Angela Merkel? Helmut Kohl? Recep Erdogan? Alles Juden!

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Verstörendes Interview in Berlin : Hier sprechen die Reichsbürger
Das "Reichsbürger"-Problem wurde lange unterschätzt, sagen Experten.
Das "Reichsbürger"-Problem wurde lange unterschätzt, sagen Experten.Foto: Patrick Seeger/dpa

In Berlin und Umgebung ist die Gruppe noch nicht lange aktiv. Das liegt daran, dass Heike Werding erst im November 2016 hergezogen ist. Zuvor lebte sie im Landkreis Osnabrück. Im Rathaus ihrer Heimatstadt Melle erinnert man sich noch eindrücklich an Werding. Die Frau, die sich auch als „lebendige Heike, Weib aus der Familie Werding“ ausgibt, schrieb regelmäßig Briefe, einmal wollte sie im Rathaussaal mit ihren Leuten eine Sitzung abhalten. Seit sie weggezogen ist, herrsche Ruhe.

Von Berlin-Steglitz aus lässt sich der Aufbau der Gruppe besser organisieren. Alle vier bis sechs Wochen, heißt es, reisen die selbsternannten Bürgermeister an, um sich zu beraten. Wie viele es sind, verrät die Gruppe nicht. Aber die Liste ihrer „aktivierten Gebiete“ ist lang: Allein in Brandenburg seien dies die Kreise Osthavelland, Ruppin, Niederbarnim, Teltow und Luckau. Angeblich wurden bereits in sämtlichen Regionen des einstigen Deutschen Reichs Gemeinden aktiviert. Seit Kurzem sei auch Österreich dabei.

Um ihr Wissen zu streuen, bietet Werding Vorträge an. Zum Beispiel den Workshop „Rechtskreise der Bodenrechte“ im März in Berlin, in dem sie zwei Tage lang „aktuelle Kenntnisse zur Sicherung der Bodenrechte in der Gemeinde und im Privatbereich“ vermitteln wollte. Teilnahmegebühr 550 Euro, „Frühstück und Hotelzimmer sind selbst zu buchen“.

Sie glauben, sie handelten selbstlos

Im Café redet Heike Werding sehr schnell und sehr viel. In jedem Satz steckt Dringlichkeit. Wenn Sahr zu Wort kommt, stimmt er meistens seiner Chefin zu. Einmal nimmt er sie in den Arm und sagt: „Wir sind eine friedliche Einheit und kämpfen für das große Wir - für uns Deutsche.“

Im Fantasiekosmos der geeinten Völker und Stämme werden die Menschen in Deutschland seit Ewigkeiten unterdrückt. Vor allem von Juden und ihren Helfern. Hans Sahr sagt: „Die Juden machen sich ihre Hände nicht schmutzig, die nehmen sich immer welche, die für sie die Drecksarbeit machen.“ Angela Merkel halten sie für eine Jüdin. Helmut Kohl, Christoph Kolumbus, Recep Erdogan? Alles Juden. Das 1871 gegründete Deutsche Reich sei ein Staat „von Juden für Juden“ gewesen, die Flagge eine „Judenflagge“. Juden seien eine eigene Rasse mit eigenem Körperbau, Adolf Hitler sei der Enkel des jüdischen Bankiers Nathan Mayer Rothschild gewesen... Je länger man Vertretern der geeinten Völker und Stämme zuhört, desto stärker wird der Eindruck, dass die Menschen, die da vor einem sitzen, nicht bloß unter einem imaginierten Weltbild, sondern auch unter sehr ernsten persönlichen Problemen leiden. Und man stellt sich die Frage, ob man dann überhaupt über sie berichten oder sie nicht besser vor sich selbst schützen sollte. Andererseits haben Reichsbürger massiven Zulauf. Bücher werden gekauft, teure Seminare gebucht, Verschwörungstheorien verbreitet. Muss man vor diesen Menschen nicht warnen? Und sollte man sie dafür nicht auch ausreden lassen?

Bei Hans Sahr fing es vor drei Jahren an. Er sagt, er habe eine Operation am Fuß gehabt, diese sei schiefgelaufen, der Fuß habe sich entzündet, weitere Eingriffe wurden nötig. Deshalb verließ Sahr ein Vierteljahr lang kaum das Haus, saß im Rollstuhl. Um der Langeweile zu entgehen, habe ihm ein Bekannter ein Buch vorbeigebracht. Sahr nennt es bloß „Das schwarze Buch“, der offizielle Titel lautet „BRD GmbH“, ein Standardwerk deutscher Reichsbürger. Hans Sahr sagt, er habe das Buch dreimal gelesen, so fasziniert war er. „Da stand vieles drin, was ich nicht wusste.“ Nach seiner Genesung suchte er Gleichgesinnte und landete schließlich bei einem Vortrag von Heike Werding. Geplant waren zwei Tage in einem angemieteten Seminarraum in Siemensstadt. Als der Betreiber des Ladens mitbekam, wer da seinen Raum gebucht hatte, warf er sie raus. „Das gefiel mir“, sagt Sahr. Er sei einer, der sich nicht so schnell unterkriegen lasse, das sei schon zu DDR-Zeiten so gewesen. Die Gruppe zog in die Gaststätte nebenan, und Heike Werding fuhr mit ihrem Vortrag fort.

Gelegentlich fängt es mit den Fernsehgebühren an

Beim Verfassungsschutz heißt es, Biografien wie die von Hans Sahr seien typisch für die Reichsbürgerszene. Oft handele es sich um Menschen in Krisen, mal sei der Grund eine Krankheit, mal Schulden, mal Einsamkeit oder die Suche nach Halt. Gelegentlich reiche schon der Impuls, keine Fernsehgebühren mehr zahlen zu wollen. Interessierte gerieten dann in eine Blase, in der nur noch die Behauptungen anderer Reichsbürger und im Internet zusammengesuchte Verschwörungstheorien zählten. Laut Sicherheitskreisen verfügen bundesweit 1000 Reichsbürger über eine Waffenbesitzkarte. Der Mann, der am Montag in Nürnberg wegen Mordes verurteilt wurde, hatte 30 Schusswaffen zu Hause gebunkert. Insgesamt 900 Reichsbürger gelten als rechtsextrem. Der Verfassungsschutz Berlin sieht Anzeichen dafür, dass es sich auch bei den geeinten Völkern und Stämmen um eine „rechtsextremistische Reichsbürgerbestrebung“ handelt.

Hans Sahr lebt in Leegebruch, einer Gemeinde im brandenburgischen Landkreis Oberhavel nahe der A10. Neben seiner Rolle als Gerichtsvollzieher hält er sich auch für den „stellvertretenden Magistrat der Stadtgemeinde Oranienburg im Notstand“. In dieser Funktion hat er diverse Briefe verschickt. An den Bundespräsidenten, den Bundesfinanzminister, die Potsdamer Landesregierung, mehrere Polizeipräsidenten. „Die reagieren nicht auf uns, weil sie wissen, dass sie uns nichts können“, sagt er. 2018 will er aufhören, Steuern zu zahlen. Erst mal werde er nur die Grundsteuer verweigern.

Für seinen Job als Gerichtsvollzieher haben ihm die geeinten Völker und Stämme einen Beamtenausweis ausgestellt. Hans Sahr würde ihn gern zeigen, aber hat ihn heute zu Hause liegen lassen.

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