Coronavirus in Zeiten des Brexit : Für Großbritannien kommt die Pandemie zur Unzeit

Nach heftiger Kritik verbietet Großbritannien nun doch Großveranstaltungen. Das Coronavirus ist eine Bedrohung für das britische Gesundheitssystem - und für den Brexit-Zeitplan.

Der britische Premier Boris Johnson spricht am 11.03.2020 im Britischen Unterhaus.
Der britische Premier Boris Johnson spricht am 11.03.2020 im Britischen Unterhaus.Foto: AFP PHOTO/Jessica Taylor/UK Parliament

Nach Vorwürfen der Untätigkeit will die britische Regierung nun doch Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie ergreifen. Geplant ist nun laut britischen Medienberichten vom Samstag unter anderem ein Verbot von Großveranstaltungen. Demnach soll das Verbot in der kommenden Woche im Eilverfahren vom Parlament verabschiedet werden und am kommenden Wochenende in Kraft treten.

Eine solche Entscheidung würde die Absage berühmter Großveranstaltungen wie das Tennisturnier in Wimbledon oder das Royal-Ascot-Pferderennen im Juni bedeuten.

Bisher hatte die Regierung in London darauf gehofft, den Höhepunkt der Pandemie in Großbritannien bis zum Sommer herauszögern zu können, damit die Auswirkungen auf das Gesundheitswesen gering blieben. Menschen mit Symptomen wird derzeit lediglich empfohlen, eine Woche zu Hause zu bleiben.

Wissenschaftler kritiseren Boris Johnson

Die Regierung erklärte dazu, zu früh ergriffene drastische Maßnahmen hätten nur einen begrenzten Nutzen und zudem den Nachteil, dass die Menschen bei Erreichen des tatsächlichen Höhepunkts der Coronakrise womöglich nicht mehr gewillt wären, die Eindämmungs- und Vorsichtsmaßnahmen zu befolgen.

Premierminister Boris Johnson stützte sein Vorgehen nach eigenen Angaben auf wissenschaftliche Erkenntnisse. In einem in der Zeitung „Times“ veröffentlichten Brief forderten nun mehrere Wissenschaftler die Regierung auf, „dringend die wissenschaftlichen Beweise, Daten und Modelle“ zu veröffentlichen, auf denen ihr Handeln beruhe.

Eine solche Transparenz sei unerlässlich, „um die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der wissenschaftlichen und medizinischen Gemeinschaft und auch das Verständnis in der Bevölkerung zu wahren“, schrieben die Wissenschaftler. Sie kritisierten überdies, die Regierung berücksichtige die Erfahrungen anderer Länder mit der Pandemie nicht ausreichend.

Zudem verwiesen die Wissenschaftler auf Daten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, wonach Großbritannien in Fragen der medizinischen Grundausstattung mit nur 2,5 Krankenhausbetten pro tausend Einwohnern hinter den USA (2,8 Betten), Italien (3,2 Betten) sowie Frankreich (6 Betten) liege.

Die britische Regierung hoffte bislang zudem auf die Entwicklung einer „kollektiven Immunisierung“ in der Bevölkerung. Nach Angaben des wissenschaftlichen Beraters der Regierung, Patrick Vallance, könnte ein solcher Prozess funktionieren, wenn sich etwa 60 Prozent der Menschen in Großbritannien mit dem Virus ansteckten.

Termine im Sport und der Royals verschoben

„Wir können über Theorien reden, aber zurzeit sind wir in einer Situation, in der wir handeln müssen“, kommentierte dies eine Sprecherin der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Fernsehsender BBC. „Wir wissen nicht genug über das Virus - es ist noch nicht lange genug in der Bevölkerung angekommen, um seine immunologischen Auswirkungen zu kennen“, fügte sie hinzu.

Zahlreiche Veranstaltungen, darunter auch sämtliche Fußballspiele der Premier League wurden inzwischen ausgesetzt oder verschoben. Nach Angaben des Buckingham Palace verschob auch Königin Elizabeth II. „als Vorsichtsmaßnahme“ eine Reihe von Terminen, die für die kommende Woche geplant waren. Prinz Charles sagte eine Reise nach Bosnien, Zypern und Jordanien ab.

Coronavirus kommt den Brexit-Verhandlungen in die Quere

Die Krise kommt für den Premierminister zur Unzeit. Im Dezember hatte er die Wahl mit dem Slogan „Get Brexit Done“ (Brexit vollziehen) gewonnen. Das Coronavirus droht ihm bei dieser Mission nun in die Quere zu kommen. Es bringt den ohnehin engen Zeitplan für die Aushandlung eines Freihandelsabkommens mit der EU durcheinander: Die zweite Verhandlungsrunde kommende Woche in London wurde wegen der Ansteckungsgefahr abgesagt. Nun wollen London und Brüssel andere Kommunikationswege wie etwa Videoschalten prüfen.

Mögliche Gesundheitsgefahren durch Brexit

Oppositionspolitiker fordern bereits, dass Johnson wegen der Krise die Verhandlungen um mindestens ein Jahr verlängern soll - doch dieser ließ sie wiederholt abblitzen. Auch die Drohung mit einem No-Deal lässt er bewusst offen.

Das Virus zeigt mögliche Gesundheitsgefahren des Brexits für Großbritannien auf. So ist der britische Gesundheitsminister nicht mehr zu Treffen seiner EU-Kollegen eingeladen. Großbritannien muss sich beim Informationsaustausch und der Koordination von Abschottungsmaßnahmen in der Krise voll auf seine bilateralen Kanäle zum Kontinent verlassen.

Die weitere Teilnahme am europäischen Frühwarnsystem für Pandemien ist zudem Teil der Verhandlungsmasse und steht auf Londons Prioritätenliste wohl nicht weit oben.

Und sollte es wie derzeit geschätzt in gut einem Jahr einen Impfstoff gegen das Coronavirus geben, so könnte Großbritannien ihn später und zu einem höheren Preis als die EU bekommen. Denn Großbritannien ist dann aller Voraussicht nach nicht mehr Teil des europäischen Binnenmarkts und fällt nicht mehr unter die Aufsicht der Europäischen Arzneimittel-Behörde.

Der Druck auf Johnson steigt

Impfstoff-Hersteller würden sich bei der Zulassung aber wahrscheinlich erst einmal auf die größeren Märkte konzentrieren - wobei die EU mit rund 445 Millionen Bürgern Großbritannien mit seinen 66 Millionen Bürgern bei weitem aussticht.

Die wachsende Unzufriedenheit in der Bevölkerung und die drohende Rezession lassen den Druck auf Johnson steigen. Ob die Gegenmaßnahmen so schnell wirken, wie Johnson noch Anfang März sagte, wird darüber entscheiden, wie glaubwürdig auch seine Drohung eines harten Brexits in Zukunft sein wird

In Großbritannien wurden offiziell bislang knapp 800 Infektionsfälle mit dem neuartigen Coronavirus bestätigt, zehn Menschen starben an der durch das Virus ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19. (Tsp, AFP)

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