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Spahn verteidigt Reisewarnung für Spanien : „Partyurlaub ist in dieser Pandemie unverantwortlich“

Die Entscheidung der Bundesregierung hat für viele Urlauber Folgen: Ein Coronavirus-Test ist für sie Pflicht. Spanien fürchtet den wirtschaftlichen Absturz.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will die Regeln für Reiserückkehrer ändern.
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will die Regeln für Reiserückkehrer ändern.Foto: Fabrizio Bensch/Reuters

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat die Reisewarnung der Bundesregierung für fast ganz Spanien verteidigt. „Das ist kein Reiseverbot, aber die klare Ansage: Wer aus dem Spanienurlaub kommt, muss in Quarantäne, solange er kein negatives Testergebnis hat“, sagte Spahn der „Bild am Sonntag“.

„Und wer trotz der Warnung nach Spanien fährt, sollte sich und andere auch im Urlaub schützen. Partyurlaub ist in dieser Pandemie unverantwortlich.“ Er wisse, was diese Entscheidung der Regierung für viele Urlauber, für Reisebüros oder auch für Spanien bedeutet, sagte Spahn weiter. „Aber leider steigen die Infektionszahlen dort stark, zu stark.“

Die spanische Regierung hatte aufgrund der steigenden Zahlen am Freitag weitere drastische Maßnahmen beschlossen. Dann reagierte auch die Bundesregierung: Das Urlaubsland wurde – mit Ausnahme der Kanarischen Inseln – in Deutschland als Risikogebiet eingestuft. Auch die beliebte Ferieninsel Mallorca ist davon betroffen. Die Entscheidung ist auch vor dem Hintergrund steigender Infektionszahlen in Deutschland zu sehen.

Für heimkehrende Urlauber bedeutet die Einstufung als Risikogebiet, dass ein Test für sie Pflicht ist. Sie haben zwei Möglichkeiten: Entweder sie lassen sich schon im Urlaubsland in den 48 Stunden vor der Abreise testen. Dann müssen sie den Test aber selbst bezahlen.

Oder sie lassen sich bis zu drei Tage nach der Rückkehr in Deutschland kostenlos testen. In häuslicher Quarantäne muss man so lange bleiben, bis das Testergebnis da ist. In der Regel dauert das dem Gesundheitsministerium zufolge 24 bis 48 Stunden.

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Entscheidend für die Einstufung als Risikogebiet ist, in welchen Staaten oder Regionen es in den vergangenen sieben Tagen mehr als 50 Neuinfizierte pro 100.000 Einwohner gab. Die betroffenen Länder werden auf einer Liste des bundeseigenen RKI aufgeführt. Zurzeit umfasst sie etwa 130 Länder. In Spanien standen bisher bereits die Regionen Aragón, Navarra, das Baskenland, Katalonien und die Hauptstadt Madrid auf der Liste.

Wegen der gestiegenen Zahl von Coronavirus-Neuinfektionen warnt auch das Auswärtige Amt vor touristischen Reisen nach fast ganz Spanien samt der Ferieninsel Mallorca. Die Warnung gilt für ganz Spanien mit Ausnahme der Kanarischen Inseln, wie das Außenministerium am Freitagabend in Berlin mitteilte. Diese Warnung ist üblich, wenn ein Land auf der Liste der Risikogebiete des RKI aufgeführt ist.

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Eine Reisewarnung ist kein Reiseverbot, soll aber eine erhebliche abschreckende Wirkung haben. Allerdings hat sie auch eine positive Seite für Verbraucher: Sie ermöglicht es Reisenden, Buchungen kostenlos zu stornieren.

Tui sagt alle Pauschalreisen ab

Der Reisekonzern Tui reagierte nach der Reisewarnung für fast ganz Spanien umgehend und sagte alle geplanten Pauschalreisen dorthin ab. Den Kunden würden Umbuchungen zu anderen Reisezielen angeboten, zum Beispiel zu den Kanarischen Inseln, wie ein Tui-Sprecher am Freitagabend sagte.

Weil man nicht von allen Kunden Kontaktdaten habe, nehme man außerdem Kontakt zu Reisebüros auf. Reisenden, die bereits in den betroffenen Feriengebieten sind, biete Tui an, sie auf Wunsch früher als geplant nach Hause zu fliegen.

Die deutsche Tourismuswirtschaft bedauerte derweil die vom Auswärtigen Amt ausgesprochene Reisewarnung, betonte aber auch, die Entscheidung sei zu akzeptieren, „da der Gesundheitsschutz die höchste Priorität für die Tourismusbranche hat“, wie der Bundesverband der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW) mitteilte.

Reisende auf dem Flughafen von Palma de Mallorca.
Reisende auf dem Flughafen von Palma de Mallorca.Foto: imago images/Agencia EFE

BTW-Generalsekretär Michael Rabe appellierte „an die Vernunft von Reisenden wie touristischen Unternehmen (...), die geltenden allgemeinen Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten“. Reisewarnungen müssten vor dem Hintergrund der ohnehin schon stark gebeutelten Tourismusbranche „tagesaktuell überprüft und bald möglichst zurückgenommen werden“.

30.000 deutsche Pauschaltouristen auf den Balearen

Nach der Reisewarnung Deutschlands für fast ganz Spanien einschließlich Mallorca wächst die Angst vor einem wirtschaftlichen Absturz auf den Balearen. Als einen „tödlichen Schlag“ bezeichnete die Zeitung „Diario de Mallorca“ am Samstag die Entscheidung der Bundesregierung vom Vorabend. Damit hätten sich die schlimmsten Befürchtungen bewahrheitet, die dem Tourismus für diese Saison den Todesstoß versetzt hätten, schrieb die Zeitung.

Nirgendwo in Spanien außer auf den Kanaren, die wegen niedrigerer Corona-Zahlen von der Reisewarnung ausgenommen wurden, sind die Menschen so sehr vom Tourismus abhängig wie auf den Balearen. In beiden Regionen trägt die Branche rund 35 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei.

Spaniens Regierung verschärft Auflagen wieder

Derzeit weilen nach Angaben des Deutschen Reiseverbandes (DRV) rund 30.000 deutsche Pauschaltouristen auf den Balearen. Mit geschätzt mehr als 90 Prozent dürften die meisten von ihnen auf Mallorca Urlaub machen, sagte DRV-Sprecher Torsten Schäfer am Samstag der dpa. Allerdings gebe es noch keinen Überblick darüber, wie viele Urlauber in den nächsten Tagen vorzeitig abreisen wollten.

Vor der deutschen Reisewarnung hatte die spanische Regierung wieder scharfe Auflagen erlassen. So müssen Diskotheken und Nachtbars vorerst geschlossen bleiben, wie Gesundheitsminister Salvador Illa nach Angaben der Nachrichtenagentur dpa mitteilte. Restaurants müssen um 1 Uhr nachts schließen, nach Mitternacht dürfen keine neuen Gäste empfangen werden.

Spanien beklagt bisher 28.605 Covid-19-Tote

Zudem dürfe im Freien nicht mehr geraucht werden, wenn der Mindestabstand von zwei Metern unterschritten ist, teilte Illa mit. Er hatte zuvor eine Krisensitzung mit den Gesundheitsbehörden der einzelnen Regionen des Landes abgehalten, in deren Kompetenz Gesundheitsfragen fallen.

Das Rauchverbot war am Donnerstag bereits von zwei Regionen, den Kanaren und Galicien, erlassen worden. Raucher sind der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge womöglich mehr gefährdet, sich mit dem Coronavirus zu infizieren oder dieses weiterzugeben, weil sich beim Rauchen Finger und Lippen berühren.

Spanien gehört zu den vom Coronavirus am schlimmsten betroffenen Regionen Europas. Das Land beklagt bisher 28.605 Covid-19-Tote und mehr als 337.330 bestätigte Infektionen. Mit 612 Todesfällen pro eine Million Einwohner hat das EU-Land eine der höchsten Sterberaten in der Pandemie.

Viele Landesteile erleben derzeit eine zweite Infektionswelle; am Donnerstag waren fast 3000 neue Fälle innerhalb von 24 Stunden registriert worden – so viele wie zuletzt im April. Allerdings zählen die Zahlen auf den Balearen nach spanischen Angaben zu den niedrigsten in Spanien.

Wie die Nachrichtenagentur dpa berichtet, gibt es über 1000 lokale Ausbrüche und die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner liegt derzeit bei fast 50 je 100.000 Einwohner in sieben Tagen. Das ist der wichtigste Indikator dafür, ob eine Region oder ein Land vom Robert Koch-Institut zum Risikogebiet erklärt wird.

Hintergrund-Informationen zum Coronavirus:

Zudem werde die Bevölkerung dringend aufgerufen, sich nicht mit Menschen zu treffen, die nicht in ihrem Haushalt leben. Private Feiern und andere Treffen sollten zudem auf eine Teilnehmerzahl von höchstens zehn Personen beschränkt werden, betonte der Minister. In Altenheimen sollten künftig noch mehr Corona-Tests vorgenommen werden.

Alle diese Maßnahmen seien mit den Regionalregierungen in Spanien abgestimmt und stellten lediglich ein „Minimum“ dar. Es stehe den Regionen frei, lokal strengere Regeln zu erlassen, betonte Illa der dpa zufolge. Illa dankte den älteren Menschen, dass sie sich so genau an die Vorsichtsmaßnahmen hielten. „Ich möchte mich auch an die jungen Leute wenden, und sie an die Bedeutung erinnern, sich diszipliniert zu verhalten. Es ist nicht hinnehmbar, sich nicht an die Maßnahmen zu halten“, betonte Illa. „Dass das klar ist: Trinken (Alkohol) auf der Straße ist verboten“, warnte der Minister. (mit dpa)

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