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Der Aufstand der Ultras : Dietmar Hopp, der DFB und der Hass der Fans

Mit Beleidigungen provozieren Fans in Bundesliga-Stadien Hoffenheims Mäzen und den DFB. Für sie ist Dietmar Hopp Symbol eines Systems, das sie verachten.

Protest in vielen Ligen. Auch die Fans des MSV Duisburg brachten ihren Unmut am Sonntag beim Spiel in Meppen zum Ausdruck.
Protest in vielen Ligen. Auch die Fans des MSV Duisburg brachten ihren Unmut am Sonntag beim Spiel in Meppen zum Ausdruck.Foto: imago

Die Empörung auf der nach oben offenen Erregungsskala erreichte am Wochenende neue Rekordwerte. Beim TV-Sender Sky herrschte am Samstag allgemeine Betroffenheit, von einem Tiefpunkt in der Geschichte des Fußballs war die Rede. Auf anderen Kanälen klang es kaum anders.

Was ist passiert?

Es ging nicht um Heysel 1985, als vor dem Europapokalfinale zwischen dem FC Liverpool und Juventus Turin 39 Fans im Stadion zu Tode gekommen waren. Es ging auch nicht um die Vergabe der Weltmeisterschaft 2022 in das autokratisch regierte Katar. Es ging um das Bundesligaspiel zwischen der TSG Hoffenheim und Bayern München (0:6), das vom Schiedsrichter zweimal unterbrochen worden war, weil in der Münchner Kurve beleidigende Transparente gegen Dietmar Hopp zu sehen waren.

Spieler, Trainer und Verantwortliche der Bayern redeten wild gestikulierend auf die Anhänger ein. Und nach der zweiten Unterbrechung, die fast 20 Minuten dauerte, stellten beide Mannschaften aus Protest gegen den Protest den Wettkampf ein und schoben sich gegenseitig die Bälle zu.

Woher kommt der Hass auf Dietmar Hopp?

Die Fanszenen von Borussia Dortmund, Borussia Mönchengladbach, Bayern München und dem 1. FC Köln gönnen sich gegenseitig nicht einmal das Schwarze unter dem Fingernagel. In ihrem Protest gegen Hopp aber erlebte man sie an den vergangenen beiden Wochenenden in seltener Einigkeit. Das liegt daran, dass Hopp für sie zu einem Symbol geworden ist für vieles, was in ihren Augen im durchkommerzialisierten Fußball falsch läuft.

Der 79 Jahre alte Hopp hat die TSG aus dem Sinsheimer Ortsteil Hoffenheim mit einem dreistelligen Millionenbetrag von der Kreisliga bis in die Bundesliga geführt. Für die traditionellen Fans stellt der Durchmarsch des Vereins einen Kulturbruch dar. Offiziell legt die 50+1-Regelung fest, dass ein Geldgeber keinen entscheidenden Einfluss bei einem Verein ausüben darf. Das aber hat Hopp von Anfang an getan.

Und durch eine Sonderregelung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), die für Werksvereine Bayer Leverkusen und den VfL Wolfsburg erdacht worden war, ist dieser Zustand inzwischen legalisiert worden. Aus Sicht der Fans haben Hopp, Hoffenheim und der DFB damit eine Tür geöffnet, durch die später auch Rasenballsport Leipzig geschlüpft ist.

In der Debatte um Hopp wird vieles vermischt

Hopp hat nicht nur seinen Heimatverein nach Kräften unterstützt, er hat einen Teil seines Vermögens auch für soziale Projekte eingesetzt, nach eigenen Angaben rund 800 Millionen Euro. Hopps soziales Engagement wird auch jetzt von seinen Verteidigern gegen seine Kritiker ins Feld geführt.

„Ich weiß nicht, was in diesen Köpfen los ist. Dietmar Hopp ist eine Seele von einem Menschen, der der Gesellschaft so viel gegeben hat“, hat Schalkes Sportvorstand Jochen Schneider gesagt. Ähnlich äußerte sich DFB-Präsident Fritz Keller im Sportstudio des ZDF: „Herr Hopp hat viel Vermögen verdient, ja, durch harte Arbeit. Aber er gibt das ganze Vermögen für Sport, für soziale Projekte, für Medizin aus. Und dafür wird man an den Pranger gestellt in diesem Land?“

Wie so oft in der ganzen Debatte werden auch in dieser Frage verschiedene Dinge miteinander vermischt. Denn was hat Hopps soziales Engagement mit der Unterstützung eines profitorientierten Fußballvereins zu tun? Auch Hopp selbst – so scheint es – hat den Unterschied nie erkannt.

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Auf die Kritik aus den gegnerischen Fankurven an seiner Person hat er stets mit Unverständnis reagiert, auch auf die Ereignisse vom Samstag. „Wenn ich nur im Entferntesten wüsste, was diese Idioten von mir wollen, dann würde es mir alles leichter fallen, das zu verstehen“, sagte er „Sport1“. „Ich kann mir nicht erklären, warum die mich so anfeinden. Das erinnert an ganz dunkle Zeiten.“

Hopp hat stets sensibler auf Beleidigungen reagiert als andere Protagonisten aus dem Fußball. Als Christian Heidel, damals Manager bei Mainz 05, im Jahr 2007 sein Bedauern äußerte, dass ein Klub wie Hoffenheim „einen der 36 Plätze im Profi-Fußball wegnimmt“, reagierte Hopp mit einem Schreiben an den DFB-Präsidenten, den Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga und den Manager der Nationalmannschaft.

Darin hieß es: „Wir würden uns wünschen, dass man Diskriminierung, wie sie Herr Heidel betreibt, mit Konsequenz verfolgt. Denn diese infame Diffamierung unseres Clubs, die wohl bewusst den Hass auf Hoffenheim schüren soll, ist auch geeignet, Gewalt gegen uns auszulösen.“

Worum geht es den Fans?

Das Paradoxe ist, dass durch die aktuellen Vorkommnisse eine Debatte neu befeuert worden ist, die eigentlich schon weitgehend erloschen war. Hopp und Hoffenheim hatten ihren Schrecken weitgehend verloren – weil die Entwicklung längst über sie hinweggegangen ist und es mit RB Leipzig ein neues Feindbild für die kommerzkritischen Fanszenen gibt.

Die jüngsten Proteste richten sich auch nur vordergründig gegen Hopp, gemeint ist eher der DFB. Auslöser war ein Urteil des Sportgerichts gegen die Anhänger von Borussia Dortmund, die für die fortwährenden Beleidigungen Hopps durch die BVB-Ultras mit einem zweijährigen Fanausschluss für Spiele ihres Klubs in Sinsheim bestraft wurden.

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Der DFB rückte damit von seiner 2017 verkündeten Abkehr von Kollektivstrafen ab. Erstmals wurde wieder die komplette Anhängerschaft eines Klubs für die Verfehlungen Einzelner bestraft. Auch dadurch ist der Eindruck entstanden, dass für Hopp beim DFB andere Maßstäbe gelten.

Die Beleidigung Hopps wird nun instrumentalisiert, um den DFB zu treffen. Das war vor einer Woche so, als die Fans von Borussia Mönchengladbach das inkriminierte Plakat der Dortmunder mit Hopp im Fadenkreuz quasi zitierten; das war auch am Samstag so. Auf dem Transparent im Bayern-Block stand: „Alles beim Alten. Der DFB bricht sein Wort. Hopp bleibt ein Hurensohn.“ In einer Erklärung stellten die Ultras explizit die Verbindung zur Wiedereinführung der Kollektivstrafe her: „Es ist für uns ein Affront, den wir nicht unbeantwortet lassen können.“

Wer sind die Ultras?

Die Ultras sind im modernen Fußball ein wichtiger Faktor, weil sie im Stadion inzwischen nahezu allein für die Stimmung auf den Rängen verantwortlich sind. Vielen aber sind sie auch ein Ärgernis. Und manchmal mehr als das. Dann werden die Ultras in den Rang einer kriminellen Vereinigung gerückt, gegen die man mit der ganzen Härte des Gesetzes vorzugehen habe.

„Das ist das ganz hässliche Gesicht von Bayern München“, sagte Bayerns Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge nach den Ereignissen in Sinsheim. „Wir wollen mit diesen Leuten in unserem FC Bayern nichts zu tun haben.“

Es sind allerdings dieselben Leute, die in der Münchner Arena tapfer gegen die Operettenstimmung ansingen. Die die Zusammenarbeit ihres Vereins mit Katar kritisch hinterfragen. Und die den in der Nazizeit ausgegrenzten Vereinspräsidenten Kurt Landauer der Vergessenheit entrissen haben. Einfache Wahrheiten gibt es in dieser Debatte nicht.

Welche Konsequenzen drohen?

Mit den Ereignissen in Sinsheim wird sich nun das DFB-Sportgericht befassen, den Bayern droht eine Geldstrafe – obwohl sich sämtliche Verantwortliche des Klubs gegen die Proteste positioniert haben. Das war auch in Mönchengladbach so, als fast das ganze Stadion mit Unmut auf die beleidigenden Transparente der Kurve reagierte und „Ultras raus!“ rief.

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Der sogenannte Dreistufenplan des DFB sieht bei diskriminierenden Beleidigungen von den Rängen zwei Unterbrechungen vor, ehe bei einem dritten Zwischenfall ein Spielabbruch folgt. Mit dem Vorgehen der Schiedsrichter, zunächst in Mönchengladbach, dann in Sinsheim, ist ein Präzedenzfall geschaffen worden. Und dass die Latte inzwischen recht niedrig liegt, hat sich am Sonntag in der Alten Försterei, beim Spiel des 1. FC Union gegen Wolfsburg, gezeigt: Eine – zugegeben – nicht jugendfreie Kritik am DFB reichte, um die erste Intervention des Schiedsrichters auszulösen.

Schon jetzt lässt sich feststellen, dass die Ultras sich einen Spaß daraus machen, den Verband zu provozieren. Am Sonntag waren nicht nur bei Union, sondern auch beim VfL Bochum in der Zweiten Liga Anti-Hopp-Transparente zu sehen. Das für die Geschehnisse in Sinsheim zuständige Polizeipräsidium Mannheim kündigte am Sonntag zudem an, wegen der Vorfälle auf den Rängen eine Ermittlungsgruppe zu bilden.

Reagiert der DFB mit zweierlei Maß?

Nach der großen Erregung von Sinsheim ist die Frage gestellt worden, wie es eigentlich war, als Jordan Torunarigha von Hertha BSC beim Pokalspiel gegen Schalke rassistisch beleidigt wurde. Das Spiel wurde nicht unterbrochen, Torunarigha anders als jetzt Hopp nicht von einer großen Koalition aus Schiedsrichter, Spielern und Funktionären geschützt – im Gegenteil: Der 22-Jährige sah später sogar Rot, weil er seine Nerven nicht mehr im Griff hatte.

Der Vergleich hinkt ein bisschen: weil die rassistische Beleidigung im Stadion für die wenigsten vernehmbar war und sie auch nicht für alle sichtbar auf einem Transparent geäußert wurde. Natürlich hätte es in einem solchen Fall eine Intervention des Schiedsrichters gegeben. Trotzdem bleibt die Frage, ob der DFB gegen rassistische, homophobe oder sexistische Beleidigung genauso entschieden vorgeht wie gegen Beleidigungen, die sich gegen einen ihrer Gönner wie Hopp richten. Die Antwort lautet wohl: bisher nicht.

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