Obdachlose im Berliner Sommer : Wenn Hitze zur Gefahr wird

Der Sommer macht Obdachlosen in der Stadt besonders zu schaffen. Ein Sozialarbeiter sagt: Hitze ist gefährlicher als Kälte.

Menschen, die auf der Straße leben, finden im Sommer kaum Abkühlung.
Menschen, die auf der Straße leben, finden im Sommer kaum Abkühlung.Foto: Daniel Bockwoldt/picture alliance/dpa

Das blau-silberne Zelt ganz links, das gehört ihnen. Das Zelt, bei dem neben dem zugezogenen Eingang eine Krücke, ein Plastikbecher und ein schwarzer Müllsack, der an drei Stellen aufgeplatzt ist, liegen. Jana und Peter leben seit Ende April hier, sie haben ihr Zelt direkt vor den roten Backsteinen der wuchtigen St.-Thomas-Kirche aufgebaut. Drei weitere Zelte stehen daneben, die evangelische Kirche duldet die Obdachlosen, sie gehören zum Bild am Mariannenplatz, mitten in Kreuzberg.

Die Sonne heizt das Zelt bis auf 70 Grad auf, Peter hat das mit seinem Thermometer gemessen. „Ich habe ständig etwas mit dem Kreislauf“, sagt er. Seine Stimme klingt eher weich, sie passt zu seinen sanften Gesichtszügen. Er trägt eine knielange Hose, die mit Flecken übersät ist, die Haare sind verfilzt, die Fingernägel schwarz. Mit der linken Hand umklammert er ein gelbes Feuerzeug, in der rechten hält er ein Handy. Seit sieben Jahren lebt er auf der Straße, sagt er. Seit er 15 ist. Jana nennt ihn „mein Mann“. Sie sitzt neben ihm, 25 Jahre alt, obdachlos seit fünf Jahren. Ihre Haare sind schwarz und vergleichsweise gepflegt. Sie zupft an den viel zu langen Ärmeln ihrer Jacke. „Im Zelt ist es tierisch warm“, sagt sie.

Gerade haben sich Jana und Peter vor einem Bus niedergelassen, der bunt bemalt ist. Die soziale Hilfe ist in ihrem tristen Alltag aufgetaucht. Der Bus gehört dem Sozialprojekt Karuna, das Obdachlosen hilft. Unter der Woche fährt er täglich Plätze an, an denen Menschen ohne Wohnung leben. Regelmäßig parkt er auch an der Thomas-Kirche. Sozialarbeiter bieten dann Getränke an, sie fragen nach Problemen, sie geben Tipps. „Ihr solltet bei dieser Hitze nicht im Zelt schlafen“, sagt Hannah Höfer aus dem Karuna-Team.

Jana starrt sie an, ganz leicht nickt sie mit dem Kopf. „Ich habe fast jeden Tag Probleme, ich habe ständig Kopfschmerzen und Schwindelgefühle.“ Nachts wird sie ständig wach, der Schweiß läuft über den Körper, deshalb muss sie sich permanent kratzen. Die Haare kleben an der Haut. „Wenn wir dann rausgehen“, sagt sie, „frieren wir, weil es uns bei 35 Grad so kalt vorkommt.“

Peter starrt auf sein Handy und kichert. „Lustig, bei 35 Grad frieren wir.“

Auf der Straße gelten andere Regeln

Niemand zwingt sie bei diesen Temperaturen ins Zelt. Sie bleiben trotzdem stundenlang drin, oft bis Mittag, wenn sie erst spät in der Nacht in den Schlafsack gekrochen sind. Auf der Straße gelten andere Regeln, Logik ist nicht immer der Maßstab.

Jens Timpel gehört auch zum Karuna-Team, ein kahlköpfiger 57-jähriger Sozialarbeiter, dessen schwarzes T-Shirt über der Hose hängt. „Die Hitze ist schlimmer als die Kälte für die Obdachlosen“, sagt er, „sie trinken viel zu wenig.“

Erste Hilfe. Mit ihren Bussen besuchen Karuna-Mitarbeiter Obdachlose. Foto: R. Zoellner
Erste Hilfe. Mit ihren Bussen besuchen Karuna-Mitarbeiter Obdachlose. Foto: R. ZoellnerFoto: R. Zoellner/epd

Geschätzt leben rund 5000 bis 6000 Menschen in Berlin auf der Straße, die meisten von ihnen sind Männer. Sie schlafen auf verschmutzten Matratzen und umgeben von Müll, sie liegen unter Brücken und hinterm Gebüsch, sie strecken stumm ihre Plastikbecher aus oder belästigen aggressiv und betrunken Passanten. Sie sind Opfer von Arbeitsausbeutung, betrogen um ihren Lohn, oder haben aus anderen Gründen ihre Wohnung verloren. Aber es gibt auch manche, vor allem aus Polen, die haben ein Zuhause. Sie leben hier, weil sie in ihrer Heimat eine Geldstrafe zahlen müssten oder Unterhalt für Kinder oder Ehefrauen. Viele Obdachlose kommen aus Ost- oder Südosteuropa, aber viele sind auch Deutsche.

Auf der Straße nivelliert sich alles. Die rauen Regeln gelten für jeden. Obdachlose sind ständig in Gefahr, bestohlen, verprügelt oder getötet zu werden. Im Mai fanden Spaziergänger die Leiche eines Obdachlosen im Treptower Park, er war 28 Jahre alt. Die Polizei nahm einen 43-Jährigen fest – auch er ohne Obdach. Der Verdacht: Raubmord. Im April wurde ein Mann verhaftet, weil er mit einer Bierflasche auf einen schlafenden Obdachlosen eingeschlagen haben soll. Der mutmaßliche Täter lebt nicht auf der Straße. Frauen müssen damit rechnen, dass jemand sie vergewaltigen könnte.

Krankheiten, Not, Angst, Depressionen, Alkoholismus, Drogen, das sind die Konstanten eines Lebens auf der Straße. Und jetzt im Sommer kommt noch die Hitze dazu.

Sabine Rutsch kennt die spezifischen Probleme der Obdachlosen. Sie behandelt zwei Arten von Patienten. Tagsüber jene, die in ihrer Privatpraxis für Lungen- und Bronchialheilkunde sitzen, abends Menschen, die sie unter Brücken, in Hauseingängen, in Parks trifft. Die Frau mit den kurzen, schwarzen Haaren, in denen erste grauen Strähnen auftauchen, ist seit 2014 Teil der Straßenambulanz der Stadtmission. Die versorgt, wie Karuna, Obdachlose draußen.

Abkühlung gibt es kaum

„Obdachlose“, sagt sie, „haben Probleme, sich selber zu organisieren. Sie können sich weniger auf die Hitze einstellen als andere Menschen. Vor allem bei den Trinkmengen haben sie enorme Probleme.“ Viele Menschen auf der Straße haben offene Beine, die Wunden sind nicht versorgt. „Bei der Hitze sind die Wunden noch mehr als sonst ein Problem.“ Es ist möglich, dass Fliegen ihre Larven in die Wunden ablegen. Dann droht eine Blutvergiftung, im schlimmsten Fall muss das Bein amputiert werden.

Zudem können sich Menschen, die auf der Straße leben, selten in klimatisierten oder zumindest abgekühlten Räumen aufhalten. Außer U-Bahn-Schächten oder Tagescafés der Notübernachtungen ist da nicht viel möglich. Und: Für die Flucht in Schutzräume benötigt man Zeit. Die fehlt vielen Obdachlosen – auch wenn es kurios klingt. „Menschen, die Flaschen sammeln, weil sie vom Pfandgeld leben, die können nicht einfach aus der Hitze gehen“, sagt Sabine Rutsch. Ihnen droht ein Kreislaufkollaps. Am Ostbahnhof sitzen obdachlose Bettler in der prallen Sonne, weil sie dort den Passanten am nächsten sind. An den Schattenplätzen kommen zu wenige Menschen vorbei.

Manchmal rettet Obdachlose aber auch ihre Willenskraft. „Im Studium“, sagt Sabine Rutsch, „lernt man, welche dramatischen Folgen offene Wunden haben können. Aber was ich hier gesehen habe, das ist ein Phänomen. Da überstehen Menschen Verletzungen, das ist unglaublich. Das widerspricht jedem Lehrbuch.“ Sie denkt etwa an einen Mann, psychisch krank, seit Jahren obdachlos, offene Beine in schlimmster Form. „Er hätte Anspruch auf umfassende medizinische Hilfe“, sagt die Ärztin. „Aber bisher lehnt er jede Hilfe ab.“ Nicht einmal seine Beine durfte Sabine Rutsch untersuchen. Vor zwei Wochen hat sie ihn wiedergesehen. „Er sah ganz gut aus.“

Donnerstag vergangener Woche, für die Lungenärztin steht wieder ein Einsatz bevor. Es ist 19 Uhr, sie sitzt in der Ambulanz der Stadtmission, in der Nähe des Hauptbahnhofs. Hier gibt es auch ein Pflegezimmer mit vier Betten, in denen sich Obdachlose nach ihrer Behandlung erholen können. Links tippt eine Mitarbeiterin der Stadtmission Daten in einen Computer, rechts steht eine Kiste mit gekühlten Getränken auf dem Boden. Die Kiste wird gleich in den Bus eingeladen, der im Hof geparkt ist. Sabine Rutsch wird zusteigen. In der Ambulanz werden Obdachlose stationär behandelt. Zweimal pro Woche, jeweils vier Stunden, halten ehrenamtliche Mediziner eine Sprechstunde ab. Sabine Rutsch hatte hier ebenfalls Patienten untersucht, seit Mitte 2014 ist sie allerdings nur noch mit dem Bus der Stadtmission unterwegs.

Viele schämen sich

Auch die Caritas hat ein Arztmobil, das ganzjährig Orte anfährt, an denen sich Obdachlose sammeln. Die Mediziner an Bord teilen gerade in diesen Tagen besonders viel Wasser aus.

In Berlin besteht ein umfangreiches Hilfssystem für Menschen, die auf der Straße leben. Auf den Zetteln, die Sozialarbeiter Obdachlosen in die Hand geben, sind 24 Notcafés und Notübernachtungen aufgelistet, acht davon sind ganzjährig geöffnet, der Rest in der Kälteperiode. Die Kältehilfe hat 1200 Plätze bereitgestellt, es gibt „Evas Obdach“ mit 22 Plätzen, wo nur Frauen übernachten. Die Älteste, die hier um Hilfe bat, war fast 90 Jahre alt. Im November 2018 eröffnete die Caritas eine Krankenwohnung mit 15 Plätzen. Dort werden Obdachlose nach ihrer Akutversorgung wochenlang nachbehandelt. Und es gibt Adressen, an denen Obdachlose kostenlos behandelt werden, egal woher sie kommen.

Die Senatssozialverwaltung hat das Budget des Programms gegen Obdachlosigkeit im vergangenen Jahr auf 8,1 Millionen Euro verdoppelt. Karuna erhielt davon 205 000 Euro, die Organisation finanzierte damit unter anderem auch den Bus, der die Thomas-Kirche anfährt.

Aber zwischen vielen Obdachlosen und diesem umfassenden Hilfssystem steht, wie eine Mauer, das Gefühl der Scham. Viele Obdachlose schämen sich, Hilfe anzunehmen, viele schämen sich, in Notunterkünfte zu gehen. Viele schämen sich, die Ambulanz der Stadtmission aufzusuchen. Behandlungen auf der Straße empfinden sie als entwürdigend.

Der Bus, in den Sabine Rutsch an diesem Abend einsteigt, ist neu. Das Besondere an ihm: Er besitzt einen Behandlungsstuhl. Die Patienten sind abgeschirmt von den Blicken der Passanten. Bis Mai mussten Mediziner wie Sabine Rutsch ihre Patienten auf Parkbänken, auf niedrigen Mauern oder auf Wiesen untersuchen und behandeln. Nun, so ist die Hoffnung, könnten mehr Patienten bereit sein, sich untersuchen zu lassen.

An diesem Abend sitzt Oliver Hemmann am Steuer. Seit neun Jahren lenkt er den Kältebus, seit zwei Jahren ist er auch bei der Straßenambulanz dabei. Der 59-Jährige arbeitet im Management einer Altenpflegestiftung. Für ihn ist die Arbeit auf der Straße der seelische Ausgleich zu den Härten seines Jobs. Zweimal pro Woche ist die Straßenambulanz der Stadtmission unterwegs, immer jeweils vier Stunden. Oft werden Verbände gewechselt, manchmal geht’s aber auch nur um den Kontakt zu den Obdachlosen. „Wie geht’s? Brauchst du etwas?“

Er schildert ein typisches Schicksal

Der Bus rollt zum Leopoldplatz in Wedding, das Team möchte Renate besuchen, sie lebt seit Jahren dort. Die Nächte verbringt Renate auf einer Matratze. Schwer zu sagen, wie alt sie ist, in ihren Gesichtszügen haben sich die Spuren eines harten Lebens auf der Straße eingekerbt. Die Haare sind völlig verfilzt, ihr gelber Rock reicht fast bis zu den Knöcheln.

Sabine Rutsch will ihr nur mal Hallo sagen. Renate wird hier gut versorgt, in Cafés und an Imbissbuden erhält sie Essen und Trinken. Aber neben Renate entdeckt die Ärztin einen Obdachlosen, der in einem Papierkorb kramt. „Haben Sie genug zu trinken? Brauchen Sie etwas?“ Der Mann winkt freundlich ab. Bei einem Kaufhaus in der Nähe darf er auf der Toilette Wasser in seine Flasche füllen.

Am Hansaplatz, Tiergarten, nächste Station, ist das Problem größer. In einer Einkaufspassage, direkt neben einem Supermarkt, steht Günter in einer Gruppe von fünf Obdachlosen. Sabine Rutsch kennt einige hier, der Ort wird regelmäßig angefahren. Günter ist etwa 35, um seine spindeldürren Beine schlottert eine schmutzige Jeans. „Wie kommt ihr mit der Hitze klar?“, fragt die Ärztin. Günter reißt die Augen auf. „Gestern hätte ich fast keine Luft bekommen. Da wäre ich in der Hitze fast umgekommen.“ Ein paar seiner Zähne sind fast schwarz. „Holt ihr Euch im Supermarkt etwas zu trinken?“

„Da haben wir Hausverbot.“ Günter dreht etwas verlegen den Kopf weg.

„Woher bekommt ihr Wasser?“

„Da drüben ist eine Tankstelle. Da gehen wir zur Waschanlage, da holen wir Wasser. Da sagt keiner etwas.“

Günter lebt seit zwei Jahren auf der Straße. Er schildert ein typisches Schicksal. „Ich war 17 Jahre bei der BSR. Ich hatte ein Haus und einen Mercedes.“ Dann kam die Trennung von seiner Frau – „ich habe ihr alles überlassen“ – Alkohol, Probleme im Job, Entlassung, keine Wohnung, die Straße. Andreas und die anderen übernachten ein paar Meter weiter, an der Mauer des S-Bahn-Bogens, hinter einem kümmerlichen Gebüsch.

Wasser gibt es für 50 Cent - "die hat jeder"

Der Bus des Teams steht ein paar Meter von der Einkaufspassage entfernt. Unauffällig löst sich ein Mann aus der Gruppe der Obdachlosen. Er folgt Sabine Rutsch zum Bus und setzt sich auf den Behandlungsstuhl. Hinter der geschlossenen Tür werden seine Beine verbunden. „Als er in der Gruppe war, hat er sich nicht getraut, mich anzusprechen“, sagt die Ärztin. „Erst als ich allein war, kam er und hat um Hilfe gebeten.“ Die Scham.

In Kreuzberg, bei der Thomas-Kirche, erzählen Jana und Peter, wie sie an Wasser kommen. Sie fragen in Kneipen, die Wasserflaschen in den Händen, ob sie nachfüllen dürfen. „In 19 von 20 Fällen wird es erlaubt“, sagt Peter. „Und im Übrigen“, ergänzt Jana, „kann man ja für 50 Cent Wasser kaufen. 50 Cent hat jeder.“

Möglicherweise kommt ja auch mal die Zeit, in der zumindest Peter das alles satthat, dieses Leben im Zelt, das Betteln um Wasser, die Frage, wie man den Tag übersteht. Als er dasitzt, Feuerzeug in der linken und Handy in der rechten Hand, blickt er kurz versonnen auf den Boden und murmelt: „Vielleicht sollte ich ja mal mein Leben ändern.“

Die Namen aller Obdachlosen wurden geändert.