Nach Kauder-Abwahl : Merkel, machtlos

Seit 13 Jahren ist Angela Merkel Bundeskanzlerin. Sie hat in dieser Zeit viele Krisen erlebt. Aber die größte Bewährungsprobe steht ihr noch bevor.

Die Bundeskanzlerin Ende September 2018.
Die Bundeskanzlerin Ende September 2018.Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Da sitzt sie, ein Gesicht wie aus Stein gehauen, unbewegt. Dunkel sind die Augenringe. Die Kraftlinien dieses Landes zeichnen sich ab, graben sich ein. Fotografen haben Porträts solcher Situationen gemacht, ganze Bücher darüber, wie es ist, wenn die Macht schwindet. Dabei war sie doch scheinbar unverwundbar. Sie, Margaret Thatcher.

Angela Merkel hat sie noch gekannt. Sie war doch so jung, als die deutsche Einheit sie in der Sauna antraf, als dann deren Verwirklichung sie zum Demokratischen Aufbruch brachte und an die Seite des mediokren Wolfgang Schnur. Wer erinnert sich an ihn? Schnur war Vorsitzender, Merkel sprach für den Aufbruch. Das passte zu ihr. Er war ein Hoffnungsträger, ein aufgehender Stern der versinkenden DDR, bis ihn seine Stasi-Akte vom Himmel holte. Stattdessen holten Günther Krause und Lothar de Maizière Angela Merkel in die Regierung.

Sie wurde stellvertretende Sprecherin. Und weil Matthias Gehler, der eigentliche Regierungssprecher, Flugangst hatte, weil Merkel an seiner Stelle den Großen dieser Zeit begegnete, Thatcher und den anderen, weil sie da Helmut Kohl und Wolfgang Schäuble auffiel – kurz: Deshalb ist Angela Merkel Bundeskanzlerin geworden. Also jedenfalls auch deshalb.

Wie die Zeit vergeht. 29 Jahre – wo wohl ihre wallenden Röcke heute sind? Ob sie noch einen von ihnen aufgehoben hat? Ob sie überhaupt noch irgendwelche Andenken aus diesen Jahren hat, sie hütet, von Zeit zu Zeit betrachtet, sinnierend? Ihre Art ist ja manchmal situativ und sehr viel intuitiver als es ihr viele zutrauen. Was man ihr zutraut, ist immer alles zu berechnen, weil Physiker das doch können, besser als alle anderen Naturwissenschaftler. Nur, wie das klingt – als sei sie bloß berechnend. Genau das stimmt aber wieder nicht. Es passt auch nicht zu ihrer Impulsivität. Sie versucht sie nur zu steuern. Und zu dosieren.

Kraft mal Weg durch Zeit ist Leistung – das ist eine Formel, wie für sie gemacht. Eine, die alles beinhaltet, was ihr Leben, ihr politisches, ausmacht. Ihre Kraft ist die der angejahrten Normalität, das Bild von ihr ist das der freundlichen Nachbarin, die backt und einkauft und als sparsame Hausfrau ordentlich rechnet. Einer nach Wahl schwäbischen, brandenburgischen, hamburgischen Hausfrau. Nicht der bayerischen. Da seien die Männer vor, in Sonderheit die Söders und Seehofers. Die ihr, ohne es zu merken, zu spüren, zu erkennen, den Weg bereitet haben. Immer wieder. Alle Männer. Denn sie haben die Kraft der Normalität unterschätzt: Es ist die Kraft, die Sympathie generiert.

Sie hat das Unglück kommen sehen

Merkel ist in dieser Beziehung ihr Generator, ihr eigener Regenerator. Das unterscheidet sie von den anderen Großen, denen sie so jung begegnet ist, von Thatcher, von Kohl. Mochte sie auch mal wie Thatcher werden wollen, ein Mal so entschieden und streitbar wie die Eiserne Lady sein wollen, damals, 2003, auf dem Parteitag der Kopfpauschale: Das war nicht sie, das war ihr Versuch. Geradezu physikalisch. Aber Maggie Merkel, Angie Thatcher hatte den Kampf der Fliehkräfte mit den Kräften der Beharrung in der Union unterschätzt – und ihre eigene Widerstandskraft überschätzt. Ihre einigende sowieso.

Karikatur: Klaus Stuttmann

Aus dieser Zeit rührt die Antipathie, die manche der Granden in den Unionsparteien gegen sie hegen. Und pflegen über die Jahre. Mag die Sympathie der Mehrheit außerhalb des Systems Union das überdeckt haben wie Schminke: Jetzt bekommt der Unmut ein Gesicht. Schemen werden Themen, die Unzufriedenheit wächst, die Unruhe auch, ob alles Gegenwärtige das Konstrukt CDU und CSU noch zusammenhält.

Eine Fraktionsgemeinschaft am Rande der Friktion – und Angela Merkel hat die Risse kommen sehen. So viel versteht sie schon von der Gemeinschaft, der sie selbst einmal vorgesessen hat. Sie versteht die Fraktion besser als ihre Partei. Die Partei ist, war für sie als Kanzlerin immer mehr Funktion als Gefühl, mehr Teil vom Ganzen, nicht das Ganze.

Wesentlicher, und zwar in jeder Wortbedeutung, ist ihr die eigene Freiheit, zu entscheiden, wie es ihr nach Abwägung aller Faktoren angemessen erscheint. Gefühl ist ja auch nur ein Faktor.

Und so, wie es Margaret Thatcher verließ, wie es Helmut Kohl verließ – verlässt es nun auch sie: das Momentum der Macht? Das geht verloren, manchmal auf dem langen politischen Weg, weil sich die Gefolgschaft im Ritualhaften erschöpft hat; und manchmal, weil ein anderes Momentum entsteht: durch Unvorhergesehenes. Dass sie Volker Kauder verlieren würde, war zumindest nicht unvorhersehbar.

Sie hatte es im Gefühl. Sie hat für ihn geworben, sogar gemeinsam mit ihrem Unionsfeind Horst Seehofer. Das macht die Niederlage noch größer.

Sie hatte im Gefühl, dass Niederlagen kommen könnten. Auf dem letzten Wahlparteitag, als die CDU Angela Merkel nicht aus der Verantwortung entlassen wollte, aus der, die sie in vielerlei Hinsicht trägt, für die CDU, fürs Land – auf diesem Treffen hat Merkel es angedeutet.

Das war der Moment der Erkenntnis als Schrecken: Da ist niemand, der sie ersetzen kann, in der Partei nicht und damit auch nicht an der Spitze dieser und vielleicht der nächsten Regierung. Manche Delegierte auf dem Parteitag bis in die höchsten Ränge haben es gesehen, ihr angesehen, ehe sie es so sagte: Wenn ihr wollt, dass ich weitermache, dann müsst ihr mir helfen. Es war wie ein Hilferuf. Bedenkt doch: Kraft mal Weg durch Zeit.

Kein Mitleid für Merkel

Aber so viel Mitleid gab es für sie nicht. Oder anders: Es gab so viel, wie sie in all den Jahren zuvor mit anderen hatte. Weil sie ja auch nie darauf vertraut hat, dass alles so bleiben würde, wenn sie es nicht selber kontrolliert. Und sich selbst. Demokratie will auch gelenkt sein, nicht wahr? Das ist jedenfalls, was etliche und zuletzt immer mehr ihr vorwerfen: dass sich innerparteiliche Demokratie für sie in gelenkter Mehrheitsmeinung erschöpft. Diskurs, Kontroversen in der Sache, das ist ihre Sache weniger. Dafür hat Merkel andere.

Oder vielmehr: Dafür hatte sie andere. Kauder ist ihr in der Fraktion verloren gegangen, die hat einen ihr weniger Vertrauten genommen, einen Wirtschaftsliberalen auf der Grundlage der katholischen Soziallehre. Einen westdeutschen Christdemokraten. Hier beginnt sich zu fügen, was Merkel nicht mehr lenkt.

Denn die Partei hat jetzt eine Generalsekretärin, Annegret Kramp-Karrenbauer, die eine westdeutsche Christsoziale auf der Grundlage des Wirtschaftsliberalismus ist. Da kommt etwas zurück, aber nicht Kohl. Von dem hat Merkel sich und die CDU noch selbst verabschiedet. Was zurückkehrt, ist die Vor-Kohl-Zeit: die des Ludwig Erhard. Merkel hat ihn nicht mehr kennengelernt.

Zeiten verändern sich, Menschen sich in ihnen. Je länger die Zeit, desto geringer die Leistung. Also die, die noch wahrgenommen wird. Da kommt dann einfach etwas Neues, oder bewährt Geglaubtes, lange Verdrängtes kehrt zurück. Merkels Misstrauen wird jetzt wachsen. Vertrauen beruht auf Glauben, nicht Wissen. Merkel will es nur immer schon vorher ganz genau wissen.

Und plötzlich erinnert sie an Helmut Kohl. Als das Massiv der deutschen Politik immer kleiner wurde. Unvergessen, wie Kohl in seinem letzten Wahlkampf nach Rügen kam, die Menschen ihm freundlich begegneten, ihm hinterherliefen, ihn berühren wollten – wie heute bei Merkel. Nur dass die Berührung zum Selfie wird: Eines noch, schauen Sie hierher! Rügen, das Menetekel für Kohl. Sein Denkmal war schon auf Sand gebaut. Ausgerechnet Rügen, das zum Wahlkreis von Merkel gehört.

Wenn du ganz allein da oben stehst, sagte Kohl immer, dann ist das wie beim Wetterhahn auf dem Kirchturm: Jeder Wind weht dich an. Ein schiefes Bild, aber doch eines, das passt. Wenn der Wind kommt, wenn er zur Böe wird oder zum Sturm, dann schüttelt er und rüttelt er den da oben durch. Manchmal so lange, bis er fällt.

Wer weiß schon, wo der Blitz einschlägt?

Jetzt ist die Zeit der politischen Meteorologie. Und mit der kann man sagen, dass gerade ein Wettersturz zu beobachten ist. Wer weiß, wo der Blitz als nächstes einschlägt? Lässt sich das nicht berechnen? Es gibt Physiker, die diese Wissenschaft fasziniert. Merkel kennt sich in diesem Gefilde aus.

Da sitzt sie, ihr Gesicht wie versteinert, unbewegt. Dunkel scheinen die Augenringe durch die Schminke hindurch. Die Kraftlinien dieses Landes zeichnen sich ab. Fotografen haben Porträts ihrer Miene gemacht, ganze Bücher darüber, um herauszufinden, wie Angela Merkel hinter der Fassade ist. Und es werden immer mehr Bilder in diesen Tagen, als seien es schon die letzten der Kanzlerin. Da: Sie lächelt, tatsächlich. Als wäre die Lady amused.

Kein Abschied auf der Welt fällt schwerer als der Abschied von der Macht. Denn die Macht im Ich zu gestalten, wird in der Politik der Sinn des Lebens. „Nur durch die Gestaltung der Welt wird das Ich zur Persönlichkeit“, hat der große Adorno schon in seinem Abituraufsatz geschrieben. Doch die Macht des Ichs ist endlich – wenn ihr ein Nein des Wir entgegengesetzt wird. Wie jetzt. Wie in der Fraktion.

Und so wie Macht nicht unsichtbar ist, sondern an Gesten und Verhalten und Gehorsam der anderen deutlich wird, kann Ohnmacht sichtbar werden. Oder an dem Menschen direkt: Angela Merkel, abgekämpft, spricht ergeben von „Stunden der Demokratie“ und von Niederlagen. Ja, eine Niederlage – aber nur für sie. Nicht einmal eine Entschuldigung bewahrt sie in der Fraktion davor.

Menschen herrschen über Menschen, weil es Absprachen und Ansprachen von Vorsitzenden so vorgeben? Das wäre Herrschaft, wie bei Machiavelli machttechnisch optimiert. Die Menschen in der Fraktion haben dagegen ihre Freiheit zur Mehrheitsmeinung gemacht. Vom demokratischen Aufbruch im besseren Sinn geprägt, von der Vernunft. Und das könnte man doch eigentlich noch zu einem späten Sieg der ostdeutschen Kanzlerin erklären. Oder verklären.

Wie die Zeit vergeht – ein Lehrstück, wie die Macht mit ihr geht. Merkel war Kohls Mädchen, war die junge Frau aus dem Osten, wurde größer und größer Jahr um Jahr. Ein Aufstieg, kometengleich, ohne Angst vor dem Verglühen. Sie, ein festes Gestirn am Firmament. Und 13, eine Zahl wie ein Monument.

Denk mal an, so lange schon. So ist Merkel das Monument ihrer selbst geworden. Auf einen Sockel gehoben, von dem ihre Partei sie lange, lange, bis jetzt nicht herunterlassen wollte. Ob sie bleibt, eisern?
Vieles steht in den Sternen. Auf dem CDU-Parteitag im Dezember muss Angela Merkel mit einem Gegenkandidaten rechnen. Es sei denn … Sie wird ihren weiteren Weg berechnen. Und ihre Kraft. Das kann ihre größte Leistung werden.

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