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Viele Menschen bangen in Corona-Zeiten um ihren Urlaub.

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Virus im Gepäck: Das sollten Urlauber im Corona-Chaos beachten

Die Urlaube sind gebucht, doch steigende Inzidenzen verunsichern viele Reisewillige. Hier gibt es Antworten auf die wichtigsten Fragen zur bevorstehenden Saison.

Gesundheitsminister und Pandemieorakel Karl Lauterbach wusste es mal wieder besser: Mitte Juni, als die Coronazahlen eigentlich munter sanken und sich das ganze Land auf sorglose Ferien freute, warnte der Gesundheitsminister und SPD-Politiker bereits vor einer neuen Sommerwelle, die bald mit voller Wucht über Deutschland und viele andere europäische Länder hinweg rollen werde. Schuld daran ist die Omikron-Untervariante BA.5. Mal wieder ist sie ein bisschen ansteckender als frühere Varianten des Coronavirus.

Mal wieder scheinen Infektionen mit den „alten“ Untervarianten kaum vor einer Neuansteckung zu schützen. Zu diesem Schluss kommt zumindest eine aktuelle Studie des Leibniz-Instituts für Primatenforschung der Medizinischen Hochschule Hannover und der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

Die Folge: viele der bereits Genesenen stecken sich jetzt nochmal an. Die bundesweite Inzidenz liegt aktuell bei 679 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen – knapp 131.000 neue Ansteckungen meldete das Robert-Koch-Institut allein am Mittwoch. Allerdings gehen Experten von einer deutlich höheren Dunkelziffer aus, weil längst nicht mehr alle Infizierte einen PCR-Test machen lassen – und manche Infektionen symptomfrei bleiben.

Die Zahl der Schwerkranken, die auf den Intensivstationen behandelt werden, ist zum ersten Mal seit Mai wieder vierstellig. Es gibt aber auch gute Nachrichten: Die Impfstoffe schützen nach wie vor vor einem schweren Covid-19-Verlauf. Mit Beginn der Sommerferien richtet sich der Blick auch wieder auf die Regeln und die Infektionslage in den Urlaubsländern.

Besonders in Frankreich sind die Infektionszahlen im Sommer 2022 sehr hoch.
Besonders in Frankreich sind die Infektionszahlen im Sommer 2022 sehr hoch.

© REUTERS

Wie ist die Lage an wichtigen Urlaubszielen?

Paris, Marseille, Brest: Die meisten Corona-Fälle gibt es aktuell in Frankreich, dort liegt die Inzidenz bei 1279. Aber auch in Griechenland und Italien ist die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner mit 1057 beziehungsweise 985 derzeit deutlich höher als in Deutschland. Allerdings lassen sich die einzelnen Länder nur schwer miteinander vergleichen, weil unterschiedlich viel getestet wird. Fest steht: Die Zahlen steigen in Europa. Im Vergleich zur vergangenen Woche schon um rund 24 Prozent. Und die Urlaubssaison beginnt gerade erst.

Wie hoch ist das Ansteckungsrisiko auf Reisen?

Aufgrund der wieder steigenden Inzidenzen und weggefallener Schutzmaßnahmen ist die Wahrscheinlichkeit, auf eine infektiöse Person zu treffen, ziemlich hoch. „Dies gilt auch an Flughäfen, in Flugzeugen und Fahrzeugen des öffentlichen Verkehrs“, erklärt der Modellforscher Kai Nagel von der Technischen Universität Berlin. Das Infektionsrisiko lasse sich aber erheblich reduzieren, wenn man in Innenräumen weiterhin (eine gut sitzende!) FFP2-Maske trägt. „Damit schützt man sich und andere und hilft dabei, die Dynamik zu verlangsamen und die Welle abzuflachen“, sagt Nagel.

Wie kann ich mich noch schützen?

Ein wichtiges Kriterium ist die Wahl des Urlaubsortes. Wenn das Reiseziel noch nicht feststeht, sollte man lieber in ein Land reisen, in dem die Zahlen noch nicht so hoch sind, wie zum Beispiel nach Spanien. Dort liegt die Sieben-Tage-Inzidenz aktuell bei 334. Es gibt aber auch noch andere Risikofaktoren, die man vermeiden kann: Wer in einer Ferienwohnung unterkommt, wird sich vermutlich nicht so schnell anstecken wie jemand, der in einem überfüllten Hotel oder einer Pension wohnt und dort am täglichen Buffet oder in Clubs unterwegs ist.

Eine Infektion im Ausland gilt als Horrorvorstellung für viele Urlauber.
Eine Infektion im Ausland gilt als Horrorvorstellung für viele Urlauber.

© Illustration: Getty Images, freepik (2); Montage: Tagesspiegel

Ansonsten gilt wie immer: Abstand zu anderen halten, Menschenmassen vermeiden, Hände regelmäßig waschen und desinfizieren, die Corona-Warn-App nutzen – und wann immer es geht, Zeit an der frischen Luft verbringen. Vor dem Urlaub sollte man checken, wie lange die letzte Impfung zurückliegt und sich (falls noch nicht geschehen) die dritte Spritze, also den ersten Booster, holen. Sie wird allen Leuten empfohlen, deren zweite Impfung drei Monate zurückliegt. Forschende gehen davon aus, dass der vollständige Schutz erst nach etwa sieben bis zwölf Tagen einsetzt.

Sollte man sich jetzt noch schnell zum vierten Mal impfen lassen?

Eine vierte Impfung wird in Deutschland von der Ständigen Impfkommission (Stiko) aktuell nur für Risikopatienten empfohlen, also zum Beispiel für Menschen ab 70 Jahren, Bewohnern in Alten- und Pflegeheimen, Immungeschwächte und Beschäftigte im medizinischen und Pflege-Bereich. Der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen findet aber, dass auch schon Menschen über 60 Jahren mit Vorerkrankungen ein viertes Mal geimpft werden sollten.

Seiner Meinung nach müsse geprüft werden, ob nicht alle Erwachsenen einen zweiten Booster bekommen sollten – quasi auch als Vorbereitung auf den Herbst. Viele Experten sehen das anders, wie etwa die Virologin Sandra Ciesek. In einem NDR-Podcast sagte sie unlängst, dass eine gesunde 30-jährige Person aktuell keine vierte Impfung brauche.

Tobias Welte, Direktor der Klinik für Pneumologie an der Medizinischen Hochschule Hannover, sieht Vorteile darin, mit dem nächsten Booster noch etwas zu warten: „Wenn wir die wirklich starke Fallzahlen-Steigerung erst im Herbst bekommen, haben die jetzt Geimpften nicht mehr den besten Schutz.“

Die Gefahr, dass neue Corona-Virusvarianten nach Deutschland eingeschleppt werden, ist real.
Die Gefahr, dass neue Corona-Virusvarianten nach Deutschland eingeschleppt werden, ist real.

© dpa

Befeuert die Ferienzeit das Infektionsgeschehen?

Eigentlich haben Schulferien laut dem Modell der TU-Forschenden eine positive Wirkung auf die Ausbreitung des Virus, da sich weniger Leute in der Schule oder bei der Arbeit anstecken. In den vergangenen Jahren habe die Reisezeit aber zu einem erheblichen Infektionsimport aus dem Ausland geführt, erklärt TU-Mann Nagel: „Dies ist insbesondere dann von Relevanz, wenn sich eine neue Variante ausbreitet – das war im letzten Sommer die Delta-Variante, die nur deshalb nicht bereits zu einer neuen Welle geführt hat, weil die erhöhte Übertragbarkeit durch die Impfungen kompensiert werden konnte.“

Was muss man bei der Einreise beachten?

In Griechenland, Italien und Spanien gibt es für EU-Bürger derzeit keinerlei Einreisebeschränkungen. Auch die meisten Schutzmaßnahmen wurden aufgehoben: nur im öffentlichen Personenverkehr muss man weiterhin Maske tragen. Etwas komplizierter wird es, wenn man sich vor Ort mit dem Virus ansteckt: In Italien und Griechenland muss man für mehrere Tage in Quarantäne, in Spanien wurde die Isolation sogar für Infizierte hingegen schon im März abgeschafft.

Bei Fernreisen sind ein paar Dinge mehr zu beachten: viele Länder verlangen Einreiseformulare, zum Beispiel wenn man seinen Urlaub in der Dominikanischen Republik verbringt. Touristen in Ägypten können zwar ohne ein solches Papier einreisen, müssen sich aber vor Ort regelmäßig testen lassen. Wer sich ansteckt, wird dort für die Dauer der Quarantäne ins Krankenhaus gesteckt – und muss selbst dafür zahlen. Da sich die Regeln von Land zu Land zur Zeit ziemlich schnell ändern, sollte man vor der Abreise die Website des Auswärtigen Amts checken (über diesen Link gelangen Sie zu den Hinweisen).

Und bei der Rückreise?

Seit dem 11. Juni gibt es eigentlich keine Einreisebeschränkungen nach Deutschland mehr. Bei steigenden Corona-Zahlen sollte man aber auch während des Urlaubs auf dem Laufenden bleiben und schauen, ob das Gebiet, in dem man sich aufhält, doch noch als Virusvariantengebiet eingestuft wird – dann bräuchte man zur Einreise nach Deutschland einen Impfnachweis oder einen frisch negativen PCR-Test und müsste sich zudem zuhause für 14 Tage in Quarantäne begeben. Sollte man sich im Urlaub mit dem Coronavirus angesteckt haben, gelten dort die Quarantäne- Regelungen des Reiselandes.

Natürlich kann man auch mit dem Auto aus Spanien zurückfahren. Aber mit positivem Corona-Test ist das gar nicht so einfach. Zwar kommt man problemlos über die deutsche Grenze – andere Länder, wie zum Beispiel Frankreich, verlangen aber noch einen negativen Corona-Test für die Ein- oder Durchreise.

Diesen Anblick wollen sich Urlauber auf ihrer Reise ersparen.
Diesen Anblick wollen sich Urlauber auf ihrer Reise ersparen.

© imago images/Christian Ohde

Bekommt man sein Geld zurück, wenn man sich kurz vor dem Urlaub ansteckt?

In diesen Tagen sind es häufig zwei rote Striche, die die Ferienstimmung vermiesen: Wer kurz vor der Abreise positiv getestet wird, muss zuhause bleiben. Gut, wenn eine Reiserücktrittsversicherung dann auch Corona-Infektionen mit abdeckt. In diesem Fall werden die Stornokosten für die Reise übernommen, und die können kurz vor dem Urlaubsbeginn in die Tausende gehen. Pandemien werden von den Versicherungsfirmen unterschiedlich gehandhabt, da hilft nur ein Blick in den Vertrag. Manche decken sie ab, andere verlangen dafür eine kostenpflichtige Zusatzpolice. Wer jetzt eine neue Versicherung abschließt, sollte darauf achten, dass sie einen Corona- Schutz enthält.

Was passiert, wenn man sich im Urlaub ansteckt?

Wer in den Ferien erkrankt, braucht eine sogenannte Reiseabbruchversicherung. Die übernimmt dann nicht nur die Kosten, wenn man aufgrund der Quarantäne länger am Urlaubsort bleiben muss, sondern auch für einen dadurch späteren Rückflug. Viele Versicherer bieten sie zusammen mit einer Reiserücktrittspolice im Paket an.

Das macht durchaus Sinn, die Grenzen sind fließend: „Wenn Sie vor dem Check-In am Flughafen erkranken, ist das ein Fall für die Reiserücktrittsversicherung, nach dem Check-In greift die Reiseabbruchversicherung“, erläutert Elke Weidenbach von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Gut zu wissen: Bei Pauschalreisen sind häufig beide Versicherungen schon inbegriffen.

Wer aufgrund einer Erkrankung an Covid-19 zum Arzt oder ins Krankenhaus muss, kann sich die Kosten von der Auslandsreisekrankenversicherung erstatten lassen. Im Notfall übernimmt sie auch einen Rücktransport. Gute Angebote gibt es für Singles schon ab etwa acht Euro im Jahr und für Familien ab 19 Euro.

Und nach den Ferien?

Noch halten sich die Arbeitgeberverbände bedeckt, wie viele Leute krank aus dem Urlaub zurückkehren könnten und wie sie damit umgehen würden. Siegfried Russwurm, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), ist sich aber sicher: Es „drohen hohe Personalausfälle aufgrund der epidemischen Lage, die große Teile der deutschen Wirtschaft schwerwiegend belasten würden“, fürchtet er.

Der BDI rechnet damit, dass ab dem Herbst bis zum Frühling des kommenden Jahres im schlimmsten Fall mehr als 20 Prozent der Arbeitsstunden krankheitsbedingt ausfallen. Für die Unternehmen hält Russwurm es deshalb für unerlässlich, dass Quarantäne-Regelungen flexibel angewendet werden können, um Personalengpässen zu begegnen. Schon jetzt liege der Krankenstand in vielen Branchen im kritischen Bereich – nicht zuletzt zum Beispiel in Krankenhäusern.

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