Zukunft von ARD und ZDF : Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat keine Wahl

Zum gesellschaftlichen Auftrag gehört auch der kommentierte Transport rassistischer Botschaften. Und Sport als Gemeinschaftserlebnis. Ein Beitrag von ZDF-Intendant Thomas Bellut.

Thomas Bellut
Die Champions League in der Kommentierung von Oliver Welke (links) und Oliver Kahn ist Geschichte.
Die Champions League in der Kommentierung von Oliver Welke (links) und Oliver Kahn ist Geschichte.Foto: dpa/Tobias Hase

Nationalismus, Polarisierung, Diskriminierung von Minderheiten, Populismus, Unversöhnlichkeit, das alles sind prägende politische und soziale Begleiterscheinungen unserer Gegenwart. Sachlichkeit, Seriosität, Abgewogenheit haben es zurzeit schwer im gesellschaftlichen Diskurs. Die Medien sind Teil dieser scharfen Auseinandersetzungen, sie transportieren Botschaften, sie werten, lassen zu oder weg. Sie sind auch Teil politischer Strategien, werden genutzt oder instrumentalisiert, um Aufmerksamkeit und Wirkung beim Wahlvolk zu erzielen.

Der öffentlich inszenierte Skandal wird zum wirkungsvollen Instrument populistischer Politiker. Im Bundestag werden junge Frauen mit Kopftüchern diskriminiert, im US-Wahlkampf Bürger mit mexikanischen Wurzeln, viele Beispiele aus Wahlkämpfen in Ungarn, der Schweiz oder Italien unterstreichen das Bild. Medien müssen, mehr denn je, ihre Position überprüfen und entscheiden, welchen Weg sie gehen wollen: Anpassung der Inhalte an die Klientel bestimmter Parteien und Gruppierungen oder der anstrengende, journalistische Ansatz, eine Plattform für alle zu sein, möglichst objektiv und unabhängig, sich den Verlockungen des schnellen Urteils und der radikalen Meinung widersetzend.

Im Unterschied zu den privat organisierten Medien hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk keine Wahl: Er wird von der ganzen Gesellschaft finanziert und darf keine Meinung oder Partei „aus Prinzip“ diskriminieren. Das ZDF hat verbindliche Programmgrundsätze, die in der Vergangenheit meist nur in Festtags-Artikeln und Bewerbungsreden von Intendanten Erwähnung fanden: Für den Zusammenhalt in der Gesellschaft arbeiten, die Aussöhnung der Völker fördern, keine Diskriminierung von Minderheiten, keinen Rassismus und Antisemitismus im Programm zulassen.

Damit ist die andere Seite der Liberalität, der Verpflichtung auf das Gemeinwohl, klar umrissen: Rassistische Botschaften beispielsweise dürfen nicht unkommentiert transportiert werden. Sie dürfen nicht als quasi normale Alltagsbotschaften behandelt werden. Der gesellschaftliche Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks stammt aus den Anfangsjahren der Republik und war eine wohlbedachte Antwort auf den Nationalsozialismus, auf den Holocaust, auf die Vernichtung jeder Opposition.

Der Auftrag ist keineswegs überholt

Eine wichtige Lehre aus der Zeit der „Machtergreifung“ war auch: Die Konzentration von Medienmacht in den Händen von wenigen begünstigt undemokratische Prozesse, verstärkt die Gefahr gelenkter parteilicher Informationsstrategien. Das Erstarken weniger global agierender Medienkonzerne in den letzten Jahren spricht für die Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit der öffentlich-rechtlichen Anstalten im dualen System, die ihren Auftrag unabhängig von politischen oder wirtschaftlichen Interessen zu erfüllen haben. Dieser Auftrag ist aktuell und keineswegs überholt. Ernsthafte Zweifel an der Bedeutung dieser Rolle habe ich in der Tagesspiegel-Debatte nicht erkannt.

Über die Höhe des Rundfunkbeitrags und die Ausgestaltung der öffentlich-rechtlichen Angebote gibt es allerdings eine Diskussion und ganz ehrlich: Wäre es nicht merkwürdig, wenn es über eine Leistung, die alle bezahlen müssen, keine Debatte gäbe? In der Schweiz gab es die nationale Befragung, mit einem erfreulich klaren Bekenntnis zum öffentlich-rechtlichen System und zu seiner Finanzierung. Volksbefragungen sind in der deutschen Verfassung nicht vorgesehen, aber ZDF und ARD sind gut beraten, so zu agieren, als gäbe es ein solches Instrument auch bei uns.

Dürfen ARD und ZDF auch teure Sportrechte erwerben?

Das öffentlich-rechtliche System benötigt einen breiten Konsens in der Gesellschaft, es muss auch gemocht werden, ihm muss vor allem vertraut werden. Das erfordert Professionalität und Engagement, aber auch Bescheidenheit bei finanziellen Ansprüchen. Der Vorwurf einiger Rundfunkpolitiker, die Sender seien nicht bereit, ausreichend zu sparen, ist unfair – es gibt große Sparanstrengungen, und es gibt ein gemeinsames Sparpaket aller Anstalten, das weit in die Zukunft reicht. Die Kritik ist außerdem verfrüht, denn die Anmeldungen für die nächste Beitragsperiode erfolgen im Frühjahr 2019, dann erst liegen belastbare Zahlen auf dem Tisch.

Die Kosten für Information, Kultur, Bildung, hochwertige Fiktion sind weitgehend akzeptiert. Aber dürfen die Anstalten auch unterhalten, teure Sportrechte erwerben? Den Streit darüber gibt es übrigens auch schon seit Jahrzehnten. Informationssendungen, beispielsweise das „heute journal“, erreichen Tag für Tag ein großes Millionenpublikum, sind wichtig in der öffentlichen Debatte. Für den Erfolg des „heute journals“ gibt es zwei Voraussetzungen: Eine sorgfältig gemachte, handwerklich saubere und perfekt präsentierte Sendung. Die zweite Bedingung: Ein erfolgreicher, oft auch unterhaltender Vorlauf.

Wer also einen Wegfall von Sport und Unterhaltung im ZDF und in der ARD fordert, der muss eine Reduzierung der Reichweite von Informationssendungen einkalkulieren, am Ende die schrittweise Verspartung der großen Vollprogramme. Wer diesen Weg gehen will, soll die Konsequenz nicht verheimlichen oder verniedlichen. Die seriöse Vermittlung von Politik, Kultur und Wissen an große Teile der Bevölkerung ist kein Selbstläufer, man muss das Publikum auch anlocken und motivieren, das für die Gesellschaft wichtige Informationsangebot anzunehmen.

Sprechen wir offen über Sport. Das ZDF hat sich gegenüber seinen Gremien verpflichtet, nicht mehr als zehn Prozent seines Budgets für Sportrechte auszugeben, gut 200 Millionen Euro im Jahr. Nach dem Wegfall der Champions-League liegen wir unter neun Prozent. Das ist immer noch viel Geld, es gibt aber gute Gründe, die für den Sport im öffentlich-rechtlichen Programm sprechen: Spitzensport selbst, aber auch die Berichterstattung darüber, stiftet Gemeinschaftserlebnisse. Große Wettbewerbe sind Ereignisse, die große Teile der Gesellschaft berühren.

Champions League im Pay-TV - ist das ein Gewinn?

Es ist nicht lange her, da wurden die Rechte für die Olympischen Spiele von Südkorea bis Paris 2024 von dem amerikanischen Medienkonzern Discovery ersteigert. Viele Wettbewerbe drohten, hinter der Bezahlschranke zu verschwinden. Erst nach langen Verhandlungen konnten ZDF und ARD die Übertragungsrechte in Sublizenz erwerben. Nur so erreichten die Spiele in Südkorea die große Wirkung, die auch für die Sportverbände so wichtig ist. Für die Paralympics haben sich in Europa übrigens nur die öffentlich-rechtlichen Sender begeistert und hatten mit einer hochprofessionellen Berichterstattung großen Erfolg. Die Champions-League verschwindet jetzt definitiv hinter der Pay-Schranke, jeder Fan muss extra zahlen und zwar wesentlich mehr als die 4,36 Euro, die er für die ganze ZDF-Gruppe mit Info, Neo, Mediathek und den Partnerkanälen bezahlt.

Die Akzeptanz der öffentlich-rechtlichen Angebote ist in den letzten drei Jahren deutlich gestiegen, das Programm war und ist erfolgreich. Die Gründe sind vielschichtig, aber eine Veränderung ragt heraus: Das Publikum spürt, dass in Deutschland, in den USA, in ganz Europa – mit Italien als aktuellem Beispiel – enorme Spannungen in den Gesellschaften auftreten, die bedeutend für jeden Einzelnen werden können. Öffentlich-rechtliche Nachrichten sind gefragt wie lange nicht mehr, auch bei jüngeren Menschen, die durchaus vertrauenswürdige Ergänzung zu den Informationen aus dem Netz suchen. In den Befragungen zur Glaubwürdigkeit schneiden die öffentlich-rechtlichen Sender wie die Presse kontinuierlich gut ab, die sozialen Medien sehr schlecht, auch bei den jüngeren Nutzern. Sorgfältig recherchierte, zuverlässige Information ist weiter gefragt.

Die öffentlich-rechtlichen Sender genießen das Privileg der Beitragsfinanzierung, dafür müssen sie sich an den Qualitätsvorstellungen der Gesellschaft orientieren und selbst hohe Maßstäbe an die Qualität ihrer Arbeit anlegen. Zeitungen und Zeitschriften müssen sich am Markt behaupten. Obwohl sie auch vom jungen Publikum hohe Zustimmung erhalten, ist diese Klientel immer weniger bereit, für deren Produkte zu zahlen. Keine einfache Situation für die Verlagshäuser, die ihre Zukunft in der Onlinewelt gestalten müssen. Öffentlich-rechtliche Anstalten müssen auch im Netz stark sein, aber sie sollen den Verlagen den Freiraum für ihre neuen Geschäftsmodelle lassen. In diesen bewegten Zeiten sollten sich die Qualitätsmedien respektieren und nicht gegenseitig schwächen.

Thomas Bellut ist Intendant des Zweiten Deutschen Fernsehens. Bisher erschienen: Patricia Schlesinger (15. April), Hans Demmel (25. April), Christoph Palmer (7. Mai), Rainer Robra (11. Mai), Norbert Schneider (21. Mai), Tabea Rößner (25. Mai)

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