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Landeshauptstadt: „Wir haben einen Wolf für euch“

Jeder tote Wolf aus der Mark landet auf dem Seziertisch von Ina Pokorny im Museum für Naturkunde.

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Erlaubt ist nur der Blick durch das Bullauge in der Tür. Nicht nur, weil es etwas unangenehm riecht, bisweilen auch stinkt, sondern auch, weil in dem Raum dann Infektionsgefahr herrscht, erklärt Ina Pokorny. Die Nasswerkstatt des Naturkundemuseums Potsdam gehört zum sogenannten Schwarzbereich, Besucher dürfen hier nicht rein.

In diesem Jahr wurden hier schon drei Wölfe eingeliefert: ein Verkehrsunfallopfer und zwei ungeklärte Todesfälle. Wurden zuvor auch Tiere nach Görlitz oder Cottbus gebracht, landen seit diesem Jahr alle Totfunde des Landes Brandenburg früher oder später hier auf der Pritsche. Ina Pokorny, promovierte Biologin und seit 2012 am Museum für die Säugetierabteilung zuständig, betreut das Wolf-Totfundmonitoring: das systematische, wissenschaftliche Aufarbeiten, Sammeln und Dokumentieren des Materials.

Das Projekt ist so wichtig, weil damit die Rückbesiedlung Brandenburgs durch Wölfe verfolgt werden kann – und andererseits erkenntlich wird, wo, warum und wie viele dieser streng geschützten Tiere sterben, erklärt die Biologin. Schon jetzt zeigt sich, dass das größte Problem für die an sich zurückgezogen lebenden Tiere der Autoverkehr ist. Pokorny zeigt eine Karte mit eingetragenen Symbolen. Die meisten Todesfälle gibt es entlang der A13 durch die Lausitz. Fatalerweise wird den Tieren der Wildzaun zum Verhängnis: Sie geraten dadurch in eine Sackgasse, kreuzen wieder und wieder die Fahrbahn und finden nicht mehr zurück in den Wald, wird vermutet.

Knapp 100 Tiere haben sich mittlerweile in Brandenburg angesiedelt, sie leben in größeren Gruppen, Paaren oder als Einzelgänger, meist relativ sesshaft, doch es gibt auch vereinzelte sogenannte Wanderwölfe. Wie sie miteinander verwandt sind, lässt sich eines Tages auch anhand der Gen-Datenbank erforschen, die in Potsdam erstellt wird. „Dazu brauchen wir aber noch viel mehr Material“, sagt Pokorny. Bisher sind Gewebeproben von etwa einem Dutzend Tiere vorhanden, eine zu geringe Datenmenge für relevante Untersuchungen. Doch mehr Proben kommen jedes Jahr hinzu.

Der logistische Aufwand für dieses Forschungsprojekt ist nicht unerheblich. Wer einen toten Wolf findet, ruft in der Regel bei Polizei, Autobahnmeisterei oder Jagdbehörde an, sagt Pokorny. Die informieren das Landesumweltamt, das das Tier abholt und in die nächste Kühltruhe verfrachtet, so die Biologin. Der Körper soll möglichst ohne weiteren Schaden das Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung erreichen. Dort wird der tote Wolf auf Herz und Nieren untersucht. „Die Berliner haben ein riesiges CT-Gerät, da passt eine Giraffe rein“, sagt Pokorny. Dort sieht man innere Verletzungen, alte und neue Knochenbrüche, auch von welcher Seite das Tier eventuell angefahren wurde. Weiterhin wird der Tierkörper auf Parasiten und Krankheiten wie Staupe und Tollwut untersucht. Erst dann ist er freigegeben und kommt nach Potsdam, in die Nasswerkstatt.

Für solche Fälle ist immer ein Mitarbeiter per Notfallhandy erreichbar. „Wir haben einen Wolf für euch“, heißt es dann. Denn je länger sich das Prozedere hinzieht, desto unappetitlicher wird es. „Aber wir haben eine gute Lüftung, und – ja – das ist unser Job“, sagt Pokorny. In Potsdam wird der Tierkörper nach einem gründlichen Vermessen komplett auseinandergenommen, eine „dolle Fleischschau“ nennt das die Biologin. Der Schädel werde aufgeschnitten, das Fell abgetrennt und an einen speziellen Gerber geschickt. Aus dem Muskelfleisch wird ein Pfitzelchen für die DNA-Probe entnommen. Um ein sauberes Skelett zu bekommen, braucht es Zeit. Die Knochen müssen in einem speziellen Verfahren langsam von Geweberesten getrennt und entfettet werden.

Am Ende werden Skelett und Schädel in Kartons verstaut, das Fell im Regal flach gelagert. Die Erkenntnisse über Alter, Geschlecht, Ernährungszustand und Lebensweise des Tieres, seine mutmaßlichen Todesumstände sowie das Sektionsprotokoll archiviert. Ein Wolfsleben, das zwischen Aktendeckeln endet, für das sich aber irgendwann einmal Wissenschaftler interessieren könnten. „Das ist ein Projekt, das für die Zukunft angelegt ist“, sagt Pokorny. Doch auch jetzt rufen Forscher an: Einmal sei ein Wolfsschädel zu Studienzwecken sogar per Post verschickt worden. Sollte Ina Pokorny irgendwann ein besonders stattliches Wolfsexemplar in die Hände bekommen, werde sie diesen aber behalten. „Wir suchen noch einen Wolf, aus dem sich ein schönes Präparat für das Museum herstellen lässt.“

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