WM-Aus der Nationalelf : DFB-Chef Grindel hat sich Joachim Löw völlig ergeben

Nach dem Aus der Nationalmannschaft bei der WM herrscht Chaos im DFB. Vor allem für einen könnte das zum Problem werden: Verbands-Chef Reinhard Grindel.

DFB-Präsident Reinhard Grindel
DFB-Präsident Reinhard GrindelFoto: dpa/Martin Schutt

Am Tag vor dem WM-Spiel gegen Mexiko, als noch niemand an das historische Ausscheiden der Nationalmannschaft denkt, hat der deutsche Botschafter in seine Residenz in die Moskauer Innenstadt geladen. Eine Villa von 1912 mit Stuck an den Decken, Otto von Bismarck im Goldrahmen an der Wand und einem lauschigen Garten. Es gibt gebeiztes Rindfleisch mit Spinat, Quarkterrine mit Spargel-Kartoffel-Salat und zum Nachtisch Zitronencreme. Rüdiger Freiherr von Fritsch, der Botschafter, begrüßt die Gäste auf der Freitreppe zum Garten, anschließend redet auch der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes. Reinhard Grindel spricht über Löw und die Nationalmannschaft, den DFB und Russland. Seine Ausführungen dauern ungefähr doppelt so lange wie die des Gastgebers. Weil Grindels Anzughose kurz über den Knöcheln endet, witzelt jemand: Kurze Hose, lange Rede.

Grindel kann bei solchen gesellschaftlichen Anlässen den jovialen Gesprächspartner geben. Und dass er keinen übertriebenen Wert auf Äußerlichkeiten legt, wirkt zwar ein bisschen schofelig, aber nicht unsympathisch. Aus seiner Zeit als Redakteur beim ZDF wird erzählt, dass Grindel Kameraleute, Tontechniker oder Cutter nie von oben herab behandelt habe. In der DFB-Zentrale aber kann der Ton auch mal schneidig sein. Wer in diesen Tagen einen hochrangigen Funktionär fragt, was beim DFB los sei, kriegt die Antwort: „Was soll denn los sein?“

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Es stimmt ja: Team-Manager Oliver Bierhoff hat in Kasan nicht den entscheidenden Elfmeter verschossen, Reinhard Grindel kein Gegentor verschuldet, trotzdem fällt das Aus der Nationalmannschaft jetzt auch auf sie zurück. Der sportliche Misserfolg wirkt wie ein Katalysator, der schleichende Prozesse verschärft und beschleunigt. Das macht die Situation gerade für Grindel gefährlich.

Reinhard Grindel, der frühere Pressewart des Rotenburger SV, hat vom Skandal um die WM 2006 profitiert, in den sein Vorgänger Wolfgang Niersbach verwickelt war. Als er im April 2016 vom Schatzmeister zum Präsidenten des DFB aufsteigt, hat der gebürtige Hamburger schon ein erfolgreiches Berufsleben hinter sich. Er war Studioleiter beim ZDF und saß 14 Jahre für die CDU im Bundestag. Aber man muss schon blind sein, um nicht zu sehen, dass der 56-Jährige an seinem neuen Amt besonderen Gefallen gefunden hat, dass er vor allem die Gesellschaft des Bundestrainers genießt. „Alle wissen, dass ich ein gutes Verhältnis zu Jogi Löw habe – weil ich ihm seine Ruhe lasse“, sagt er. „Ich laufe nicht rum und bringe alles durcheinander. Ich bin da eher zurückhaltend.“

Am Tag nach dem WM-Aus liefert die Nationalmannschaft noch einmal symbolträchtige Bilder zu ihrem historischen Scheitern. Als die Fußballer längst im Flugzeug nach Frankfurt am Main sitzen, sind im Medienzentrum in Watutinki die Abbauarbeiten noch im vollen Gange. Die riesigen Werbebanner zu beiden Seiten der Bühne werden eingeholt, das Podium für die Pressekonferenzen auseinander montiert. Irgendwann wuchten vier Arbeiter den schwarzen Torso mit dem Hashtag „ZSMMN“ und dem Schriftzug „Die Mannschaft“ von der Bühne. Es sieht aus, als würde ein Sarg zu Grabe getragen.

Ein desaströses Bild

Zwei Wochen sind seitdem vergangen. Zwei Wochen, in denen der deutsche Fußball ruht und doch nicht zur Ruhe kommt. Der DFB gibt ein desaströses Bild ab, und welche Folgen das für die handelnden Personen haben wird, ist noch längst nicht absehbar.

Nur Bundestrainer Joachim Löw muss erst einmal nichts befürchten. Noch in der Nacht von Kasan hat ihm DFB-Präsident Reinhard Grindel ins Ohr geraunt, er möge bitte weitermachen und nicht zurücktreten, wie er im ersten Moment gefühlt haben soll. Löw bekommt von Grindel eine Jobgarantie, bevor er auch nur im Ansatz erklärt, wie es zu diesem Debakel kommen konnte und welcher Veränderungen es bedürfe. Fünf Tage lässt Löw die Verbandsspitze im Ungewissen und wie einen Bittsteller dastehen. Erst dann versichert er, dass er den Willen und die Energie für einen Neuanfang in sich trage.

Von den Herren, denen Löw sich in der Verbandszentrale erklärt, hat er nichts zu befürchten. Erst im Mai haben sie seinen Vertrag ohne Not bis 2022 verlängert. Unter Grindel hat sich der DFB dem Bundestrainer ergeben. „Jogi nutzt ihn aus“, sagt jemand aus dem Verband. De facto konnte Löw allein über die Besetzung des bedeutendsten Traineramtes entscheiden. Er entschied sich für: sich.

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