• US-Präsident braucht einen „Gamechanger“: Wie kann Donald Trump die Wahl jetzt noch gewinnen?

US-Präsident braucht einen „Gamechanger“ : Wie kann Donald Trump die Wahl jetzt noch gewinnen?

Dem Amtsinhaber bleiben drei Strategien und zwei Hoffnungen, um den für ihn ungünstigen Trend des Wahlkampfs zu wenden. Eine Analyse.

US-Präsident Donald Trump am 11. August im Weißen Haus. Hat er noch eine Chance bei der Wahl?
US-Präsident Donald Trump am 11. August im Weißen Haus. Hat er noch eine Chance bei der Wahl?Foto: imago images/MediaPunch

Donald Trump tut, was er meistens tut: Er beschimpft und verspottet seine Gegner, ohne groß Rücksicht auf die Fakten zu nehmen. Und streicht seine Überlegenheit heraus. Nun also gegen Kamala Harris, kurz nachdem Herausforderer Joe Biden sie als seine Vizepräsidentschaftskandidatin vorgestellt hat.

"Phony Kamala": Wenig originell als Spitzname

Einen despektierlichen Spitznamen hat sich der Präsident bereits ausgedacht: „Phony Kamal Harris“. Eine Schwindlerin sei sie. So weit, so erwartbar. Aber nicht sonderlich originell. Bei anderen Personen, die seine Siegchancen oder seine Macht bedrohten, war Trump kreativer. „Sleepy Joe“ Biden, „Crooked Hillary“ Clinton, „Low energy Jeb“ Bush, den anfänglichen Favoriten unter den republikanischen Präsidentschaftskandidatur 2016. „Little Rocket Man“ für Nordkoreas Diktator.

„Phony“ – fällt Trump nichts Besseres ein, um die Initiative wieder an sich zu reißen?

Der Wahlkampf läuft nicht in seinem Sinne. Im Schnitt der Umfragen liegt er seit Wochen deutlich hinter Biden. Das gilt auch für wahlentscheidende „Swing States“ wie Michigan, Pennsylvania und Wisconsin in den Industriestaaten an den Großen Seen, Florida und North Carolina im Süden, Arizona im Westen. Trump braucht einen „Gamechanger“, um die Dynamik zu wenden. Bleibt es bis zum Wahltag am 3. November beim jetzigen Trend, verliert Trump die Wahl.

Trump braucht einen "Gamechanger". Und sagt Widersprüchliches

Was aber könnte dieser „Gamechanger“ sein? Die Nominierung von Kamala Harris ist es wohl nicht. Dafür sind Trumps erste Reaktionen zu lahm und zu widersprüchlich. Er habe vorausgesehen, dass Harris es wird, behauptet Trump; sie sei sein „number one pick“ gewesen. Und widerspricht sich fast im selben Atemzug: Er sei „ein bisschen überrascht“, dass Biden sich für Harris entschied. Die Frau, die selbst Präsidentin werden wollte, aber „ganz armselig“ in den Vorwahlen abgeschnitten habe und aufgeben musste, weil sie nicht über zwei Prozent kam, ätzt Trump.

Erst Rivalen, jetzt ein Team: Joe Biden und Kamala Harris.
Erst Rivalen, jetzt ein Team: Joe Biden und Kamala Harris.Foto: David J. Phillip/AP/dpa

Sie habe Joe Biden „respektlos“ angegriffen, erinnert Trump an eine TV-Debatte der demokratischen Bewerber. Damals hatte Kamala Harris Biden vorgeworfen, er vertrete nicht die Interessen der Afroamerikaner und sei in den 1970er Jahren gegen das „Busing“ gewesen.

Der damals umstrittene Transport per Schulbus ermöglichte schwarzen Kindern aus armen Wohngegenden die Teilnahme am Unterricht in den besser ausgestatteten Schulen der weißen Oberschicht. „Das fällt schon schwer, jemanden (als Vize) zu wählen, der einem keinen Respekt erweist“, gibt Trump Einblick, wie er an Bidens Stelle entschieden hätte.

Ja, was denn nun, Mr. President: überraschend oder vorhersehbar? Auch die Behauptung, Harris sei wegen schlechter Performance in den Vorwahlen ausgeschieden, stimmt nicht. Sie gab bereits im Dezember 2019 auf, zwei Monate vor der ersten Vorwahl, weil sie nicht genug Spenden bekam. In den Umfragen hatte sie im Sommer 2019 nach guten Auftritten in den TV-Debatten 15 Prozent erreicht; später ließen Zustimmung und Spenden nach.

Enttäuschung: Biden bietet keine Angriffsflächen

Ein möglicher Grund für Trumps widersprüchliche Reaktion: Er ist enttäuscht. Biden hat ihm nicht den Gefallen getan, beim „VP Pick“ riskante Angriffsflächen zu bieten. Kamala Harris ist die richtige Wahl. Einerseits wegen ihrer Qualitäten. Sie ist „simpatico“, sagt Biden. Er kommt mit ihr gut klar – wie schon seit verstorbener Sohn Beau, der Justizminister in Delaware war, als Harris das Amt in Kalifornien innehatte. Sie wirkt auch auf andere sympathisch, dazu jünger und erfrischender als die beiden alten weißen Männer Trump und Biden.

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Mit ihrem Eintreten für eine Ausweitung der Gesundheitsversorgung und für eine Reform der Polizei nach den Rassenunruhen hat sie sich bei zwei großen Themen, die die USA derzeit vorrangig bewegen, einen Namen gemacht. Und sie ist rhetorisch geschult, was in der TV-Debatte der Vizekandidaten entscheidend sein könnte. „She ticks all the right boxes“, sagen Wahlkampfexperten. Sie kann Begeisterung entfachen und die Wahlbeteiligung nichtweißer Wähler nach oben treiben.

"Do no harm": Der Demokrat vermeidet Risiken

Andererseits passt sie in Bidens Strategie: „Do no harm!“ Bloß kein Risiko eingehen. Einfach abwarten, bis Trump sich selbst zerstört, unterstützt durch seine schlechte Bilanz im Kampf gegen Corona und die Wirtschaftskrise.

Die Antwort auf die Frage, warum Kamala Harris es wurde, hat neben ihren Vorzügen auch damit zu tun, warum andere Kandidatinnen es nicht wurden. Susan Rice, die Sicherheitsberaterin in Barack Obamas zweiter Amtszeit, war die andere große Favoritin.

Aber dann hätte Trump all die angeblichen außenpolitischen Fehlentscheidungen und Affären, mit denen er 2016 schon Hillary Clinton erfolgreich diskreditiert hatte, wieder aufgewärmt. Rice gilt zudem als etwas zu sehr von sich eingenommen. Und sie ist nie für ein Wahlamt auf höherer Ebene angetreten.

Auf die Parteilinke Elizabeth Warren hatte Trump sich schon lange eingeschossen. Die wolle die USA zu einem sozialistischen Land machen. Gretchen Whitmer, Gouverneurin von Michigan, hat mit ihrem Corona-Management Unmut und Proteste auf sich gezogen.

Jede andere Vizekandidatin wäre aus diversen Gründen mit einem größeren Risiko für Biden verbunden gewesen als Kamala Harris. Biden entschied sich für die naheliegende Person und die Risikovermeidung.

Trump bleiben fünf Optionen

Worauf kann Trump noch hoffen, um den Trend zu wenden? Ihm bleiben drei Strategieansätze und zwei Hoffnungen, zusammen fünf Optionen. Er gerät jetzt selbst unter Druck, ob er sein „Ticket“ ändert, Vizepräsident Mike Pence entlässt und sich ebenfalls eine jüngere, weibliche Vizekandidatin sucht. Der Parteitag der Republikaner (24. bis 27. August) folgt gleich auf den demokratischen; beide sind auf ein digitales Format reduziert worden.

Trump ist in der Klemme. Viele Republikaner wollen an Pence als Vize festhalten, auch weil sie ihn für eine letzte Rückversicherung gegen allzu radikale Trump-Ideen halten und sich von ihm, wenngleich er stramm konservativ ist, mäßigenden Einfluss auf Trump versprechen. Ein Ticket Trump/Pence wirkt nun jedoch im Vergleich zu Biden/Harris erst recht alt, weiß und männlich.

Radikalisiert sich die Protestbewegung?

Trump könnte darauf setzen, dass die „Black Lives Matter“-Bewegung und generell die Proteste gegen Polizeigewalt sich radikalisieren. Wie 2016. Dann würde er sich als Garant von Recht, Ordnung und Schutz des Eigentums profilieren. Ebenfalls wie 2016. Und zugleich das Gegenlager in moderate und progressive Demokraten spalten.

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Auch bei den beiden zentralen Themen für die Wähler, Corona und Wirtschaftskrise, hat Trump sich unvorteilhaft positioniert und kann nur hoffen, dass eine unerwartete Dynamik ihm zugutekommt. Lange hat er die Pandemie heruntergespielt. Erst seit kurzem fordert er zum Maskentragen auf.

Aber werden die Infizierten- und Totenzahlen signifikant sinken? Und wird die Wirtschaft früher als bisher erwartet wieder anspringen, jedenfalls noch im Oktober, rechtzeitig vor dem Wahltag 3. November?

Hoffnung auf Besserung bei Corona und Wachstum

Zumindest dieses Gefühl, dass es nicht so schlimm kommt und seine Regierung alles tut, um unnötiges Leid abzuwenden, versucht Trump zu verbreiten. Er ist erbost, dass Republikaner und Demokraten im Kongress sich auf kein neues Corona-Hilfspaket einigen, obwohl das alte am 31. Juli ausgelaufen ist.

Nun will er per Dekret anordnen – unter Umgehung des Budgetrechts des Parlaments -, dass die Bundesregierung weiter wöchentlich Hilfsschecks an Bürger sendet, die ihren Job verloren haben.

82 Tage noch bis zur Wahl. Eine kleine Ewigkeit in der US-Politik. Und zugleich wenig Zeit für Trump, um die Dynamik des Wahljahrs zu wenden. Jedenfalls, solange Joe Biden und Kamala Harris keine Fehler machen.

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