Geologie : Früher war mehr Brexit

Dramatisch, tödlich und nachhaltig: Die britischen Inseln haben ihre Erfahrungen mit Trennungen von Europa.

Mauer statt Kanal. Wo es derart überläuft, kann man nicht mehr drüber laufen. Die Illustration zeigt, wie die Landbrücke zwischen dem heutigen Britannien und dem heutigen Frankreich ausgesehen haben könnte, bevor sie zusammenstürzte.
Mauer statt Kanal. Wo es derart überläuft, kann man nicht mehr drüber laufen. Die Illustration zeigt, wie die Landbrücke zwischen...Illustration: Chase Stone Art / Imperial College London

Ursprünglich sollte am kommenden Freitag um Mitternacht der Brexit vollzogen werden. Zwar wurde er noch einmal verschoben, kommen wird er aber höchstwahrscheinlich früher oder später. Welche Folgen die Trennung von Europa haben wird, so ist allenthalben zu hören, sei nicht genau vorherzusagen. Schließlich habe es so etwas noch nie gegeben. Tatsächlich aber hat Großbritannien derlei schon mehrfach hinter sich. Heinrich VIII vollzog im 16. Jahrhundert die erste menschgemachte Trennung, weil er sich von seiner Frau trennen wollte und der Papst das nicht erlaubte. Doch die wirklich dramatischen Brexits sind schon etwas länger her.

Wohin mit dem vielen kalten Wasser?

Beim ersten vor knapp 450 000 Jahren zerschnitten ungeheure Wassermassen wie eine Riesenfräse das Land zwischen dem heutigen Dover und Calais. Gespeist wurde der Wasserstrahl aus einem großen Becken, das nordöstlich des heutigen Ärmelkanals lag. Die Situation war vertrackt: Es war damals deutlich kälter, im Norden hatten große Eismassen den Weg ins Polarmeer versperrt, in der Gegend des heutigen Kanals befand sich eine Landbrücke aus Kalkstein, die wie ein Damm wirkte. Themse, Rhein und Maas schütteten immer mehr Wasser in jenes Becken – bis es sich einen Abfluss schuf - zwischen dem heutigen Südengland und Nordfrankreich war nun eine Wasserbarriere.

Forscher um Sanjeev Gupta vom Imperial College London haben alles akribisch rekonstruiert. Wie sie 2017 im Fachblatt „Nature Communications“ berichteten, stürzte das Wasser in Kaskaden nach unten. Die Wasserfälle waren zig Meter hoch und hinterließen am Grund sogenannte Auskolkungen, die sich wiederum bis zu 100 Meter tief ins Gestein einschnitten. Was den natürlichen Damm schon damals teilweise kollabieren ließ, darüber können die Forscher nur spekulieren.

Möglicherweise waren große Eismassen in den Stausee abgerutscht und hatten einen Tsunami ausgelöst, vielleicht war der Landrücken auch durch Erdbeben brüchig geworden. Inwiefern Menschen betroffen waren, ist unklar. Während dieser Eiszeit war Großbritannien vermutlich nicht besiedelt. Funde legen nahe, dass erst in der folgenden Warmzeit Menschen dorthin zurückkehrten.

Der Brexit, für den niemand stimmte

Vor etwa 160 000 Jahren habe sich das Geschehen wiederholt, wenn auch nicht ganz so dramatisch, berichtet das Team um Gupta weiter. Abermals schoss Wasser aus einem Gletschersee und hobelte den Kalkstein weiter ab. „Der Durchbruch dieser Landbrücke zwischen Dover und Calais war zweifelsohne eines der wichtigsten Ereignisse in der britischen Geschichte“ und präge die Identität des Inselstaates bis heute, kommentierte Gupta bei der Vorstellung der Studie. Als die Eiszeit endete und der Meeresspiegel anstieg, wurde das Tal endgültig überschwemmt. Die physische Verbindung zum Festland war nun ganz verloren. „Dies ist der Brexit 1.0, ein Brexit, für den niemand gestimmt hat“, so Gupta.

Hält man sich an seine Zählweise, dann erfolgte der Brexit 2.0 vor rund 8150 Jahren. Wieder war Britannien, der Eiszeit und einem daher niedrigen Meeresspiegel sei Dank, mit dem Kontinent verbunden. Die Landbrücke erstreckte sich vom heutigen England und Schottland hinüber nach Dänemark. Sie wird heute als „Doggerland“ bezeichnet. Dieses Doggerland ist ein beliebtes Forschungsobjekt, nicht zuletzt wegen seines spektakulären Endes:

Die Eismassen auf der Nordhalbkugel tauten, der Meeresspiegel hatte schon begonnen zu steigen. Doch Doggerland war noch begehbar. „Der Untergrund war oft morastig und es gab ausgedehnte Laubmischwälder mit Rothirschen, Wildschweinen, Elchen, die von den Menschen mit Pfeil und Bogen gejagt wurden“, sagt Olaf Jöris vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz und Neuwied, der die letzten Jahre von Doggerland zu rekonstruieren versucht hat. Sesshaft seien die Jäger und Sammler noch nicht gewesen.

In Gruppen von etwa 25 Personen zogen sie umher, blieben zwei, drei Wochen an dem einen, dann am nächsten Ort. Sie hatten Zelte aus dünnen Ästen und gegerbten Häuten, die sie rasch abbauen und leicht transportieren konnten. Zum Schutz vor Nässe und Kälte fertigten sie sich mittelsteinzeitliche Isomatten – aus Birkenrinde. „Zu jener Zeit gab es auch bereits domestizierte Hunde“, sagt Jöris, „als nette Gesellschaft, zum Aufspüren von verletztem Wild, zur Not auch, um den Hunger zu stillen.“

Britische Pfeile, kontinentale Pfeile

Anhand der Artefakte lässt sich rekonstruieren, wie das Lagerleben ausgesehen haben könnte: Da saßen die Menschen ums Feuer, rösteten Haselnüsse, schlugen Steinspitzen zurecht und klebten sie mit Birkenpech an Pfeilschäfte. „Aufgrund der Form und Bearbeitung der Steinspitzen, die sowohl in England als auch auf dem Kontinent gefunden wurden, wissen wir, dass die Jäger und Sammler damals hin- und her reisten“, sagt der Archäologe. Auch die kultischen Handlungen und die Art der Bestattung ähnelten sich. Offenbar wurde sogar Einkorn-Getreide nach England importiert. Das legen jedenfalls neuere DNS-Analysen nahe. Doch das Leben der mittelsteinzeitlichen Pendler wurde beschwerlicher.

Der große Klimatrend blieb Erwärmung, so dass das Wasser stieg. Das flache Doggerland wurde morastiger. Dann schlug das Klima vorübergehend um, es wurde deutlich kälter. Eine „Mini-Eiszeit“ ähnlich derer, Europa zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert abkühlte, nennt es Bernhard Weninger von der Universität Köln. „Vor allem die Winter waren heftig, der Wind blies eisig, die Temperaturen lagen deutlich unter den heutigen Werten.“ Selbst die großen Flüsse waren vermutlich zugefroren, auch im Flachland. „Wären die Bewohner schon Bauern gewesen, hätte es sie sehr hart getroffen, denn es hätte sicher Ernteverluste gegeben.“ Als Jäger und Sammler hätten sie wohl etwas besser damit umgehen können.

Doch dann jener Tag vor etwa 8150 Jahren, als vor der norwegischen Küste am Unterwasserhang eine große Menge Sediment ins Rutschen kam. Es gab einen Tsunami. Grönland erreichte er ebenso wie Schottland und Dänemark. An manchen Orten waren die Wellen mehr als 20 Meter hoch und rasten weit ins Landesinnere. Doggerland, das mitten im Weg stand, wäre hier regelrecht rasiert worden. Dieses filmreife Szenario wird jedenfalls gern bemüht, um das katastrophale Ende der Besiedlung zu beschreiben.

Doch es mehren sich die Hinweise, dass das so nicht ganz stimmt. Jon Hill von der Universität York hat die Ausbreitung des sogenannten Storegga-Tsunami (benannt nach dem Herkunftsgebiet) modelliert und kommt zu dem Schluss: Doggerland wurde nicht so heftig getroffen, wie frühere Studien nahegelegt hatten. Und die Menschen hätten es vermutlich schon früher verlassen gehabt, weil das Meer immer weiter stieg.

Brexit means Brexit, and...

Der Archäologe Jöris sieht das ähnlich: „Doggerland war flach und wurde zunehmend überflutet beziehungsweise sumpfiger. Der Tsunami allein war nicht die Katastrophe.“ Was genau geschah, versucht aktuell ein Team um Vincent Gaffney von der Universität Bradford aufzuklären. Die Wissenschaftler vermessen Brown Bank, eine Untiefe vor England, mit geophysikalischen Methoden und entnehmen Sedimentkerne, um mehr über die Besiedlung und die Folgen des Storegga-Ereignisses zu erfahren. Sie „hätten da vielleicht etwas“, schreibt Gaffney auf Anfrage. Aber verraten will er noch nichts und erst einmal weiter forschen. Noch ein Brexit-Rätsel also.

Ob Doggerland wegen des Tsunamis vollständig verschwand oder noch ein paar Jahre über die Wellenspitzen hinausschaute – das Ergebnis ist das Gleiche. Die Menschen blieben weg, es gab keine Verbindung mehr zwischen Großbritannien und dem Kontinent. „Die Steinklingen beidseits des Meeres unterscheiden sich seit dieser Zeit deutlich“, sagt Jöris. Die britischen Inseln waren nun isoliert, selbst wenn vielleicht gelegentlicher Bootsverkehr schon damals möglich war. Zu den geografischen Zwängen kommt, dass die Menschen bald sesshaft wurden. „Wenn man sich auf kleinere Territorien zurückzieht", sagt Jöris“, „hat man weniger Kontakt zu seinen Nachbarn, es gibt keinen regen Austausch mehr.“

Insgesamt wurde jener zweite geologische Brexit also auch zu einem soziologisch-wirtschaftlichen.

Er wirkt bis heute nach.

INFOBOX: TRENNUNG UND HEIRAT AUF GEOLOGISCH

Landverbindungen können vergleichsweise schnell entstehen und abbrechen. Das zeigt die Erdgeschichte – nicht nur für Großbritannien.
Ein anderes Beispiel ist die Beringia-Landbrücke, die Ostasien mit Nordamerika verband. Auch hier hatte die Eiszeit einen wichtigen Anteil: Viel Wasser war in Gletschern gebunden, wodurch der Meeresspiegel deutlich niedriger war als heute. Schon vor rund 27 000 Jahren konnten Menschen aus Asien über die Beringia-Landbrücke nach Amerika gelangen und den Kontinent besiedeln. Heute ist sie längst geflutet und heißt auch anders: Beringstraße.

Eine schnelle Überflutung erlebte auch das Mittelmeer. Es passierte vor gut fünf Millionen Jahren. Die geologischen Indizien zeichnen aber ein katastrophales Bild. Während Afrika sich auf Europa zubewegte, bildeten sich immer wieder Landbrücken, die die Verbindung zum Atlantik unterbrachen. So entstand ein Becken, das rund 3000 Kilometer lang und mehrere Hundert Kilometer breit war.

Das Wasser der einströmenden Flüsse war viel zu wenig, die Verdunstung immens. Das Becken dürfte eine wüstenähnliche Landschaft mit Salzkrusten gewesen sein – bis vor 5,33 Millionen Jahren die Landverbindung von Gibraltar nachgab und Atlantikwasser hineinschoss: rund 100 Millionen Kubikmeter pro Sekunde. Das ist das Tausendfache dessen, was heute die Amazonasmündung durchströmt. Das bis zu zweieinhalb Kilometer tiefe Mittelmeerbecken war binnen zwei Jahren fast vollständig gefüllt – und ein Durchkommen für Menschen lange Zeit unmöglich.

Die Kollision von Kontinenten ermöglicht noch weitere Gedankenspiele. Indien war lange eigenständig, bevor es sich freiwillig – beziehungsweise auf Drängen der Plattentektonik – vor 50 Millionen Jahren an Asien anschloss. Oder die heutigen Gebiete von Bayern und Preußen: Auch sie trennte vor der „varistischen Gebirgsbildung“ vor rund 340 Millionen Jahren ein Ozean. Das Gebirge wurde im heutigen Thüringen und Sachsen aufgefaltet, wo noch immer einige Reste zu sehen sind.

Interessant ist aber auch der Blick in die Zukunft. Modellrechnungen zufolge wird Afrika an Europa andocken und das Mittelmeer schließen, Nord- und Südamerika trennen sich wieder, um später Anschluss an Europa beziehungsweise Afrika zu suchen. Und Australien gliedert sich Südostasien an. (nes)

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