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Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock im Wahlkampf auf dem Oldenburger Schlossplatz
© dpa/Mohssen Assanimoghaddam

Baerbock geht in die Defensive: Die neue Wahlkampfstrategie der Grünen

Die persönlichen Zustimmungswerte für Annalena Baerbock gehen seit Wochen zurück. Mit einer Rückbesinnung auf ihre Wurzeln wollen die Grünen gegensteuern.

Es ist eine Frage, die Annalena Baerbock im Wahlkampf immer wieder gestellt wird. Warum sie nicht klar und deutlich sage, dass sie Kanzlerin werden will, wird die grüne Kanzlerkandidatin am Ende einer Veranstaltung in Duisburg von einer Besucherin gefragt. Baerbock holt Luft, lächelt und sagt: „Politik ist für mich kein ich will, ich will, ich will.“ Letztlich gehe es nicht um sie, sondern darum, dass die Grünen die nächste Regierung inhaltlich und personell anführen wollten.

Es ist eine kleine verbale Verrenkung, die Baerbock seit Wochen betreibt. „Eine Kanzlerkandidatur ist kein Selbstzweck“, sagte sie bereits im Tagesspiegel-Interview. Anders als SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz, der bei jedem Auftritt betont, dass er der nächste Kanzler werden wolle, geht Baerbock defensiver vor.

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Doch für ihre Wort-Akrobatik ist nicht nur mangelndes Selbstvertrauen verantwortlich. Offenbar steht dahinter eine taktische Entscheidung der Wahlkampfzentrale der Grünen. Dort hat man beobachtet, dass nicht in erster Linie die Person Annalena Baerbock den Grünen Stimmen bringt, sondern die inhaltlichen Themen der Partei.

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Zugpferd Habeck

Seit Wochen gehen die Zustimmungs- und Vertrauenswerte für Baerbock zurück. Die Querelen um ihre zu spät gemeldeten Nebeneinkünfte, ihren ungenauen Lebenslauf und kopierte Buchpassagen haben die 40-Jährige offenbar Vertrauen gekostet. In einer aktuellen Forsa-Umfrage würden bei einer Direktwahl nur noch 16 Prozent Baerbock als Kanzlerin wählen – deutlich weniger als noch vor einigen Wochen. Doch die Umfragewerte der Partei haben sich längst wieder stabilisiert. Mit rund 20 Prozent steht man zwar nicht mehr so gut da wie im Frühjahr, aber doch so stark wie noch nie sechs Wochen vor einer Wahl.

Trotzdem gibt es nicht wenige, die sich Co-Parteichef Robert Habeck als Kanzlerkandidaten gewünscht haben. Auf den Marktplätzen in Hildesheim, Bochum und Duisburg, aber hinter vorgehaltener Hand auch in der Partei.

Robert Habeck, Co-Bundesvorsitzender der Grünen im Wahlkampf in Schwerin.
Robert Habeck, Co-Bundesvorsitzender der Grünen im Wahlkampf in Schwerin.
© Imago/Chris Emil Janßen

Dass auch Habeck Fehler unterlaufen wären, bezweifelt zwar niemand, doch der frühere Landwirtschaftsminister von Schleswig-Holstein bringt Regierungserfahrung mit und könnte bis tief ins bürgerliche Lager mobilisieren. Und so schiebt ihn seine Partei auffällig nach vorne. Küstentour, Maischberger, ZDF-Sommerinterview und jetzt im Wahlkampf hat er mehr Auftritte als Baerbock.

Hoffnungsträger Klimaschutz

Gleichzeitig versuchen die Parteistrategen, weg vom Persönlichkeits-Wahlkampf zu kommen und mehr über die Inhalte zu sprechen. Vor allem auf dem Kernthema der Grünen, dem Klimaschutz, ruhen die Hoffnungen. Auf keinem anderen Politikfeld erhält die Partei mehr Kompetenz zugesprochen – und seit der Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz ist das Thema auch wieder zentral in den Wahlkampf gerückt. Nach anfänglicher Zurückhaltung versuchen die Grünen davon zu profitieren. Gleich mehrere Impuls- und Strategiepapiere für besseren Katastrophen- und Klimaschutz wurden in den vergangenen Wochen vorgelegt.

Auf den Marktplätzen in Hildesheim, Bochum und Duisburg verzichtet Baerbock in recht kurzen Reden weitgehend auf persönliche Anekdoten. Lediglich die Einschulung ihrer Tochter am vergangenen Wochenende erwähnt sie kurz. Doch auch so polarisiert sie.

In Duisburg wird ihre Rede immer wieder von Störern unterbrochen. Es handelt sich offenbar um Rechte und Querdenker, die im ganzen Ruhrgebiet mobilisiert haben. Es sind am Ende nur rund 20 Männer, die „Mehr Diktatur wagen“, „Volksverhetzer“ und „Hau ab!“ skandieren. Bei mehr als 800 Interessierten eine kleine Minderheit, doch sie stören empfindlich. Am Ende beschließt das BKA aus Vorsicht, Baerbock nicht an den Störern vorbei zum Bus laufen zu lassen, sondern fährt sie im gepanzerten Wagen vom Platz.

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