Digitalisierung und KI : Die Mängel des Funkloch-Finders der Bundesregierung

Die Funkloch-App der Bundesregierung hat technische Mängel - und es ist fraglich, ob sie tatsächlich einen Überblick über die Lücken im Netz geben kann.

Die Funkloch-App der Bundesregierung soll Funklöcher aufspüren - die dann mit der Aufstellung von Funkmasten behoben werden könnten.
Die Funkloch-App der Bundesregierung soll Funklöcher aufspüren - die dann mit der Aufstellung von Funkmasten behoben werden...Foto: dpa/Daniel Reinhardt

Zumindest in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt ist inzwischen klarer, wie viele Funklöcher es tatsächlich gibt. In beiden Ländern bietet die CDU-Fraktion eigene Apps und Webseiten an, auf denen die Bürger eine mangelnde Mobilfunkabdeckung melden können. Mehr als 13.000 Stellen verzeichnet der Funklochmelder in Mecklenburg-Vorpommern bereits. In Sachsen-Anhalt sind es beim Funklochfinder sogar fast 63.000. Auf interaktiven Karten können Nutzer die Ergebnisse auch schon einsehen.

Ganz anders sieht es bei der bundesweiten Funkloch-App aus, die der Großen Koalition sogar so wichtig war, dass sie Einzug den Koalitionsvertrag gefunden hatte. Ende Oktober 2018 hat die Bundesnetzagentur die App „Breitbandmessung“ veröffentlicht, Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) erklärte die „Jagd auf die weißen Flecken im Mobilfunknetz“ für eröffnet.

Keine Angaben über Zahl der Funklöcher

Doch auch vier Monate später gibt es dazu noch keine offiziellen Ergebnisse. Immerhin 600.000 Mal wurde die App seither heruntergeladen, teilt das Bundesministerium für Verkehr und Infrastruktur (BMVI) auf Anfrage von Tagesspiegel Background mit. Zudem liegen über 44 Millionen Erfassungspunkte vor. Über die Zahl der Funklöcher sagt dieser Wert jedoch nichts aus, denn bei Nutzung der App werden bei Fußgängern etwa alle zehn Meter Messpunkte erfasst, bei höheren Geschwindigkeiten, etwa auf einer Auto- oder Bahnfahrt, alle 50 Meter.

Die Zahl der bisher gemeldeten Funklöcher wollen BMVI und Bundesnetzagentur nicht nennen, für eine Zwischenbilanz sei es noch zu früh. „Die Veröffentlichung einer Karte, in der die Ergebnisse dargestellt werden sollen, ist für die erste Jahreshälfte geplant“, sagt die Bundesnetzagentur.

Doch inwieweit die App dann tatsächlich ein Bild über die Netzqualität abliefert ist fraglich. Denn viele Nutzer kritisieren die Funktionsweise. In den Bewertungen der App-Stores bei Apple und iTunes bekommt sie nur 2,2 beziehungsweise 2,3 von 5 möglichen Sternen. „Die App verschleiert das wahre „Funkloch Deutschland“ und dessen Qualität“, kritisiert dort Andreas Weißenborn. Wie viele andere Nutzer bemängelt er, dass die App in Bereichen eine Netzverfügbarkeit anzeigt, in der immer wieder Telefonate abbrechen.

Netzqualität wird nicht mit erfasst

Tatsächlich misst das Programm primär, ob überhaupt eine Verbindung hergestellt werden kann. Zudem wird dann aufgezeichnet, ob es sich um ein 2G-, 3G- oder 4G-Netz handelt. Doch die tatsächliche Signalstärke wird zunächst nicht mit gemessen. „Ein Funkloch ist im Sinne der App vorhanden, wenn Ihr Handy keine Verbindung zum Netz Ihres Mobilfunkanbieters aufbauen kann“, heißt es in den Erläuterungen.

„Leider werden die Statistiken von dieser App entweder wissentlich oder unwissentlich falsch aufgezeichnet“, klagt Nutzer Marcus Fritzsche. Fast 2000 Bewertungen hat die von der Zafaco GmbH aus Ismaning entwickelte App erhalten. Die Kritik an Funktionalität zieht sich dabei durch viele Einschätzungen. „Der Zustand dieser App passt zum Zustand des Mobilfunknetzes in Deutschland“, schimpft Nutzer Felix B. Und obwohl die Funkloch-App ein Lieblingsprojekt von Verkehrsminister Scheuer (CSU) ist, hält man sich selbst innerhalb der Union nicht mit Kritik zurück. „Die App der Netzagentur hat einige technische Anlaufschwierigkeiten gehabt, die in Mecklenburg-Vorpommern auch zur Kenntnis genommen wurden“, sagt der dortige CDU-Fraktionsvorsitzende Vincent Kokert.

Bis sie zuverlässige Daten in ländlichen Regionen wie Vorpommern, der Mecklenburgischen-Seenplatte oder auf Rügen gesammelt habe, dürfte einige Zeit vergehen. „Diese Zeit haben wir nicht“, sagt Kokert. Um schneller eigene Daten zu bekommen, mit der Druck auf die Netzbetreiber aber auch auf die Bundespolitik ausgeübt werden kann, wurde die eigene App entwickelt, die auch anders funktioniert.  

„Wir zeigen, wo die Löcher sind“

„Vereinfacht ließe sich sagen: die Breitband-App vermisst den Käse, wir zeigen, wo die Löcher sind“, lästert der CDU-Fraktionschef. Denn in der Mecklenburger App wählen die Nutzer den Netzbetreiber aus, vergeben Noten und können angeben ob es Verbindungsabbrüche und eine schlechte Sprachübertragung gibt oder gar generell kein Telefonieren möglich ist. Also viele Punkte, die Nutzer in der bundesweiten Funkloch-App der Netzagentur vermissen. Allerdings muss man sich dabei auf die Nutzerangaben verlassen. Die App Breitbandmessung hat dagegen auch eine Zusatzfunktion, mit der die tatsächliche Upload- und Download-Geschwindigkeit der Datenverbindung gemessen werden kann. Doch die wird offenbar von vielen Nutzern übersehen.  

Es gibt jedoch anscheinend weitere Probleme. So beschweren sich Nutzer über Abstürze und Schwierigkeiten bei der Standortzuordnung: Dann erscheint die Fehlermeldung „Eine ungenaue Geoposition wurde erkannt“. Denn die App verlangt eine auf 50 Meter genaue Ortung, um die Messung zu positionieren. Doch das soll gelegentlich fehlschlagen, auch wenn andere Apps genaue GPS-Koordinaten angeben.   

Im Funkloch macht die iPhone-App Probleme

„Wenn es bei Nutzern zu Problemen, wie z. B. Abstürzen, gekommen ist, bedauern wir das sehr“, erklärt die Bundesnetzagentur. Betroffene sollten sich in solchen Fällen melden. „Bereits im Rahmen der Veröffentlichung der App hat die Bundesnetzagentur wichtige Rückmeldungen seitens der Endkunden erhalten und greift diese gerne auf“, sagt die Behörde.

Der Beitrag erschien zuerst im Tagesspiegel Entscheider-Briefing Zum Thema Digitalisierung und KI produziert Tagesspiegel Background einen Newsletter. Hier können Sie ihn abonnieren.

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