Zum Tod des Publizisten : Kurt Scheel gestorben

Als Herausgeber des "Merkur" ging er keinem Streit aus dem Weg. Im Tagesspiegel feierte er das deutsche Fernsehen. Nun ist Kurt Scheel mit 70 Jahren gestorben.

Christian Schröder
Kurt Scheel, 1999.
Kurt Scheel, 1999.Foto: Thilo Rückeis

Über Gutmenschen konnte er sich genauso aufregen wie über Wutbürger. Untergangsszenarien verabscheute er, lustvoll verspottete er das ganze „negative Legoland-Denken in den Zeitungen oder im Bundestag“. Kurt Scheel war ein bekennender Kulturoptimist. Weil er gemeinsam mit Karl-Heinz Bohrer als Herausgeber des „Merkur“, der „Deutschen Zeitschrift für Europäisches Denken“, ab 1989 den Untergang der DDR und die Wiedervereinigung feierte, später sogar die Kriege der USA in Afghanistan und im Irak verteidigte, galt er als schlimmer Neokonservativer, gar Kriegstreiber. Er selber hielt sich für einen „Linken mit sozialdemokratischem Hau“.

Intellektuelle Scharmützel

Scheel stürzte sich gern in intellektuelle Scharmützel, da bekamen weltverbessernde Journalisten mit ihrer „Attitüde aus Größenwahn und keine Ahnung haben“ genauso ihr Fett weg wie sein Lieblingsfeind Günter Grass, dieses „Kuriosum im senfbraunen Cordanzug“, dem er „Praeceptor-Germaniae-Getue“ vorwarf. Die Lust an der Provokation verband sich bei Scheel mit der Kunst, Formulierungen genau so weit anzuspitzen, bis sie piksen. „Denken muss sein wie ein Foxterrier“, sagte Scheel in einem Interview mit der „taz“. Aber er war nicht mur bissig. Er liebte das Kino, vor allem jenes aus Hollywood, was damit zusammenhing, dass er buchstäblich mit Filmen groß geworden war.

1948 geboren, wuchs Scheel auf der Elbinsel Altenwerder auf, damals ein Dorf, das später in den Hamburger Stadtteil Harburg eingegliedert wurde. Dort betrieben seine Eltern die "Altenwerder Lichtspiele", ein Kino, in dem er zuerst Märchenfilme sah, "Zwerg Nase" und "König Drosselbart", dann - "schon besser" - Dick-&Doof-Filme und - noch besser - "Wildwestfilme", wie es in den fünfziger Jahren hieß. Er schrieb schwärmerische Texte über James Cagney, Cary Grant und die Komödien von Frank Capra. Seinem Lieblingsschauspieler widmete er ein Buch mit dem bescheidenen Titel "Ich & John Wayne". Der Western, befand er, habe sein Weltbild stark geprägt: "Man muss geduldig und freundlich sein, und dann muss man sie erschießen."

Verstand und Großes Latinum

Mit der Welt der Populärkultur, die in akademischen Kreisen lange indigniert wahrgenommen wurde, hatte Scheel keine Probleme. Seine Fernsehkolumne, die er ab 2002 zwei Jahre lang im Tagesspiegel veröffentlichte, verstand er als Gegengift zum Geraune über den angeblich zunehmenden Niveauverlust. Das deutsche Fernsehen, urteilte er, sei "eines der besten der Welt", und noch nie sei er so gut gewesen wie derzeit. "Übers Fernsehen nörgeln kann jeder Abiturient - um es zu loben, braucht es einen trainierten Verstand, wenn nicht gar das Große Latinum", so formulierte er seinen inneren Arbeitsauftrag. Er attackierte Adorno, dessen Kulturkritik "von apokalyptischem Furor geprägt" sei, schrieb - eine typische Überschrift - "vom Sinn des Küblböck" und war von der ersten Staffel von "Big Brother" beeindruckt: "ein Humanexperiment, nicht nur für die Teilnehmer, sondern auch für die Zuschauer".

Vor einem Jahr erregte er Aufsehen, als er die allerseits gefeierte Serie "Berlin Babylon" als "abstoßend" bezeichnete. Sie sei Ausdruck einer "volkspädagogische Gutgemeintheit", die "weder Realismus noch artifizielle Überspannung" zulasse. Für Scheel war "Berlin Babylon" kein gutes, den Zuschauer überraschendes Fernsehen, sondern die Fortsetzung des von ihm verachteten Autorenkinos mit anderen Mitteln. Wenders Filme, zumindest alle ab "Paris, Texas" fand er nicht mythisch, sondern bloß banal.

Die Idee des Westens

Scheel hatte ab 1977 als Lektor für deutsche Literatur und Sprache an der Universität von Hiroshima gearbeitet, bevor er 1980 Redakteur beim "Merkur" in München wurde. So brachte er einen Blick von außen auf die deutschen und europäischen Verhältnisse mit. Wenn er die Idee des Westens kulturell wie politisch verteidigte, brach er seine Argumentation auch schon mal auf dass Format eines Slogans herunter: "Überall dort, wo Freiheit herrscht, gibt es auch Kapitalismus." 1991 stieg er zum Herausgeber des "Merkur" auf, 1998 zog er mit der Kulturzeitschrift nach Berlin um. 2012 ging er in den Ruhestand. Michael Rutschky, der im März gestorben ist, war einer seiner engsten Freunde. Zuletzt hat Scheel noch den dritten Band von Rutschkys Tagebuchaufzeichnungen ediert, die im nächsten Jahr herauskommen sollen.

Sein letzter Text handelt von einem frühmorgendlichen Badeausflug an die Havel, er veröffentlichte ihn letzte Woche auf dem von Rutschky begründeten Blog "Das Schema". "Bisschen viel Algen und so grünes Zeug schwimmt auf dem Wasser, die Schwäne, es sind Stücker sechs, gründeln da herum, ich aber stapfe weiter, dann kann ich endlich schwimmen, kein Wind, glattes Wasser." Kurt Scheel ist am Dienstag gestorben. Er wurde 70 Jahre alt.

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