• „Schlag dich irgendwie nach Berlin durch“: Wie ich vom italienischen Coronavirus-Planeten floh

„Schlag dich irgendwie nach Berlin durch“ : Wie ich vom italienischen Coronavirus-Planeten floh

Deutschland hinkt beim Kampf gegen Covid-19 sehr hinterher. Unsere Autorin war die letzten Wochen in Italien und kritisiert die deutsche Arroganz.

Polizei kontrolliert vor den Gleisen am Mailänder Hauptbahnhof die Reisegründe der Fahrgäste.
Polizei kontrolliert vor den Gleisen am Mailänder Hauptbahnhof die Reisegründe der Fahrgäste.Foto: Fabio Lo Scalzo/Reuters

Als ich am Donnerstagabend zurück in Berlin bin, habe ich den Eindruck, auf einem fremden Planeten gelandet zu sein. Der ICE aus Basel, besetzt wie an einem Wochenende, entlässt am Hauptbahnhof seine immer noch vielen Fahrgäste, die meisten stehen dicht an dicht auf der Rolltreppe, die sie zu den Ausgängen bringt. Die Treppe nebenan, auf der sich automatisch Abstand einstellt, nimmt kaum jemand. Am Bahnhof Zoo steht man für Currywurst an und nicht auf Lücke. Wie immer. Alles normal. 

Ich komme gerade nach 21 Stunden Fahrt aus Rom, im Handkoffer das Wissen, dass die Zeiten gerade so wenig normal sind wie nie in Jahrzehnten in unserem Teil der Welt. Nie in mehr als vierzig Jahren habe ich dieses laute, ständig bewegte Rom voller Gedrängel so still erlebt, so gedrückt und beinahe leblos.

[Aktuelle Informationen über das Coronavirus in Deutschland und weltweit finden Sie hier im Newsblog.]

Wir wollten ein großes Fest feiern. Es wurde ein kurzer Kaffeeklatsch mit den engsten Angehörigen daraus, von den Enkeln kam einer, der einzige, der weder erkältet noch wissentlich in die Nähe eines Infizierten gekommen war.

Von der Geburtstagstorte, die wir gemeinsam gebacken hatten, konnte ich mir schon nichts mehr nehmen – ich bin, exakt an diesem 100. Geburtstag meiner Schwiegermutter, noch vor Mittag Richtung Bahnhof Termini geflohen. All die Tage, auch jetzt zum hektischen Abschied, hatte ich sie nicht einmal umarmen können. Zu gefährlich.  Selbst in der Familie war es üblich geworden, einander nicht mehr anzufassen oder auch nur zu streifen.

Italiens Züge sind Geisterbahnen geworden

Flucht ist ein großes Wort beim Blick auf das, was sich an dramatischen Fluchten vor Europas Türen abspielt. Aber wann haben wir Europäerinnen das zuletzt erlebt, dass auf dem eigenen Kontinent die Schlagbäume runtergehen – und vor uns selbst? Ich wollte bis zum Wochenende bleiben, hatte, als Österreich die Brennerstrecke blockierte, ein Flugticket gebucht. Jetzt sind auch alle Flüge nach Deutschland abgesagt.

Ein besorgter römischer Freund mailt: „Hast du schon gelesen? Versuch Air France über Paris und schlag dich dann irgendwie nach Berlin durch.“ Ein befreundeter Tagesspiegel-Kollege, passionierter Bahnfahrer, auch er besorgt, empfiehlt per Chat den Ausweg durch die Schweiz: Er habe eine Verbindung über Zürich entdeckt, die sei noch im Verkauf.

„An deiner Stelle würde ich alles stehen und liegen lassen,“, mailt der römische Freund. „Mach schnell, wer weiß, was in ein paar Stunden ist." In mir kämpft das schlechte Gewissen mit der Angst vorm Bleiben: Mein Hals ist seit gestern rau, die Stimme weg, ich werde die Lombardei, Italiens erste Sperrzone, passieren, ich könnte das Virus haben und auf der langen Fahrt verbreiten.

Andererseits: Mein Urlaub ist um, ich kann mir keine Wochen im Hotel leisten und auch nicht auf unabsehbare Zeit bei meinen Lieben unterschlüpfen. Niemand von ihnen bewohnt eine Villa, fast alle sind mindestens erkältet. Am Ende siegt die Option: Du musst weg.

Die staatliche italienischen Trenitalia rationiert jetzt, um zwischen den Fahrgästen Sicherheitsabstand zu schaffen. Die derart reduzierten Plätze der nächsten Schnellzüge nach Mailand sind bereits vergeben. Nach drei Stunden Warten kann ich Termini schließlich verlassen.

Wir fahren Geisterbahn, der schnelle Frecciarossa ist beinahe leer. Der Zugbegleiter, den ich um eine Auskunft bitte, bedeutet mir mit strengem Blick, den Mundschutz korrekt über Nase und Mund zu ziehen, bevor ich das Wort an ihn richte. Noch geisterhafter die  beiden Regionalzüge Richtung Schweizer Grenze. Superpünktlich – ich hatte für den knappen Anschluss gefürchtet – fahre ich nach Monza, mit mir ein einziger Rucksacktourist, unsere Tickets will niemand sehen.

Dem Schaffner im grenzüberschreitenden nächsten Zug rücke ich in seine Zelle nach, um nicht ohne Ticket erwischt zu werden. „Setzen Sie sich bitte wieder, ich komme gleich zu Ihnen“, sagt er mit einer Stimme so streng wie zuvor der Blick seines Kollegen. Ich sehe ihn bis Bellinzona nicht wieder, dort steige ich aus. 

Die Pest kommt auf die Insel der Seligen

In der Stadt im Tessin, der südlichsten und Italien nächsten der Schweiz, habe ich, so scheint’s, den Planeten Corona verlassen. Meinen Mundschutz – es trägt ihn sonst niemand, dem ich begegne - nimmt der freundliche Portier des Hotels, das ich noch im Zug buchen konnte, entspannt wahr, als wisse er seine Alpenfestung auch gegen das feindliche Virus sicher. Sein Lächeln liest sich, als denke er: „Klar, sie kommt von Süden.“ Selbst meine raue Stimme scheint ihn nicht zu beunruhigen.

Die Angst, die Schweizer Behörden könnten die potenziell gefährliche Ausländerin doch noch aufhalten, wird kleiner. Die österreichischen EU-Brüder und -Schwestern verteidigen gerade den Brenner gegen deutsche Urlauber-Autos, und die Eidgenossenschaft ist nicht einmal EU-Mitglied.

Die Angst schwindet weiter, als ich am nächsten Tag den Zug nach Basel nehme. Auf dem Weg zum Bahnhof grüßt man freundlich, deutsche Touristen in Wanderkluft warten mit mir am Gleis, die Zugbegleiterin scannt mein Ticket und schenkt mir ein herzliches Lächeln. 

Die Anspannung tausche ich in den Stunden im Zug ein gegen das Gefühl, tatsächlich in zwei Welten zugleich zu sein. Auf Bitten der Online-Kolleginnen und -Kollegen übersetze ich die alarmierenden Berichte italienischer Ärzte, die am Rande ihrer Möglichkeiten und seit Wochen ohne Pause arbeiten. Ich schicke alle paar Minuten ein paar Sätze nach Berlin, etwa über die „Triage“, die man im Norden Italiens bereits praktiziert, ein Wort aus der Militärmedizin, das Sortieren der Kranken in solche, denen man mit täglich knapperen Mitteln helfen kann, und in die, die man sterben lassen muss.

Ab Freiburg sitze ich, während ich ununterbrochen ins Tablet tippe, in einem ICE, der die Belegungsstärke eines üblichen deutschen Freitag- oder Sonntagabends hat. Habe ich die Fahrt in Italiens Geisterzügen geträumt? Rings um mich wird geplaudert, über das Virus spricht man wie über ein Unwetter in Südostasien.

Ich streife mir wieder den Mundschutz über, nun, da kaum ein halber Meter Abstand möglich ist. Was ich als Service an meinen Mitmenschen ansehe, trägt mir jetzt offenes Starren einiger ein, zwischen Staunen und Feindseligkeit: Da ist die, die die Pest auf unsere Insel der Seligen bringt. Als ich mit dem Schreiben fertig bin, ein Blick auf die Nachrichtenportale. Deutschland diskutiert gerade darüber, ob es wirklich nötig sei, Schulen zu schließen, die in ganz Italien bereits vor einer Woche dichtgemacht wurden.

Ambulanz nach zehn Minuten dicht

In der S-Bahn schaut mein Nachbar empört vom Handy auf zu seinem Begleiter: „Weißt du, wie viele Tote es bisher gab durch Corona? Drei! Bei mehr als 80 Millionen Menschen!“

Als ich am nächsten Tag um elf Uhr zur Corona-Abklärungsstelle im DRK-Klinikum Westend komme, Sprechzeiten Montag bis Freitag 9 bis 16 Uhr, stehe ich vor geschlossenen Jalousien, die Gegensprechanlage scheint tot, kein Hinweiszettel auf veränderte Öffnungszeiten.

Hintergründe über das Coronavirus:

An der Hauptpforte erfahre ich: Die 50 täglichen Tests waren schon um 9.10 Uhr gemacht, danach wurde geschlossen. Aber ich komme aus dem Krisengebiet, ich bin erkältet, was tun? Kann ich mich wenigstens registrieren lassen? „Kommen Sie Montag um 9 Uhr wieder.“ Eine Frankfurter Freundin, die dienstlich in Nordrhein-Westfalen war und Bronchitis hat, berichtet, dass sie von ihrer Ärztin ungeprüft abgewiesen wurde: „Ach was, Sie haben das Virus nicht.“

Heute ist Samstag, ich habe mich zu Hause eingeschlossen, Nudeln und trockene Bohnen dürften noch eine Zeitlang reichen, im Tiefkühler ist auch Gemüse. Das sonntägliche Essen mit Freunden habe ich in einer Rundmail bis auf weiteres abgesagt. Sie liest sich, als wäre sie nicht von mir.  „Meinst du wirklich, das wir einander nicht besuchen können????“, mailt eine furchtlose Freundin der gefährdeten Altersgruppe ab 70 zurück. Vor einer Woche hätte ich auch so reagiert. 

China, Italien - ist die Warnung wirklich angekommen?

Inzwischen hat auch Berlin Schulen und Kitas geschlossen, für Leute wie mich gibt’s nur die Empfehlung von Minister Spahn: Zu Hause bleiben. #iorestoacasa hieß das in Italien. Aber das war vor etwa einer Woche. Als ich wegfuhr, sperrten auch die Bars im Land, die Läden, Restaurants. Wir sind hinterher, heftig.

Gestern berichtete der Peking-Korrespondent der New York Times von seiner Abreise vor zwei Wochen und dem „Gefühl von Unwirklichkeit“, das er bei der Landung in London-Heathrow empfand: Kaum Informationen, keine Registrierung, die mögliche Infektionswege rekonstruieren ließe: „Es scheint, als sei Chinas Erfahrung den westlichen Länder keine Warnung gewesen, wie gefährlich Untätigkeit ist“, schreibt Ian Johnson. Der Titel seines Berichts „China kaufte dem Westen Zeit. Der Westen hat sie verschwendet.“ 

Ja, denke ich, und die letzten Wochen in Italien waren eine neue, dringende Warnung. Aber obwohl sie so nahe gerückt ist: Das reiche, selbstsichere Deutschland, scheint immer noch mit einer Prise von Arroganz davon auszugehen, die Krise, anders als die andern, auch ohne drastische Maßnahmen zu bewältigen. Wirklich angekommen scheint die Warnung noch immer nicht.

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