Deutschland sucht die Antikörper : Genesen, aber wirklich immun?

Wer die Corona-Infektion überstanden hat, ist erleichtert – und unsicher zugleich. Denn noch ist unklar, wie lange man immun ist. Jetzt starten Studien dazu.

In München werden derzeit in etwa 3000 Haushalten Blutproben genommen, um einen Überblick über die Verteilung des neuen Coronavirus in der Bevölkerung zu bekommen.
In München werden derzeit in etwa 3000 Haushalten Blutproben genommen, um einen Überblick über die Verteilung des neuen...Foto: Peter Kneffel/dpa

Von Tag zu Tag steigt diese Zahl: Mehr als 100.000 Menschen haben in Deutschland inzwischen laut Robert Koch-Institut eine Infektion mit dem Virus Sars-CoV-2 durchgemacht und Covid-19 überstanden. In Wirklichkeit dürften es deutlich mehr sein, denn längst nicht alle, die Symptome hatten, wurden auch getestet und amtlich registriert – von den Glücklichen, die von ihrer Infektion überhaupt nichts bemerkt haben, ganz zu schweigen.

Sie alle bilden die Gruppe der „Genesenen“. Das etwas altmodisch wirkende Wort stammt vom Althochdeutschen „ginesan“, und das wiederum vom indogermanischen Wortstamm „nes“. Es bedeutet so viel wie: davongekommen, glücklich heimgekehrt. Und drückt damit die Gefühle der Genesenen recht treffend aus.


Getrübte Freude über die Genesung

Doch es bleiben Fragen. Und die können die Freude über die „glückliche Heimkehr“ ins Reich der Gesunden dämpfen. Da ist zunächst die Unsicherheit darüber, ab wann man sicher nicht mehr ansteckend ist. Zuerst machten Untersuchungen aus Südkorea auf schwankende Testergebnisse noch Wochen nach der nachgewiesenen Infektion aufmerksam.

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Immerhin gilt inzwischen als ausgemacht, dass positive PCR-Tests kurz nach der überstandenen Infektion nicht auf eine rasche Neuansteckung hinweisen, sondern auf Rest-Bestände von Viren und deren Bestandteilen, die sich zwar im Abstrich noch zeigen, aber nicht mehr ansteckend sind. Und eine große Studie aus Hongkong deutet darauf hin, dass mehr als die Hälfte aller Ansteckungen sich in der Anfangszeit ereignen, bevor der Infizierte Symptome hat, und dass er oder sie schon nach einer Woche nicht mehr ansteckend ist.

Bleibt die Frage: Wie lang bin ich selbst eigentlich sicher vor einer erneuten Infektion geschützt, wenn ich schon einmal infiziert war? Das ist bisher nicht klar. Immerhin besteht das Virus Sars-CoV-2 nicht wie Influenza-Viren aus Segmenten, die sich wie ein Puzzle immer neu zusammensetzen, sondern aus einem durchgehenden RNS-Strang, es gilt deshalb nicht als besonders mutationsfreudig. Die Erwartung, für mehrere Jahre vor einer Neuinfektion geschützt zu sein und im anderen Fall die Erkrankung sanfter durchzumachen, ist deshalb nicht übertrieben optimistisch.
Der Charité-Virologe Christian Drosten spielte kürzlich in einem Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ durch, wie groß das Potenzial der Immunen sein könnte: „Wenn wir davon ausgehen, dass sich während der jetzigen Infektionswelle bis zum Herbst vielleicht zehn oder 15 Millionen Menschen in Deutschland anstecken, dann haben wir auch bald sehr viele Leute mit Antikörpern. Personen, die immun sind. Da wird es dann Pflegekräfte und Ärzte geben, die ohne Maske arbeiten. Auch in anderen Berufsgruppen wird es Leute geben, die sagen: Ich bin da durch. Und davon wird es immer mehr geben.“

Mit dem Blut Genesener den Kranken helfen

Nicht nur als persönlich ungefährdete Helfer könnten diese Genesenen besonders wertvoll sein. Womöglich sind sie auch in der Lage, schwer Erkrankten auch direkt mittels ihrer erworbenen Abwehrkräfte aus der Not zu helfen. Mit Bestandteilen ihres Blutes. An der Uniklinik in Köln widmet sich seit Anfang April eine „Spezialambulanz für Covid-19-Genesene“ der wachsenden Gruppe der Menschen, die eine Infektion überstanden haben und wieder gesund sind. Ähnliche Ambulanzen entstehen auch an anderen Unikliniken, etwa in Hannover und Münster.


In der Kölner Ambulanz arbeiten Virologen, Infektiologen und Transfusionsmediziner Hand in Hand. Bürgerinnen und Bürger, die nachweislich mit Sars-CoV-2 infiziert waren, können dort einige Wochen später ein Set von Bluttests machen lassen, das Auskunft darüber gibt, ob sie Antikörper gegen das Virus gebildet haben und wie gut diese in der Lage sind, sie gegen erneute Attacken des Virus zu schützen.

„Es ist eine Frage der Zeit, bis sich Antikörper bilden, die die kompetente Waffe des Immunsystems gegen das Virus bilden“, sagt der Infektiologe Max Augustin, der in der Ambulanz tätig ist. Von den ersten 150 Genesenen, die bisher dort vorstellig wurden, hatten 80 Prozent Antikörper vom Typ IgG im Blut. Einige, bei denen dieser Antikörper nicht nachweisbar war, seien wahrscheinlich zu zeitig gekommen, meint Augustin. „Wir sind gerade dabei, den perfekten Zeitpunkt der Erstvorstellung zu bestimmen.“ Wahrscheinlich liege er sechs Wochen nach Beginn der Symptome.

Das Kölner Team plant, die Freiwilligen, die sich in der Ambulanz melden, mindestens über ein Jahr in Abständen wiederholt zu testen. Ihr Blut ist ein besonderer Saft, in dessen zellfreien Bestandteilen, Blutplasma genannt, sich die Antikörper tummeln. Sie könnten dem Immunsystem von schwer an Covid-19 Erkrankten auf die Sprünge helfen. „Die passive Immunisierung gibt dem Immunsystem der Erkrankten etwas an die Hand, mit dem es sich wehren kann“, erläutert Infektiologe Augustin.


Studien noch nicht eindeutig, ob die Antikörper helfen

Eine erste Studie zur Behandlung mit Blutplasma von Menschen, die Covid-19 durchgemacht und Antikörper gebildet haben, kommt aus China und wurde im Fachblatt „JAMA“ veröffentlicht. Chenguang Shen und seine Kollegen haben fünf kritisch kranke beatmete Patienten mit Pneumonie zehn bis 22 Tage nach ihrer Aufnahme ins Krankenhaus mit Plasma von Genesenen behandelt.

Die Studie ist klein, es gab keine Kontrollgruppe, doch nach Ansicht der Autoren eröffnet sie zumindest die „Möglichkeit“, dass das Blutplasma von Genesenen den schwer Erkrankten helfen könnte. Drei der fünf Patienten konnten innerhalb der ersten zwei Wochen nach Beginn der Plasma-Behandlung von der Beatmung entwöhnt werden, sie wurden alle aus dem Krankenhaus entlassen, allerdings erst nach über 50 Tagen Aufenthalt dort.

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Bislang ist unklar, welche Erkrankten von der Blutplasmatherapie profitieren. „Möglicherweise sind es Patienten und Patientinnen, die nicht so schwer krank sind und am Anfang ihrer Infektion stehen“, sagt Augustin. Die Kölner Forscher planen eine größere, methodisch anspruchsvolle und multizentrische klinische Studie, um diese Frage zu klären. „Nur so können wir herausfinden, ob die Therapie wirklich hilft“, betont Kliniker Augustin.

Mehrere Studien suchen nach Antikörpern gegen Covid-19 in der Bevölkerung

Den großen Vorteil der Behandlung mit Blutplasma von Spendern sieht er darin, dass die Methode schon für andere Krankheiten zugelassen ist, etwa für Störungen der Blutgerinnung. Es gibt also transfusionsmedizinische Erfahrung, was die Tauglichkeit der Spenden und die Passgenauigkeit des Biomaterials für die Empfänger betrifft. Weil es nur um die zellfreien Bestandteile des Blutes geht, kann man Plasma zudem häufig spenden.

„Und kein Spender muss Angst haben, seine eigenen Antikörper zu verlieren, denn sie werden von einer Gruppe von weißen Blutkörperchen, den B-Zellen, ständig nachproduziert“, erläutert Augustin. Die Kölner machen sich nun an den Aufbau einer „Bank“ mit Covid-19-Plasma. Das Blutplasma der Genesenen ist auch deshalb wertvoll, weil sie immer noch eine kleine Gruppe sind.
Wie viele sich wirklich mit dem Virus auseinandergesetzt haben, will auch das Robert Koch-Institut nun mit drei großangelegten Studien ermitteln.

In einer von ihnen werden Blutspender regelmäßig auf Antikörper getestet, in einer weiteren soll das in Zusammenarbeit mit dem Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig bei Menschen in Ausbruchsgebieten geschehen. Längerfristig ist zudem eine repräsentative Studie mit 15.000 Erwachsenen an 150 Studienorten geplant, in der es ebenfalls um den Anteil von Menschen mit Antikörpern gegen das Virus geht.

Wird medizinisches Personal häufiger infiziert? Und wie kann es besser geschützt werden?

Die gesamte Bevölkerung nach ihnen zu durchkämmen wäre wenig effektiv. In der Großstadt München lief jedoch Anfang April unter Leitung von Michael Hölscher vom Institut für Infektions- und Tropenmedizin der dortigen Uniklinik in Großhadern eine repräsentative Kohortenstudie an, in deren Rahmen in den nächsten Monaten rund 5000 Bürgerinnen und Bürger aus insgesamt 3000 Haushalten befragt, untersucht und begleitet werden sollen. Alle bekommen zu Beginn Blut abgenommen, das auf Antikörper untersucht wird, alle füllen einen ausführlichen elektronischen Grund-Fragebogen aus.

Im gesamten Zeitraum schieben die Wissenschaftler regelmäßig aktuelle Fragen nach, bei Symptomen bekommen die Teilnehmer einen Abstrich aus dem Nasen-Rachen-Raum und werden engmaschig beraten. Alle sechs bis acht Wochen folgen weitere Blutabnahmen für Antikörpertests, über deren Ergebnis die Teilnehmer jeweils informiert werden. Hausbesuche sind in diesem Untersuchungsjahr ohnehin regelmäßig vorgesehen.

Die Studie soll einen Einblick in das ganz normale Geschehen rund um Infektion und Immunität in einer deutschen Großstadt geben – im Verlauf eines Jahres, und nicht wie im nordrhein-westfälischen Heinsberg nach einem dramatischen Einzelereignis.
Ebenfalls in der bayerischen Landeshauptstadt startet jetzt eine große Antikörper-Studie, die zunächst über zwei Jahre laufen soll, je nach Entwicklung der Pandemie aber auch verlängert werden könnte.

Es geht um die Immunität der Mitarbeiter des Klinikums rechts der Isar der Technischen Universität München. Blutproben von 7000 Pflegekräften, Ärzten und wissenschaftlichen Mitarbeitern, die sich freiwillig gemeldet haben, sollen in den nächsten zwei Jahren mehrfach auf Antikörper gegen Sars-CoV-2 getestet werden. „Primär wollen wir durch die Studie herausfinden, wie viele Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen einen positiven Antikörperstatus gegen Sars-CoV2 haben, und das auch mit dem Arbeitsumfeld sowie den Schutzmaßnahmen in Beziehung setzen“, erklärt Paul Lingor, Oberarzt an der Neurologischen Klinik, die neben dem von Percy Knolle geleiteten Institut für Molekulare Immunologie an der Studie beteiligt ist.

Die Forscher möchten zunächst verstehen, ob Mitarbeiter auf Stationen mit Covid-19-Patienten häufiger infiziert werden als Ärzte und Pflegekräfte aus anderen Bereichen. „Wir möchten wissen, ob die Schutzmaßnahmen ausreichend waren und wo wir in Zukunft Verbesserungen einführen müssen.“
Da die Mitarbeiter des Klinikums im Verlauf der kommenden zwei Jahre mehrfach getestet werden sollen und auch gebeten sind, die Forscher bei Covid-19-Symptomen zu informieren, ergibt sich aber auch die Chance, Aufschluss über eine weitere Frage zu gewinnen: „Dadurch wird es möglich sein zu erkennen, ob jemand, der bereits Antikörper entwickelt hatte, erneut erkranken kann“, sagt Lingor. Denn selbstverständlich wird bei verdächtigen Symptomen nochmals ein PCR-Test gemacht, um einer eventuellen Neuinfektion auf die Spur zu kommen. „Gleichzeitig wird es auch möglich sein, den Antikörper-Status im Zeitverlauf zu untersuchen und zu erkennen, ob es zu einem Verlust der Antikörper kommt, die für das Virus spezifisch sind“, sagt Lingor.

Die Beantwortung der Frage, wie lange sich Antikörper nach einer Infektion im Blut nachweisen lassen, dient in dieser Studie zunächst dem Schutz der Mitarbeiter der Kliniken und Institute selbst und ihrer Patienten. Wie lange der Immunschutz anhält, interessiert jedoch auch eine wachsende Zahl von Bürgerinnen und Bürgern – ganz persönlich.

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