Infinity Pools : Die Entdeckung der Unendlichkeit

Früher fuhr man ans Mittelmeer oder an den Balaton. Heute diktiert Instagram das Reiseziel. Für ein Foto vom längsten, höchsten, einsamsten Pool.

Vom Becken in die Berge gucken: Das Goldberg Hotel in Bad Hofgastein bietet seinen Gästen dieses Extra.
Vom Becken in die Berge gucken: Das Goldberg Hotel in Bad Hofgastein bietet seinen Gästen dieses Extra.Foto: Günter Standl

Aus dem Blickwinkel eines Ozeans sind Pools nur Pfützen. Aber aus dem Blickwinkel eines so genannten „Infinity Pools“ sieht alles, was dahinter liegt, wie ein Ozean aus – das Meer unendlich, die Alpen überwältigend, sogar die Stadtlandschaft von Singapur: ein Ozean von Häusern. Schön ohne Ende. Was für ein Blick!

Und er erfüllt ein menschliches Urbedürfnis.

Menschen sind schon immer gereist, um ihren Horizont zu erweitern. Mit ihrer Sehnsucht nach der Weite befuhren sie die Ozeane, bestiegen Berge, entdeckten die Wüsten, die Arktis, die Polkappen, „The North“, „The Great Wide Open“, die offenen Steppen, Savannen und schließlich sogar das All. So wurden sie Teil von etwas Größerem. Ungeheure Anstrengungen hat unsere Gattung unternommen, um die sublimen Orte zu erreichen, an denen alles nur noch groß und eins ist und der Horizont in den Himmel übergeht.

Doch mit einem optischen Trick muss man seit einiger Zeit für die ästhetische Erfahrung unendlicher Weite nicht einmal mehr das Hotel verlassen: Eine abgesenkte Poolseite, von der das Wasser abläuft – und der Blick verlängert sich über die Kante hinaus. Die Infinity Pools haben die Unendlichkeit ins Hotel geholt. Expeditionsausrüstung unnötig, man fährt einfach im Bademantel mit dem Fahrstuhl hoch.

Pools sind heute Reiseziele wie früher das Mittelmeer

Angenommen, man befindet sich zum Beispiel gerade in der Lobby des Marina Bay Sands Hotels in Singapur, weltweit bekannt geworden für seinen 2010 eröffneten, 146 Meter langen Pool auf dem Dach, der drei einzelne Gebäudetürme spektakulär verbindet. Jetzt einfach die Nummer 57 drücken. Wenn sich die Türen öffnen, steht man vor dem höchsten Infinity Pool der Welt. Die meiste Energie wird man darauf verwenden, die schönste Perspektive für Instagram zu finden.

Denn seit es den Foto-Onlinedienst gibt, hat das Bedürfnis, einen Pool zu fotografieren, das Bedürfnis, in einem Pool zu schwimmen, weit überholt. Seit die Leute ihre Reiseziele per Reiseblog und Instagram aussuchen, sind diese ein unique selling point im internationalen Tourismus geworden. Wurden Pools in der Tat Reiseziele wie früher das Mittelmeer oder der Balaton.

In diesen Reiseblogs kann man nun auch nachlesen, welche finanziellen Kräfte aufgeboten werden, um endlich einmal diesen oder jenen Pool zu fotografieren, wozu man in meist hochbesternten Häusern übernachten muss.

In Singapur natürlich im Marina Bay Sands. In einem Robinson-Club auf den Malediven. In einem Aman-Hotel mit dreistufiger Badelandschaft auf Bali. Oder auch in jenem spektakulären Pool der Schweizer Villa Honegg über dem Luzerner See. Dort sind sogar unter Wasser Sitzplätze angeordnet, die auch dem Letzten deutlich machen, dass es sich in diesen Pools vielmehr um ein optisches Kino-Erlebnis als um ein sportliches Schwimmerlebnis handelt.

Erfahrungen müssen nicht mehr echt sein, um zu prägen

Man könnte im Wasser glatt vergessen, dass der Infinity Pool das womöglich größte Paradox seit Erfindung des Reisens ist. Und das absolute Gegenteil von Unendlichkeit. Denn nichts ist ja beschränkter und damit geheimnisloser als ein Pool.

Das „Schwimmen bis zum Horizont“ ist natürlich Quatsch. Nicht der Pool ist unendlich, der Blick ist es. Das Schwimmbecken selbst ist maximal übersichtlich. Baulich begrenzt in Tiefe und Weite, ausgeleuchtet bis zum Grund. Man kann sogar den Stöpsel ziehen.

Der Schwimmer als Teil von etwas Großem ist eine Illusion in einem im Gegenteil besonders beschützten Umfeld. Denn jemand sorgt dafür, dass die Wasserqualität erhalten bleibt, die Temperatur auf einem konstanten Niveau verharrt. Ein flauschiges Badehandtuch wartet schon. Oft kann man sich ein Getränk bestellen.

Vielleicht macht das gar nichts. Denn Erfahrungen müssen nicht mehr zwangsläufig echt sein, um zu prägen. Es sind bildhafte Erfahrungen, Projektionen, Fantasievorstellungen. Und es schadet dem Erlebnis gar nicht, dass jeder weiß, dass die ganze Großartigkeit „bloß Kino“ ist. Der Infinity Pool ist dabei ein Hybrid: Ein echter Pool, mit nassen Füßen, verbunden mit der Illusion einer Weite.

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