Antisemitismus : "Juden in der AfD" – ein durchsichtiges Manöver

Angst vor muslimischem Antisemitismus als Kalkül: Jeder Jude in Reihen der AfD soll es ihren Gegnern erschweren, die Nazi-Keule zu schwingen. Ein Kommentar.

Ein Demonstrant der islamfeindlichen Pegida-Bewegung hält eine Deutschland- und eine Israel-Flagge in der Hand.
Ein Demonstrant der islamfeindlichen Pegida-Bewegung hält eine Deutschland- und eine Israel-Flagge in der Hand.Foto: Daniel Naupold/dpa

Na klar, man muss nicht über jedes Stöckchen springen, das die AfD einer erregungsbereiten Öffentlichkeit hinhält. Das gilt erst recht dann, wenn auf dieses Stöckchen das Etikett "Jude" geklebt wurde. Auch wäre es schön, wenn sich die Sache als absurde Spinnerei abtun ließe. Juden in der AfD – warum nicht? Demnächst soll eine entsprechende Vereinigung gegründet werden. Vielleicht gibt’s auch Plastikflaschenhersteller bei den Grünen, Klimaschützer bei der FDP und Häuserspekulanten bei den Linken. Ein paar Verrückte lassen sich ja überall finden. Und zu glauben, Juden seien moralisch gefestigter und politisch moderater als Nichtjuden, wäre ohnehin naiv.

Aber ganz so banal ist es leider nicht. Ob Marine Le Pen, Geert Wilders, Viktor Orban oder die FPÖ: In ganz Europa buhlen rechte Bewegungen mit der Warnung vor dem Dreischritt Migration-Islam-Antisemitismus bei Juden um Sympathie. Sie setzen darauf, dass die Angst der Juden vor muslimischem Antisemitismus größer ist als deren Abneigung gegenüber Rassismus, Geschichtsrevisionismus, Nationalismus.

Die Ex-AfD-Parteichefin Frauke Petry sagte schon im Frühjahr 2017, die AfD sei "einer der wenigen Garanten jüdischen Lebens auch in Zeiten illegaler antisemitischer Migration nach Deutschland". Zwei Jahre zuvor hatte die Front-National-Chefin Marine Le Pen gesagt: "Es besteht eine Gefahr für Juden in Frankreich. Sie sollten auf Seiten jener kämpfen, die sich über die Gefahr des islamistischen Fundamentalismus im Klaren sind."

Die AfD fragt nicht nach Religionszugehörigkeit

Wie viele Juden in der AfD aktiv sind, weiß keiner. Die Partei fragt nicht nach Religionszugehörigkeit. Dass aber die Sorge vor Antisemitismus seit der Aufnahme von mehr als einer Million Zufluchtsuchenden aus überwiegend muslimischen Ländern gestiegen ist, dürfte angesichts diverser Übergriffe, auch an Schulen, evident sein. Als einer der ersten hatte Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden, bereits 2015 davor gewarnt, dass die große Anzahl von Flüchtlingen aus muslimisch geprägten Staaten den Antisemitismus verstärken werde.

Dabei geht es den Rechtspopulisten vor allem ums Symbol: Jeder Jude, der bei der AfD mitläuft, soll es Gegnern der Partei erschweren, die Nazi-Keule zu schwingen. Allerdings ist das Manöver recht durchsichtig und funktioniert nur, wenn ein jüdischer Rechtspopulist tatsächlich milder bewertet wird als ein nichtjüdischer Rechtspopulist.

Mehrere jüdische Organisationen haben sich klar gegen eine Mitgliedschaft von Juden in der AfD positioniert. Das lässt hoffen. Jene Kräfte zu umarmen, deren extreme Elemente, wie jüngst in Dortmund geschehen, durch die Straßen laufen und skandieren "Wer Deutschland liebt, ist Antisemit", kann nicht ernsthaft ein Beitrag zur Eindämmung des Antisemitismus sein.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!