Baugenehmigung. Auch der Reim „Gleiche Rechte für die Frauen/die werden auch verhauen“ ist nicht erfunden: Der Videoclip versammelt bloß Nachrichtenbilder und Videodokumente.

Auch mit Merkel und Co. gehen die TV-Comedians nicht zimperlich um

Auf Youtube wurde das umgetextete Nena-Lied über drei Millionen mal angeklickt, längst existieren türkische und englische Untertitel. Karikaturisten reagieren mit eigenen Erdogan-Cartoons, und unter dem Hashtag #Erdogan finden sich auf Twitter zahlreiche weitere Jokes. Die Redaktion von „Extra 3“ bedankte sich für die unfreiwillige PR mit Erdogans Ernennung zum Mitarbeiter des Monats.

Das Recht auf politische Satire ist ein kostbares demokratisches Gut. Der einbestellte Botschafter verteidigte denn auch die Meinungsfreiheit, laut Auswärtigem Amt sieht die Diplomatie „weder eine Notwendigkeit noch die Möglichkeit der Einflussnahme auf die Berichterstattung“. Auch mit Merkel und Co. gehen die TV-Comedians von heute schließlich nicht zimperlich um. Im Erdogan-Spot schüttelt die Kanzlerin ihrem türkischen Amtskollegen in Sachen Flüchtlingspolitik die Hand, zur Zeile „Sei schön charmant,/ denn er hat dich in der Hand“.

Die linken Kabarettisten aus Dieter Hildebrandts seligem „Scheibenwischer“ wirken fast harmlos dagegen. Wobei es 1986 trotzdem zu dem denkwürdigen Fall kam, dass der Bayerische Rundfunk sich aus einer bundesweiten Ausstrahlung ausklinkte, weil dem BRFernsehdirektor die Tschernobyl-Nummer „Der verstrahlte Großvater“ missfiel.

Schikanen, Anschläge, Mord: Der Terror gegen Witze zielt ins Herz der Demokratie

Kein Witz. Auch diese Szene ist im "Extra 3"-Spottlied zu sehen: Präsident Erdogan bei einer Parteiveranstaltung 2014, mit Perücke und turkmenischer Tracht.

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Es ist kaum 15 Monate her, dass elf Mitarbeiter des französischen Satire-Magazins „Charlie Hebdo“ von Islamisten ermordet wurden, weil sie sich über den Propheten lustig machten. Danach gingen eineinhalb Millionen Menschen und mehrere Dutzend Staatschefs gemeinsam auf die Pariser Straßen, um einmütig zu demonstrieren, dass Terror gegen Witze ins Herz der Demokratie zielt. Fatwas, Drohungen, Schikanen, Anschläge, Mord. Wegen Rushdies „Satanischer Verse“, dänischen Mohammed-Karikaturen, frechen oder angeblich pornografischen Inszenierungen wie jüngst in Ungarn: Wo der Fundamentalismus auf dem Vormarsch ist, häufen sich die Attacken gegen den Witz und andere demokratisch sanktionierte Tabubrüche. Wobei Kritik, Zensur und Kalaschnikows nicht dasselbe sind, auch wenn alle darauf zielen, die Witzeerzähler mundtot zu machen. Wer seine Persönlichkeitsrechte durch eine Pointe beeinträchtigt sieht, kann sich mit juristischen Mitteln dagegen wehren. Gericht statt Gewalt, auch eine Errungenschaft der Demokratie.

Wie sagt man in Ägypten für Kuhstall? Mu-barak

Wie die Politiker-, Lehrer-, Arzt- oder Polizistenwitze gehören die Mohammed-Karikaturen zur Kategorie der Chefwitze. Wer das Sagen hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Das ist das eine: Der Witz und seine Beziehung zur Macht. Zur anderen Kategorie gehören die Opferwitze über Benachteiligte und Minderheiten, über Juden, Ostfriesen, Blondinen. Auch sie brechen Tabus, indem sie die Autorität der Moral untergraben. (Apropos, gehört der gute alte Schwiegermutter-Witz eigentlich zu den Täter- oder den Opferwitzen?)

Ressentiment, Hass, Gewalt, Sex: Fast jeder Pointe haftet etwas Schmutziges an, daran entzündet sie sich, selbst in den harmlosen Varianten, im Tier- oder im Kinderwitz. Wobei die Kategorien auch kombiniert vorkommen. Wie sagt man in Ägypten für Kuhstall? Mu-barak.

Egal ob zotig oder politisch korrekt: Im Witz bricht sich etwas Unterdrücktes, Verbotenes Bahn. Schlimm genug, wenn die im Nena-Song erwähnten Fakten über Erdogans Politik vom Präsidenten nun der Tabuzone zugeordnet werden.

Der tödlichste Witz der Welt: ein alter Sketch von Monty Python

In seiner Studie „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“ konstatierte Freud zur Psychodynamik des Witzes, dass er Entfremdung und Verdrängung lockert und man sich mit seiner Hilfe mögliche Konflikte erspart. Witze, das hat Erdogan offenbar begriffen, haben eine beträchtliche Wirkmacht. Vielleicht haben Diktatoren deshalb keinen Sinn für Humor, sie wittern Konkurrenz.

Die Komiker der Monty-Pythons-Truppe haben das vor Jahren mal bis zum mörderisch komischen Ende bedacht, in ihrem Sketch „The funniest joke in the world“. Ein britischer Gagschreiber erfindet während des Zweiten Weltkriegs einen derart lustigen Witz, dass er bei der Lektüre selber vor Lachen tot umfällt. Seine Frau, die anrückenden Gendarmen, wer immer den Witz liest oder hört, peng, tot. Prompt kommen die Briten auf die Idee, ihn übersetzen zu lassen (pro Übersetzer nur ein Wort, ab zweien droht schwere Krankheit), um ihn als Waffe gegen die Nazis einzusetzen. Voller Erfolg, der Krieg ist gewonnen.

Schönes, gefährliches Gedankenspiel: Was, wenn Diktatoren doch Humor hätten und selber Witze erzählten? Als Kim Jong-il 2011 starb, kam es in Nordkorea zu öffentlichem Massenweinen und kollektiven Schmerzensbekundungen auf Straßen und Plätzen. Und jetzt alle lachen, Kommando von oben – wäre das besser?

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