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Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen, rechts) nimmt mit Bernd Althusmann (CDU), Wirtschaftsminister von Niedersachsen, an der Bootstour teil.
© Sina Schuldt/dpa

Habeck bei Baubeginn von LNG-Terminals: „Das ist nicht nur deutscher Eigennutz“

Zum Jahreswechsel soll das erste schwimmende Flüssigerdgasterminal in Betrieb gehen. Vier weitere sollen folgen, um die Abhängigkeit von Russland zu verringern.

Von der Nordsee sieht Robert Habeck fast nichts. Auf dem Oberdeck des Harle Kurier, einem Kutter, der sonst Touristen durch den Tiefseehafen von Wilhelmshaven schippert, drängen sich dutzende Journalisten, Sicherheitskräfte und Lokalpolitiker um den Wirtschaftsminister.

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In diesem Pulk steht Habeck vor Kameras und Plüschmikrofonen. „Ganz schön voll hier“, sagt er grinsend und ruft in Richtung Schiffsbrücke: „Abfahrt!“ Kurz darauf legt der Harle Kurier ab und fährt langsam durch die ruhige Nordsee zum Außenanleger.

Die Szenerie ist friedvoll. Auf dem Deich grasen hunderte Schafe, im Hafenbecken taucht eine Möwe ins Wasser ein, um einen kleinen Fisch zu fangen. Der Ukraine-Krieg scheint unendlich weit weg und doch sind Habeck, der niedersächsische Umweltminister Olaf Lies, sowie der CEO des Energieunternehmens Uniper, Klaus Dieter Maubach, deswegen an diesem Morgen in den Norden der Republik gekommen.

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Hier, an der Küste vor Wilhelmshaven, soll das erste schwimmende LNG-Terminal in Deutschland entstehen. Heute gibt es den ersten Rammschlag. So etwas wie ein Spatenstich – nur vom Wasser aus und von einem tonnenschweren Spezialschiff ausgeführt.

Das Vorhaben ist für Deutschland von großer Bedeutung, um schnell unabhängig von russischem Gas zu werden. Der Druck auf Habeck ist enorm. Noch immer liegt der Anteil von russischem Gas bei 35 Prozent. Sollte Präsident Wladimir Putin den Gashahn zudrehen, würde die deutsche Gasversorgung im kommenden Winter zusammenbrechen.

Insgesamt vier schwimmende Terminals für die Verladung von Flüssigerdgas sollen der Bundesregierung zufolge in den kommenden Monaten entstehen. Dabei werden sogenannte FSRU-Schiffe an Anlegern befestigt.

Sie können das Flüssigerdgas aus Kanada, Katar, Algerien, Norwegen und den USA von den Transportschiffen entladen und regasifizieren. Dabei wird das auf minus163 Grad abgekühlte Flüssigerdgas zurück in seine ursprüngliche Gasform gebracht und schließlich an Land gepumpt, wo es in die Gasnetze fließen soll.

In Wilhelmshaven müssen nur 28 Kilometer Pipeline gebaut werden

Neben Wilhelmshaven steht bereits Brunsbüttel in Schleswig-Holstein als weiterer Standort fest, mit Rostock, Hamburg, Stade und Lubmin wird noch verhandelt. Wilhelmshaven gilt als prädestiniert, hier gibt es Deutschlands einzigen Tiefseehafen und bis zum Gasnetz müssen nur 28 Kilometer Pipeline gebaut werden.

Zum Jahreswechsel soll beides – das schwimmende LNG-Terminal und die Pipeline – bereits in Betrieb gehen. „Wir haben eine gute Chance, das zu schaffen, was in Deutschland eigentlich unmöglich ist: Innerhalb von zehn Monaten ein LNG-Terminal zu erbauen und es ans Gasnetz anzuschließen“, sagt Habeck auf dem Harle Kurier.

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Rund 40 Milliarden Kubikmeter Gas könnten über die vier schwimmenden Terminals mittelfristig importiert werden – in etwa das, was zuletzt aus Russland bezogen wurde. Mit zwei schwimmenden LNG-Terminals und vollen Gasspeichern werde man über den Winter kommen, sagt Habeck und ergänzt: „Hoffentlich geht der Plan auf.“ Alle Unternehmen und Behörden würden dafür gerade unbürokratisch, undogmatisch und schnell arbeiten.

Am zukünftigen Anleger für das FSRU (Floating Storage and Regasification Units) für den Flüssiggasimport für Deutschland findet der erste Rammschlag statt.
Am zukünftigen Anleger für das FSRU (Floating Storage and Regasification Units) für den Flüssiggasimport für Deutschland findet der erste Rammschlag statt.
© Sina Schuldt/dpa

Inzwischen hat das kleine Schiff den Außenanleger erreicht, wo das Spezialschiff mit einigen Containern und zwei Krantürmen ankert. Der Kapitän des Harle Kurier gibt mit dem Schiffshorn das Signal, dann ertönt ein metallischer Schlag. Der Landrat, der Bürgermeister und die versammelte Landespolitik klatschen, Habeck hat sich an die Rehling durchgekämpft und sieht aufs Meer. 25 Meter tief muss die Verankerung für das Schiff sein, damit Wind und Wellen ihm nichts anhaben können.

Die Bauarbeiten und der Lärm belasten die Umwelt, vor allem Schweinswale. Dennoch hat das Ministerium von Habeck die Umweltschutzprüfung für die LNG-Terminals radikal verkürzt. „Das Problem der Schweinswale ist die Fischerei und die Stellnetze“, versichert Habeck. In der Abwägung sei das hinzunehmen, da die Schweinswale anderswo geschützt würden.

„Das war ganz schwer, diese Schiffe zu bekommen“

Nicht nur beim Umweltschutz geht der Grünen-Politiker ins Risiko. Auch bei der Beschaffung der FSRU-Schiffe ist Habeck äußerst aktiv geworden. Nur 48 solcher Spezialschiffe gebe es weltweit, verfügbar waren zu Kriegsbeginn nur fünf. Vier davon least nun die Bundesregierung für etwa zehn Jahre.

„Das war ganz schwer, diese Schiffe zu bekommen“, sagt Habeck, der schon im Januar dazu Gespräche in Brüssel geführt hat. „Das ist nicht nur deutscher Eigennutz, sondern wir schaffen eine Infrastruktur, die für Europa eine Sicherheit darstellt“, sagt Habeck. Konkrete Bestellungen gebe es aber noch nicht.

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Betreiben lässt die Bundesregierung die LNG-Terminals von Firmen, wie dem Energiekonzern Uniper. „Das ist kein kommerzielles Projekt für Uniper, sondern ein Projekt von nationaler Energiesicherheit“, sagt CEO Maubach. Sein Unternehmen kennt den Standort. Pläne für ein LNG-Terminal gibt es seit 40 Jahren, doch bislang rechnete sich Flüssigerdgas im Vergleich zum billigen Erdgas aus Russland nicht.

Im vergangenen Winter hat das Unternehmen in Wilhelmshaven ein Kohlekraftwerk vom Netz genommen, in Zukunft will Uniper hier nicht nur das klimaschädliche Fracking-Gas, sondern vor allem grünen Wasserstoff und Ammoniak entladen. „Wilhelmshaven ist für uns das Transformationsbeispiel schlechthin“, sagt Maulbach.

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Wieder an Land gibt es in einem Zelt Fischbrötchen, Kaffee und einen Rundgang bei den beteiligten Unternehmen. Schließlich werden die Unterschriften unter die Verträge gesetzt.

George Prokopiou ist extra aus Griechenland nach Wilhelmshaven angereist. Der 75-Jährige ist ein milliardenschwerer Schiffseigner mit mehr als 130 Schiffen auf der ganzen Welt. Zu seiner Flotte zählen auch zwei FSRU-Schiffe, die er nun der Bundesregierung für zehn Jahre least. „Wir haben Anrufe aus ganz Europa bekommen“, sagt er dem Tagesspiegel. Mit der Bundesregierung sei er ins Geschäft gekommen, weil man dieselben Werte teile.

Für ihn wird sich der Deal jedoch auch finanziell lohnen. Für die vier FSRU-Schiffe sowie die Infrastruktur vor Ort stellt die Bundesregierung 2,94 Milliarden Euro zur Verfügung. „Wir sind sehr glücklich mit dem Vertrag“, sagt Prokopiou und beißt in ein Fischbrötchen.

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