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Razzia gegen Salafisten : Auch Wohnung von Ex-Herthaner Ben-Hatira durchsucht

Bundesweite Razzia gegen „Ansaar International“ und „WWR-Help“: Innenminister Seehofer will die Vereine verbieten. Ihre Hamas-Hilfe beunruhigt die Behörden.

Als er noch für Hertha BSC spielte: Änis Ben-Hatira im März 2015.
Als er noch für Hertha BSC spielte: Änis Ben-Hatira im März 2015.Foto: imago/Bernd König

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) plant das Verbot der islamistischen Vereine „Ansaar International“ und „WWR-Help“. Um Beweismaterial zu sammeln, durchsuchten am Mittwoch 800 Polizisten ungefähr 90 Objekte in Nordrhein-Westfalen, Berlin, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg, Bayern, Hamburg, Hessen und Niedersachsen.

Wie Sicherheitskreise dem Tagesspiegel am Abend bestätigten, befand sich darunter auch die Wohnung des früheren Hertha-BSC-Spielers Änis Ben-Hatira in Berlin-Charlottenburg. Ermittler verschafften sich demnach Zugang zu den Wohn- und Kellerräumen des 30-Jährigen. Zuerst hatte die "Bild"-Zeitung über die Razzia bei Ben-Hatira berichtet. Schon länger sind enge Kontakte zwischen dem Profi, der aktuell in Ungarn unter Vertrag steht, und dem Verein „Ansaar International“ bekannt. Im Jahr 2017 trennten sich Ben-Hatira und sein damaliger Club Darmstadt 98, nachdem es viel Streit und öffentliche Kritik am Engagement des Fußballers für die Organisation gegeben hatte.

Der Fußballer zeigte sich überrascht über die Durchsuchungsaktion. Er habe davon aus den Medien erfahren, sagte er dem Portal „t-online.de“. „Ich finde es stillos, dass man mich jetzt wieder mit irgendwelchen Sachen in Verbindung bringt, von denen ich mich ganz klar distanziert habe – von jeglicher Form der Radikalisierung und des Terrorismus.“ Ben-Hatira sagte, er habe nichts zu verbergen. Eine Botschaft für die Ermittler hatte er auch: „Das nächste Mal können sie ruhig warten, bis ich in Berlin bin. Dann öffne ich gerne selber die Tür.“

Insgesamt durchsuchten die Polizisten in Berlin drei Objekte. An allen drei Orten – also auch bei Änis Ben-Hatira – seien Beweismittel beschlagnahmt worden, heißt es.

Die beiden islamistischen Vereine stehen in Verdacht, die palästinensische Terrororganisation Hamas finanziell und propagandistisch zu unterstützen. Das Ministerium ermittelt vereinsrechtlich gegen die Vereine, parallel läuft ein Strafverfahren bei der Generalstaatsanwaltschaft Düsseldorf wegen des Verdachts der Terrorfinanzierung.

„Bundesweit agierendes islamistisches Netzwerk“

Das Ministerium sprach in einer Mitteilung von einem „bundesweit agierenden islamistischen Netzwerk“, das sich gegen den im Grundgesetz verankerten Gedanken der Völkerverständigung richte. Die Hamas bekämpft mit Anschlägen und Raketenangriffen Israel. „Eine Unterstützung derartiger Aktivitäten verstößt gegen elementare Grundsätze der deutschen Verfassung“, sagt das Ministerium. Sicherheitskreise sehen die Vereine auch als Auffangbecken für ehemalige Mitglieder verbotener salafistischer Gruppierungen.

Mit der Razzia wird die Aufmerksamkeit auf die selbsternannte Helferszene im islamistischen Spektrum gelenkt. Mehrere Vereine sammeln Geld für vermeintliche humanitäre Zwecke oder werden auch als Kleinunternehmer tätig und unterstützen mit den Erträgen militante Organisationen. Ansaar International wurde 2012 in Düsseldorf gegründet, WWR-Help (World Wide Resistance-Help) zwei Jahre später in Neuss. Beide Vereine seien eng verbunden, sagt der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz.

Polizeibeamte stehen vor dem Gebäude der Ansaar International in Düsseldorf.
Polizeibeamte stehen vor dem Gebäude der Ansaar International in Düsseldorf.Foto: Martin Gerten/dpa

Im Jahresbericht 2017 heißt es, erkennbar seien „verwandtschaftliche und organisatorische Verknüpfungen“. Vordergründig verfolge Ansaar den Zweck, humanitäre Hilfe für Muslime in Syrien, Somalia, Marokko, Burma und weiteren Ländern zu leisten. WWR-Help bezeichne sich als „Hilfsverein zur Unterstützung und Förderung von Kriegsopfern, Kriegshinterbliebenen, Kriegsgefangenen sowie hilfsbedürftigen und notleidenden Menschen in Kriegs- und Krisengebieten“. Im Vordergrund stehe die Hilfe für Betroffene im Gaza-Streifen.

Das schmale Gebiet an der Grenze zu Israel wird von der Hamas beherrscht. Sie nutzt den Gaza-Streifen als Basis für ihre Angriffe auf Israel. Es gebe den Verdacht, die Vereine hätten Gelder an die Hamas und weitere terroristische Organisationen gezahlt, sagte der Sprecher des Landeskriminalamts NRW, Frank Scheulen, dem Tagesspiegel. An den Durchsuchungen beteiligte sich in Nordrhein-Westfalen die „Task Force Steuerfahndung“ des LKA. Die Beamten nahmen sich die Zentralen der beiden Vereine in Düsseldorf und Neuss sowie weitere Objekte im Bundesland vor.

Verein macht Geld mit „Ansaar Clothing“

Ansaar International habe sich neben dem Sammeln von Spenden und Mitgliedsbeiträgen weitere Einnahmequellen erschlossen, heißt es im Bericht des Verfassungsschutzes NRW. 2017 sei in Düsseldorf ein Ladenlokal mit dem Namen „Ummashop“ eröffnet worden. In dem Geschäft wird Szenekleidung verkauft, darunter Textilien der Marke „Ansaar Clothing“. Der Verein hat nach eigener Darstellung in den vergangenen Jahren rund zwölf Millionen Euro bewegt. Der Verfassungsschutz spricht von 170 aktiven Anhängern in Nordrhein-Westfalen und Ableger in anderen Bundesländern. Ansaar International sei vermutlich die größte und aktivste so genannte Hilfsorganisation, heißt es im "Lagebild Salafismus" des Landesinnenministeriums vom Oktober 2018.

Der Verein gründete zudem die Firma „Blck Stone“, die Pilgerfahrten nach Mekka als All-Inclusive-Paket anbietet. Der Name bedeutet offenkundig „Black Stone“, damit dürfte der Kultstein im Innenhof der Heiligen Moschee in Mekka gemeint sein. Ansaar International betreibt zudem ein Restaurant und einen Shop für Second-Hand-Kleidung. WWR-Help sammelt Spenden über Kampagnen in den sozialen Netzwerken.

Überschneidungen mit Koran-Verteilungen

Der Verfassungsschutz betont, auffällig seien bei Ansaar Überschneidungen zum verbotenen Verein „Die Wahre Religion (DWR)“ und dessen ebenfalls verbotener „Stiftung LIES!“. Im November 2016 hatte der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière die Existenz von Verein und Stiftung beendet. Drahtzieher der beiden war der Hassprediger Ibrahim Abou Nagie.

Die Stiftung LIES! hatte in Fußgängerzonen Gratisexemplare des Koran verteilt. Über die Kampagne wurden zahlreiche junge Muslime in die salafistische Szene gezogen und radikalisiert. Nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden sollen über Verein und Stiftung mindestens 140 Salafisten für die Terrormiliz „Islamischer Staat“ und weitere dschihadistische Organisationen geworben worden sein.

Bislang blieben Salafisten und Hamas auf Distanz

Mit Erstaunen und Sorge registrieren Sicherheitskreise auch, dass der Fall Ansaar International eine neue Tendenz im islamistischen Spektrum aufzeigt. Bislang hielten Salafisten und Hamas auf Distanz. Die Hamas zählt zur 1928 gegründeten Bewegung der Muslimbrüder, die in der arabischen Welt ihre eigene Agenda verfolgen. Gewalt gilt nur als taktisches Mittel, meist wird auf eine gewaltfreie, legalistische Strategie zur Eroberung der Macht gesetzt.

Die Salafisten hingegen wollen die islamistische Weltrevolution herbeibomben. Sollte sich nun doch eine Verbindung zwischen den hitzköpfigen Salafisten und den taktisch versierten, erfahrenen Muslimbrüdern zustande kommen, könnte sich für den Westen das Problem des Islamismus potenzieren, heißt es in Sicherheitskreisen.

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