DDR-Grenztote : Grütters will Studie zur Zahl der DDR-Grenztoten prüfen

Wissenschaftler bezweifeln nach Recherchen des rbb eine im Auftrag der Bundesregierung erstellte Studie zur Zahl der Todesopfer an innerdeutscher Grenze.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU).
Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU).Foto: dpa/ Soeren Stache

Eine von der Bundesregierung in Auftrag gegebene und vom Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin erstellte Studie zur Zahl der „Todesopfer des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze“ gerät ins Zwielicht: Wie der rbb nach einjähriger Recherche berichtet, sind massive Zweifel an der Zahl von 327 Todesopfern angebracht. Inzwischen hat sich Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) eingeschaltet.

Grütters will die von ihrem Vorgänger Bernd Neumann (CDU) 2012 in Auftrag gegebene Untersuchung, die erstmals valide und offizielle Zahlen zu den Opfern an der DDR-Grenze liefern sollte, überprüfen lassen. Ein Sprecher sagte, wissenschaftliche Einwände gegen die Studie seien der Kulturstaatsministerin bislang nicht zur Kenntnis gebracht worden. Grütters werde den bekannt gewordenen „Vorwürfen nachgehen und die jetzt bemängelten Fälle prüfen und erneut wissenschaftlich bewerten lassen“.

Die 650 000 Euro teure Studie, finanziert vom Bund, Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und Hessen, war im Sommer 2017 veröffentlicht und von Grütters vorgestellt worden. Nach Sichtung der Akten kommt der rbb nun aber zu dem Schluss, dass mindestens 50 der 327 Fälle als Grenzopfer angezweifelt werden müssen. Strittig sind etwa Selbstmorde von DDR-Grenzoffizieren. Die Berliner Forscher führen sie als Maueropfer, weil sie sich aus „Verzweiflung über die Zumutungen des Grenzdienstes oder aus Angst vor Bestrafungen nach geringfügigen Vergehen im Grenzdienst“ das Leben genommen hätten. Tatsächlich zeigt sich nach Durchsicht einiger Fälle: Es waren häufig gescheiterte Existenzen, Offiziere mit privaten und Alkoholproblemen. Sogar ein aufgeflogenes Mitglied der Waffen-SS, wegen Tötung von Kriegsgefangenen zum Tode verurteilt, ist darunter.

Es geht auch um bundesdeutsche Geschichtspolitik

Der Historiker Michael Kubina, bis 2013 zwei Jahrzehnte bei dem von Klaus Schroeder geleiteten SED-Forschungsverbund tätig, sagte dem Tagesspiegel, viele in der Studie aufgeführten Fälle seien eklatant. Das Ziel, eine wissenschaftlich gesicherte Zahl der Todesopfer vorzulegen, sei nicht erfüllt. „Ein KZ-Wächter, der im Dienst zu Tode kommt, weil er vom Wachturm fällt, ist auch kein NS-Opfer“, erklärte er. Im Forschungsprojekt sei klar geworden, dass die Opferzahl kleiner ausfalle als vermutet. „Man war aber offenbar bestrebt, die Zahlen nach oben zu ziehen, und hat Fälle reingenommen, die nicht zu rechtfertigen sind.“ Christian Sachse, Historiker bei der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft, erhob im rbb sogar Manipulationsvorwürfe: „Wenn Täter zu Opfern gemacht werden, dann ist das eine Verhöhnung der Opfer.“

Für die bundesdeutsche Geschichtspolitik sind die Vorwürfe brisant: Es geht um nicht weniger als die Frage, ob die Zahl der Todesopfer an der innerdeutschen Grenze künstlich hochgerechnet wurde – ausgerechnet durch den von Klaus Schroeder geleiteten Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität, was dieser freilich von sich weist.

Forscher verteidigt das Vorgehen

Jochen Staadt, neben Schroeder Herausgeber des Forschungsbandes, sagte der Nachrichtenagentur dpa: „Wir haben die Fälle höchst differenziert beschrieben.“ Was sich in den DDR-Grenzkompanien abgespielt habe, sei höchst unterschiedlich gewesen. Es habe 18-Jährige gegeben, die mit dem Dienst an der Grenze nicht klar gekommen seien oder die nicht hätten schießen wollen. Jeder der 203 untersuchten Suizide sei im Wissenschaftler-Team ausführlich und auch kontrovers diskutiert worden. In 43 Todesfällen sei ein Zusammenhang mit dem Grenzregime gesehen worden.

Doch ein Blick in einige Fälle der 327 Todesopfer an der innerdeutschen Grenzen, die in der 2017 veröffentlichten Studie aufgeführt werden, bestätigt die Zweifel. Die hält der rbb nach einjähriger Recherche und nach Sichtung von Akten etwa der Staatssicherheit für mehr als angebracht. Allein der kursorische Lektüre des Buches zeigt schon: Schroeders Forscher haben bei der von der Kulturstaatsministerin, also direkt aus dem Kanzleramt geförderten Studie die Definition, wer ein Todesopfer des DDR-Grenzregimes ist, sehr weit ausgelegt.

Einschlägig dafür ist eine ebenfalls vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur finanzierte Studie zur Zahl der Opfer an der Berliner Mauer, erstmals 2009 herausgegeben vom Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) Potsdam und der Stiftung Berliner Mauer. Demnach muss es einen Fluchthintergrund oder aber einen zeitlichen und räumlichen Zusammenhang des Todes zum Grenzregime. Schroeders Forscher haben dazu weitere Kategorien entwickelt – und zählen etwa Selbstmorde von Offizieren der DDR-Grenztruppen dazu. Nach Tagesspiegel-Informationen waren der Forschungsverbund SED-Staat sogar gewarnt, Selbstmorde zu berücksichtigen.

Sind von einem Deserteur erschossene Volkspolizisten Grenzopfer?

Doch davon werden 43 Fallbeispiele in dem Band von Schroeder und Staadt genannt. Zum Beispiel Günter Dohrmann, Jahrgang 1940, wegen seiner Alkoholprobleme von der Grenze in den rückwärtigen Dienst versetzt und von der SED gerügt: Er hatte einen Rückfall, trank im Dienst Alkohol und hat sich erschossen. Die Fallbeschreibung in der FU-Studie aber führt keinen einzigen Bezug zum Grenzregime auf. Bei einem anderem Fall, einem Grenzoffizier, der sich im Dienst erschoss, lassen die Stasi-Akten und der Abschiedsbrief auf Depressionen schließen, aber nicht auf Verzweiflung über das DDR-Grenzregime.

Ein anderer Offizier, der Führungsinformant der Stasi – also Täter – war, Kollegen bespitzelte, hatte über Jahre massive Alkoholprobleme: Nach einem Disziplinargespräch mit einem Vorgesetzten darüber am 20. Mai 1988 tötete er sich selbst. Ein Zusammenhang zum DDR-Grenzregime ist auch hier nicht deutlich. Vielmehr werden von dem zitierten Abschiedsbrief im Forschungsband sogar persönliche Bezüge zur Familie weggelassen - "Dein Papa", "Hansi". Die von der Stasi mehr als 20 Jahre lang aktenkundig gemachten Alkoholprobleme des Mannes werden in der Opferstudie abgetan: Er habe private Probleme im Alkohol ertränkt - aber nur "bisweilen".

Auch ein SS-Mann und Kriegsverbrecher ist dabei

Oder die Volkspolizisten Günter Michaelis und Helmut Adam, die am 24. Dezember 1971 in der Region Sonneberg und Hildburghausen von den Grenztruppen alarmiert wurden. Grund war ein fahnenflüchtiger Soldat. Die Polizisten wurden von dem Deserteur erschossen. Schließlich wird auch ein Mann als Opfer des DDR-Grenzregimes aufgeführt, der Anfang der 1950er-Jahre - also vor dem Mauerbau - bei der Bereitschaftspolizei der DDR war, dessen Nazi-Vergangenheit aufflog und der wegen der Tötung von Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg von einem sowjetischen Militärtribunal zum Tode verurteilt und in Moskau hingerichtet wurde.

Als Grund für die Einordnung als Opfer geben die Forscher an, dass der Mann sich in den Westen absetzen wollte. Vor allem die von der Staatssicherheit festgestellte "antisowjetische Hetze" und die Fluchtgefahr werden von den Forschern herausgestellt. Nicht deutlich wird, was als erstes im Haftbefehl vom 19. Juli 1951 als Haftgrund steht: die Erschießungen von sowjetischen Kriegsgefangenen - und dass er bei der Waffen-SS war.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!