• Coronavirus lässt New York „Schlachtfeld“ gleichen: „Frontkämpfer“-Arzt fühlt sich an Westafrika erinnert

Coronavirus lässt New York „Schlachtfeld“ gleichen : „Frontkämpfer“-Arzt fühlt sich an Westafrika erinnert

New York City leidet enorm unter der Coronavirus-Epidemie. Da es oft am Nötigsten fehlt, müssen Ärzte und Krankenhäuser schwierige Entscheidungen treffen.

Coronavirus in New York: Eine Leiche wird zu einem Kühlwagen transportiert.
Coronavirus in New York: Eine Leiche wird zu einem Kühlwagen transportiert.Foto: AFP/Angela Weiss

Wer darf leben? Wer muss sterben? Schon bald könnte das auch in New Yorker Krankenhäusern zu den täglichen Fragen gehören, die beantwortet werden müssen. Ärzte müssten entscheiden, wer an ein Beatmungsgerät kommt, für wen der Sauerstoff noch reicht. Bei wem das eher keinen Sinn mehr macht, weil die Überlebenschancen zu gering sind im Vergleich zu anderen Patienten.

Die New Yorker Sektion des "American College of Physicians", eine nationale Internisten-Vereinigung, hat den Gouverneur Andrew Cuomo bereits in der vergangenen Woche angeschrieben und ihn gebeten, eine Anordnung zu erlassen, die Ärzte vor Schadenersatzansprüchen schützt. Davor, dass Angehörige sie verklagen, wenn sie einem Patienten ein Beatmungsgerät verweigern und dieser Patient dann stirbt.

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Die Ärzte ahnen, dass sie schon bald über Leben und Tod entscheiden müssen. Dass sie dabei das "Triage"-Verfahren anwenden müssen. Dieses Vorgehen soll in Katastrophenzeiten sicherstellen, dass möglichst viele Menschen gerettet werden. So haben etwa jüngere Patienten bei diesem Virus bessere Chancen als ältere. Und werden im Zweifel bevorzugt.

Der Gouverneur warnt: In wenigen Tagen gibt es keine freien Beatmungsgeräte mehr

Cuomo wehrt sich noch gegen ein solches Vorgehen. "Es gibt dafür kein Protokoll", erklärt er. Noch nicht? Kein Krankenhaus in seinem Staat müsse derzeit die Entscheidung treffe, manche würden aber damit experimentieren, dass mehrere Patienten sich ein Gerät teilen. Aber der Gouverneur sagte am Donnerstag auch, dass es in sechs Tagen keine freien Beatmungsgeräte mehr geben werde, wenn nicht schnell von außen welche einträfen.

Schon jetzt aber treffen die Menschen, die sich an der "Front" in der Schlacht gegen die Coronavirus-Epidemie befinden, oft harte Entscheidungen. Und diese Front befindet sich derzeit in New York.

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Einer der vielen "Frontkämpfer" ist der Arzt Craig Spencer. Er beschreibt auf Twitter und in TV-Interviews, wie furchtbar die derzeitige Situation auf ihm und seinen Kollegen lastet. Spencer arbeitet in einer New Yorker Notaufnahme, war für Ärzte ohne Grenzen in Krisengebieten etwa in Westafrika im Einsatz und hat selbst eine Ebola-Erkrankung überlebt. Vielen in diesen Tagen erinnere ihn an frühere Einsätze, sagt er.

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"Eigentlich gibt es keine Möglichkeit zu beschreiben, was wir sehen", beginnt er einen langen Twitter-Eintrag in der Nacht zu Freitag. "Unsere neue Realität ist unwirklich." In nur einer Woche habe sich alles verändert.

"Vor unseren Krankenhäusern stehen Zelte." Immer, wenn er sie sehe, müsse er innehalten, deren graue und dreckige Hüllen wirkten "so fehl am Platz vor der großartigen Fassade von Weltklassekrankenhäusern". "Das letzte Mal, als ich in einem Zelt arbeitete, war ich in Westafrika."

"Normale" Patienten gibt es nicht mehr

Jeder einzelne Patient, den er sehe, habe die von dem Coronavirus ausgelöste Lungenkrankheit Covid-19. Seine "normalen" Patienten seien verschwunden. In einer Notaufnahme zu arbeiten, bedeute derzeit, durch einen Korridor voller hustender Menschen zu laufen. Alle Husten klängen unterschiedlich, seien aber von genau der selben Sache ausgelöst. "Nicht nur die Zahl der Patienten erschlägt uns, sondern die Schwere der Erkrankungen." Ein Patient mit Atemstillstand folge auf den anderen. Bei einem Atemstillstand werde ein Team von sechs bis acht Leuten gebraucht: Krankenschwestern, Beatmungsspezialisten, Notärzte, Anästhesisten. Jeder dieser Einsätze dauere mindestens eine Stunde.

Die USA haben inzwischen mehr bestätigte Coronavirus-Fälle als jedes andere Land der Welt. Die Regierung von Präsident Donald Trump rechnet mit 100.000 bis zu 240.000 Toten in den kommenden Wochen und Monaten. Am stärksten betroffen sind die Stadt und der Bundesstaat New York: In New York gibt es inzwischen mehr als 100.000 bestätigte Infektionen mit dem Coronavirus.

Unvorstellbare Zustände: Vor manchen Krankenhäusern werden Leichen inzwischen in Kühllastern aufbewahrt.
Unvorstellbare Zustände: Vor manchen Krankenhäusern werden Leichen inzwischen in Kühllastern aufbewahrt.Foto: imago images/ZUMA Wire

Die Zahl der Toten sei innerhalb eines Tages um 562 auf fast 3000 angestiegen, sagt Gouverneur Cuomo am Freitag bei seiner täglichen Pressekonferenz. Das sind knapp die Hälfte aller Toten in den USA. Knapp 15.000 Patienten würden wegen der Lungenerkrankung Covid-19 derzeit in Krankenhäusern des Bundesstaats behandelt, fast 4000 davon auf Intensivstationen.

Der Gouverneur bittet seit Tagen um mehr Hilfe aus anderen Landesteilen, die derzeit noch nicht so stark vom Virus Sars-CoV-2 betroffen sind. New York sei derzeit "die Speerspitze" und brauche Hilfe. Sobald sich die Lage beruhige, werde New York anderen stärker betroffenen Landesteilen helfen, verspricht Cuomo. "Gegenseitige Hilfe ist die einzige Lösung."

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Hilfe brauchen derzeit ganz besonders die neun Millionen Einwohner von New York City: Hier sind schon fast 50.000 Menschen infiziert und bereits mehr als 1500 an den Folgen gestorben. Die Krankenhäuser sind von dem Ansturm der schwerkranken Patienten überfordert. Wie im ganzen Bundesstaat New York fehlt es auch in New York City an Intensivbetten, an Schutzkleidung - und an Beatmungsgeräten.

"Das ist nicht unsere Aufgabe"

Spencer und seine Kollegen sehen sich unvorstellbaren Belastungen ausgesetzt. Sie müssen Dinge tun, die niemals zuvor von ihnen erwartet worden seien: "Vorherzusagen, welche Patienten zusammenbrechen, wenn man sie nach Hause schickt. Und welche nicht." Mit den Sterbehelfern sprechen, den weinenden Angehörigen zuhören. Die Familien seien nicht bei den Patienten, wenn sie sich entschieden, die lebenserhaltenden Maßnahmen zu beenden.

"Wir benutzen FaceTime, damit sie sich verabschieden können." Stattdessen säßen die Kollegen neben den Sterbenden, hielten deren Hand und müssten einfach nur abwarten. "Du denkst an ihre Familien. Zuhause. Schluchzend. Jemand betet. Du kannst nicht anders, als zu weinen. Das ist nicht unsere Aufgabe. Du stehst daneben. Und wartest." Es sei nicht ihre Aufgabe, aber nichts sei mehr so wie in normalen Zeiten.

Neben Betten, Beatmungsgeräten und Schutzmasken könnten bald auch die Menschen fehlen, die in dieser Schlacht kämpfen können. Die Ärzte, Pfleger, Rettungskräfte arbeiten am Rande der Erschöpfung, oder wohl eher: trotz ihrer Erschöpfung.

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Er sehe es an den Gesichtern seiner Kollegen, schreibt Spencer. "Wir sind müde. Wir sind körperlich erschöpft. Stunden mit Schutzbrillen, Krankenhauskitteln und Masken fühlen sich wie Tage an. Aber wir stehen erst am Anfang." Dazu komme die psychische Erschöpfung, die nach und nach einsetze. Er mache sich Sorgen um seine Kollegen. "Jeden Tag ruft mich einer von ihnen unter Tränen an. Wie lange werden sie durchhalten? Wie lange werde ich durchhalten?" Nie habe er seine Kollegen so voller Angst gesehen. "Aber ich habe auch noch nie gesehen, dass alle so gut zusammenarbeiten. Ich habe uns nie vereinter, fokussierter, entschlossener gesehen."

Dabei besteht immer die Gefahr, dass sich auch die Helfer anstecken. In New York sind bereits mehr als 1000 Sanitäter und Feuerwehleute positiv auf das Coronavirus getestet.

Auch die Rettungssanitäterin Megan Pfeiffer beschreibt, wie dramatisch die Lage bereits ist. Wie auf einem "Schlachtfeld" werde bereits die Triage-Methode angewendet, sagt sie. Sie sehe Patient nach Patient, und die meisten seien extrem krank: "Wir bringen Patienten in Krankenhäuser, die sterben", sagte Pfeiffer der "New York Post".

Viele Krankenhäuser schicken Rettungswagen wieder fort

Die 31-Jährige versorgt als Rettungssanitäterin der New Yorker Feuerwehr Patienten im Stadtteil Queens, die die Notrufnummer 911 wählen. Und das werden immer mehr. "Viele sind wirklich krank. Andere in Panik, und sobald sie Symptome haben, rufen sie uns an." Manche hätten Fieber, manche Atembeschwerden. "Die Krankenhäuser in Queens, zu denen ich fahre, sind komplett überfüllt."

In einem Video-Tagebuch hält Pfeiffer ihren Alltag fest. Sie erzählt, dass die Krankenhäuser manchmal so wenige Sauerstoffflaschen und Beatmungsgeräte hätten, dass sie die Rettungswagen wieder wegschickten. Zu dem Zeitpunkt, wenn sie die Patienten erreichten, würden diese bereits zusammenbrechen. "Viele der Patienten werden sofort intubiert, wenn sie durch die Türen der Notaufnahme kommen." Viele Patienten müssten sich Beatmungsgeräte teilen. "So etwas haben wir noch nie erlebt." Patienten, die nicht an einem Beatmungsgerät hingen, würden im Grunde darauf warten, dass ein anderer sterbe, so dass sie dessen Platz übernehmen könnten.

Queens gehört mit der Bronx zu den Teilen in der Stadt, die am härtesten betroffen sind. Vor allem die Gegenden, in denen die Menschen mit dem niedrigsten Durchschnittseinkommen liegen, leiden unter der seit einem Monat grassierenden Epidemie. Ganz besonders schlimm ist die Lage ausgerechnet in einem Viertel von Queens, das Corona heißt. Das Viertel liegt in der Nähe des Elmhurst Hospital Center, das der New Yorker Bürgermeister Mayor Bill de Blasio als eines der am meisten überlasteten Krankenhäuser in der Stadt bezeichnet hat. In der dortigen Notaufnahme arbeitende Ärzte haben bereits in der vergangenen Woche von "apokalyptischen" Zuständen berichtet.

Sie alle hoffen, dass ihre Hilferufe die Verantwortlichen dazu bewegen, entschiedener zu handeln. "Wir wissen, wozu wir uns bereiterklärt haben - auch wenn wir dies nicht erwartet haben. Es ist sehr anstrengend. Wir sind alle erschöpft", sagt Pfeiffer. Dazu kommt nicht nur die Angst, selbst krank zu werden, sondern auch die Sorge, andere anzustecken. Daher halten sie sich von Angehörigen und Freunden fern - und müssen alleine mit ihrer Belastung klarkommen: Nach der Arbeit begebe sie sich in Quarantäne, sagt Pfeiffer. Um ihre Familie nicht zu gefährden.

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