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Die Neonazi-Szene ist in ganz Deutschland eng vernetzt.
© dpa

Rechter Terror: Das dichte Netz der Neonazis

Seit Wochen wuchert der Fall der Jenaer Terrorzelle. Und jetzt erst ist zu ahnen, wie eng die rechtsextreme Szene verflochten ist und wohin die Verbindungen führen: in die braune Musikszene, in Neonazi-Verbände - und auch in die NPD.

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Man muss ihn sich als Fadenzieher vorstellen, Netzeknüpfer, Kontaktemacher. Als einen der aktivsten und ausdauerndsten Neonazis in Thüringen und Sachsen, einen nach Aussage von Menschen, die ihm begegnet sind, sehr redseligen Mann, über den viel und gleichzeitig sehr wenig bekannt ist. Ein Mann mit großem Einfluss auf die dortigen NPD-Strukturen. Thomas G. aus Meuselwitz in Thüringen, von dessen selbst gezogenen Fäden erstaunlich viele im bisher bekannten Umfeld von Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe enden.

Man könnte auch von einer weiteren Portion Wahnsinn sprechen. Seit einem Monat wächst und wuchert der Fall der Jenaer Terrorzelle, offenbar unaufhörlich. Kaum ein Tag ohne neue Details, Erkenntnisse, Vermutungen. Die Dimension dieses tiefbraunen Kapitels in der Kriminalgeschichte der Bundesrepublik ist immer noch nicht absehbar. Aber es ist zu ahnen, wie eng die rechtsextreme Szene verflochten ist, wie sich ein Paralleluniversum gebildet hat.

Thomas G. ist da eine treibende Kraft. Mehrfach vorbestrafte Führungsfigur in der Neonaziszene, aber auch bei den weniger ideologiefesten Skinheads dabei, außerdem Verbindungen nach Portugal und in die Schweiz. Der Thüringer Verfassungsschutz präsentierte im Jahresbericht 2009 sogar ein Kapitel über den „Kameradenkreis“ um Thomas G. Und der Mann Anfang 30 könnte ein Mitwisser der drei Terroristen gewesen sein, die sich „Nationalsozialistischer Untergrund (NSU)“ nannten.

Zumindest ist wahrscheinlich, dass er eine weitere Verdächtige gekannt hat, die Friseurin Mandy S., die aus Schwarzenberg stammt, einer Stadt im Erzgebirge. Mandy S. soll Beate Zschäpe Ausweispapiere zur Verfügung gestellt haben. Jedenfalls hat sich Zschäpe als Mandy S. ausgegeben – und kam damit durch. Die beiden Frauen hätten sich schon lange gekannt, heißt es in Sicherheitskreisen. Und im Jahr 2000 soll in der damaligen Wohnung von Mandy S. in Chemnitz ein Treffen stattgefunden haben, an dem offenbar Zschäpe teilnahm. Mandy S. soll zudem André E. gekannt haben, den mittlerweile in Untersuchungshaft sitzenden sächsischen Neonazi, der den drei Terroristen geholfen haben soll, das unsägliche Paulchen-Panther-Bekenner-Video zu produzieren.

Mandy S. ist demnach eine Frau, die viele Fragen beantworten muss. Und wohl auch die, warum Thomas schon vor sechs Jahren ihren Namen als Passwort für seinen Zugang zu drei Neonazi-Foren im Internet und auch für private E-Mail-Accounts verwandt hat. Aufgedeckt und dokumentiert haben das nun Computerfachleute des Antifa-Rechercheteams Dresden und der Redaktion von „Gamma“, einem „antifaschistischen Newsflyer für Leipzig und Umgebung“.

Thomas G. selbst ist nicht für eine Stellungnahme zu erreichen, an seiner letzten dem Tagesspiegel bekannten Wohnadresse trifft ihn keiner mehr an. Gerüchteweise ist von Streit mit seiner Frau zu hören oder von einer Reise nach Italien. Naheliegend wäre auch, dass er sich Ermittlungen gegen ihn entziehen will, die die Bundesanwaltschaft nicht bestätigt. Am Wochenende könnte er – darauf deutet ein wohl von ihm verfasster Blogeintrag hin – bei einem Fußballspiel in Leipzig gewesen sein.

Thomas G. galt dem Thüringer Verfassungsschutz bislang als Anführer der neonazistischen Gruppierung „Nationale Sozialisten Altenburger Land“, die auch unter den Namen „Bürgerinitiative Altenburger Land“, „Bürgerinitiative Schöner Wohnen Altenburger Land“, „Initiative – Meinungsfreiheit auch für Deutsche“ und „Bürgerinitiative – Gegen das Vergessen“ in Erscheinung trat. Er selbst soll sich laut Verfassungsschutz als „Freier Nationalist“ bezeichnen und dem „Kampfbund Deutscher Sozialisten“ ebenso angehört haben wie dem rechtsextremen „Freundeskreis Halbe“, der für Aufmärsche am Soldatenfriedhof im brandenburgischen Halbe verantwortlich war. Thomas G. soll auch, wie Mandy S., Mitglied beim mittlerweile verbotenen Neonazi-Verein „Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige“ (HNG) gewesen sein.

Thomas G. gilt auch als Initiator des „Freien Netzes Mitteldeutschland“, einer 2007 geschaffenen, vordergründig NPD-freien Organisationsstruktur sogenannter Kameradschaften auf lokaler Ebene. Zumindest personell sind aber Verbindungen zur Partei erkennbar. So ist der Anführer des „Freien Netzes“ in Leipzig gleichzeitig sächsischer Landeschef der NPD-Jugend, der „Jungen Nationaldemokraten“ (JN). Und ein im Oktober öffentlich gewordenes Internetforum einiger Protagonisten zeigt die strategische Verbindung zur NPD: Sie „ist nichts weiter als ein pragmatisches Werkzeug für unsere politische Arbeit“, heißt es da. Und: „Der Landesvorstand der JN in Sachsen ist komplett mit revolutionären Kräften besetzt, die auf Linie sind, der Landesführer ist einer von uns und die Ausrichtung der JN wird kontinuierlich in Richtung NS-Ersatzorganisation vorangetrieben.“

Jan W: Eine Größe in der braunen Musikszene

In einem jener drei braunen Internetforen, zu denen Thomas G. mit dem Passwort Zugang hatte, das auf Mandy S. lautete, wurde die Weiterführung des in Deutschland verbotenen „Blood & Honour“-Netzwerks koordiniert. Hier deutet sich auch eine weitere, zumindest mittelbare Verbindung von Thomas G. zu Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe an. Denn in diesem Netzwerk, genauer gesagt in dessen ihm durch personelle Verflechtung nahestehender Gruppierung „Chemnitz Concerts 88“, war auch Max B. aktiv. Er gilt als möglicher Helfer von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe, Personalpapiere von ihm waren in deren Besitz. Es hatte deswegen im November eine Hausdurchsuchung in Max B.s Dresdener Wohnung gegeben.

In der Chemnitzer Gruppierung genauso wie bei „Blood & Honour“ war auch der Sachse Jan W. an führender Stelle eingebunden. Über ihn berichtete vor 13 Jahren der vom Brandenburger Verfassungsschutz geführte V-Mann „Piato“, er beschaffe gerade Waffen für Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe. Jan W. war zudem eine Größe in der braunen Musikszene. Er unterstützte die Berliner Band „Landser“, ihre Songs gelten noch heute bei Neonazis als Kult. Eine Textprobe: „Hunderttausend Liter Strychnin für Kreuzberg / Haut das Zeug ins Leitungswasser rein / Dann geht die ganze Bande ein“. Ein mentaler Brandbeschleuniger für Schläger und Terroristen.

Zurück zu Thomas G. und einer weiteren Verbindung, die ebenfalls eine Nähe zur Jenaer Terrorzelle vermuten lässt. Der Name des Neonazis findet sich zwischen zwei weiteren Namen am Ende einer E-Mail vom Dezember 2008 an Thüringer NPD-Funktionäre. Die beiden anderen Namen lauten: Ralf Wohlleben und André K. Wohlleben war Ex-Vizechef der Thüringer NPD und gilt als mutmaßlicher Unterstützer der Terrorgruppe, seit Ende November sitzt er in Untersuchungshaft. Der Thüringer André K., zeitweise auch Mitglied der NPD, steht ebenfalls in Verdacht, er habe mit Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe noch zu tun gehabt, nachdem sie 1998 abgetaucht waren. André K. ist zudem Beschuldigter in einem Verfahren der Staatsanwaltschaft Gera (Thüringen).

Er soll mit fünf weiteren Rechtsextremisten den hochexplosiven Plastiksprengstoff C4 beschafft haben. Die Ermittlungen sind seit mehr als einem Jahr im Gange, die Polizeidirektion Saalfeld bildete Fall eine „Soko Feuerball“. Im Oktober 2010 durchsuchten Beamte insgesamt 16 Objekte in Thüringen, Sachsen und Bayern. Der Sprengstoff blieb jedoch unentdeckt. Eine Zeitlang vermutete die Staatsanwaltschaft Gera, vielleicht hätten einige der Beschuldigten nur schwadroniert, als sie in abgehörten Telefonaten über Transport und Lieferung des C4-Sprengstoffs sprachen.

Heute jedoch halten die Ermittler die Sache für brisant genug, dass sie sich, wie berichtet, an die Bundesanwaltschaft wenden wollen, mit der Bitte um Übernahme des Verfahrens. Es sei sinnvoll, dass die Bundesanwaltschaft prüfe, ob die C4-Geschichte im Zusammenhang mit den Aktivitäten des Jenaer Terrorzelle stehe, hieß es in der Staatsanwaltschaft Gera.

Makaberes Detail am Rande: Einer der Beschuldigten in diesem Fall ist ein alter Bekannter, Karl-Heinz Hoffmann. Er war einst Chef der nach ihm benannten Wehrsportgruppe, die in den 1970er Jahren in Bayern in SS-Kluft militärische Übungen absolvierte. Zumindest einer der trainierten Rechtsextremisten nahm den Kampf für ein Viertes Reich so ernst, dass er ein Massaker anrichtete. Gundolf Köhler zündete im September 1980 auf dem Oktoberfest in München eine Bombe. 13 Menschen starben, 211 wurden verletzt.

Die ermittelnden Behörden kamen zum Schluss, Köhler habe alleine gehandelt. Doch es hält sich der Verdacht, der Attentäter sei unterstützt worden. Vor zwei Wochen hat der Stadtrat von München angesichts der Verbrechen der Jenaer Terrorzelle einstimmig gefordert, die Ermittlungen zum Anschlag auf das Oktoberfest wieder aufzurollen.

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