• Johnson&Johnson-Forschungschef im Interview: Impfstoffentwicklung in „Turbogeschwindigkeit“

Johnson&Johnson-Forschungschef im Interview : Impfstoffentwicklung in „Turbogeschwindigkeit“

Anfang 2021 könnten erste Chargen eines Impfstoffs produziert werden, der vor Sars-CoV-2 schützt - und zwar zuallererst Ärzte und Pfleger, sagt Paul Stoffels.

Wird der Impfstoff gegen das Coronavirus, wenn es denn alsbald einen geben sollte, eine Spritze sein? Wenn der Pharmakonzern J&J erfolgreich sein sollte, dann wohl schon.
Wird der Impfstoff gegen das Coronavirus, wenn es denn alsbald einen geben sollte, eine Spritze sein? Wenn der Pharmakonzern J&J...Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Am Dienstag kündigte Johnson & Johnson an, bereits im September einen Corona-Impfstoffkandidaten erstmals an Menschen testen und bei Erfolg Anfang 2021 bereits die ersten Chargen produzieren zu wollen. Wenn die Vakzine wirkt, verpflichtet sich der US-Pharmakonzern, eine Milliarde Impfstoffdosen zum Selbstkostenpreis zu produzieren. Das Unternehmen werden keinem Land Exklusivrechte an dem Impfstoff verkaufen, betont J&J-Forschungschef Paul Stoffels nun im Interview mit dem Tagesspiegel.

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Der Impfstoff müsse zuallererst medizinischem Personal und Risikogruppen zur Verfügung gestellt werden. Bis Mitte 2021 werde das Unternehmen aber im besten Fall zehn Millionen Dosen produziert haben, prognostiziert Stoffels. Das sei angesichts sonst Jahre und Jahrzehnte dauernder Arzneimittelentwicklungen jetzt „Turbogeschwindigkeit“.

Das Interview in voller Länge:

Herr Stoffels, Sie haben als junger Arzt an HIV-Impfstoffen gearbeitet und als Chief Scientific Officer von Johnson & Johnson an Ebola-Impfstoffen. Jetzt stehen Sie vor Sars-CoV-2, einem völlig neuen Virus, das die erste Pandemie dieses Jahrhunderts verursacht. Wie schwierig ist die aktuelle Lage aus Forschungsperspektive?
Die Situation ist momentan sehr schwierig. Es fühlt sich an, als würde sich ein „Ebola light“-Virus über die Welt ausbreiten. Glücklicherweise ist Sars-CoV-2 viel weniger tödlich als Ebola – aber leider immer noch gefährlich, weil es viel infektiöser ist. 

Dennoch sind Sie optimistisch, einen Impfstoff zu entwickeln, der vor einer Infektion und damit vor der durch sie verursachten Covid-19-Krankheit schützt. Vor einigen Tagen haben Sie den November als Beginn der ersten klinischen Studie mit dem einem potenziellen Impfstoffkandidaten erwähnt. Jetzt kündigen Sie an, dass Sie vielleicht schon im September beginnen können.
Wir haben bereits vergleichbare Impfstoffkandidaten gegen Ebola, gegen HIV, RSV und das Zika-Virus entwickelt. Insgesamt wurden in diesen Studien 50.000 Menschen mit dem gleichen Grundstoff geimpft, den wir jetzt einsetzen werden. Schon jetzt liegen uns eine Menge Daten zur Sicherheit des Impfstoffkandidaten vor, denn die notwendigen präklinischen Studien an nicht-menschlichen Primaten und Tieren wurden bereits durchgeführt. Dank der engen Zusammenarbeit mit den Behörden können wir jetzt viel schneller vorankommen.

Parallel dazu haben wir unsere Produktionskapazitäten erhöht. Seit wenigen Tagen haben wir einen „Leitkandidaten“ für die Impfstoffentwicklung identifiziert, er wird jetzt produziert. Mit dieser Prioritätensetzung können wir die Forschung jetzt schnell vorantreiben, so dass wir zuversichtlich sind, im September mit den klinischen Studien beginnen zu können. 

Paul Stoffels (58) kam 2002 zu Johnson & Johnson. Seit 2012 ist er weltweiter Forschungschef des Pharmakonzerns. Zu Beginn seiner Karriere forschte der Arzt in Afrika zu HIV.
Paul Stoffels (58) kam 2002 zu Johnson & Johnson. Seit 2012 ist er weltweiter Forschungschef des Pharmakonzerns. Zu Beginn seiner...Foto: J&J


Wo wollen Sie diese ersten klinischen Tests durchführen?
Die klinischen Tests bestehen aus zwei Teilen: Wir werden gesunde Freiwillige in nicht infizierten Gebieten testen, sodass wir eine gute Vorstellung davon bekommen, ob der Impfstoff bei Menschen irgendwelche Nebenwirkungen auslöst. Die klinischen Studien zum Nachweis der Wirksamkeit kommen hingegen nur in Gebieten mit einer hohen Infektionsrate in Frage. In der zweiten Jahreshälfte 2020 werden wir beginnen, klinische Studien in verschiedenen Teilen der Welt vorzubereiten. Wir könnten dies in Nord- und Südamerika tun, aber auch irgendwo anders auf der Welt. Wichtig ist, sehr schnell sehr viele Menschen in einer Zone mit vielen Infizierten zu rekrutieren, nur so kommen wir zu aussagekräftigen kontrollierten klinischen Studien.
Es könnte schon sehr bald sehr schwierig sein, eine Region mit einer geringen Infektionsrate zu finden, oder?
Ja. Aber in der Phase-1-Studie wäre es kein Problem. Bei einer niedrigen Zahl von Infektionen können wir genügend Nicht-Infizierte rekrutieren, darin haben wir Übung. Bei der Entwicklung von HIV- oder Krebstherapien etwa haben wir bereits Studien durchgeführt, für die wir innerhalb weniger Tage genügend Studienteilnehmer rekrutieren konnten, einmal 120 an einem Tag. Es ist immer möglich, so etwas zu beschleunigen.

Hintergrund-Informationen zum Coronavirus:

Sie haben Erfahrungen mit dem Grundgerüst des Impfstoffs, einem sogenannten Adenovirus. In diesen “Vektor” fügen Sie Teile von Viren, sogenannte Antigene, ein, die dann dem Immunsystem präsentiert werden und die Immunantwort vermitteln. Aber haben Sie schon einmal Antigene von Coronaviren in klinischen Tests verwendet in klinischen Tests?
Wir haben Tierversuche mit Coronavirus-Antigenen auf Basis dieser Plattformtechnologie, AdVac, durchgeführt, in denen sich eine sehr gute Antikörperreaktion zeigte. Daher sind wir ziemlich zuversichtlich. Der Impfstoff reagiert in den Tierversuchen genauso wie der Ebola- und die anderen Impfstoffe. Natürlich haben wir für SARS-CoV-2 noch keine größeren Tierversuche durchgeführt. Aber alles, was wir bisher sehen, geht in die gleiche Richtung wie bei den vorherigen erfolgreichen Impfstoff-Entwicklungen.

Aber ist es nicht möglich, dass das Coronavirus irgendwie anders ist? Es unterscheidet sich zumindest sehr von Ebola oder HIV.
Es unterscheidet sich zumindest in der Art und Weise, wie es Menschen infiziert, nämlich vorzugsweise über die Atemwege. Zika wird durch Moskitos übertragen, Ebola hat einen anderen Übertragungsweg, das RS-Virus ebenfalls. Die Frage, die wir zu beantworten haben, lautet: Schützt unser Impfstoff vor einer Infektion oder/und schützt er vor einer schweren Krankheit? Viele Impfstoffe, zum Beispiel gegen Influenza, schützen vor schweren Krankheiten, nicht unbedingt vor einer Infektion.

Welche Art von Antigenen verwenden Sie? Probieren Sie verschiedene Teile der Virushülle aus?
Wir verwenden das gleiche Ziel, das Spike-Protein von der Oberfläche des Virus. Aber wir haben zehn verschiedene Stücke davon genommen: Längere, kürzere, breitere und so weiter. Daraus wurde dann der „Leitkandidat“ ausgewählt, mit dem wir jetzt weiterarbeiten. Wir schauen aber auch, welcher dieser Kandidaten für die Produktion in unseren Zelllinien am nützlichsten ist. Denn manchmal, wenn diese Vektoren mehr oder weniger Proteinstücke enthalten, könnte das für den Produktionsprozess hemmend sein.

Die Zellen wachsen dann nichtschnell genug, um genügend Impfstoff zu produzieren?
Ja. Und dies hängt von mehreren Merkmalen des Virusteils ab, den Sie in das Adenovirus, das Impfstoffrückgrat, einbringen. Wir untersuchen also die Wirksamkeit der Impfstoffkandidaten im Tiermodell und parallel dazu die Produktion des Vektors. Das ist wichtig, denn es gibt einen Unterschied zwischen Zelllinien, die wenig produzieren, und solchen, die viel produzieren. Das bedeutet: In der gleichen Produktionsstätte kann man mit einem Impfstoffkandidaten eine Million und mit einem anderen zehn Millionen Dosen herstellen. Und in dieser Situation ist es nicht nur wichtig, den wirksamsten Impfstoff zu finden, sondern auch den Impfstoff mit der höchsten Produktionseffizienz.

Ist es nicht ein hohes Risiko für ein Unternehmen, neue Produktionskapazitäten für einen Impfstoff aufzubauen, den es noch gar nicht gibt bzw. dessen Schutzwirkung noch gar nicht bewiesen ist?
Wir haben eine Impfstoff-Produktionsanlage in Leiden in den Niederlanden in Betrieb, die 300 Millionen Dosen pro Jahr herstellen kann. Wir werden mit der Evaluierung des Upscaling beginnen, denn wir müssen noch die Prozessentwicklung durchführen und sicherstellen, dass diese genauso verläuft wie die der anderen Impfstoffe. Wenn wir aber einen großen Teil der Welt abdecken wollen, reichen 300 Millionen Dosen pro Jahr nicht aus. Deshalb werden wir schon jetzt zusätzliche Produktionsanlagen errichten. Sicherlich eine in den USA, aber wir evaluieren derzeit auch Anlagen in anderen Teilen der Welt und diskutieren mit anderen Impfstofffirmen über Partnerschaften. Aber bitte lassen Sie mich daran erinnern: Wir befinden uns erst seit zehn Wochen in dieser völlig neuen Situation. Zehn Wochen für die Entwicklung eines völlig neuen Impfstoffs: Das ist beispiellos, das hat es noch nie gegeben.
Sie planen, die ersten Chargen Anfang 2021 auszuliefern. Aber wie viele? Schon 300 Millionen Impfdosen?
Nein, nein, so funktioniert es nicht. Wir könnten vier bis acht Millionen Impfstoffdosen pro Charge herstellen. Jeden Monat werden neue Chargen herauskommen, und bis Ende 2021 könnten wir hoffentlich Hunderte von Millionen Impfstoffdosen haben. Aber Mitte 2021 werden wir mit Sicherheit nicht mehr als zehn Millionen Dosen haben.


Wie steht es mit anderen Impfstoffentwicklungen, wie die des deutschen Netzwerks von Wissenschaftlern, darunter Marylyn Addo und Christian Drosten, die ein mit Pocken verwandtes Rückgrat, das Modified Vaccinia Virus Ankara (MVA), verwenden und bereits Erfahrungen mit dem MERS-Coronavirus haben? Und dann gibt es da auch noch die Firmen CureVac, BioNTech und Moderna, die RNA-Impfstoffe gegen Sars-CoV-2 entwickeln.
Konkurrenz ist gut, denn je schneller wir einen Impfstoff haben, desto schneller ist er verfügbar. Und ich hoffe wirklich, dass einer von ihnen viel schneller ist und viel mehr Impfstoffe herstellen kann als wir. Aber bisher gibt es keine RNA-Impfstoffe auf dem Markt. Die US-Regierung steigt bei uns mit ein, weil wir bereits vier Mal bewiesen haben, dass die von uns entwickelten Impfstoffe sicher und wirksam sind, und dass wir in der Lage sind, große Mengen zu produzieren. Es ist vielleicht nicht die innovativste Technik, aber eine sehr solide. Jeder in dieser Pandemie hat jemanden, der gefährdet ist, Familienmitglieder, ältere Eltern, schwerkranke Menschen. Wir brauchen so schnell wie möglich einen Impfstoff, egal woher er kommt. 

[Ein Interview mit Klaus Cichutek, dem Präsidenten des für Impfstoffzulassungen zuständigen Behörde, dem Paul-Ehrlich-Institut lesen sie hier]

Der Ebola-Impfstoff benötigt zwei Spritzen innerhalb von acht Wochen, um seine volle Schutzwirkung zu entfalten. Ist das nicht ein Nachteil, schließlich geht es darum, die Weltbevölkerung schnellstmöglich zu immunisieren?
Das ist eine Frage für die klinischen Studien. Um einen langen Impfschutz zu gewährleisten, muss man zwei oder mehrmals impfen. Zwar schützt schon eine einmalige Impfung, aber nicht für lange. Man muss später auffrischen. Wir denken, dass wir die Auffrischung für den sofortigen, kurzfristigen Schutz nicht brauchen, aber wir werden beide Impfstrategien testen, das ein- und das mehrmalige Impfprotokoll. Unser Ziel ist, einen langfristigen Impfschutz zu erreichen. Mitarbeiter im Gesundheitswesen beispielsweise müssen längerfristig geschützt werden, nicht nur für einige Monate. Deshalb bevorzugen wir das Prime-Boost-Protokoll, das Auffrischungsimpfungen vorsieht.
Ihr Telefon hat während unseres Gesprächs drei Mal geklingelt. Wie ist es, weltweiter Forschungschef eines großen Pharmaunternehmens zu sein während einer solchen Pandemie? Fühlt es sich ein bisschen an wie in dem Hollywood-Film „Outbreak“, den inzwischen wahrscheinlich jeder gesehen hat?
Nein, es ist nicht wie in Hollywood. Es ist unser Beruf, Impfstoffe und Medikamente herzustellen - aber was sonst Jahre dauert, das läuft gerade mit Turbogeschwindigkeit ab. Mein Arbeitstag dauert derzeit 14 bis 16 Stunden, und alles dreht sich dabei darum, die Abläufe zu beschleunigen. Ich habe schon in den frühen, schwierigen Tagen der HIV-Epidemie in der Forschung gearbeitet. Damals haben wir gelernt, schnell zu sein und Tausende von Menschen in verschiedenen Abteilungen des Unternehmens und in Forschungsinstituten zu koordinieren. Sie alle haben ihre Fähigkeiten, kennen sich auf ihrem Gebiet aus, und meine Aufgabe ist es, ihnen den Raum und den finanziellen Spielraum zu geben, damit sie arbeiten können.

Und natürlich koordiniere ich auch die Zusammenarbeit mit Regierungen. Ich traf kürzlich den US-Präsidenten Donald Trump, um die Beteiligung der USA zu besprechen, ich bin in ständigem Austausch mit der Zulassungsbehörde FDA in den USA und der EMA in Europa. Auch mit Gesundheitsminister Jens Spahn habe ich schon gesprochen. Immer ging es darum, wie die Impfungen in Europa, den USA aber auch in Afrika und anderen Teilen der Welt eingesetzt werden können. Der Koordinations- und Abstimmungsaufwand auf wissenschaftlicher, regulatorischer, staatlicher und natürlich finanzieller Ebene ist enorm. 
Bedeutet das, dass der Impfstoff zuerst in den USA, wie es Trump öffentlich eingefordert hat, eingesetzt wird, dann vielleicht in Europa und erst später irgendwann in Afrika und anderen Regionen der Welt?
Nein. Unser Impfstoff wird in Leiden, in den Niederlanden, entwickelt. Wir haben seit jeher den Anspruch, mit der gesamten Welt zusammenzuarbeiten – für die ganze Welt. Selbst wenn die USA maßgeblich in die Finanzierung des neuen Impfstoffs involviert sind, haben wir alle operationelle Freiheit und können globalen Zugang zusichern. Natürlich reden wir mit den westlichen Regierungen über die Finanzierung dieser außergewöhnlichen Unternehmung, aber wir haben Verantwortung auch für die Ländern mit geringem und mittlerem Pro-Kopf-Einkommen. Die Globale Impfstoff Allianz GAVI ist eine Organisation, die den Zugang für Impfstoffe weltweit organisiert.

Eines müssen wir uns aber immer vor Augen halten: Wir sind gerade mal zehn Wochen dabei, diesen Impfstoff zu entwickeln. Darauf müssen wir uns jetzt konzentrieren und testen, ob er sicher und wirksam ist. Erst dann können wir über Verteilung reden. Und dabei kommt es nicht darauf an, welche Länder den Impfstoff zuerst bekommen, sondern wer in den Ländern: Das medizinische Personal braucht den Impfstoff zuallererst, weil es dem höchsten Infektionsrisiko ausgesetzt ist. Dann kommen die älteren und vorerkrankten Menschen, die das Virus besonders häufig schwer erkranken lässt. Die Welt muss sich darauf einigen, dass diese Personengruppen zuerst versorgt werden müssen. Und erst dann Menschen wie Sie und ich. 
Wenn J&J erfolgreich sein sollte, wird das Unternehmen dann sein Versprechen einhalten und den Impfstoff zum Selbstkostenpreis zur Verfügung stellen? 
Ja. Wir – und damit meine ich jeden bei Johnson & Johnson – sind uns einig: Wir entwickeln den Impfstoff gegen Covid-19 nicht, um Profit zu machen. 

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