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Kenan Melhem bietet Führungen im Museum an und geht im Rahmen von Multaka inzwischen auch in Schulen, um Brücken zu schlagen.

© Maximilian Gödecke, ©Staatliche Museen Berlin, Museum für Islamische Kunst

Zehn Jahre Multaka-Führungen: Ein Stück syrische Heimat im Museum

Als Geflüchtete kamen sie nach Deutschland. Als Guides schenken sie heute ihren Landsleuten im Museum ein Stück Erinnerung in der Sprache der alten Heimat zurück. Inzwischen hat das Projekt viele Nachahmer gefunden.

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Wenn Mohamed Al Subeh auf Arabisch Menschen durch den Saal des Byzantinischen Museums im Bode-Museum führt, fühlt er sich ein wenig zu Hause. Hier befinden sich drei Objekte aus Syrien, darunter eine Basaltplatte mit der Darstellung von Simon dem Säulensteher aus dem 6. Jahrhundert. Al Subeh war vor dem Bürgerkrieg in Syrien Restaurator und Fachmann für byzantinische Kunst am Museum von Maaret al-Naaman in der Provinz Idlib.

In Berlin wurde er zu einem der ersten Guides von Multaka, ein Sonderprogramm, das im Dezember 2015 beim Museum für Islamische Kunst startete. Finanziert wird das Projekt zurzeit durch die saudische Organisation Alwhaleed Philantrophies, die sich für Bildung, Chancengleichheit und Humanität einsetzt, das Museum selbst und den Förderverein. 

Als Idee steckte dahinter, geflüchtete Menschen aus Syrien und dem Irak stärker einzubinden. Junge Menschen aus Syrien und Irak sollten gemeinsam ins Museum gehen und auf Arabisch eine kostenlose Führungen bekommen. Zehn Jahre später fragt sich: Wie geht es heute den Guides, die sich ehrenamtlich engagiert haben? Wo steht das Projekt?

Mohamad Al Subeh vor einer Steinplatte aus Syrien mit der Darstellung Simon des Säulenstehers in Qalat Seman im Nordosten Syriens. Die basaltplatte stammt aus dem 5. bis 6. Jahrhundert. Die Reste der Originalsäule in Qalat Seman wurden während des Krieges bomardiert und zerstört. Foto: Rolf Brockschmidt
Mohamad Al Subeh erklärt Details einer Steinplatte aus Syrien mit der Darstellung von Simon dem Säulensteher aus Qalat Seman im Nordosten Syriens. Sie stammt aus dem 5. bis 6. Jahrhundert.

© Rolf Brockschmidt

Mohamed Al Subeh gelangte 2015 aus der Türkei über das Meer und den Balkan nach Deutschland. „Es kamen damals zu viele Geflüchtete auf einmal nach Deutschland“, sagt er rückblickend, „aber viele Deutsche haben uns damals sehr geholfen. Das werde ich nie vergessen.“ Die Führungen stellen für ihn eine Brücke zwischen Deutschland und Syrien dar, das habe ihm geholfen, durchzuhalten.

Heute arbeitet der 55-Jährige als Logistiker an der Charité. Er muss Geld verdienen für seine Familie in Syrien. Beim Gespräch zeigt er ein verstörendes Video seines alten Hauses: ein Schutthaufen. „Die Syrer können noch nicht zurück“, ist er überzeugt. „Es ist zu unsicher.“ Die deutsche Regierung treffe jetzt falsche Entscheidungen.

Die Deutschen wissen nicht genug über uns. Wir brauchen Brücken, die in beide Richtungen führen.

Kefah Ali Deeb, syrische Schriftstellerin und Museumsguide

Seit 2023 hat der frühere Restaurator einen deutschen Pass. „Wir leisten unseren Beitrag in Deutschland“, sagt er und träumt davon, eines Tages zu seinen Kollegen ins Museum zurückzukehren oder ihnen von Deutschland aus zu helfen, etwa bei der Schadensdokumentation. Das Museum brauche Hilfe von außen, um wieder arbeiten zu können, weiß er aus seiner Heimat. 

Multaka-Guide Kefah Ali Deeb im Ägyptischen Museum vor einem assyrischen Relief aus dem (geschlossenen) Vorderasiatischen Museum. Es ist ein Detail aus Assurnasirpal II. aus Kalchu (Nimrud, Nordirak).
Foto: Rolf Brockschmidt
Multaka-Guide Kefah Ali Deeb im Ägyptischen Museum vor einem assyrischen Relief aus dem gegenwärtig noch geschlossenen Vorderasiatischen Museum.

© Rolf Brockschmidt

Als Kenan Melhem 2016 nach Deutschland kam, wurde ihm ein Stipendium für ein Architekturstudium an der TU Berlin in Aussicht gestellt. Dafür musste er innerhalb von acht Monaten eine Deutschprüfung auf C1-Niveau bestehen. „Das war sehr hart, aber ich habe sehr viel gearbeitet, weil ich ein Ziel hatte“, beschreibt er seine erste Zeit in der neuen Heimat.

Bevor er zu Multaka stieß, faszinierte ihn das Bode-Museum allein durch seine Architektur. „Es war vor allem schwer, die Fachbegriffe zu lernen“, erinnert sich der 36-Jährige. Aber die durch Multaka erlernten Präsentationstechniken halfen ihm auch beim Studium. Wie Mohamed Al Subeh betont auch der junge Architekt, dass er sich alles selbst erarbeitet habe. Seit seinem Master an der TU arbeitet er bei einer großen Baufirma. Vor zwei Jahren wurde er eingebürgert: „Ich bin nun ein Teil von Deutschland, die Bundesrepublik ist jetzt für mich ein Teil von Heimat.“ 

Spielerisch ins Gespräch miteinander kommen

Aber die Welt habe sich geändert, der Ton sei rauer geworden, stellt Kenan Melhem rückblickend fest. Dabei lebe man doch in einer wunderbaren, vielfältigen Stadt, schüttelt er den Kopf. Neben seinen Führungen arbeitet er mit der „Toolbox“ des Museums für Islamische Kunst in Schulen, um den Kindern und Jugendlichen spielerisch zu zeigen, dass Migration, Bewegung, Wanderung, Austausch und gesellschaftliche Vielfalt eine historische Konstante und damit „normal“ sind. Die Toolbox enthält unter anderem Karten zu Themen wie Grenzen, Ausgrenzen, Gebäude, Lebensmittel. Die Spielenden sollen mit ihrer Hilfe in einen Dialog etwa über die Herkunft von Speisen treten. Ziel ist es, Verständnis für andere Kulturen zu wecken.

Die Schriftstellerin, Künstlerin und Aktivistin Kefah Ali Deeb betont ebenfalls die Bedeutung des aktiven Dialogs. Sie bekam 2014 politisches Asyl in Deutschland und fand ein Jahr später zu Multaka. Zunächst führte sie durch das Vorderasiatische Museum, das für sie ebenfalls ein Stück Heimat bedeutet, später durch das Ägyptische Museum, wo sie arabischen Besuchern die mesopotamische und pharaonische Kultur vermittelte. Jetzt sei es an der Zeit, auf deutsche Gruppen zuzugehen, sagt die 43-Jährige: „Die Deutschen wissen nicht genug über uns. Wir brauchen Brücken, die in beide Richtungen führen.“ 

Als Assad stürzte, wäre sie am liebsten sofort zurückgekehrt, erzählt Kefah Ali Deeb. Aber der Verstand habe ihr gesagt, dass es noch zu früh sei. Das Erstarken der extremen Rechten in Deutschland bereitet der Autorin Sorgen, ebenso die Haltung der deutschen Regierung gegenüber den Palästinensern. Trotz ihres deutschen Passes wolle sie auch deshalb nicht auf Dauer in Deutschland bleiben, ist sie entschieden.

Wie sieht die Zukunft von Multaka aus? „Die Lebenswirklichkeit der Menschen hat sich in zehn Jahren verändert“, sagt Projektleiterin Sarah Fortmann-Hijaz. „Heute geht es darum, Deutsche und die Communitys der ehemals Geflüchteten miteinander ins Gespräch zu bringen.“ Auch deshalb werden die Führungen nur noch auf Anfrage angeboten.

Was sie aber besonders freut: Multaka hat international ausgestrahlt. Inzwischen existiert ein Netzwerk von sieben Projekten an 30 Museen in Europa, welche die Berliner Idee aufgenommen und weiterentwickelt haben.  

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