Fluggesellschaft Germania ist insolvent : Nichts gelernt aus der Pleite der Air Berlin

Der Insolvenzantrag der Fluggesellschaft Germania zeigt: Die Regierung und ihre Behörden haben nur den Marktführer Lufthansa im Blick. Ein Kommentar.

Germania-Maschine am Flughafen Dresden
Germania-Maschine am Flughafen DresdenFoto: dpa/Monika Skolimowska

Was für eine Ironie, ein klassischer Treppenwitz der Geschichte: Kurz bevor für die Berliner Fluggesellschaft Germania der mutmaßlich letzte Vorhang fiel, tauchte Joachim Hunold noch einmal auf. Ausgerechnet der Sterbehelfer der bereits abgewickelten Air Berlin sollte der Retter in letzter Minute sein? Bei welchem Investor soll das Vertrauen schaffen?

Nun hat Germania in der Nacht zum Dienstag den Antrag auf Feststellung der Zahlungsunfähigkeit gestellt. Die unmittelbaren Folgen: Knapp 1700 Mitarbeiter müssen sich bei der Agentur für Arbeit melden, und viele Tausend Touristen bei ihrem Reiseveranstalter, der für eine Rückreise nach Deutschland sorgen muss. Und wer direkt über Germania gebucht hat, muss sehen, wo er bleibt - und wie er auf eigene Kosten in den Urlaub oder nach Hause kommt. 

In Nischen lange erfolgreich

Germania ist zwei Nummern kleiner als die Air Berlin zuletzt war. Aber sie ist mitnichten ein Zwerg in der deutschen Luftfahrtgeschichte. In mehr als 35 Jahren hatte sie sich von einer Mini-Charterfluglinie zu einem mittelgroßen Player in der deutschen Tourismuswirtschaft entwickelt. Und sie entwickelte sich lange erfolgreich in Nischen - zum Beispiel, indem sie Direktflugziele im Plan hatte, die für viele Deutsche mit Migrationshintergrund, weniger für Touristen, interessant waren: Es ging zu nicht-touristischen Zielen in der Türkei, in den Irak, den Iran. Außerdem pendelte Germania lange zwischen den Airbus-Werften in Hamburg und Bremen zum großen Werk ins südwestfranzösische Toulouse.

Viele Flugreisende werden Germania vermissen. Anders als die verbleibenden Konkurrenten von der Lufthansa-Gruppe (inklusive Eurowings, Swiss und Austrian) über Tuifly, Easyjet und Ryanair. Sie sind die vorläufigen Gewinner dieser anhaltenden Konsolidierung des Marktes. Bald gibt es nur noch diese paar großen Spieler auf dem Markt. Und bis auf Lufthansa und Tuifly fliegen sie nicht unter deutscher Flagge, unterliegen also auch nur bedingt den heimischen Arbeitsrichtlinien.

Wieder einmal schlecht für den Standort Berlin

Überhaupt Lufthansa: Die nationale Luftverkehrspolitik, wenn sie diesen Namen überhaupt verdient, ist traditionell auf den heimischen Marktführer zugeschnitten. Und das ist wieder einmal schlecht für den Standort Berlin. Denn Lufthansa-Konzernchef Carsten Spohr hat oft genug erklärt, warum sich aus seiner Sicht kein stärkeres Engagement in Tegel und Schönefeld lohnt: Ein zu kleines Einzugsgebiet, zu wenige kaufkräftige Kunden. Anders als in Hessen, NRW und Bayern. Berlin ist da nicht auf dem Radar.

Und die Bundesregierung unterstützt diese Unternehmensstrategie nach Kräften - zum Beispiel, indem sie Air Berlins Partner-Airline Etihad seinerzeit keine weiteren Landerechte in Deutschland einräumte. Und indem sie an der Luftverkehrssteuer festhielt, die die heimischen Airlines ungleich schwerer belastet als die ausländischen. Das Streichen der Steuer scheint angesichts der vielen Umweltdebatten derzeit nicht opportun. Aber die konkreten Folgen sieht man jetzt: Wieder muss eine mittelgroße Airline einpacken. Aus der Pleite von Air Berlin hat die Politik nichts gelernt.

Manager nicht aus der Verantwortung lassen

Natürlich darf man auch die Eigentümer und Manager der insolventen Airlines nicht aus ihrer Verantwortung entlassen. Sie verantworten die Strategie. Es ist an ihnen, fair und transparent mit Mitarbeitern und Gästen umzugehen. Auch das scheint Germania kaum besser zu gelingen als damals der Führungsspitze von Air Berlin. Doch der Handlungsspielraum der Fluggesellschaft ist angesichts der seit Jahren geltenden Regierungspolitik extrem eingeschränkt.

Anders als im Falle Air Berlin scheint das Debakel um den angeblich im Bau befindlichen Flughafen BER keine so große Rolle beim Niedergang der Germania zu spielen. Germania war kein sogenannter Netzwerk-Carrier mit viele Umsteigeverbindungen; das Geschäftsmodell war nicht ausgerichtet auf die schnelle Eröffnung des neuen Airports im Südosten der Stadt. Andersherum wird ein Schuh draus: Für die öffentlich-rechtliche Flughafengesellschaft ist die Insolvenz eine schlechte Nachricht.

Schon wieder fällt hier ein wichtiger Kunde weg. Die Flughäfen werden zunehmend erpressbar von den anderen großen Airlines am Standort, also Lufthansa samt Eurowings, Easyjet und Ryanair. Und deren Mitarbeiter stehen unter Konkurrenzdruck. Bereits die Air-Berlin-Pleite hatte eklatante Auswirkungen auf den lokalen Arbeitsmarkt - eine Hire-and-Fire-Mentalität bei einzelnen Arbeitgebern wurde befördert. Dieses Phänomen dürfte jetzt wieder aufkommen. Auch das ist eine Folge von Politik-Versagen in der Luftverkehrspolitik.

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