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Immer mehr Menschen melden sich in Deutschland arbeitslos.

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Mehr als drei Millionen Arbeitslose: Experten drängen auf Reformen für Arbeitsmarkt

Erstmals seit 2015 hat Deutschland wieder mehr als drei Millionen Arbeitslose. Zustände, wie Anfang der 2000er Jahre erwarten Experten nicht, doch die Krise werde sich auch nicht von allein lösen.

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Es ist eine Zahl mit Symbolwirkung: Erstmals seit Februar 2015 ist im August die Arbeitslosigkeit wieder auf mehr als drei Millionen Menschen gestiegen. Die Meldung der Agentur für Arbeit passt ins Krisenbild vieler Unternehmen. Seit drei Jahren stagniert die Wirtschaft, Deutschland steckt in der Rezession. Kippt nun auch noch der Arbeitsmarkt?

Dafür sehen Experten keinen akuten Anlass. Holger Schäfer, Arbeitsmarktökonom am Institut der deutschen Wirtschaft (IW), betont, dass im Sommer traditionell mehr Arbeitslose gemeldet würden.

Wegen der Ferienzeit sinke bei Unternehmen der Arbeitskräftebedarf, zudem würden Ausbildungen und Schulen enden. „Saisonbereinigt ist die Arbeitslosigkeit im August sogar gesunken“, sagt Schäfer und ergänzt: „Das stimmt etwas hoffnungsfroh.“

Der Experte beobachtet ein Missmatch auf dem Arbeitsmarkt. Während ein großer Teil der Arbeitslosen nach Helfer-Jobs ohne höheren Berufsabschluss Ausschau hält, richten sich die wenigen offenen Stellen eher an Fachkräfte. Dennoch hält er Arbeitslosenzahlen wie Anfang der 2000er Jahre für ausgeschlossen.

19,5
Millionen Arbeitnehmer verlassen bis 2036 altersbedingt den Arbeitsmarkt.

Damals waren fast fünf Millionen Menschen ohne Job, eine Arbeitslosenquote von zeitweise 13 Prozent. „Angesichts des demografischen Wandels wird mittelfristig eher der Arbeitskräftemangel das zentrale Problem“, prognostiziert Schäfer.

Tatsächlich gehen laut IW-Studien in den kommenden zehn Jahren rund 19,5 Millionen Arbeitnehmer der sogenannten Babyboomer-Jahrgänge in Rente. Gleichzeitig kommen jedoch nur 12,5 Millionen jüngere Beschäftigte nach.

Der Arbeitsmarktexperten Enzo Weber sieht das weniger entspannt: „Demografische Schrumpfung von allein schrumpft noch nicht die Arbeitslosenquote“, sagt der Leiter des Bereichs Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen am Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg.

Zwar verweist auch er auf die bereinigten Arbeitslosenzahlen, doch eine zu positive Prognose wagt Weber momentan nicht. „Wenn das so weitergeht, werden wir bald stabil mehr als drei Millionen Arbeitslose haben.“ Vor allem in weiten Teilen der Industrie herrsche richtig Krise. Dort würden mehr als 10.000 Jobs pro Monat wegfallen. Die Entwicklung in anderen Branchen, etwa in der Pflege, Erziehung, Rüstung oder im Verkehrswesen, verlaufe dagegen positiv.

Mit dem Sondervermögen sollen nicht nur Schultoiletten saniert werden

Weber warnt daher vor allem vor den strukturellen Gefahren: „Wir haben nicht in erster Linie eine Entlassungskrise, wir haben eine Erneuerungskrise“, sagt er dem Tagesspiegel. Daher sei es entscheidend, dass die Politik die nötigen Reformen und einen echten Wirtschaftsplan erarbeite. Wohin Schwarz-Rot steuere, sei noch nicht entschieden.

„Es ist gut, dass diese Regierung mit dem Sondervermögen Milliarden für die Infrastruktur in die Hand nimmt. Wenn wir jetzt aber nur alle Schultoiletten sanieren, werden wir ein konjunkturelles Strohfeuer erleben. Wir müssen mit dem Geld eine echte Innovationspolitik vorantreiben“, mahnt Weber.

Debatten, wie die um die 4-Tage-Woche, müssen uns Sorgen machen.

Holger Schäfer, Arbeitsmarktökonom am IW, warnt.

Neue Technologien, neue Gründungen, neue Geschäftsfelder – all das fehle der Wirtschaft momentan. Zum Teil liege das an der Industrie, die in allen technischen Bereichen Jobs abbaue. Selbst unter Informatikern steige die Arbeitslosenquote.

Verantwortung für die Krise trage aber auch die Politik, die bei den Unternehmen Unsicherheit hervorgerufen habe. „Es braucht einen Transformationspfad, auf den sich die Wirtschaft verlassen kann“, sagt Weber und verweist beispielhaft auf die Energiepolitik. Er sieht in Deutschland die besten Voraussetzungen für die Transformation. „Wir bekommen sie bislang einfach nicht gestemmt.“

Holger Schäfer hält ebenfalls die wirtschaftliche Entwicklung entscheidend für ein Abflachen der Arbeitslosigkeit. Er hält jedoch auch Reformen für sinnvoll, etwa eine Flexibilisierung der Arbeitszeit.

Aktuelle Umfragen, wonach 64 Prozent der Bundesbürger Mehrarbeit für nicht notwendig hält, sieht Schäfer dagegen kritisch. „Debatten, wie die um die 4-Tage-Woche, müssen uns Sorgen machen“, sagt er. „Unser schrumpfendes Arbeitskräftepotenzial können wir nur mit deutlich mehr Arbeitsmigration oder mit einer höheren Arbeitszeit ausgleichen.“

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