• Militärischer Geheimdienst GRU: Was hinter den Fehlschlägen der russischen Spione steckt

Militärischer Geheimdienst GRU : Was hinter den Fehlschlägen der russischen Spione steckt

Mehrere Operationen des Geheimdienstes GRU werden enttarnt. Für Experten ein Beleg, dass dem GRU Profis fehlen - und Putin den Zugriff verloren hat.

Frank Herold
Die zwei Verdächtigen im Fall des Attentats auf den ehemaligen russischen Doppelagenten Skripal.
Die zwei Verdächtigen im Fall des Attentats auf den ehemaligen russischen Doppelagenten Skripal.Foto: Metropolitan Police/Metropolitan Police via AP/dpa

Russische Spione, wohin man blickt. Die Bundesregierung macht russische Hacker des militärischen Geheimdienstes GRU verantwortlich für Cyberangriffe auf den Bundestag und weitere Behörden, das Justizministerium der USA erhebt Anschuldigungen gegen sieben russische Agenten, die zwischen 2014 und 2018 die Antidoping Agentur der USA ausgespäht haben sollen, die Niederlande weisen vier mutmaßliche Geheimdienstmitarbeiter aus, die die Kontrollbehörde für C-Waffen in Den Haag zum Ziel hatten. Das sind nur die Nachrichten aus der vergangenen Woche. Was steckt hinter dieser auffälligen Häufung von – aus russischer Sicht – Fehlschlägen geheimer Auslandsoperationen?

Für Maria Sacharowa, Sprecherin des russischen Außenministeriums, ist die Sache klar. Es handele sich um eine „Spionage-Manie“, die sich immer weiter ausbreite, sagte sie auf ihrer wöchentlichen Pressekonferenz. Da werde im Westen von „Menschen mit blühender Fantasie“ ein „teuflischer Cocktail an Anschuldigungen“ zusammengemischt. Das ist die offizielle Version.

Wie kommt es zu diesen Fehlschlägen?

Doch neben ihr gibt es in Russland längst eine öffentliche Diskussion, die tiefer geht und in der heikle Fragen gestellt werden. Es sind vor allem zwei: Warum immer wieder der militärische Geheimdienst GRU? Und warum überhaupt diese Fehlschläge, die wiederholt auf einen Dilettantismus verweisen, den man von russischen Profis eigentlich nicht erwartet?

GRU, diese Abkürzung steht für Hauptverwaltung Aufklärung des Generalstabes. Für die „traditionelle“ Auslandsspionage sind jedoch der FSB und SVR, die Dienste für Auslandsaufklärung, zuständig. Deren Mitarbeiter spielen in den aktuellen Fällen offenbar keine Rolle.

GRU und FSB stehen in harter Konkurrenz zueinander: um Projekte, Budgets und Einfluss auf die Führung, schreibt der russische Oppositionspolitiker Konstantin Borowoi in seinem Blog. Ganz am Beginn seiner Präsidentschaft im Jahr 2000 habe Präsident Wladimir Putin versucht, die russischen Geheimdienste unter dem Dach des Nationalen Sicherheitsrates zu vereinen. Doch daran sei er gescheitert, schreibt Borowoi weiter. Putins alte KGB-Kollegen sitzen heute in den Führungspositionen von Sicherheitsrat und FSB, die Militärs aber haben sich dem Zugriff erfolgreich entzogen.

Die GRU liegt im Konkurrenzkampf offenbar vorn

Derzeit liegt die GRU im Konkurrenzkampf offenbar vorn. Der Grund dafür könnte ein erfolgreicher Coup sein, der vier Jahre zurückliegt: die Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim. Bei der Aggression ohne Blutvergießen spielten russische Spezialeinsatzkräfte, die Speznas, die Schlüsselrolle. Das gibt selbst der Kreml längst zu. Die Speznasi unterstehen der GRU.

Ein russischer Kommentator mutmaßte kürzlich, im Taumel des Erfolgs könne sich der Militärgeheimdienst verselbstständigt haben. Er erinnert an ein Beispiel aus der Geschichte, die „Opritschnina“. Im 16. Jahrhundert hatte sich Zar Iwan der Schreckliche eine Geheimpolizei direkt unterstellt, die sich immer mehr zum Staat im Staate entwickelte.

Das jedoch ist eine Einzelmeinung. Auch weil die Liste der GRU-Fehlschläge im Ausland in den vergangenen Jahren so lang ist. Zwölf GRU-Offiziere stehen auf der Liste der Mueller-Ermittler, sie sollen 2016 den Hackerangriff auf den E-Mail- Account der US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton ausgeführt haben.

Ein GRU-General soll 2014 für den Raketenangriff verantwortlich sein, der zum Abschuss der malaysischen Passagiermaschine MH 17 führte. Und GRU-Mitarbeiter sollen im gleichen Jahr versucht haben, einen Staatsstreich in Montenegro herbeizuführen. Auch bei der Vergiftung des Agenten Skripal in diesem Jahr deuten die Indizien klar in Richtung GRU.

Experten halten den GRU für „nicht besonders professionell“

Alles Fehlschläge: Skripal hat überlebt, Montenegro ist heute Mitglied der Nato, der Abschuss von MH17 führte zu den westlichen Sanktionen und selbst die Niederlage von Hillary Clinton wird in Russland nicht mehr als Erfolg gefeiert.

Angesichts dessen hat unter russischen Experten eine andere Diskussion begonnen: Die jüngsten Fehlschläge zeigten vielmehr, das die GRU-Mitarbeiter „nicht besonders professionell“ agierten. So waren beispielsweise die Daten auf den Laptops der Agenten nicht gelöscht, die in den Niederlanden operierten.

Der Geheimdienst GRU hat eine Fledermaus im Wappen.
Der Geheimdienst GRU hat eine Fledermaus im Wappen.Foto: Reuters

Zudem hatten sie, wie zuvor schon die mutmaßlichen Skripal-Attentäter, Pässe mit fortlaufenden Nummern. Und einige der Spuren ließen sich direkt bis an eine Adresse verfolgen (Moskau, Komsomolski Prospekt Nr. 20), die zweifelsfrei der GRU zuzuordnen ist.

Die Geheimdienste seien noch immer ernstzunehmende Organisationen, sagt der Politologe Alexander Baunow, der für die Carnegie-Stiftung in Moskau arbeitet. „Allerdings sind sie nicht mehr eine Elite in dem Sinne, wie sie es in sowjetischen Zeiten waren, als jede Reise ins Ausland, selbst eine geheime, ein gewaltiges Privileg für den Sowjetbürger war, sondern jeder Russe kann sie jetzt mit sehr viel weniger Mühe genießen.“

Zu Sowjetzeiten wären die Karrieren anders verlaufen

Was Baunow sagen will, drückt Roman Dobrochotow von der oppositionellen Recherchegruppe „Insider“ sehr viel direkter aus: „Wir sehen einfach, dass die GRU unter einem eklatanten Defizit an Kadern leidet.“ Dobrochotow war entscheidend beteiligt an der Identifizierung der Skripal-Attentäter.

Er führt als Beispiel den Agenten „Schischmakow“ an. Der war in Polen als Agent enttarnt und zur persona non grata erklärt worden, tauchte jedoch kurz darauf – sogar mit gleichem Vornamen – während des gescheiterten Staatsstreichs in Montenegro wieder auf. In sowjetischen Zeiten wären die Karrieren von erfolglosen Spionen anders verlaufen.

Während die meisten im Westen davon ausgehen, dass Russland und Putin selbst durch die jüngsten Enthüllungen noch mehr von ihrer Reputation verspielt haben, schaden die Fehlschläge dem russischen Präsidenten für den Hausgebrauch wahrscheinlich nicht. Jede Enthüllung, jede Anschuldigung des Westens bedient den Mythos, Russland sei eine von Feinden umringte, belagerte Festung. Gegen diese Feinde müsse die Bevölkerung fest zusammenstehen, heißt das Narrativ des Kremls.

Putin reagiert betont gelassen auf die Pannen

Deshalb auch reagierte der russische Präsident in der vergangenen Woche demonstrativ gelassen. Was das Gewese um die Geheimdienste eigentlich solle, antwortete Putin auf eine Frage während einer Pressekonferenz. „Gibt es die etwa erst seit gestern? Es ist doch bekannt: Spionage und Prostitution, das sind doch die wichtigsten Professionen in der Welt.“ Da kennt sich der ehemalige KGB-Offizier Putin aus.

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