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Fritz von Weizsäcker erstochen : Gregor Sch. tötete im Wahn

Der Arzt Fritz von Weizsäcker wird bei einem Vortrag in Berlin erstochen. Der Täter handelte geplant und aus wahnhaftem Groll gegen die Familie seines Opfers.

Der Täter wird am Dienstagabend abgeführt.
Der Täter wird am Dienstagabend abgeführt.Foto: Paul Zinken/dpa

Es ist eine Minute vor sieben am Dienstagabend, als ein Mann im Tagungsraum H in der Abteilung für Psychiatrie der Berliner Schlosspark-Klinik zielgerichtet nach vorne geht. Gerade hält hier der Chefarzt der Abteilung Innere Medizin I einen Vortrag zum Thema „Fettleber“. Der Mann tritt auf den Arzt zu – und sticht ihm in den Hals.

Fritz von Weizsäcker, 59 Jahre alt, Sohn des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker und seit 2005 Chefarzt in der Schlosspark-Klinik, stirbt kurz darauf am Tatort. Der Täter, Gregor Sch., so notiert es die Polizei, sei ein „offensichtlich geistig verwirrter Mann“, die Tatwaffe ein Messer. Es war ein gezielter Angriff, stellt sich bald heraus, der Täter handelte aus Abneigung gegen die Familie Weizsäcker.

Ein 33-jähriger Beamter des Landeskriminalamts, privat vor Ort und im Berufsleben zuständig für Betrug und Cybercrime, versuchte wohl noch, die Tat zu verhindern – und liegt nun selbst schwer verletzt in einem anderen Krankenhaus. Den Täter hielten andere Zuhörer fest.

Nicht der erste Angriff auf einen Arzt

Am Mittwochvormittag steht ein Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma mitten in der Einfahrt zum Klinikum. Von Zeit zu Zeit stellen sich Menschen in weißen Kitteln zu ihm. Sie reden. Doch öffentlich äußern möchte sich keiner von ihnen. Immer wieder tritt der Wachschützer zur Seite, um ein- und ausfahrenden Kranken- und Polizeiwagen Platz zu machen. Die Klinik ist frei zugänglich, Menschen gehen ein und aus.

Ein Arzt wird angegriffen, schwer verletzt, getötet. Es ist nicht das erste Mal, dass so etwas geschieht, in Berlin und anderswo. Der Präsident der Berliner Ärztekammer, Günther Jonitz, sieht ganz unabhängig vom aktuellen Fall grundsätzlich Anlass zur Sorge: „Es gibt ein erhebliches Problem. Aus Gesprächen mit praktizierenden Medizinern wissen wir von viel Angst und deutlicher Aggression unter Patienten“, sagt er. „Das kann mit heftiger Konkurrenz in unserer Gesellschaft, mit fehlendem Zusammenhalt und diffusen Ängsten vor der Zukunft zusammenhängen. Vor Angriffen dieser Art aber können wir uns schlecht schützen.“ Schließlich sei der unmittelbare Umgang mit Patienten die Aufgabe eines Arztes.

Seit 2005 Chefarzt der Abteilung Innere Medizin und Gastroenterologie

Ob der Täter allerdings zu einem früheren Zeitpunkt im Klinikum – zwischen Charlottenburger Schloss und Stadtautobahn gelegen –, gar von Fritz von Weizsäcker selbst, behandelt wurde, konnte noch nicht festgestellt werden.

Gregor Sch. wurde 1962 in Berlin geboren, lebte jedoch in Rheinland-Pfalz und war – soweit bekannt – nicht vorbestraft.

Fritz von Weizsäcker war seit 2005 Chefarzt der Abteilung Innere Medizin und Gastroenterologie an der Schlosspark-Klinik. Geboren am 20. Juli 1960 in Essen, studierte er von 1979 bis 1987 Humanmedizin in Bonn und Heidelberg. Es folgten Stationen in Freiburg, Boston und Zürich, wie es auf der Webseite der Schlosspark-Klinik heißt. Unter Mitarbeitern des Charlottenburger Klinikums war er offenbar beliebt.

Am Tag nach dem Angriff informieren die sich im Treppenhaus des Ärztehauses gegenseitig, es liegt in einem ruhigeren Bereich des Klinikgeländes. Sie wisse noch nichts Neues, die Polizei arbeite an einer Pressemitteilung, sagt dort zwischen Erdgeschoss und erstem Stock eine Frau im Anzug zu einem Kollegen. Auf den mit gelbem PVC ausgelegten Fluren des Ärztehauses aber ist es still. Alle Türen sind geschlossen.

Fritz von Weizsäcker war Spezialist für Leber- und Gallenwegserkrankungen. Er saß im Vorstand des Vereins „Gesundheitsstadt Berlin“, der vom früheren Senator Ulf Fink geleitet wird. Fink kennt die Familie Weizsäcker gut: Vater Richard von Weizsäcker berief ihn in seiner Zeit als Berliner Bürgermeister 1981 zum Gesundheitssenator, der er bis 1989 blieb. Fritz von Weizsäcker begann damals gerade seine ärztliche Laufbahn. „Er hat sich im Alltag ungewöhnlich viel Mühe gegeben“, sagt Fink. „Und ist offen an Probleme herangegangen.“

Vortrag war öffentlich

Die Bundeskanzlerin Angela Merkel drückte der Familie von Weizsäcker ihr Beileid aus, persönlich betroffen zeigte sich insbesondere auch der FDP-Vorsitzende Christian Lindner. „Mein Freund Fritz von Weizsäcker wurde heute Abend in Berlin erstochen. Ein passionierter Arzt und feiner Mensch“, schrieb er bereits am Dienstag bei Twitter. „Neulich noch war er bei uns zuhause zum Grillen. Ich bin fassungslos und muss meine Trauer teilen. Einmal mehr fragt man sich, in welcher Welt wir leben.“

Der Umweltwissenschaftler und frühere SPD-Bundestagsabgeordnete Ernst Ulrich von Weizsäcker würdigte seinen getöteten Cousin mit den Worten: „Ich fand ihn ganz wunderbar.“ Und: „Ich habe ihn ungewöhnlich lieb gehabt."
Der Vortrag mit dem Titel „Fettleber – (K)ein Grund zur Sorge?“, den von Weizsäcker am Dienstagabend hielt, war den Angaben zufolge öffentlich und konnte nach Anmeldung besucht werden. Solcherart Vorträge finden im Rahmen eines so genannten „Patientenforum“ am Klinikum häufiger statt. Sie richten sich in der Regel an interessierte medizinische Laien, die etwas über Erkrankungen, deren Diagnose und Therapiemöglichkeiten erfahren möchten.

Gerichtsmediziner, Kriminaltechniker und Ermittler einer Mordkommission sicherten am Tatort mögliche Spuren. Nachdem einige Bereiche der Klinik dafür zunächst abgesperrt wurden, waren laut Polizei am Mittwochmorgen keine Beamten mehr vor Ort.

Die Schlosspark-Klinik hat ein Kondolenzbuch für die Mitarbeiter ausgelegt.
Die Schlosspark-Klinik hat ein Kondolenzbuch für die Mitarbeiter ausgelegt.Foto: Foto: Catharina Ackenhausen/Schlosspark-Klinik /dpa

Normalbetrieb im Hauptgebäude

Im Hauptgebäude, wo sich auch die Notaufnahme befindet, herrscht Normalbetrieb. In der Krankenhaus-Cafeteria sitzen Patienten mit ihren Besuchern an hellen Holztischen, trinken Kaffee und essen Kuchen.
Einige Meter vom Eingang entfernt stehen die Raucher. Sie kennen kein anderes Thema: „Hast du’s auch schon gehört?“, fragt eine ältere Dame. „Gibt’s schon neue Informationen über den Täter?“, fragt ein Mann.

Auf dem Gelände befinden sich auch das Schlosspark-Hotel mit vier Sternen und ein Restaurant, direkt nebenan ist die „ESCP European Business School“. Der Lehrbetrieb läuft normal weiter, aus einem Hörsaal hört man das Klatschen nach einer Vorlesung.

Am Mittwochnachmittag dann wird ein mögliches Motiv des Täters aus der Schlosspark-Klinik öffentlich. Er habe jedenfalls bei seiner polizeilichen Vernehmung eines genannt, teilt die Generalstaatsanwaltschaft mit. Er habe, gab er an, Fritz von Weizsäcker gezielt getötet, um sich an der Familie von Weizsäcker zu rächen. Demnach liege das Tatmotiv „nicht im höchstpersönlichen Bereich, sondern in einer wohl wahnbedingten allgemeinen Abneigung des Beschuldigten gegen die Familie des Getöteten“.

Täter wird in Psychiatrie untergebracht

Der Täter begründete dies mit der Rolle Richard von Weizsäckers beim Ingelheimer Chemiekonzern Boehringer Ingelheim. Richard von Weizsäcker war dort von 1962 bis 1966 Mitglied der Geschäftsführung, im Jahr 1967 lieferte Boehringer Ingelheim 720 Tonnen Trichlorphenolatlauge an den US-Amerikanischen Konzern Dow Chemical. Und damit einen Grundstoff für Agent Orange, ein Entlaubungsmittel, das im Vietnamkrieg großflächig eingesetzt wurde. Es schädigt dort – bis heute – ungeborene Kinder im Mutterleib.

Der Mann sei psychiatrisch untersucht worden, teilt die Staatsanwaltschaft mit. Er werde im Hinblick auf „eine akute psychische Erkrankung“ in ein psychiatrisches Krankenhaus gebracht. „Der Unterbringungsbeschluss wegen Mordes und wegen versuchten Mordes ist soeben antragsgemäß erlassen worden“, heißt es am Mittwochabend.

Der Staatsanwaltschaft zufolge stieß der Täter nach eigenen Angaben bei einer Recherche im Internet auf den Vortrag von Weizsäckers. Er sei noch am Dienstag mit dem Zug aus Rheinland-Pfalz nach Berlin gereist. Das Messer habe er sich bereits vor der Abreise gekauft.

Nicht der erste tödliche Angriff auf medizinisches Personal

Am Mittwoch trauerten Mediziner und Gesundheitspolitiker in der ganzen Stadt um Weizsäcker, der eine Frau und drei Kinder hinterlässt. „Meine Gedanken und mein Beileid sind bei seinen Angehörigen. Gewalt gegen Ärztinnen und Ärzte und Pflegekräfte verurteile ich aufs Äußerste“, sagt Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD). „Dass Menschen, die Menschen helfen und Leben retten, so etwas passiert, erschüttert mich besonders. Ich bin froh, dass der Täter gefasst ist.“

Regelmäßig werden in Berlin nicht nur Ärzte, sondern auch Pflegekräfte bedroht, bespuckt, seltener tätlich angegriffen. In vielen Kliniken sind nun öfter Wachdienste im Einsatz. Zuletzt prügelte sich eine Gruppe Menschen in und vor einem Krankenhaus in Tempelhof: 60 Polizisten und der Einsatz von Pfefferspray waren nötig, um sie zu beruhigen. Im März dieses Jahres hatten Mitglieder einer Großfamilie die Notaufnahme der Spandauer Vivantes-Klinik blockiert, in die ein im kriminellen Milieu sehr bekannter Mann nach einer Messerstecherei eingeliefert worden war.

Die Tat in Charlottenburg ist nicht der erste tödliche Angriff auf medizinisches Personal in Berlin. Im November 2018 hatte ein Patient in einer Einrichtung für psychisch Kranke in Wedding einen Pfleger erstochen – der Angreifer wohnte in der Therapieeinrichtung in der das Opfer arbeitete. Im Januar 2018 war ein Arzt in Berlin-Marienfelde auf dem Hof vor seiner Praxis erschossen worden. Der Täter ist noch immer unbekannt, die Staatsanwaltschaft hat 10 000 Euro Belohnung ausgelobt für Hinweise, die zur Aufklärung des Mordes führen.

Introvertiert, psychisch labil und leicht reizbar

Zwei Jahre zuvor, im Juli 2016, hatte ein Patient des Benjamin-Franklin-Klinikums der Charité in Steglitz einen Mediziner erschossen. Bevor die Polizei die Klinik stürmte, tötete sich der Schütze selbst. Er war als Krebspatient bei dem Arzt in Behandlung.

Im April 2011 hatte ein 48-jähriger Mann in einem Praxiszentrum in Kreuzberg einen Mediziner niedergestochen. Der Täter warf dem Chirurgen eine „Fehlbehandlung“ vor.

Der Fernsehsender RTL fand und befragte unterdessen Nachbarn des Täters, der demnach aus einem kleinen Ort in Rheinland-Pfalz stammt. Ein Nachbar beschreibt Gregor Sch. als introvertiert, psychisch labil und leicht reizbar. Die Staatsanwaltschaft ordnete an, den Täter in einer Psychiatrie unterzubringen.

Die Schlosspark-Klinik veröffentlichte am Mittwochnachmittag eine Mitteilung, in der sich Geschäftsführer Mario Krabbe tief betroffen äußert: „Wir haben mit Herrn Prof. Dr. med. Fritz von Weizsäcker einen hervorragenden Arzt und überaus geschätzten Kollegen verloren.“

Der Vorstand der Universitätsklinik Charité hatte bereits Stunden zuvor mitgeteilt: „Die Tat geschah im Rahmen einer öffentlichen Fortbildung und damit in einer Situation, die auch in der Charité alltäglich ist.“ Die Mitarbeiter der Charité seien zutiefst erschüttert über den gewaltsamen Tod des Kollegen.