Lesen Sie, was die Gegner der Bewerbung sagen

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Bewerbung Berlin Olympische Spiele 2024 : Berliner Olympiastadium
Lehnt Olympische Spiele grundsätzlich ab: Linkspolitikerin und Geschäftsführerin der Naturfreunde, Judith Demba.
Lehnt Olympische Spiele grundsätzlich ab: Linkspolitikerin und Geschäftsführerin der Naturfreunde, Judith Demba.Foto: imago

Und so ist es kein Wunder, dass man bei den Gegnern wieder diejenigen trifft, die schon gegen Berlins Bewerbung für das Jahr 2000 waren. Nur 25 Jahre älter.

Judith Demba, 57 Jahre, hört es nicht gern, aber sie ist eine Veteranin des Widerstands. Und würde es sie nicht geben, es gäbe in der Stadt wohl noch keine organisierte Nolympics-Bewegung.

An einem nasskalten Februartag sitzen in den kargen Räumen der Grünen Liga in der Prenzlauer Allee zwölf Olympia-Gegner, angeführt von Judith Demba, einst sportpolitische Sprecherin der Alternativen Liste/Die Grünen und heute einfaches Parteimitglied der Linken und Geschäftsführerin der Naturfreunde.

Damals, vor 25 Jahren, musste Demba das Amt der sportpolitischen Sprecherin übernehmen – es war kein anderes übrig. Sie hatte als DDR-Bürgerin gern Olympische Spiele geschaut, wird sie später erzählen. Aber direkt nach der Wende, sagt sie heute, habe sie gespürt, dass das nicht richtig sein könne und die Stadt überfordert ist. So ist sie da Anfang der Neunziger reingerutscht. Heute sind fast alle Mitstreiter Dembas über 50 Jahre alt, sie kommen aus verschiedenen Gruppen, dem Naturschutzbund, dem Wassertisch, den Pro-Tempelhofern, den Naturfreunden, der Grünen Liga. Sie repräsentieren in ihrem Selbstverständnis den kritischen Bürger, der sich einmischt und obrigkeitsskeptisch ist.

Politiker haben Angst: Sind Kompromisse noch möglich?

Dieser Kampf der Bürger für ihre Interessen, wie Stuttgart 21 oder Tempelhof in Berlin, wird stetig vielfältiger. Das klassische System der repräsentativen Demokratie mit seinen Checks and Balances reicht heutzutage für die Konsensfindung offenbar nicht mehr aus. Ohne ausreichende Bürgerbeteiligung geht nichts mehr. Nur was passiert, wenn auch trotz ausreichender Bürgerbeteiligung nichts mehr geht? Die Frage, die sich politische Entscheidungsträger ängstlich stellen, lautet: Sind bei großen Projekten überhaupt noch Kompromisse möglich?

Demba sagt, dass nicht der Senat ihr Feind sei, sondern das IOC. Die Politik sei naiv zu glauben, sie könne Spiele nach eigenen Regeln ausrichten. Die Arbeitssitzung der Olympiagegner wird von ihr, dunkelrot gefärbtes Haar, schwarz-rote Brille, mit strengem Regiment geführt. Widerspruch wird nur in der gewährten Redezeit geduldet, und wenn er kommt, wirkt sie genervt. Es ist kalt im Raum, es gibt weder Getränke noch etwas zu essen. Widerstand ist kein Kaffeekränzchen!

So war das mit Olympia 2000 in Berlin
Die olympischen Spiele könnten 2024 in Berlin stattfinden. Schon 1993 hat sich die Stadt um Olympische Spiele beworben. Wir werfen einen Blick zurück. Hier schon einmal das damalige Maskottchen.Weitere Bilder anzeigen
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30.05.2014 10:46Die olympischen Spiele könnten 2024 in Berlin stattfinden. Schon 1993 hat sich die Stadt um Olympische Spiele beworben. Wir werfen...

Später, im persönlichen Gespräch, ist sie entspannter und erzählt, warum sie wieder Olympia-Gegnerin geworden sei. Im Herbst 2013 habe sie eine Journalistin angerufen und gefragt, was sie davon halte, dass der Senat über eine neue Bewerbung nachdenke. „Ich habe das für einen Witz gehalten. Ich dachte, das trauen die sich jetzt nicht. Berlin bekommt nichts auf die Reihe, die soziale Spaltung nimmt zu, die Infrastruktur ist maroder als damals. Und dann Olympia.“ Jeder im Raum kann eine Geschichte von sozialer Ungerechtigkeit erzählen, manche handeln von gestiegenen Mieten, andere vom Kampf der Obdachlosen um Pfandflaschen. Dembas Beobachtung geht so: „Die Menschen werden aggressiver und introvertierter. Sie gucken nicht mehr links noch rechts. Interessiert keinen.“

Während Niroomand und seine Mitstreiter in den Sportverbänden oder der Wirtschaft fest daran glauben, dass Olympische Spiele ein Konjunkturprogramm wären, erwarten Demba und ihre Freunde eine größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich. Angesichts dieser Fronten scheint Konsens unmöglich zu sein. Allerdings bewegt diese Olympiadiskussion zurzeit nur sehr wenige in der Stadt. Eine Massenbewegung für Pro oder Contra wird es frühestens geben, wenn Berlin Kandidat werden sollte.

Und so ist die Berliner Olympiabewerbung in der Stadt kaum sichtbar. Das angestrahlte Brandenburger Tor, der bunte Fernsehturm, der Berlin-Flieger mit dem Olympia-Motto, Fahnen an der Messe und dem ICC, Plakate und Aufkleber – das gibt es. Aber eine Botschaft, eine Figur, ein Gesicht, einer, der wirklich bekannt ist und sich traut, für Olympia einzustehen, ist nicht in Sicht. Kein Regierender Bürgermeister, kein Sportsenator, nur das Fußvolk von der Sportjugend und viele engagierte Sportfunktionäre.

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