Vier Jahre nach "Charlie Hebdo" : "Der Mann, der ich vor dem Anschlag war, ist tot"

Er hörte einen Knall. Dann sah er seine Kollegen am 7. Januar 2015 sterben. Nun hat der "Charlie Hebdo"-Journalist Philippe Lançon ein Buch geschrieben.

Philippe Lançon 2018 in Paris.
Philippe Lançon 2018 in Paris.Foto: Christophe Archambault/AFP

Als Philippe Lançon am Morgen des 7. Januar 2015 bäuchlings am Boden liegt, von mehreren Kugeln getroffen, fühlt er sich selbst seltsam unverletzt. Er liegt in einer Blutlache, „die schon so groß sein musste, dass der näher kommende Mörder es nicht für nötig hielt, mich abzuknallen“. Lançon schreibt, wie er dessen Atmen hört, dessen Unentschlossenheit zu spüren glaubt, und fühlt sich „lebendig und fast schon tot, sowohl als auch, beides gleichzeitig, in seinem Blick und seinem Atmen gefangen“.

Einen Augenblick später verschwindet der schwarz gekleidete Mörder wieder, zusammen mit seinem Kompagnon, es sind die Brüder Said und Chérif Kouachi, wie sich später herausstellen wird. Der Terroranschlag auf die Redaktion der Pariser Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ in der Rue Nicolas Appert Nummer 10 hat zwei Minuten gedauert, elf Menschen sind tot, die meisten unter ihnen Redaktionsmitglieder. Philippe Lançon überlebte den Anschlag, an Händen und Armen verletzt, vor allem aber im Gesicht: Wo vorher Mund und Unterkiefer waren, klaffte nun ein Loch.

Er muss sich 17 Operationen mitsamt Transplantationen unterziehen und wird fast das gesamte Jahr 2015 in der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie des Hôpital de la Pitié-Salpêtrière und im Hôpital des Invalides zubringen.

Lançon hat über den Anschlag und insbesondere über die Zeit in den Krankenhäusern und seiner Rekonvaleszenz ein Buch geschrieben, „Le Lambeau“. Es wurde vergangenes Jahr in Frankreich veröffentlicht und mit diversen Preisen ausgezeichnet. Am Sonnabend erscheint es unter dem Titel „Der Fetzen“ auf Deutsch. „Ich kehrte Stück für Stück in ein Leben zurück, das ich ganz neu kennenlernen musste, weil ich ein anderer Mensch geworden war“, sagt Lançon an einem Nachmittag Ende Februar in einem Hotel-Café am Kreuzberger Oranienplatz. Und er fügt an: „Der Mann, der ich vor dem Anschlag war, der unschuldige, smarte, prätentiöse Mann, ist tot.“

Man sieht Lançon bei der Begrüßung nicht an, was er hinter sich hat, wie vielen Behandlungen er im Gesicht unterzogen wurde. Er ist ein nicht sehr großer, schmächtiger Mann, trägt einen blassroten Pullover mit V-Ausschnitt und eine Cordhose. Seine untere Gesichtshälfte ziert ein nicht besonders voller, mit grauen Haaren durchsetzter Bart. Den „Fetzen“ jedoch, sein „rekonstruiertes Kinn-Schnitzel“, wie er es in seinem Buch einmal nonchalant nennt, und genauso die Narben verdeckt dieser Bart ganz gut.

Er lässt sich ungern fotografieren

Lançon fühlt sich wohl, das merkt man ihm an, das Sprechen, auch auf Englisch, scheint ihm leichtzufallen. Aber eine gewisse Reserviertheit ist gleichfalls zu spüren. Einmal erwähnt er dann auch, fast wie nebenbei, dass „die Dinge immer noch ziemlich kompliziert“ seien. Zum Beispiel lässt er sich ungern fotografieren. Fernsehauftritte und -interviews lehnt er ab. Die Polizei hatte ihm 2015 geraten, diese Art der Öffentlichkeit zu meiden, aus Sicherheitsgründen, aber auch damit ihm seine Ruhe erhalten bleibe.

In seinem Buch ist viel vom „Davor“ und „Danach“ die Rede, von einem „ununterbrochenen Leben“ vor dem Anschlag, einem „Sich-Abhandenkommen“ danach, von einem „alten“ und einem „neuen“ Leben. Trotzdem scheint Philippe Lançon in seinem neuen Leben erst einmal nicht viel anders zu machen als in seinem früheren: Er schreibt für die Tageszeitung „Libération“ und für „Charlie Hebdo“, wie vorher auch. Er ist weiterhin Kultur- und Literaturkritiker, mit einer Vorliebe für lateinamerikanische Literatur, und hat bei „Charlie Hebdo“ eine wöchentliche Kolumne.

1963 in Vanves geboren, einer Vorstadt südwestlich von Paris, studierte Lançon Jura, absolvierte die Journalistenschule und begann als Auslandsreporter zu arbeiten. Unter anderem ist er kurz vor der Bombardierung Bagdads 1991 durch die US-Amerikaner einer der letzten Korrespondenten, die die Stadt verlassen. Mit einem schlechten Gewissen, wie er zugibt, verabschiedete er sich damals von einer Welt, „die mich ein Vierteljahrhundert später auf unberechenbare Weise im Herzen von Paris wieder eingeholt hat", wie er in „Der Fetzen“ schreibt. Mehr aus Zufall sei er Literaturkritiker geworden „und bin es aus Gewohnheit, vielleicht auch aus Gedankenlosigkeit geblieben“. Drei Romane hat er allerdings bis zum Jahr 2015 auch veröffentlicht.

Wie Lançon in seinem Buch erzählt, diskutieren sie an dem Tag, der sein Leben dramatisch verändern soll, in der einmal die Woche am Mittwochmorgen stattfindenden „Charlie Hebdo“-Konferenz, es ist die erste des neuen Jahres, den just an diesem Mittwoch veröffentlichten Roman von Michel Houellebecq. Der Schriftsteller ziert die Titelseite der neuen „Charlie Hebdo“-Ausgabe, er ist wie ein Penner gezeichnet, und auf dem Cover wird er zitiert mit prophezeienden Sätzen wie „2015 verliere ich meine Zähne“ oder „2022 halte ich Ramadan“. Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ entwickelt in einer Mischung aus Satire und politischer Fiktion ein Szenario, in dem Frankreich von einer islamischen Regierung angeführt wird und der Islam zur Leitreligion geworden ist. Nur Lançon und der Journalist, Wirtschaftswissenschaftler und Houellebecq-Freund Bernard Maris schlagen sich auf die Seite von Frankreichs aktuell berühmtestem und umstrittenstem Schriftsteller. Sie sind überhaupt die Einzigen, die „Unterwerfung“ gelesen haben.

Seine Schilderung des Anschlags: fast übertrieben genau

Was Lançon ärgert, wie er sich erinnert, weil alle anderen „Charlie Hebdo“-Anwesenden das Buch schon vor der Lektüre verdammen – um dann allgemein auf die muslimische Bevölkerungsschicht in Frankreich und den Zustand der Banlieues zu kommen. Sie sprechen über die „Islamisten und Verrückten“, die dort wegen der staatlichen Untätigkeit produziert würden. Als Maris Lançon fragt, ob dieser seine nächste Kolumne nicht über Houellebecq schreiben wolle und alle noch ein bisschen vor sich hin frotzeln, wie sich Lançon in seinem Buch erinnert, „gab es einen trockenen Knall, wie ein Böller, und die ersten Schreie im Flur unterbrachen den Strom unserer Scherze und unsere Leben“.

Einige Male kommt Lançon auf den wenigen Seiten, die er dem Anschlag widmet, fast übertrieben genau auf das aus dem Kopf quellende Hirn des toten Bernhard Maris zu sprechen – auch weil er in seiner eigenen Blutlache liegend ständig darauf schauen muss. „Für mich“, so sagt er im Gespräch, „war das der Eingang zur Hölle. Aber eben auch der Ausgangspunkt für das Buch, ich musste das so genau schreiben.“ Lançon verweilt dann jedoch nur kurz in der Beschreibung der ihm und seinen Kollegen widerfahrenen Grausamkeiten. Er möchte vielmehr, wie er es in „Der Fetzen“ auf den Punkt zu bringen versucht, „das Ereignis in seinem Wesen erfassen und begreifen, wie es meines verändert hat“.

Fast ein wenig brüskiert weist er zurück, dass das Schreiben dieses Buches womöglich eine Art Therapie für ihn gewesen sei. „Absolut nicht. Ich hatte alle meine Therapien beendet, auch die Psychotherapie, ich war in einem guten körperlichen Zustand, als ich begann. Ich begreife den Text als eine literarische Arbeit, es geht hier um die tiefere Wahrheit meiner Erfahrung.“ Und er betont, nicht ein einziges Mal den Schreibprozess für längere Zeit unterbrochen zu haben, weil die Erinnerungen an die Ereignisse ihm zu nahe gegangen seien: „Ich wusste, als ich damit angefangen hatte, dass ich es in einem Zug schreiben und auch beenden musste. Es war nicht so, dass ich mir gesagt habe: Jetzt erinnere dich!“, sagt er. „Gerade durch das Schreiben, durch die Worte bin ich meinen Erinnerungen auf die Spur gekommen, das war ein Dialog zwischen Schreiben und Erinnern, eben ein literarischer Prozess!“ Tatsächlich verfasste Lançon, schon eine Woche nachdem er ins Krankenhaus gekommen war, einen kleinen Text für die „Libération“, „auf dem Laptop, den mir mein Bruder aus dem staubigen Chaos mitgebracht hatte“, einen Überlebensgruß, der nicht zuletzt die Freiheit des Wortes feiert. Auch das Schreiben seiner Kolumnen für „Charlie Hebdo“ setzt er während seines fast einjährigen Krankenhausaufenthalts fort.

Selbstmordgedanken? Hatte er nie

Anfang 2016 liefert er das Vorwort für die Graphic Novel „Die Leichtigkeit“ der „Charlie Hebdo“-Zeichnerin Cathérine Meurisse, die sich am Tag des Anschlags zu der Konferenz verspätete und ihr Trauma zeichnerisch aufarbeitete. Für Lançon kommt das noch zu früh, wie er nach dem Schreiben des Vorworts spürt. „Ich saß da in New York, schaute Tag für Tag ,Narcos‘, diese Serie über Escobar und den Drogenkrieg in Kolumbien, auch weil ich selbst zuvor in dem Land gewesen war. Ich hatte keine Zähne, fühlte mich schwach, es war verdammt schwer zu der Zeit.“

Wie gut er die Ereignisse verarbeitet hat, ist nicht leicht zu ergründen, so wie Philippe Lançon da im Hotel-Café sitzt und über den Anschlag und seine Erfahrungen im Krankenhaus spricht, zum Beispiel die Transplantation des Wadenbeins, das nun sein neuer Kiefer ist. Selbstmordgedanken habe er nie gehabt, sagt er. Auch erscheint ihm das Attentat nicht in seinen Träumen oder Albträumen. „Ich träume, aber nicht darüber.“ Philippe Lançon wahrt intellektuelle Distanz zu dem, was ihm widerfahren ist. Das Schreiben sei „das Produkt eines anderen Ichs“, wie einer der vielen schön reflektierenden Sätze seines Buches lautet.

Was ihm zudem eine große Hilfe war: die Literatur. Insbesondere drei Bücher, nämlich Kafkas „Briefe an Milena“, Thomas Manns „Zauberberg“ und immer wieder Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Es ist ihm ein Bedürfnis, darüber zu sprechen – „Ich war praktisch im Zauberberg“ –, und über Proust sagt Philippe Lançon: „Proust ist wie ein altes Haus für mich, ein Familienhaus. Jeden Raum, jedes Ding darin kenne ich, ich betrete dieses Haus und fühle mich wohl darin.“

Und dann lässt er sich über Prousts Porträts von Ärzten wie Doktor Cottard aus, fühlt sich dabei an Molière erinnert und auch an die eigenen Erlebnisse. Sein Krankenzimmer habe er mit den täglichen Visiten selbst als Bühne erlebt, mit den vielen unterschiedlichen Charakteren unter den Ärzten und Ärztinnen sowie Pflegepersonal. Mit Proust und dessen „Suche nach der verlorenen Zeit“ prägt Lançon für sich den Begriff der „unterbrochenen Zeit“, der „gemischten Zeit“, die für ihn das gesamte Jahr 2015 bedeutet hat. Er spricht vom Kampf dieser Zeitformen gegeneinander und fragt in „Der Fetzen“: „Wie von sich und der Welt erzählen, wenn das gestrige Erleben vom heutigen in ein weit entlegenes Anderswo katapultiert worden ist?“

Keine Auseinandersetzung mit den Mördern

Doch er hat dieses Anderswo, diese Zwischenwelt erzählerisch in den Griff bekommen. „Der Fetzen“ ist nicht zuletzt ein Buch, dessen Qualität in seinem Facettenreichtum besteht. Schonungslos und offen beschreibt Philippe Lançon detailliert medizinische Vorgänge, die Arbeitsabläufe im Krankenhaus. Immer wieder reflektiert er auch literarisch die eigene Situation, stehen ihm seine Autoren-Idole zur Seite, vergegenwärtigt er sich Erlebnisse aus seiner Kindheit.

Lançon erzählt von seinen privaten Problemen, von Streitereien mit seiner Freundin Gabriela, einer in New York lebenden Chilenin – inzwischen hat er eine neue Lebensgefährtin und mit dieser ein Kind. Oder von dem guten Verhältnis zu Chloé, seiner behandelnden Chirurgin, die stets professionelle Distanz wahrt. Es geht um das Wohlbehütetsein im Krankenhaus, um die Gewöhnung an die Polizisten, die ihn bewachen, um die Angst davor, in den Alltag zurückzukehren.

Was allerdings kaum in „Der Fetzen“ vorkommt: eine Auseinandersetzung mit den Mördern, mit dem Islamismus, dem Terror, obwohl das Buch vielsagend mit den neuerlichen Pariser Anschlägen im November 2015 vor dem Stade de France und vor allem im Bataclan auf dem Konzert von Eagles of Death Metal endet. Abwehr? Kalkül? Lançon gibt sich zugeknöpft „Ich denke über sie nicht nach, sie interessieren mich gerade nicht.“

Ob das wirklich so ist? Das lässt sich an diesem Kreuzberger Nachmittag nicht klären. Er schickt dann noch hinterher, kein Terrorexperte geworden zu sein und sich wie ein normaler Bürger für Politik zu interessieren. Als solcher habe er den Eindruck, dass die Menschheit gerade zu viel Informationen besitze, sie zu viel wisse, damit aber nichts anfangen könne.

„Kommen Sie nicht so bald wieder“, schrieb ihm Chloé nach den Anschlägen des Novembers 2015, da war er erstmals wieder nach New York gereist. Es ist dies der letzte Satz eines Buches, das sehr machtvoll die Rückkehr Philippe Lançons in die Welt und in sein Leben demonstriert. Und zwar, wie er am Ende noch sagt: „Als Vater, Ehemann, Journalist, Schriftsteller“.

1 Kommentar

Neuester Kommentar