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Cluster-Fahndung, Abstand, Masken : So schaffte es Japan ohne Lockdown, das Coronavirus fast vollständig zu besiegen

Für seinen Umgang mit der Coronavirus-Krise wurde Japan erst heftig kritisiert. Doch das Modell sollte nun für Deutschland Vorbild sein, sagt Virologe Drosten.

Pendler an einem Bahnhof in Tokio tragen Masken.
Pendler an einem Bahnhof in Tokio tragen Masken.Foto: Imago Images/Zuma Wire/Rodrigo Reyes Marin

Ein Land geht in der Coronavirus-Krise seinen eigenen Weg – und scheint damit erfolgreich zu sein. Zumindest vorerst. Die Rede ist nicht von Schweden, international wegen seines angeblichen „Sonderwegs“ im Fokus und wegen der inzwischen vergleichsweise hohen Todesrate scharf kritisiert.

Gemeint ist Japan. In nur sieben Wochen hat die drittstärkste Wirtschafsmacht der Welt nach eigenen Angaben die Pandemie im Land unter Kontrolle gebracht. Anfang der Woche hob Premier Shinzo Abe den Notstand auch für den Großraum Tokio und die nördlichste Provinz Hokkaido auf. Der ursprünglich vorgesehene Termin war Ende Mai. „Wir haben die Kraft des japanischen Modells demonstriert“, sagte Abe.

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Das Land mit seinen 126,5 Millionen Einwohner meldet insgesamt 871 Todesfälle in Verbindung mit einer Covid-19-Erkrankung. Bezogen auf eine Million Einwohner liegt Japan mit sieben Verstorbenen deutlich hinter Schweden (414), Großbritannien (656), USA (307) oder auch Deutschland (102). Die Zahl der Covid-19-Patienten in Kliniken ist Abe zufolge von 10.000 vor einem Monat auf 2000 gesunken.

Der Grund für Abes vorgezogenen Schritt: Japan gelang es, die Zahl der täglich neu auftretenden Fälle nahezu auf die selbst gesetzte Zielmarke von 0,5 pro 100.000 Einwohner im Schnitt der vergangenen sieben Tage zu senken. Deutschland hat sich ein Limit von 50 gesetzt.

Erreicht hat Japan sein Ziel ohne einen völligen Lockdown mit scharfen restriktiven Beschränkungen des Alltags für die Bürger, sondern mit einem Kurs, der in weiten Teilen auf Freiwilligkeit setzt. Es gab keine Ausgehverbote, keine Corona-Warn-App. Geschäfte, Friseure, Hotels und Gastronomie durften geöffnet bleiben.

Dabei hatte Japan einen richtig schlechten Start im Kampf gegen die Pandemie und machte international negative Schlagzeilen. Zum einen wurde das Kreuzfahrtschiff „Diamond Princess“ für zwei Wochen in Yokohama unter Quarantäne gestellt, nachdem sich Passagiere mit dem Coronavirus infiziert hatten. Am Ende wurden von den 3711 Menschen an Bord 712 positiv getestet; 14 starben an den Folgen von Covid-19.

Japans Premier Shinzo Abe.
Japans Premier Shinzo Abe.Foto: Akio Kon/Poll/AFP

Zum anderen lösten die zum Beispiel im Vergleich zu Südkorea sehr geringen Testzahlen Spekulationen und Vorwürfe aus, Premier Abe habe sein Land als sicher darstellen wollen, damit die für August in Tokio geplanten Olympischen Spiele nicht verschoben werden müssten. Dies ließ sich angesichts der internationalen Entwicklung nicht halten.

Besonders zu Beginn der Pandemie gab etliche Stimmen, die Regierung und Gesundheitsbehörden vorwarfen, dass es in Japan eine hohe Dunkelziffer gebe. Abe hatte allerdings schon früh in der Pandemie reagiert. Bereits Ende Februar empfahl die Regierung, Massenveranstaltungen abzusagen, die Schulen zu schließen und forderte die Japaner auf, zu Hause zu bleiben, nach Möglichkeit ins Homeoffice zu wechseln und Abstand zu halten.

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Und statt massenhaft zu testen, setzte Japan auf eine Cluster-Strategie und konzentrierte sich darauf, Ansammlungen von Infektionen zu finden. Hitoshi Oshitani, Virologe und Experte für öffentliche Gesundheit an der Tohoku-Universität, sagte dem Wissenschaftsmagazin „Science“, Japan verfolge eine ganz andere Strategie als fast alle anderen westlichen Länder: „Wir versuchen, die Cluster zu identifizieren und ihre gemeinsamen Merkmale zu finden.“

Und ausgemacht wurden diese in Fitnessstudios, Pubs, Livemusik-Veranstaltungsorten, Karaoke-Räumen und ähnlichen Einrichtungen. Die Epidemie-Forscher verfolgen zusammen mit lokalen Gesundheitszentren konsequent durch Befragungen den Weg des Virus und schotten die Infektionsherde dann ab.

Ein Weg, den der Virologe Christian Drosten vom vom Berliner Universitätsklinikum Charité in seinem aktuellen NRD-Podcast rückblickend als mutig, aber richtig bezeichnet. „Das müssen wir unbedingt als Beispiel für die nächste Zeit nehmen“, sagte Drosten. Somit wäre es beispielsweise auch möglich, dass bei einem infizierten Lehrer nicht die gesamte Schule geschlossen werden müsste, sondern nur die von ihm unterrichteten Klassen in Quarantäne geschickt werden könnten.

Am 7. April, veranlasste die Besorgnis über die Belastung des Gesundheitssystems die Regierung in Japan, in mehreren wichtigen Präfekturen den Ausnahmezustand auszurufen. Am 12. April erreichte die Zahl der täglichen Neuinfektionen mit 743 ihren vorläufigen Höchststand. Vier Tage später weitete die Regierung die Notstandsordnung landesweit aus. Fitnessclubs, Spielhallen und Bars wurden aufgefordert, zu schließen – auf freiwilliger Basis.

Viele Geschäfte schlossen, weil die Kunden ausblieben; die Japaner den Empfehlungen folgten. Geöffnete Bars waren weit schlechter besucht als sonst. Regierung und Behörden haben in Japan keine gesetzliche Grundlage, um Ausgangssperren und strikte Verbote zu verhängen.

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Um der hart getroffenen Wirtschaft zu helfen, beschloss die Regierung von Abe am Mittwoch einen zweiten Zusatzhaushalt in der Rekordhöhe von 31,9 Billionen Yen (271 Milliarden Euro). Es dient zur Finanzierung eines gigantischen Konjunkturpakets, dessen Volumen Abe auf mehr als 230 Billionen Yen bezifferte. Das sei die größte Finanzspritze der Welt und entspreche 40 Prozent der Wirtschaftsleistung Japans. Dies sei nötig, um die Wirtschaft vor einer Jahrhundertkrise zu schützen, sagte Abe.

Auf der Grundlage von Modellen hatten die Gesundheitsbehörden die Menschen aufgefordert, ihre Interaktionen mit anderen um 80 Prozent zu reduzieren, um die Infektionskurve zu krümmen. Oshitani bezweifelt, dass das Ziel von 80 Prozent erreicht wurde. Aber habe eine ziemlich weitgehende freiwillige Einhaltung gegeben.

Und Kenji Shibuya, globaler Gesundheitsexperte am King's College London, sagte „Science“: „Überraschenderweise schien Japans leichter Lockdown einen echten Lockdown-Effekt zu haben“. Shibuya stand der Cluster-Strategie des Landes zunächst sehr kritisch gegenüber, er warnte vor einer unentdeckten Ausbreitung des Virus. Doch das Ergebnis hat nun auch ihn überzeugt. Japan hat einen Ausbruch „in dem Ausmaß verhindert, wie er in vielen westlichen Ländern zu beobachten ist“, sagt Shibuya.

In der Tat hätten explodierende Zahlen viele angesichts klarer Risikofaktoren nicht überrascht: notorisch überfüllte Pendlerzüge, der weltweit höchste Anteil von Senioren und ein sehr enger Kontakt zum Nachbarland China. Wie die „Deutsche Welle“ (DW) online berichtet, kamen noch im Januar 925.000 Chinesen nach Japan, im Februar waren es demnach noch 89.000.

Forscher machen aber neben der inzwischen strikten Grenzschließung noch andere Gründe für den derzeitigen Erfolg des japanischen Modells aus – die kulturellen Besonderheiten. Es gibt kein Händeschütteln oder Wangenküsschen, sondern eine Verbeugung zu Begrüßung.

Der international erfahrene Epidemiologe und Regierungsberater Shigeru Omi nennt in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ drei Gründe:

  • Japan habe ein gutes Gesundheitssystem
  • Mit der Cluster-Strategie und der Isolation von Infizierten sei früher und resoluter begonnen worden als in westlichen Staaten
  • Es gebe in Japan ein ausgeprägtes Hygienebewusstsein, das vom Händewaschen bis zum bereits jetzt im Winter üblichen Tragen von Schutzmasken reiche

„Das Händewaschen, das Gurgeln mit einer Desinfektionslösung und das Tragen von Masken gehört zu unserem Alltag, dafür braucht es kein Coronavirus“, zitiert die DW eine zweifache japanische Mutter. Dem Bericht zufolge verbrauchte die Japaner schon vor der Pandemie 5,5 Milliarden Mundschutzmasken pro Jahr, 43 Stück je Einwohner. In der Coronavirus-Krise schnellte die Nachfrage so hoch, dass die Masken ausgingen und neue Ware rationiert verkauft wurde. Die Menschen standen geduldig an.

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Wie in anderen Präfekturen schon zuvor soll nächste Woche nun in Tokio das öffentliche Leben wieder anlaufen. In Tokio werden die Schulen wieder öffnen, im Juni soll die äußerst populäre Baseball-Liga wieder starten, allerdings mit Geisterspielen. Die Fußball-Liga soll so am 4. Juli wieder angepfiffen werden. Abe appellierte aber an seine Landsleute, in der „neuen Normalität“ weiter vorsichtig zu sein. Geschlossene und volle Räume sowie enger Kontakt sollten gemieden werden.

„Wir müssen einen neuen Lebensstil entwickeln und unsere Denkweise ändern“, sagte der Regierungschef. „Wenn wir unsere Schutzmaßnahmen lockern, wird sich die Infektion schnell wieder ausbreiten.“ Es sei denkbar, dass dann wieder der Notstand verhängt werden müsste. Und auch der Virologe Oshitani sagte, die Pandemie sei „noch nicht vorbei“. „Ich erwarte von Zeit zu Zeit kleine Ausbrüche“, sagt er. Aber er glaubt, dass „wir mit diesen kleineren Ausbrüchen fertig werden können“.

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