• Hans Joachim Watzke im Interview: „Wenn wir 2020 noch Spiele mit Zuschauern sehen, bin ich glücklich“

Hans Joachim Watzke im Interview : „Wenn wir 2020 noch Spiele mit Zuschauern sehen, bin ich glücklich“

BVB-Chef Hans-Joachim Watzke über die Kritik an seiner Person, Solidarität unter Klubs in Krisenzeiten und die finanzielle Lage des BVB.

Hans-Joachim Watzke, 60, ist seit 2005 Geschäftsführer von Borussia Dortmund.
Hans-Joachim Watzke, 60, ist seit 2005 Geschäftsführer von Borussia Dortmund.Foto: Guido Kirchner/dpa

Hans-Joachim Watzke, 60, ist seit 2005 Geschäftsführer von Borussia Dortmund. Zuletzt hat er in der ARD-Sportschau seine Meinung verteidigt, dass eine Absage des Bundesligaspieltags nicht alternativlos gewesen sei und zudem finanzschwächeren Klubs angesichts der Corona-Pandemie keine Hilfe zugestanden. Dafür wurde der 60-Jährige, seit 2005 Geschäftsführer des Bundesligisten aus Dortmund, stark kritisiert.


Herr Watzke, hätten Sie vor zwei Wochen gedacht, dass sich die Liga Mitte März in einer existentiellen Krise befindet?
Ehrlich gesagt, leider habe ich das auch nicht. In meinem Umfeld wies man mich schon recht früh auf die mögliche Eskalation hin, und deswegen haben wir beim BVB auf vielfältigen Wegen Vorkehrungen getroffen. Sei es bei der Abschirmung der Spieler oder der Mitarbeiter. Als weitsichtig hat sich erwiesen, dass wir unsere Kreditlinie schon früh sehr erweitert haben, so dass wir – auch in der jetzigen Situation, in der mehrere Erlöse auf der Kippe stehen – kein Liquiditätsproblem haben werden. Aber eines ist auch klar, dies ist eine Situation für alle Menschen in Deutschland, Europa und in vielen Ländern dieser Welt, die wir alle so noch nicht hatten, die uns vor enorme Herausforderung stellt und für deren Lösungen wir keinerlei Blaupausen haben. Jetzt muss der Fußball - allen wirtschaftlichen Risiken und der soziokulturellen Bedeutung zum Trotz – in den Hintergrund treten. Die Eindämmung der Virusausbreitung in der Bevölkerung wird auf allen Ebenen selbstverständlich priorisiert.

Nach der Vollversammlung der DFL hat Geschäftsführer Christian Seifert Geisterspiele als „einzige Überlebenschance“ für die Bundesliga bezeichnet? Stimmen Sie ihm zu?
Leider ja. Wir stehen natürlich auch im direkten Austausch mit dem Bundesminister für Gesundheit, Jens Spahn, den zuständigen nationalen, regionalen und lokalen Behörden und auch den wichtigsten Instituten. Die sagen uns leider: In den nächsten Wochen werden eher noch mehr Maßnahmen eingeleitet, eine Rücknahme der Einschränkungen ist vorerst nicht wahrscheinlich. Sie glauben gar nicht, wie gern wir hier gerade in Dortmund vor mehr als 80.000 Leuten spielen wollen würden, aber das wird uns aus gutem Grund leider keine Behörde in nächster Zeit zugestehen. So schlimm es ist und so sehr es unserer stimmungsvollen Fußballkultur in Deutschland widerstrebt.

Hintergründe zum Coronavirus

Wir müssen diese Saison aber zu Ende bringen. Ich sage auch, dass das emotional sehr anders wird. Die Meisterschaft hat dieses Jahr emotional sicherlich am Ende einen anderen Wert als sämtliche Titel vorher. Die Schale wird weder der Menge am Borsigplatz gezeigt noch auf dem Marienplatz oder sonstwo. Dennoch müssen wir die Saison beenden, ansonsten wird’s finanziell für zu viele Vereine so dramatisch, dass sich Dinge im Fußball verändern werden, an die man jetzt nicht einmal denken mag. Und wenn uns die Behörden grünes Licht geben, dass diese Spiele im ganz kleinen Kreis erlaubt werden, dann werden wir die Möglichkeit nutzen, unsere Arbeit machen. Wie viele andere Unternehmen auf der Welt dies aktuell auch eingeschränkt machen, um Arbeitsplätze zu schützen. Was den Fußball angeht, reden wir über fast 60.000. Und viele Branchen, die noch dranhängen. Aber natürlich können wir auch erst dann weitermachen, wenn es seitens der Experten keine Bedenken diesbezüglich gibt.

Ihr Auftritt in der ARD-Sportschau wirkte so, als würde Sie die Unterbrechung der Saison eher nerven als beunruhigen. Ein falscher Eindruck?
Ich werde nicht dafür bezahlt, beunruhigt zu sein. Und natürlich nervt es mich, wenn ein Saisonhighlight im europäischen Fußballkalender, „die Mutter aller Derbys“ nicht gespielt werden kann. Ich habe ja den Luxus, auch Fan meines Arbeitgebers zu sein. In so einem Moment darf man als Verantwortlicher nicht beunruhigt sein, sondern muss mit klarem Kopf Entscheidungen treffen. Übrigens nicht bloß im Sinne von einigen Hochbezahlten, sondern im Sinne von 850 Mitarbeitern. Der BVB ist einer der größten Arbeitgeber in Dortmund. Ich trage Verantwortung für diese Menschen und ihre Familien.

Sie haben die Gesundheitsgefahr für eine Profi-Mannschaft "als nicht so gravierend" eingestuft. Das wirkte angesichts immer neuer positiver Corona-Tests in Profiklubs als arg verharmlosend.
Sie müssen da schon richtig hinhören, ich habe keinesfalls gesagt, dass die Spezies der Profifußballer immun gegen eine Erkrankung mit dem Covid-19-Virus ist. Aber, und dabei bleibe ich: Profisportler gehören nicht zu den Risikogruppen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Profi stationär behandelt werden muss oder Schlimmeres passiert, ist sehr gering, wenn auch nicht ausgeschlossen. Profifußballer gehören qua Alter nicht zur Risikogruppe, zudem werden sie fast rund um die Uhr von mehreren Ärzten gecheckt und begleitet. Wir haben eigene Köche, Gesundheits- und Ernährungsberater. Ich bleibe dabei: wenn es eine Gruppe gibt, die gut für eine Pandemie gerüstet ist, dann sind’s junge, gesundheitlich dauerkontrollierte Männer im Leistungssport. Und natürlich müssen wir durch tägliches Testen dafür sorgen, dass die Spieler nicht ihre Familien, Gegen- und Mitspieler anstecken.

Viele Spieler sorgen sich um ihre Familien und würden gerne zu ihnen reisen. Sie haben etwas lapidar verkündet, sie verstünden nicht, warum die Familien nicht bei den Spielern seien. Ist das immer noch Ihre Haltung?

Da wurde ich, glaube ich, falsch verstanden am Sonntag. Natürlich haben wir Verständnis für die Sorge um Familienangehörige. Nehmen wir Achraf Hakimi doch als Beispiel, und schauen Sie, was in Spanien los ist. In Madrid ist das Gesundheitssystem doch schon in arger Bedrängnis, es wäre doch aus jeder Perspektive dumm, ihn jetzt dahinzuschicken, Spanien hat den Notstand ausgerufen! In so einer Situation haben priviligierte Fußballer doch sogar die Möglichkeit, ihre Familie nach Dortmund zu holen, wo sie in ein gutes System integriert werden können. Und als verantwortungsvoller Arbeitgeber hören wir da nicht weg, wir helfen ihnen bei jedem Schritt.

Sprechen wir mal über den BVB in der Krise. Wie lang kann ein Klub wie Borussia Dortmund eine solche Situation ohne Einnahmen aus Tages-Tickets und TV-Geldern aushalten?

Wie oben schon erwähnt, haben wir vorzeitig Vorkehrungen getroffen, damit wir aktuell weit weg von einer Situation sind, die uns Liquiditäts- oder gar Existenz-Sorgen bereiten müsste. Aber ich kenne auch keine andere Branche auf der Welt, die es problemlos hinnehmen könnte, wenn von den drei relevantesten Einnahmeströmen, in unserem Fall also TV-Vermarktung, Sponsoring und Spieltagseinnahmen - Ticketing, Catering, Merchandising am Spieltag - je ein Drittel wegfallen würde. So eine Situation gab es ja noch nie in der Fußballgeschichte, und daher waren die Einnahmen in der wirtschaftlichen Planung natürlich zum Teil eingeplant. Aber um konkret auf die Frage zu Antworten: einige Monate würden wir auskommen, wenn in den nächsten Monaten nicht ein Cent dem BVB-Konto gutgeschrieben werden würde.

Für viele Menschen ist Fußball mehr als ein Hobby

„Echte Liebe“ ist der Slogan des BVB? Gilt der auch für die vielen Beschäftigten des BVB, die sonst im Fanshop, den Würstchenbuden und an den Einlasstoren des Stadions arbeiten und die jetzt nichts mehr verdienen?

Eindeutig ja. Wir haben, wie schon erwähnt, 850 Mitarbeiter beim BVB, und genau deswegen muss es ja - dieser einzigartigen Situation angepasst - weitergehen. Es geht doch längst nicht nur darum, die - zugegeben hohen - Gehälter der Lizenzspieler zu bezahlen. Wir haben eine eigene Abteilung, die sich gegen Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung einsetzt, Bildungsreisen u.a. nach Auschwitz und Israel organisiert. Wir haben gerade eine Million Euro für einen Neubau in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem gespendet. Natürlich sind auch diese Engagements nur möglich, weil im Fußball viel Geld steckt, und es war immer die Haltung von Borussia Dortmund, dass wir dieses Geld eben nicht nur in den Kader stecken, sondern unserer gesellschaftlichen Verantwortung auch mit barer Münze gerecht werden. Wir denken aktuell nicht im Ansatz an so etwas wie „betriebsbedingte Kündigungen“. Das spielt in unseren Planungen keine Rolle. Um das mal ganz klar zu sagen: Die Familie Borussia Dortmund wird das gemeinsam schultern und sich gegenseitig helfen. Selbst dann, wenn unser BVB-Reisebüro aktuell keine Reisen verkaufen kann und unsere Event & Catering GmbH weder Events ausrichtet noch Catering organisiert.

Nimmt der Fußball sich zu wichtig?

Dass der Fußball ein Thema ist, das viele Menschen in Deutschland sehr bewegt, ist Fakt. Für viele, viele Menschen ist es mehr als nur ein Hobby, es ist Thema bei Familienfeiern, in der Schule, Uni, auf der Arbeit. Ein, wenn nicht sogar der Gesellschafts-Kit in Nicht-Krisen-Zeiten. Und ich glaube auch, dass wir irgendwann wieder spielen müssen, damit wir auch noch andere Themen haben als dieses Virus, das gerade alles dominiert. Natürlich ist es anders in leeren Stadien, das wissen wir auch. Da fehlt mehr als das Salz in der Suppe, da fehlen viele Zutaten, es wird nicht das gleiche sein. Hinzu kommt: Ich bin nun einmal Geschäftsführer eines Fußballvereins und werde dafür bezahlt dafür zu sorgen, dass unsere Mitarbeiter einen gesicherten Arbeitsplatz haben. Ich bin ja parallel noch Gesellschafter eines Unternehmens für Arbeitsschutzkleidung und bekomme da auch mit, was mit den Unternehmungen in Deutschland passiert, wie dramatisch sich die Lage verändert hat, welche Unsicherheit da ist. Glauben sie mir, ich weiß sehr genau, wie privilegiert die Fußballbranche ist. Das ist für mich aber eher ein Grund mehr als einer weniger, den Ball wieder ans Rollen zu bringen.

Es gibt Klubs, die sind sehr viel schlechter dran als der BVB. Denen soll geholfen werden, eventuell auch durch einen Solidarfonds. Ist das das geeignete Mittel zur Krisenbewältigung? Und wird der BVB auch seinen Beitrag leisten?

Solidarfonds klingt ja erstmal gut, aber man müsste sich ansehen, wie ein solcher Fonds dann aufgebaut wäre. Das darf natürlich nicht dazu führen, dass Clubs, die in den vergangenen Jahren sportlich und ökonomisch viele Fehler gemacht haben, am Ende davon profitieren. Wenn es aber unverschuldet durch diese nicht vorhersehbare Ausnahmesituation geschehen ist, dann wird Borussia Dortmund sicher nicht unsolidarisch sein.

Sie haben in den letzten Tagen immer betont, die Klubs seien Konkurrenten. Sind sie in diesen Tagen nicht noch mehr als das, vielleicht sogar Verbündete?

Das sind wir ja immer, aber dennoch Wettbewerber.

Werden Sie die Spieler bitten, Ihren Teil zur Bewältigung der Krise beizutragen, etwa durch einen Verzicht auf Gehalt?

Oberstes Ziel aller Beteiligten muss sein, rechtsgültige Verträge einzuhalten. Ich bin aber auch sicher, dass viele Spieler wissen, wer die Leute sind, die dafür sorgen, dass sie den Job so ausüben, wie sie ihn eben ausüben. Die Kameramänner, die für’s Club-TV spätnachts die Videos schneiden oder der Pförtner der aufpasst, dass am Trainingsgelände nichts passiert. Da wird man zusammenrücken.

In den USA haben Spieler und Teams (NBA, MLB) rasch dafür gesorgt, dass die Gehälter der Vereins- und Arena-Mitarbeiter in absehbarer Zeit gedeckt sind. Warum geschieht das in Deutschland nicht? Stattdessen werden die „56.000 Arbeitsplätze“ von Christian Seifert noch als Argument verwendet, dass möglichst bald wieder gespielt werden muss.

Die Systeme in Deutschland und den USA sind nicht zu vergleichen. Und: Bei den 56.000 Arbeitsplätzen geht es ja um viele, nicht „nur“ Clubangestellte. In Dortmund leben Gastronomen, Hoteliers, Taxifahrer auch Verkehrsbetriebe sehr gut vor allem durch die Einnahmen aus dem Fußball. Genau deswegen müssen wir darum kämpfen, dass der Schaden möglichst gering ist. Und ich bin der Überzeugung, dass der Fußball das aus seiner eigenen Kraft schafft und das ohne staatliche Alimentierung.

Wann, glauben Sie, wird wieder vor Publikum Fußball gespielt?

Später als ich’s mir wünsche. Und das trifft mich wirklich persönlich! Wenn wir im Jahr 2020 noch Spiele mit Zuschauern sehen, dann wäre ich schon sehr glücklich.

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