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Wenn der Regen pausiert, hängen die Bewohner des Lagers ihre feuchte Kleidung zum Trocknen auf.

© Björn Kietzmann

Flüchtlinge auf der Balkanroute: Idomeni und das Prinzip Hoffnung

Ihr Marsch über die grüne Grenze hat nichts gebracht, kapitulieren wollen die Flüchtlinge in Idomeni trotzdem nicht. Es gibt nur eines, worauf sie noch vertrauen.

Ausgerechnet jetzt aufgeben? Kommt nicht infrage, sagt die Syrerin in bestem Englisch. Sie sitzt am Lagerfeuer vor ihrem windschiefen Zelt, das mit einer Plastikplane überspannt ist, weil die löchrigen Wände alleine den Regen nicht mehr aufhalten. Ihr Mann, die drei Kinder, ihre Eltern sind auch hier. Und alle haben Hoffnung, dass ihre Reise bald weitergeht. „Wir warten den Gipfel ab“, sagt die Frau, „das Treffen der Europäischen Union in Brüssel.“ Sie glaubt, dass sich Deutschland dort durchsetzen wird. Und dass die Grenze dann wieder geöffnet wird. Angela Merkel ist doch eine starke Person, sagt sie.

So denken viele hier in Idomeni, dem griechischen Flüchtlingslager nahe der mazedonischen Grenze, in dem seit Wochen tausende Menschen im Schlamm hausen. Weil es tagelang regnete, was sehr ungewöhnlich ist für die Region in dieser Jahreszeit, steht das Feld teilweise unter Wasser. In riesigen matschbraunen Pfützen liegt Müll. Aus jeder Himmelsrichtung hört man es husten. Immer wenn der Regen Pause macht, hängen die Menschen ihre nassen Klamotten an Leinen auf, doch die Zeit zwischen zwei Schauern ist zu kurz. Das Feuerholz ist ebenfalls feucht, weswegen immer wieder auch Benzin und Plastikteile verbrannt werden. Das ganze Lager durchzieht eine Wolke aus schlechter Luft. Wer hier ankommt, hat sofort Kopfschmerzen.

„Schauen, was in Brüssel geschieht“

Obwohl die griechische Regierung das Lager schließen will, ist es in den vergangenen Tagen eher noch voller geworden. Geschätzte 12 000 Menschen harren hier aus. Der Versuch von rund 2000 von ihnen, am Montag gemeinsam einen Fluss und dann die grüne Grenze zu passieren, hat unter den Lagerbewohnern – obwohl alle Teilnehmer auf griechischen Boden zurückgeschickt wurden – kaum zu Resignation geführt. „Schauen, was in Brüssel geschieht“ ist eine oft gehörte Parole. Und die vielen freiwilligen Helfer, so scheint es, trauen sich nicht, den Menschen das verbliebene bisschen Hoffnung zu nehmen und auszusprechen, wie es ist: dass die Länder, die die sogenannte Balkanroute gerade erst geschlossen haben, ihre Entscheidung garantiert nicht rückgängig machen werden.

Viele der Menschen in Idomeni, Kinder wie Erwachsene, sind mittlerweile krank.

© Björn Kietzmann

Mittlerweile sind Kinder in Idomeni geboren worden, ihr Leben beginnt zwischen durchnässten Zelten in der Kälte, notdürftig eingehüllt in Decken. Manchmal, in einer ihrer wenigen Pausen, müssen auch die freiwilligen Helfer weinen.

Tatsächlich ist das Schicksal der Menschen von Idomeni allenfalls mittelbar Thema, wenn die Staats- und Regierungschefs an diesem Freitag in Brüssel weiter um eine Einigung mit der Türkei ringen. Immerhin verwies Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier kurz vor Beginn der Verhandlungen auf die kritische Lage an der griechisch-mazedonischen Grenze: „Es kann nur eine europäische Lösung geben. Die Bilder in Idomeni führen uns auf dramatische Weise vor Augen, wohin nationale Alleingänge führen.“

Gebrochene Finger und Arme

Wer die Flugblätter, in denen zum Marsch am Montag aufgerufen wurde, in Umlauf gebracht hat, ist weiter unklar. Manche Teilnehmer werten die Aktion trotz ihres jähen Endes nicht als Fehlschlag – sie habe schließlich weltweit die Dringlichkeit ihres Anliegens verdeutlicht. Während alle Flüchtlinge auf der mazedonischen Seite der Grenze von Soldaten mit vorgehaltenen Kalaschnikows zur Umkehr gezwungen wurden, mussten ihre Helfer und rund 50 Journalisten, die den Marsch begleitet hatten, aufs Polizeirevier. Sie sollten je 260 Euro Strafe zahlen und erhielten ein sechsmonatiges Einreiseverbot.

Offenbar gingen die Mazedonier am Montag rabiater vor, als zunächst bekannt wurde. Mehrere Flüchtlinge kehrten mit gebrochenen Fingern oder Armen ins Lager von Idomeni zurück. Eine spanische Reporterin, die sich als Flüchtling ausgegeben hatte, wurde von Polizisten nach ihrer Enttarnung verprügelt. Der Vorfall ist auf Video festgehalten und kursiert im Internet.

Die drei Afghanen, die am Montag im grenznahen Fluss ertrunken sind, waren dagegen, anders als in vielen Medien dargestellt, nicht Teil des Marsches. Sie hatten in der Nacht zuvor auf eigene Faust die Flussüberquerung versucht.

Es kommen immer mehr Freiwillige, die helfen wollen

Neben Pressevertretern und Mitarbeitern von Hilfsorganisationen kommen immer mehr Freiwillige aus Deutschland und anderen EU-Ländern, die an keine Organisation gebunden sind, aber helfen wollen. Dazu Prominente. Nach dem chinesischen Künstler Ai Weiwei und dem ehemaligen deutschen Arbeitsminister Norbert Blüm hat sich jetzt auch Hollywood-Schauspielerin Angelina Jolie angekündigt. In den vergangenen Tagen besuchte die UN-Sonderbotschafterin bereits Aufnahmelager in Athen, stets umringt von Flüchtlingen und Journalisten. Sie wolle dafür kämpfen, „dass die Schwächsten geschützt werden“. Nach Idomeni, heißt es, reise sie als Nächstes.

Norbert Blüm ist inzwischen wieder in Deutschland und warnt vor einer Eskalation. Was, wenn es aufgrund des Schlamms und Regens, der Kälte, bald zu einer Seuche kommt? Längst leiden viele im Lager an Atemwegserkrankungen, Husten, Schnupfen, Lungenentzündungen. „Das ist noch nicht das Ende vom Lied“, sagte Blüm bei einem Interview im WDR. Ein syrischer Flüchtling habe ihm erklärt: „Ich habe nur die Wahl: in Syrien schnell sterben oder langsam hier.“ Die Wut über das, was er sehen musste, ist Blüm bei seinen öffentlichen Auftritten nach Idomeni anzumerken. „500 Millionen werden ja wohl fünf Millionen aufnehmen können! Wenn Europa sich zu keiner Lösung in der Lage sieht, dann lösen wir den Verein auf.“ Gerührt sei er von der Hilfsbereitschaft der Flüchtlinge. Die hätten sogar sein Zelt aufbauen wollen, ihm zudem Pappe geschenkt, als Schutz gegen Feuchtigkeit. Helfer vor Ort berichten immer wieder, dass Flüchtlinge ihnen von deren eigenen Essensrationen und Tee anböten.

Die Schlepper haben ein neues Angebot

Wegen der Menge an Helfern und Presse sind die umliegenden Hotels inzwischen ausgebucht. Die meisten haben die Preise erhöht oder vermieten Zimmer nur noch monatsweise. Auch im Lager selbst machen die Einheimischen Geschäfte: Händler bieten Gemüse, Brot und Zigaretten an, einige verkaufen Zelte. Und dann sind da die Schleuser. Ihnen kommt die Abriegelung gelegen. Zwischen den Flüchtlingen fallen sie kaum auf, sie ziehen von Zelt zu Zelt, um Komplettangebote zu offerieren: Die Schleuser versprechen, Flüchtlinge zuerst nach Albanien und von da im Schlauchboot über die Adria ans italienische Festland zu bringen. Zwei- bis dreitausend Euro soll eine Tour kosten. Viele, die derzeit in Idomeni leben, besitzen nicht einmal ansatzweise so viel Geld.

Verzweifelt machten sich hunderte Flüchtlinge auf den Weg, die grüne Grenze nach Mazedonien zu überqueren.

© Björn Kietzmann

Auch die Frau am Lagerfeuer, die darauf hofft, dass sich Angela Merkel an diesem Freitag in Brüssel durchsetzt, weiß von der Möglichkeit. Falls die Verhandlungen der EU-Staaten nicht so ausgehen, wie sie es sich wünscht, will sie darüber nachdenken. Die Route von Albanien nach Italien beträgt an der schmalsten Stelle 60 Kilometer, das ist deutlich weiter und damit gefährlicher als die Überfahrt von der Türkei auf die griechische Insel Lesbos, die viele der Flüchtlinge hier bereits hinter sich haben.

Die Regierung wirbt für freiwilligen Umzug

Griechenlands Regierung bleibt weiterhin bei ihrem Versprechen, das Lager von Idomeni nicht gewaltsam zu schließen. Stattdessen wirbt sie für einen freiwilligen Umzug in eines der offiziellen, neu eingerichteten Lager, etwa das im 20 Kilometer südöstlich gelegenen Ort Nea Kavala. Es befindet sich auf einem Militärgelände und ist durch Zäune abgesperrt. Journalisten und Helfer haben dort keinen Zutritt. Flüchtlinge berichten von verheerenden Zuständen: Ein großer Teil des Geländes steht derzeit ebenfalls unter Wasser, Flüchtlinge bauen aus Matsch Erdwälle um ihre Zelte. Diese sind nicht beheizt, sodass innen Feuer gemacht wird. Waschräume gibt es keine. Der einzige wirkliche Unterschied zwischen dem illegalen Idomeni und dem legalen Nea Kavala sei, dass an letzterem Ort die Presse ferngehalten werde und die Weltöffentlichkeit deshalb nichts vom Elend der Menschen erfahre, sagen Bewohner.

Dieser Text erschien am 18. März auf der Dritten Seite des gedruckten Tagesspiegel.

Björn Kietzmann

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