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Ein Schutzbau bedeckt den Reaktor im Kernkraftwerk Tschernobyl.
© Efrem Lukatsky/AP/dpa
Update

Nach heftigen Gefechten nahe des Atommüll-Lagers: Russisches Militär übernimmt Kontrolle über Tschernobyl

Russische Soldaten haben das Gebiet um den zerstörten Atomreaktor eingenommen. Die Strahlung ist wegen der aufgewühlten Erde leicht erhöht.

An einer "erheblichen Zahl von Beobachtungspunkten" in der Sperrzone des Kernkraftwerks Tschernobyl sei die Dosis an Gammastrahlung gestiegen, berichtete die nukleare Aufsichtsbehörde der Ukraine am Morgen auf Facebook. Nur wenige Stunden später gab sie aber vorerst Entwarnung: Experten hätten den Anstieg durch das Aufwühlen der obersten Erdschicht im Zuge der Kampfhandlungen erklären können.

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Das russische Verteidigungsministerium bestätigte am Morgen auf Facebook, den zerstörten Atomreaktor eingenommen zu haben. Truppen der Luftwaffe hätten die "volle Kontrolle" des Geländes übernommen.

Dies hatten am Donnerstag bereits ukrainische Offizielle berichtet. Russische Soldaten hätten das Gebiet um das Akw im Norden der Ukraine nach "erbitterten" Kämpfen eingenommen, sagte der ukrainische Präsidentenberater Mychailo Podoljak am Donnerstagabend. Der Unglücksreaktor könne daher nicht mehr als sicher angesehen werden, es handele sich um "eine der ernstesten Bedrohungen für Europa".

[Verfolgen Sie die aktuellen Entwicklungen zur russischen Invasion in der Ukraine in unserem Liveblog.]

Das Innenministerium hatte zuvor heftige Gefechte in der Nähe des Atommüll-Lagers von Tschernobyl gemeldet. Die dort stationierten Soldaten der ukrainischen Nationalgarde leisteten "hartnäckigen Widerstand".

Übereinstimmenden Berichten in Medien und sozialen Netzwerken zufolge soll Russland nach der Einnahme der Anlage mehrere Mitarbeiter als Geiseln genommen haben.

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Dies bestätigte das britische Verteidigungsministerium in der Nacht zum Freitag auf Twitter.

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Die Pressesprecherin des Weißen Hauses Jen Psaki sagte am Donnerstag, die US-Regierung sei "entrüstet" über solche Berichte. "Diese unrechtmäßige und gefährliche Geiselnahme, die die für den Unterhalt und die Sicherheit der nuklearen Anlagen nötigen Kontrollen behindern könnte, ist offensichtlich sehr alarmierend". Das Weiße Haus verlange ihre Freilassung.

Das russische Verteidigungsministerium widerspricht den Berichten indes. Es behauptete: "Eine Vereinbarung mit den Soldaten eines eigenen Schutzbataillons über den gemeinsamen Schutz des Sarkophags und der Kraftwerke" sei erreicht worden. Das Wartungspersonal setze seine Arbeit in der Überwachung und dem Schutz der Anlage fort, russische Fallschirmjäger sollen sie unterstützen. Die radioaktive Strahlung in der Umgebung sei normal. Eine Geiselnahme erwähnte das Ministerium nicht.

Atomenergiebehörde äußert "große Sorge"

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) hat sich besorgt über die Kampfhandlungen an der zerstörten Atomanlage gezeigt. Wegen der potenziellen Unfallgefahr verfolge sie die Situation in der Ukraine "mit großer Sorge", erklärte die UN-Organisation am Donnerstag. Sie forderte von allen Beteiligten "ein Höchstmaß an Zurückhaltung". Eine ungesicherte Atomanlage berge große Gefahr.

Der Zustand der alten Reaktoranlage, der Schutzhülle über dem hochgradig radioaktiven Unglücksreaktor und des Lagers für Kernbrennstoffe sei nicht bekannt, sagte auch der ukrainische Präsidentenberater Podoljak.

Zuvor hatte der ukrainische Staatschef Wolodymyr Selenskyj noch vor einer Einnahme der atomaren Sperrzone gewarnt. „Unsere Verteidiger geben ihre Leben dafür, dass sich die Tragödie von 1986 nicht wiederholt“, schrieb er auf Twitter und betonte: „Das ist eine Kriegserklärung gegen ganz Europa.“

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Womöglich wollte er auch davor warnen, dass ein russischer Beschuss der Atomanlage erneut große Mengen Radioaktivität freisetzen könnte. Seit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor 36 Jahren sind weite Teile des Gebiets radioaktiv verseucht.

In den vergangenen Wochen war mehrmals vor dem Szenario eines russischen Einmarsches aus dem Nachbarland Belarus durch das radioaktiv belastete Gebiet um das Atomkraftwerk Tschernobyl genannt worden.

Das Unglück von Tschernobyl am 26. April 1986 gilt als die größte Katastrophe in der zivilen Nutzung der Atomkraft. Hunderttausende wurden zwangsumgesiedelt. Damals gehörte die Ukraine noch zur Sowjetunion.

Im vergangenen Sommer war ein neues Atommüllzwischenlager in der radioaktiv verseuchten Sperrzone um Tschernobyl eingeweiht worden.

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Tschernobyl könnte der erste Schritt auf dem Weg nach Kiew sein

Die ukrainische Hauptstadt Kiew liegt nur knapp 70 Kilometer entfernt. Hier wurde unterdessen Luftalarm ausgelöst. Die Verwaltung rief am Donnerstag alle Bürgerinnen und Bürger auf, sich möglichst in Luftschutzbunkern in Sicherheit zu bringen.

Militärexperten zufolge spielt Tschernobyl eine wichtige Rolle beim Vormarsch russischer Truppen aus Belarus auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. "Es ist der kürzeste Weg von A nach B", sagte James Acton von der Carnegie Stiftung für Internationalen Frieden. Eine Einnahme Tschernobyls sei für sich genommen militärisch nicht entscheidend, aber sie erleichtere den Marsch russischer Truppen auf Kiew, sagte auch Jack Keane, ehemaliger General der US-Armee.

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Kiew hat etwa 2,8 Millionen Einwohner. Am Donnerstagmorgen waren bereits testweise die Luftschutzsirenen zu hören gewesen. Zudem verhängte Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko eine Sperrstunde.

Die Maßnahme diene dem Schutz der Bewohner vor den russischen Truppen, erklärte Klitschko. Die Ausgangssperre gelte von 22 Uhr bis 7 Uhr, der öffentliche Nahverkehr werde in dieser Zeit eingestellt.

Vier Metro-Stationen seien als Luftschutzbunker ausgewiesen worden, teilte Klitschko weiter mit. Demnach solle die U-Bahn aber generell weiter in Betrieb bleiben. Die U-Bahn-Stationen seien zudem rund um die Uhr geöffnet, um den Bürgern bei Luftangriffen als Schutzraum zu dienen.

In der Ukraine gilt landesweit seit Donnerstag 5.30 Uhr (4.30 Uhr MEZ) auf Erlass von Präsident Wolodymyr Selenskyj das Kriegsrecht, vorerst für 30 Tage.

Russland gibt an, alle militärischen Tagesziele erreicht zu haben

Russland hatte am Donnerstagmorgen einen großangelegten Militäreinsatz gegen die Ukraine begonnen. Die russischen Streitkräfte bombardierten Ziele im ganzen Land.

Die Armee marschierte zudem mit Bodentruppen von mehreren Seiten in das Nachbarland ein. Wenige Stunden nach Beginn der Offensive erreichten russische Einheiten nach ukrainischen Angaben bereits die Hauptstadt-Region.

Russische Truppen rücken bei ihrem Angriff auf die Ukraine auch auf die Hauptstadt Kiew vor.
Russische Truppen rücken bei ihrem Angriff auf die Ukraine auch auf die Hauptstadt Kiew vor.
© -/kyodo/dpa

In der Nähe von Kiew lieferte sich die ukrainische Armee eigenen Angaben zufolge heftige Kämpfe mit russischen Truppen um einen Militärflughafen. Demnach habe die russische Armee diesen mittlerweile eingenommen.

Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte, es handele sich um den wenige Kilometer von der nordwestlich der ukrainischen Hauptstadt gelegenen Flughafen Hostomel. Er habe die ukrainische Armee angewiesen, den Flughafen zurückzuerobern.

Mehr zum russischen Angriff auf die Ukraine bei Tagesspiegel Plus:

Der Flughafen Hostomel befindet sich rund 25 Kilometer von Kiew entfernt. Er ist eines von mehreren Zielen der russischen Militäroperation. Am Abend erklärte das russische Verteidigungsministerium laut der Nachrichtenagentur Interfax, die russische Armee habe 83 Ziele der ukrainischen Bodeninfrastruktur zerstört.

Den Angaben zufolge seien alle militärischen Ziele am Donnerstag erreicht worden. Darunter seien elf Flugplätze, drei Kommandoposten und ein Marinestützpunkt gewesen. Unabhängig überprüfen ließen sich auch diese Angaben zunächst nicht. (dpa, AFP, Reuters)

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