Talentförderung im Fußball : Inzwischen gilt England als führend

In der Nachwuchsarbeit sieht es beim DFB längst nicht mehr so gut aus wie noch vor ein paar Jahren. Nicht nur Mehmet Scholl hat das erkannt.

Alt gegen jung. Weltmeister Mats Hummels (r.) im Zweikampf mit U-20-Nationalspieler Johannes Eggestein.
Alt gegen jung. Weltmeister Mats Hummels (r.) im Zweikampf mit U-20-Nationalspieler Johannes Eggestein.Foto: Markus Gilliar/dpa

Das Leben als leitender Angestellter beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) bringt einige Annehmlichkeiten mit sich. Frank Kramer zum Beispiel, der Trainer der U-20-Nationalmannschaft, durfte in dieser Woche fünf Tage am Montiggler See in den Südtiroler Bergen verbringen und war unter anderem zum Grillen beim Bundestrainer Joachim Löw eingeladen. Es gibt schlimmere Dienstreisen.

Eine dieser schlimmeren Dienstreisen hat den 46 Jahre alten Kramer Anfang Mai nach England zur U-17-Europameisterschaft geführt. 17 Spiele hat er sich angeschaut, darunter auch die Niederlagen des deutschen Teams gegen den späteren Turniersieger Holland (0:3) und Spanien (1:5). Die U 17 schied als Gruppendritter bereits in der Vorrunde aus – und Kramer war nach seinen Eindrücken weit davon entfernt, an eine üble Laune des Schicksals zu glauben. „Es ist schon grundlegend“, sagt er. Man müsse sich ja nur die U-17-Mannschaften der Bundesligaklubs anschauen, die gerade wieder vermehrt ausländische Spieler holten. Spieler, die sie im Klub, in ihrer Region oder und im eigenen Land offenbar nicht finden.

Die Nationalmannschaft ist Weltmeister, sie ist Confed-Cup-Sieger, die U 21 noch Europameister dazu. Man könnte also meinen, dass der deutsche Fußball international das Maß aller Dinge ist. Vielleicht trifft das auf die Männer zu. Im Nachwuchs aber sieht es längst nicht mehr so rosig aus wie noch vor ein paar Jahren.

Von den U-21-Europameistern des vergangenen Sommers hat es kein einziger Spieler in den Kader für die anstehende Weltmeisterschaft in Russland geschafft. „Viele glauben, in Deutschland gäbe es Talente wie Sand am Meer. Das stimmt nicht.“ Hat Joachim Löw gesagt. Vor drei Jahren. Seitdem hat sich die Situation eher nicht verbessert.

„Am Ende verlernen unsere Jungs die deutschen Tugenden – dass es eben auch mal knallt im Zweikampf“

Nicht nur die U 17 hat mit dem Vorrundenaus bei der EM ihr Ziel verfehlt. Die U 19 ist in der EM-Qualifikation an Norwegen gescheitert und die U 20 vor einem Jahr im WM-Achtelfinale gegen Sambia ausgeschieden. „Das ist eine Durststrecke, die wir dieses Jahr haben“, sagt Joti Chatzialexiou, der seit Januar als Sportlicher Leiter für alle Nationalmannschaften beim DFB zuständig ist. Zumindest hofft und wünscht er sich, dass diese Durststrecke auf ein Jahr beschränkt ist. Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff hat allerdings vor kurzem von den Beobachtungen der U-Nationaltrainer erzählt: Vor einigen Jahren habe es noch sechs oder sieben herausragende Talente pro Jahrgang gegeben, heute seien es nur noch zwei oder drei.

So wie andere Nationen aufgeholt haben, so hat die Ausbildung der Deutschen nach den goldenen Jahren 2009ff. ein wenig an Tempo verloren. In der Nachwuchsarbeit gelten inzwischen die Engländer als führend, die sich die Ausbildung nicht nur richtig viel kosten lassen, sondern auch ein paar gute Ideen umgesetzt haben. So haben sie zunächst massiv in die Trainerausbildung investiert. Außerdem legen sie mehr Wert auf die individuelle Schulung der Fußballer, weniger auf mannschaftstaktisches Verhalten. „Es sind die Basics, die Eins-gegen-eins-Situationen, die wir nicht gut lösen“, sagt U-20-Trainer Kramer.

Neu ist auch diese Erkenntnis nicht. Hans-Dieter Flick hat schon im Sommer 2015, noch als DFB-Sportdirektor, dieses Problem in einem Interview mit dem Tagesspiegel deutlich angesprochen: „Unsere Spieler in den Leistungszentren können alle einen perfekten Aufsatz über die Spielsysteme schreiben, aber wir müssen sehen, dass sie in den Basics top sind. Wir müssen sie ermuntern, sich spielerisch auszutoben. Ich möchte Spieler haben, deren Stärke das Eins-gegen-eins ist und die sich auch trauen, diese Qualität einzusetzen.“ Das gilt nicht nur für Offensivspieler; es gilt auch für Verteidiger, die sich nicht mehr alleine in Defensivzweikämpfe wagen, sondern gedoppelt oder getrippelt werden müssen. „Am Ende verlernen unsere Jungs die deutschen Tugenden – dass es eben auch mal knallt im Zweikampf“, sagt der 42 Jahre alte Chatzialexiou.

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