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Einen Krankenwagen vor einer Klinik in London – hier Ende Januar 2021.
© Dominic Lipinski/dpa

Delta-Variante breitet sich in Großbritannien aus: Binnen einer Woche 46 Prozent mehr Corona-Patienten in Kliniken

In Großbritannien steigt die Zahl der Neuinfektionen stark. Premier Johnson will bald alle Auflagen aufheben. Reicht die Zahl der Impfungen dafür?

In Großbritannien steigen in der Coronavirus-Pandemie die Fallzahlen wieder immer weiter an. Grund ist die Delta-Variante, die auf der Insel dominiert. Seit Mittwoch, als der höchste Tageswert seit Januar verzeichnet wurde, meldet die britische Regierungsbehörde Public Health England (PHE) täglich mehr als 32.500 Neuinfektionen.

Am 8. Juli registrierte die PHE 32.551 neue Fälle binnen 24 Stunden. Der Anstieg der Neuinfektionen in der Zeit vom 2. bis 8. Juli betrug demnach 34,9 Prozent im Vergleich zur Vorwoche. Die Sieben-Tage-Inzidenz, die Zahl der Neuinfektionen je 100.000 Menschen in einer Woche, wird für den 3. Juli mit 267 angegeben. In Deutschland liegt dieser Wert dem Robert Koch-Institut (RKI) zufolge aktuell bei rund 5,5, es gab am Freitag 949 neue bestätigte Fälle.

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Nachdem das britische Gesundheitssystem im Winter extrem belastet war, gelang es der Regierung von Premier Boris Johnson, durch einen strikten Lockdown und eine zunächst zügige Impfkampagne die Zahlen im Frühjahr massiv zu senken. So gab es Anfang Mai rund 1600 Fälle pro Tag, nach ersten Lockerungen wurden dann Ende Mai wieder mehr als 3000 tägliche Neuinfektionen verzeichnet. Seitdem lässt sich ein enorm steiler Anstieg der Kurve beobachten.

Stand 6. Juli hatten 67 Prozent aller Britinnen und Briten die Erstimpfung erhalten und 50 Prozent waren bereits vollständig geimpft. Die Zahl der Erwachsenen mit Erstimpfung gibt das PHE mit 86,6 Prozent, die vollständig Geimpften mit 64,9 Prozent an.

Delta lässt auch die Klinikeinweisungen ansteigen

Zum Vergleich: In Deutschland gab es bis einschließlich 8. Juli nach Angaben des RKI rund 58 Prozent Erstimpfungen in der Gesamtbevölkerung, 41 Prozent gelten als vollständig geimpft. Nur eine vollständige Impfung gilt als wirksamer Schutz gegen die Delta-Variante.

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In Großbritannien werden zudem nun auch wieder mehr Menschen in Kliniken eingeliefert. Nach Angaben der PHE wuchs die Zahl der Covid-19-Patienten in Krankenhäusern binnen einer Woche von 1805 (30. Juni) um 831 auf 2636 (Stand 7. Juli) – ein Anstieg um mehr als 46 Prozent.

Wie aus den PHE-Daten hervorgeht, ist auch die Zahl der Intensivpatienten seit Anfang Juni deutlich gestiegen – wenn auch auf noch niedrigem Niveau. Demnach lagen am 7. Juli 417 Covid-19-Patienten in Beatmungsbetten – rund 45 Prozent mehr als in der Vorwoche. Noch deutlicher der Vergleich zu Anfang Juni: Seitdem gab es einen Anstieg um mehr als 200 Prozent.

Im Januar mussten die britischen Krankenhäuser täglich durchschnittlich mehr als 4000 neue Covid-19-Patienten aufnehmen. Den Höchststand an Patienten in Kliniken hatte es am 18. Januar mit 39.254 gegeben. Die meisten Beatmungspatienten meldete die PHE am 23. Januar mit 4066.

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Einem Bericht des „Guardian“ zufolge werden nun in den Kliniken inzwischen wieder derart viele Covid-19-Patienten aufgenommen, dass erneut Krebsoperationen abgesagt werden müssen. Das Problem betreffe nicht nur seine Region, sondern den gesamten britischen Gesundheitsdienst (NHS), sagte der medizinische Gesundheitsbeauftragte Phil Wood vom NHS in Leeds.

Auch die Zahl der Covid-19-Toten steigt zurzeit wieder konstant an – wenn auch auf vergleichsweise niedrigem Niveau. Am 31. Mai hatte die PHE einen Todesfall gemeldet, am 8. Juli waren es 35. Insgesamt sind demnach in der Woche vom 2. bis 8. Juli 174 Covid-19-Tote registriert worden, fast 53 Prozent mehr als in der Vorwoche. Die meisten Todesfälle hatte es in der zweiten Welle in den letzten beiden Januarwochen mit jeweils mehr als 9000 gegeben.

Premier Johnson, der Anfang April selbst an Corona erkrankt war und im Krankenhaus behandelt wurde, will trotz der steigenden Zahlen am 19. Juli alle Corona-Auflagen aufheben. Am Mittwoch stellte sich der Regierungschef einem Parlamentsausschuss, dabei wich Johnson vielen Fragen der Abgeordneten aus. Angesprochen auf die Ankündigung, dass sich vom 16. August an Kontakte von Infizierten nicht mehr tagelang selbst isolieren müssen, betonte Johnson, die Strategie sei, mehr zu testen als zu isolieren, wie die Nachrichtenagentur dpa berichtete.

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Einer Analyse der BBC zufolge könnten demnach bis zum 16. August aber noch 4,5 Millionen Menschen wegen ihrer Kontakte zur Selbstisolation aufgefordert werden. Die Regierung kalkuliert ein, dass die Zahl der Neuinfektionen wegen der Aufhebung der Restriktionen auf bis zu 50.000 am Tag steigen könnte.

Epidemiologen warnen, dass die Fußball-Europameisterschaft die Ausbreitung des Virus vor allem unter jungen Männern anheizen könnte. „Es ist die Bevölkerungsgruppe der fußballbegeisterten, überwiegend männlichen Personen eines bestimmten Alters, bei denen wir jetzt einen Anstieg verzeichnen“, sagte Denis Kinane, Immunologe und Mitbegründer des Testunternehmens Cignpost Diagnostics, der Nachrichtenagentur Reuters.

Die Lockerung der Corona-Regeln habe einen Anstieg der Infektionen zur Folge. Von den Fußballfans könne sich das Virus dann auf die Angehörigen ausbreiten.

Zahlen des Imperial College zufolge lag bei dem im Juni verzeichnete sprunghaften Anstieg der neuen Fälle für Frauen die Wahrscheinlichkeit einer Infektion um 30 Prozent niedriger. Zumindest ein Teil der höheren Ansteckungen bei Männern könnte auch auf die Fußball-EM zurückzuführen sein. „Die plausibelste Erklärung ist, dass Männer häufiger enge Kontakte haben“, sagte Steven Riley, Professor für Dynamik von Infektionskrankheiten an der Londoner Universität.

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