Held des FC Liverpool : Mohamed Salah: Ein Stürmer, zwei Wunder

44 Tore in einer Saison – dafür liebt Liverpool Mohamed Salah. Er hat die Fans verändert, die gesamte Stadt. Und dem Islam zu neuer Akzeptanz verholfen.

Geschenk Gottes. „Mohamed Salah, a gift from Allah“ – ginge es nach den Fangesängen, müsste ganz Liverpool inzwischen islamisiert sein.
Geschenk Gottes. „Mohamed Salah, a gift from Allah“ – ginge es nach den Fangesängen, müsste ganz Liverpool inzwischen islamisiert...Foto: Vince Mignott/Imago

Eine Stunde noch bis zum Spiel und im Park Pub geht nichts mehr. „Sorry, fully booked“, sagt der Mann vom Sicherheitsdienst. Das ist schade, denn der Park Pub ist so legendär wie das Stadion auf der anderen Seite der Anfield Road. Wind und Regen setzen dem schiefen Häuschen so schwer zu, dass der Putz von den Fassaden bröckelt und der feuerrote Anstrich alle paar Monate erneuert werden müsste. Aber die Stimmung ist einzigartig und auch von draußen durch die geöffneten Fenster zu erahnen. Wie sie drinnen trinken und lärmen und sich für das Spiel warmsingen, immer wieder dieselben Lieder, gewidmet dem Wunderstürmer aus Ägypten. Eines geht so: „If he scores another few, then I’ll be muslim too!“ Wenn er noch ein paar Tore schießt, wollen sie auch gerne Muslime sein.

Mohamed Salah, der 26 Jahre alte Fußballspieler aus einem Vorort von Kairo, hat in der vergangenen Saison 44 Tore für den FC Liverpool geschossen. Die Stadt müsste längst komplett islamisiert sein.

An einem verregneten Samstag im Herbst spielt Liverpool gegen Southampton. Das Stadion an der Anfield Road ist ein Heiligtum, von dem sie hier sagen: „Andere Klubs haben ein Stadion, wir haben eine spirituelle Heimat.“ Mohamed Salah hat noch ein zweite spirituelle Heimat, gar nicht so weit weg von Anfield. Die Abdullah Quilliam Mosque, eingeweiht am Weihnachtstag 1889, liegt südlich vom Stadion an der viel befahrenen West Derby Road. Englands älteste Moschee ist ein weiß gestrichener Zweckbau aus dem viktorianischen Zeitalter, ohne Minarett, Zwiebeltürmchen, Kuppel. Auf der rechten Seite eine verklinkerte Villa, auf der linken ein Musikaliengeschäft mit der Aufschrift: „We can teach You to play.“

Besuchergruppen wollen die Moschee besichtigen

In Liverpool haben sie schon immer gern gespielt. Rock ’n’ Roll in den Sechzigern, als die Beatles vom Cavern Club aus die Welt eroberten. Und, natürlich, Fußball, draußen in Anfield. Neuerdings haben die Fans des berühmten Klubs auch ein ganz besonderes Verhältnis zu der beschaulichen Moschee. Seit dem vergangen Sommer, seitdem Mohamed Salah für den FC Liverpool spielt und öfter beim Gottesdienst vorstellig wird.

Immer häufiger muss Galib Khan Besuchergruppen durch die Gebetsräume führen und Fernsehteams empfangen. Galib Khan ist der Chairman der Abdullah Quilliam Mosque, ein würdevoller Mann mit weißem Bart und dunkelblauem Gewand, er sagt: „Mo vermittelt den Leuten ein positives Bild vom Islam, durch ihn kommen viele junge Leute zu uns.“ Nach Salahs Ankunft in Liverpool ist die Teilnehmerzahl in den Gottesdiensten um zehn Prozent gestiegen. Galib Khan nennt das den „Mo-Salah-Effekt“.

Der Salah-Effekt hat Auswirkungen auf die ganze Stadt. Auf das Zusammenleben der Kulturen, den Fußball und ein bisschen auch auf die Gastronomie. Im „Bakchich“, einem libanesischen Restaurant an der Bold Street im Zentrum, lächelt Salah vorn am Fenster. Gleich neben den Beatles. Im weißen Bilderrahmen mit seinem schwarzen Wuschelkopf, dem Vollbart und einem roten Fez auf dem Kopf, einem früher auch in Ägypten häufig getragenen traditionellen Hut.

Der Laden ist voll. Das liegt auch an Salah

Wenn er nicht gerade Fußball spielt, schaut Salah öfter mal im „Bakchich“ vorbei. „Mo hat seinen Stammplatz vorn am Fenster, wo auch sein Bild hängt“, erzählt der Geschäftsführer, ein junger Mann mit kahlem Kopf, „nenn mich Madi, einfach nur Madi.“ Er würde ja gern den ganzen Abend über seinen liebsten Kunden reden. „Aber du siehst ja, ist viel los hier“, und das liegt auch an Mohamed Salah.

Der Liverpool Football Club gehört zum alten Fußball-Adel. Acht Europapokalsiege und 18 englische Meisterschaften sind auf dem Briefkopf vermerkt, aber zuletzt hatte sich Patina über die Erfolge gelegt. Bis im Sommer 2017 Mohamed Salah an die Anfield Road kam.

Salah schoss gleich im ersten Spiel das erste Liverpooler Saisontor. Als er dann immer weiter traf und von den Fans zum „Egyptian King“ samt eigener Hymne gekrönt wurde, heckten sie im „Bakchich“ an der Bold Street eine Vermarktungsstrategie aus: Für jedes Salah-Tor gab es für die Gäste kostenlos Falafel mit Hummus, wie sie der König am liebsten mag. „Er hat uns ganz schön viel Geld gekostet“, sagt der Geschäftsführer Madi. Aber der Laden läuft so gut wie nie zuvor.

Die Bold Street ist Liverpools Amüsiermeile, eine verkehrsberuhigte Straße mit Pubs und Restaurants und jungen Leuten. So lebendig wie hier geht es in der tristen Arbeiterstadt sonst nur im Fußballstadion zu. Vom „Bakchich“ bis zur Anfield Road sind es fünf Kilometer, vorbei an heruntergekommen Backsteinhäusern und Läden, die schon vor längerer Zeit dichtgemacht haben. Liverpool war mal eine stolze Industriestadt, heute ist hier jeder dritte Jugendliche arbeitslos.

Der Hass ist gesellschaftsfähig

Anders als das reiche London im Süden Englands ist das arme Liverpool im Norden eine kaum islamisch geprägte Stadt. Unter den 600.000 Einwohnern befinden sich 15.000 Muslime.

Auch in Großbritannien ist der Hass auf anders Glaubende längst gesellschaftsfähig. Nach den Terroranschlägen in Paris und London verzeichnete die Polizeistatistik einen Anstieg der religiös motivierten Hassverbrechen gegen Muslime um 47 Prozent. „Es ist nicht nur erwiesen, dass Islamophobie in England auf dem Vormarsch ist“, sagt Miqdaad Versi, der stellvertretende Generalsekretär des Muslim Council of Britain. „Mittlerweile gehört es schon zum Mainstream, seinen Hass auf den Islam zu bekunden.“

Dass der Fußball helfen kann beim Abbau von Vorurteilen, ist so neu nicht. In Deutschland hatte das Thema Integration nie so hohe Sympathiewerte wie im Sommer 2014, als die Multikulti-Nationalmannschaft in Brasilien zum Gewinn der Weltmeisterschaft stürmte. Mesut Özil, der Gelsenkirchener Junge mit türkischen Wurzeln, stand im Zenit seiner Popularität. Die hat in Deutschland bekanntlich gelitten, nach einem umstrittenen Fototermin mit dem türkischen Staatspräsidenten und einer missratenen WM in Russland. In der Premier League genießt der Fußballspieler und Muslim Özil immer noch höchstes Ansehen, wie auch sein französischer Glaubensbruder Paul Pogba bei Manchester United oder dessen Landsmann N’Golo Kanté beim FC Chelsea. Aber keiner von ihnen hat dem Islam in den Fankurven und darüber hinaus so hohe Akzeptanz verschafft wie Mohamed Salah.

"Mohamed Salah, a gift from Allah"

Das Liverpooler Publikum, in seiner erdrückenden Mehrheit immer noch männliche weiße Mittelschicht, hat sich sofort in ihn verliebt. Auch vor dem Spiel gegen Southampton feiern die Fans „Mohamed Salah, a gift from Allah“. Das Geschenk Gottes ist wie immer lange vor dem Anhang nach Anfield gekommen. „Er muss vor jedem Spiel ein paar Sachen erledigen“, hat Liverpools deutscher Trainer Jürgen Klopp dem Fernsehsender Channel 4 erzählt. „Er ist Moslem und unterzieht sich bestimmten Prozeduren, einem Waschritual und allerlei anderen Sachen, die Muslime nun mal machen müssen. Deswegen geht die gesamte Mannschaft ein bisschen früher in die Kabine, aber keiner beschwert sich darüber. Das ist völlig normal.“ Nein, er wolle jetzt nicht weiter über Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit oder Islamophobie reden, „das ist doch offensichtlich, was gerade passiert“.

Wie der Deutsche Özil hat auch der Ägypter Salah keine gute Weltmeisterschaft gespielt. Ein paar Wochen zuvor, beim verlorenen Champions-League-Finale von Kiew gegen Real Madrid, ist er vom Spanier Sergio Ramos übel zusammengetreten worden. Schwere Schulterverletzung, Salah hat geweint, als er den Platz verließ, und lange war offen, ob er überhaupt zur WM reisen würde. Er spielte dann mit gebremster Kraft, schoss ein Tor gegen Russland und noch eins gegen Saudi-Arabien. Aber in Erinnerung scheinen vor allem einige Propagandafotos geblieben zu sein. Aufnahmen mit Ramsan Kadyrow, dem Despoten der russischen Teilrepublik Tschetschenien, in deren Hauptstadt Grosny die Ägypter gastierten. Salah hat ein wenig gequält in die Kameras gelächelt, was ihn nicht davor bewahrte, von Kadyrow zum Ehrenbürger ernannt zu werden.

Doch – anders als bei Özil – hat von Mohamed Salah niemand eine öffentliche Erklärung dafür eingefordert oder eine Verbindung zu seiner bescheidenen Leistung bei der WM konstruiert.

Fünf Minuten noch bis zum Spiel gegen Southampton. An der Anfield Road kommt Stimmung auf. Kinder streifen sich Pappmasken mit Wuschelkopf und Vollbart über die Gesichter. Beim Einmarsch reiht Salah sich ans Ende der roten Kolonne. Wie immer richtet er beide Zeigefinger gen Himmel. Kurz darauf schließt er die Augen und drückt die Handflächen an die Brust, wie Muslime das beim Gebet machen. Das Publikum tobt vor Begeisterung und brüllt: „Mo Salah, Mo Salah, running down the wing. Salah la la la la la la la. Egyptian king.“

Einmal blitzt so etwas wie Magie auf

Im Spiel tappst der König eher unbeholfen über den Flügel. Seit dem schmerzhaften Zusammentreffen mit Ramos läuft Salah seiner sensationellen Form der vergangenen Saison hinterher. Immer wieder verspringt ihm der Ball, seine Pässe finden zuverlässig den Weg in die Füße des Gegners. Aber niemand würde es wagen, auch nur die Lippen zum Pfiff zu schürzen. „Come on, Mo!“, rufen Rentner und Kinder noch nach jeder misslungenen Aktion. Einmal blitzt so etwas wie Magie auf. Kurz hinter dem Kreidestrich des Strafraums kommt Salah ins Trudeln. Ein Verteidiger bedrängt ihn, doch Salah dreht sich blitzschnell und kickt den Ball mit der Hacke, nur ein paar Zentimeter am Tor vorbei.

Das Publikum verharrt einen Augenblick in Stille und feiert danach umso lauter seinen ägyptischen König.

„Mo ist noch nicht so, wie er die letzte Saison beendet hat“, sagt Jürgen Klopp. „Aber letztes Jahr hat er auch Zeit gebraucht.“ Salah war schon in Rom und Florenz ein sehr guter Fußballspieler. In seiner ersten Saison für Liverpool stieg er zum Weltstar auf. Salah wurde gleich drei Mal zum Spieler des Jahres in der Premier League gewählt – von den Profis, den Fans und den Journalisten. Bei der Präsidentschaftswahl in Ägypten bekam er gut eine Million Stimmen, obwohl er gar nicht angetreten war. Fünf Prozent der Wähler strichen die Namen der anderen Kandidaten durch und schrieben „Mo Salah“ auf die Wahlzettel.

Das Jahr danach – die Saison nach den wohl unwiederholbaren 44 Toren zuvor – wäre auch ohne die Verletzung aus dem Champions-League-Finale ein schwieriges geworden. Dafür läuft es noch ganz gut an. In acht Premier-League-Spielen hat Salah drei Tore geschossen, eines weniger als zum gleichen Zeitpunkt der vergangenen Saison. Vor dem neunten Spiel am Samstag in Huddersfield steht Liverpool auf Platz zwei der Tabelle. In der Champions League gab es einen Sieg gegen Paris und eine Niederlage in Neapel. Das Volk ist zufrieden, von Salah selbst weiß man das nicht so genau.

Ein profanes Tor, riesiger Jubel

Seine öffentlichen Äußerungen reduziert er auf das Nötigste. Interviews gibt er nur im Vereinsfernsehen. Selten geht es dabei um mehr, als dass er gern Tore schießt und glücklich ist, wenn er der Mannschaft helfen kann. Aus seinem Privatleben ist nur die Existenz seiner Frau und Tochter bekannt. Und dass er jedes Jahr zum Ramadan nach Ägypten reist, wo er die Kinder seines Heimatdorfes bewirtet und mit ihnen Fußball spielt.

Im Stadion an der Anfield Road endet der verregnete Nachmittag im Herbst mit einem Liverpooler 3:0-Sieg. Salah gelingt ein vergleichsweise profanes Tor, wofür ihn das Publikum so enthusiastisch feiert, als habe es mit ein paar Monaten Verspätung doch noch mit dem Gewinn der Champions League geklappt.

Der Rückweg ins Stadtzentrum führt durch die geschäftige Basnett Street, vorbei an einer Brandmauer, geziert von einem drei mal sechs Meter großen Graffito des ägyptischen Königs, daneben eine „Ode to Mo“:

Liverpool’s Mohamed Salah
The Muslim maestro
Cairo’s hero!

Kann man sich Vergleichbares für Manuel Neuer in München vorstellen, für Marco Reus in Dortmund?

Weiter in die Bold Street. Zu „Madi, einfach nur Madi“ ins „Bakchich“. Alle Tische sind besetzt, bis auf den einen am Fenster. Hat er für heute Abend noch reserviert? „Nein, das macht er nie. Wenn er uns besucht, dann regeln wir das schon. Manchmal kommt auch seine Frau und holt ein paar Sachen ab.“ Falafel mit Hummus für die private Tafel des Königs von Liverpool.

Sir Paul McCartney, einer von zwei verbliebenen Beatles, ist übrigens vor ein paar Wochen in seine Heimatstadt zurückgekommen und hat ein Überraschungskonzert im Cavern Club gegeben, mit alten Songs und ein paar aus seinem neuen Album. Es trägt den Namen eines Bauwerks, das es in Liverpool gar nicht gibt. „Egypt Station“.

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