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Der Ansturm beginnt: Verzweifelt Afghanen versuchen Anfang August 2021auf dem Flughafen von Kabul einen Flug in Sicherheit zu erlangen.
© ARD Das Erste/WDR/AFP/Wakil Kohsar/obs

Die Vergessenen vom Hindukusch: Der Mord an einer afghanischen Ortskraft wird hier kaum beachtet

Ein Jahr, nachdem die Taliban die Macht übernahmen, schaut kaum noch jemand nach Afghanistan. Ralf Stegner, Chef des Untersuchungsausschusses zum Thema, will das ändern. 

Von Hans Monath

Noori ist tot. Der afghanische Inhaber des Ladens in Container 7 des früheren Bundeswehr-Lagers in Masar-i-Scharif sei „von den Taliban ermordet“ worden, schrieb der Gründungsvorstand der privaten Rettungsorganisation „Mission Lifeline“, Axel Steier, dieser Tage auf Twitter. Die Bundeswehr und das Bundesverteidigungsministerium hätten dem Afghanen „keine Aufnahmezusage erteilt“.

Die Nachricht über den Mord an Noori hat in Deutschland kaum Aufmerksamkeit gefunden. Denn die Deutschen sind im Sommer 2022 mit anderen Problemen beschäftigt: mit der Ukraine, mit Taiwan, mit der Inflation und immer noch mit Corona.

Eine Katastrophe, die auch mit deutscher Politik zu tun hat, fällt angesichts der multiplen Krisen hinten runter: die Lage in Afghanistan, wo nach UN-Angaben Millionen hungern und kürzlich ein Erdbeben im Osten des Landes Verheerungen anrichtete.

Dort könnten in den nächsten Monaten Zehn- oder Hunderttausende sterben, andere sich auf die Flucht nach Europa machen. Und noch immer harren auch Tausende deutsche Ortskräfte und viele Regimegegner dort aus, die auf Hilfe aus Deutschland und eine Rettung durch eine Ausreise via Pakistan hoffen. Die Auswärtige Amt versichert, es kümmere sich. Aber die meisten Deutschen scheinen sie vergessen zu haben.

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In wenigen Tagen jährt sich der Jahrestag des Falls von Kabul. Am 15. August übernahmen die Taliban fast ohne Kämpfe die afghanische Hauptstadt. Hunderte westlicher Diplomaten und noch viel mehr Ortskräfte saßen fest. Letztere fürchteten die Rache der radikalislamischen Gewaltherrscher, weil sie als Afghanen in den Augen der Taliban für den Feind gearbeitet hatten.

Auch aktuell verlaufen die Rettungsaktionen für schutzbedürftige Afghanen stockend: Wie der „Spiegel“ erfuhr, haben die Taliban in den vergangenen Wochen immer wieder von Deutschland geplante Ausreisen früherer Ortskräfte, Aktivisten und Künstler behindert.

Ursprünglich wollte das Auswärtige Amt wohl im Juli 7700 Menschen zur Flucht verhelfen – davon klappten allerdings lediglich 1044.

Eine Machtübernahme, die viele überraschte: Taliban kontrollieren die Straßen von Kabul.
Eine Machtübernahme, die viele überraschte: Taliban kontrollieren die Straßen von Kabul.
© Rahmat Gul/AP/dpa

Noch bevor der Untersuchungsausschuss des Bundestags zum Fall von Kabul seine Arbeit  aufgenommen hat, haben nun einige Medien mit der peniblen Erforschung und Darstellung der Abläufe rund um den Abzug aus Kabul begonnen.

Eine Spiegel-Titelgeschichte („Elf Tage in Kabul“), die an diesem Wochenende fortgesetzt wurde, sowie eine TV-Dokumentation von NDR und WDR („Der Fall von Kabul: Chronik eines Desasters“) zeichnen die dramatischen Vorgänge in einer ungewöhnlichen Dichte nach und lassen sowohl Deutsche als auch Afghanen zu Wort kommen. Wer den Text liest oder die Dokumentation ansieht, gewinnt der Eindruck, unmittelbar am Geschehen teilzuhaben.

In Berlin stieß die Evakuierungsbitte auf taube Ohren

Ein Ergebnis der Recherche: Der Widerstand in der Bundesregierung und vor allem im Auswärtigen Amt gegen eine rechtzeitige Evakuierung der Botschaft in Kabul und eine Rettung der deutschen Ortskräfte zu einer Zeit, da diese noch möglich war, fällt in beiden Darstellungen noch weit hartnäckiger aus, als bislang bekannt war.

Dabei geht es nicht nur um die oberste politische Verantwortung von Kanzlerin und Ministern, sondern auch um das Handeln oder Nicht-Handeln von namentlich genannten Ministerialbeamten oder Diplomaten.

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Ein Politiker, der das verstärkte journalistische Interesse am Abzug begrüßt, ist der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses, Ralf Stegner (SPD). „Nicht nur die Politik muss diesen Einsatz und seine Folgen aufarbeiten. Es ist gut, wenn sich auch die Gesellschaft damit beschäftigt, sich das genau ansieht und ihr Urteil fällt“, sagt das Mitglied des Auswärtigen Ausschusses dem Tagesspiegel.  

„Dann können wir auch aus den Fehlern lernen“, fügte er hinzu. Stegner verwies darauf, dass auch andere Partner beim zivilen und militärischen Engagement wie Australien, die Niederlande oder Großbritannien ihre Einsätze evaluiert hätten oder dies planten.

Der frühere Chef der Landespartei und der SPD-Landtagsfraktion in Schleswig-Holstein setzt darauf, dass nun wieder mehr Menschen die Lage am Hindukusch verfolgen werden: „Ich hoffe sehr, dass der Jahrestag des Abzugs und die journalistischen Beiträge dazu helfen, das Interesse an der entsetzlichen Situation in Afghanistan wieder zu stärken.“

Gilt als angriffslustiger Politiker: Ralf Stegner, Vorsitzender des Afghanistan-Untersuchungsausschusses, auf einem SPD-Parteitag.
Gilt als angriffslustiger Politiker: Ralf Stegner, Vorsitzender des Afghanistan-Untersuchungsausschusses, auf einem SPD-Parteitag.
© imago/Rainer Weisflog

Der Ausschussvorsitzende sieht die Lage so: „Der Hindukusch ist aus dem Blickwinkel Europas und Deutschlands geraten, viele private Spenden gehen heute in die Ukraine. Das ist verständlich, aber wir dürfen Afghanistan nicht vergessen und nicht aufgeben.“ Wegschauen sei für Deutschland jedenfalls keine Option, mahnt Stegner: „Es ist nach 20 Jahren Krieg auch unsere Verantwortung, dass die Afghanen irgendwann wieder ein menschenwürdiges Leben führen können.“ 

Der Sozialdemokrat, der im Herbst zum ersten Mal in den Bundestag einzog, hat sich in der Parlamentspause unter anderem durch Gespräche mit Experten und das Studium von einschlägiger Literatur in das Thema eingearbeitet.  „Der Westen hat sich zu wenig für die Kultur und Tradition Afghanistans interessiert und diese am Ende falsch eingeschätzt“, lautet sein erstes Urteil.

„20 Jahre in einem Land, das man nicht kannte“

Dies seit einer der Gründe für das Scheitern des militärischen und zivilen Einsatzes. Stegner: „Man war 20 Jahre in einem Land unterwegs, das man nicht kannte.“ Die zivilen Helfer aus Deutschland zum Beispiel der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit seien anders vorgegangen und hätten bei den Afghanen hohes Ansehen genossen: „Das funktionierte aber nur, weil sie sich vom Militär der Alliierten fernhielten.“

So sieht also der Palast der Gegner von innen aus: Taliban in den Diensträumen des geflohenen Präsidenten Ghani. 
So sieht also der Palast der Gegner von innen aus: Taliban in den Diensträumen des geflohenen Präsidenten Ghani. 
© Zabi Karimi/AP/dpa

Eine Besonderheit des von Stegner geleiteten U-Ausschusses ist der Umstand, dass niemand mehr im Amt ist, der damals an höchster Stelle politische Verantwortung für die Afghanistan-Entscheidungen trug  - weder Kanzlerin Angela Merkel (CDU), Außenminister Heiko Maas (SPD) noch Innenminister Horst Seehofern (CSU).

Meist sind Untersuchungsausschüsse auch politische Kampfinstrumente. Politikerinnen oder Politiker, deren Fehler aufgearbeitet werden, müssen ihr Handeln verteidigen und zuweilen sogar um ihren Posten bangen. Da diesmal kein damals Verantwortlicher seinen Sturz fürchten muss, dürfte sich der Afghanistan-Ausschuss eher auf die Sache konzentrieren. 

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In der Regel erlangen Medienvertreter auch Informationen aus den vielen Akten, die den Ausschussmitgliedern von der Bundesregierung oder Behörden zur Verfügung gestellt werden, damit sie die Vorgänge nachverfolgen können. Die Journalistinnen und Journalisten von Spiegel von WDR konnten sich daraus aber noch nicht bedienen, mussten alles aus anderen Quellen recherchieren.

„Die Akten sind gerade erst beim Ausschuss eingetroffen, daraus kann noch kein Journalist Informationen erhalten haben“, sagte Stegner dazu. Vor möglichen „Leaks“ aus den Unterlagen seines Ausschusses gibt sich dessen Vorsitzender gelassen: „Ich erwarte, dass sich das ändert und Journalisten Informationen erhalten“, sagt er: „Aber das ist kein Umstand, der mich bedrückt.“

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