Neue Pisa-Studie : Deutsche Schüler lassen wieder nach

Bei der Pisa-Studie schneiden Schüler aus Deutschland schlechter ab. Besorgniserregend: Einige Problemzonen des Bildungssystems werden immer größer.

Pisa misst die Schulleistungen von 15-Jährigen.
Pisa misst die Schulleistungen von 15-Jährigen.Foto: picture alliance / dpa

Die Leistungen der Neuntklässlerinnen und Neuntklässler in Deutschland lassen nach – und sind teilweise wieder auf dem niedrigeren Niveau angelangt, das sie vor einem Jahrzehnt bereits hatten. Das zeigt die neue Pisa-Studie, die am Dienstag veröffentlich wurde.

Im internationalen Vergleich bleibt Deutschland dennoch in allen untersuchten Bereichen über dem OECD-Schnitt und damit im oberen Mittelfeld. Das liegt unter anderem daran, dass sich viele andere Staaten ebenfalls nicht verbessern. Der Schnitt der Schülerleistungen in den 37 Ländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sinkt insgesamt ebenfalls leicht. Die OECD organisiert die Pisa-Studie, außerdem nahmen noch 42 Partnerländer teil.

„Durchschnitt darf nicht unser Maßstab sein – wir müssen besser werden“, sagte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU). Deutschland habe die Dynamik im Bildungswesen verloren und stehe wieder auf dem Stand von Anfang der 2000er Jahre.

Schwerpunkt der aktuellen, siebten Pisa-Studie ist das Lesen, getestet wurden ebenfalls die Kompetenzen in Mathematik und Naturwissenschaften. An der Pisa-Studie beteiligten sich weltweit 600.000 Schülerinnen und Schüler, in Deutschland waren es 5500.

Pisa-Studie: Regionen aus Asien sind Spitze

Im Lesen erreichen die Schülerinnen und Schüler aus Deutschland 498 Punkte (OECD-Schnitt: 487), das sind zehn Punkte weniger als bei der vorangegangen Pisa-Studie, deren Resultate vor drei Jahren veröffentlicht wurden.

Besonders deutlich ist der Rückgang in den Naturwissenschaften: Deutschland lag bereits bei 524 Punkten, jetzt sind es 503. In Mathematik liegt der Wert bei 500, der Höchstwert war hier 514 im Jahr 2012. Schon bei der vergangenen Pisa-Studie war der Fortschritt der deutschen Schülerinnen und Schüler gestoppt worden – jetzt ist also endgültig wieder ein Rückschritt zu verzeichnen.

Spitzenreiter sind erneut einige Metropol-Regionen in China (hier wurde nicht das gesamte Land getestet) sowie Singapur. Der Abstand Deutschlands zu Singapur beträgt bis zu 60 Punkte, zu den Regionen Chinas teilweise sogar 90 Punkte. 25 Pisa-Punkte entsprechen in Deutschland nach Auskunft der OEDC etwa einem Lernjahr.

Ebenfalls durchgehend besser als Deutschland schneiden zum Beispiel Kanada, Estland, Finnland, Südkorea und Polen ab, mit Vorsprüngen von teilweise 30 Punkten. Allerdings verlieren auch viele aus dieser Spitzengruppe, darunter etwa Finnland.

Auf einem Stand mit Deutschland sind jetzt unter anderem Australien, Neuseeland, Frankreich, Großbritannien und die USA.

Besorgniserregend ist vor allem, dass sich einige seit der ersten Pisa-Studie bekannte Problemzonen des deutschen Bildungssystems wieder ausweiten - und zwar folgende:

  • Der Schulerfolg hängt noch stärker als früher vom sozialen Status der Eltern ab.
  • Der Anteil der "Risikoschüler" in Deutschland steigt erneut - in allen Bereichen.
  • Bei den Leistungsstarken erreicht Deutschland die selbstgesteckten Ziele nicht.
  • Überdurchschnittlich viele Schulen klagen über Personal- und Ausstattungsprobleme.

Im Einzelnen: Tatsächlich gehörte Deutschland schon immer zu den Ländern, in denen der Bildungserfolg wie kaum anderswo von der sozialen Herkunft abhängt.

Das verschärft sich. Ein Beispiel: Bei den Lesekompetenzen hat das privilegierteste Viertel der Schülerschaft inzwischen einen Vorsprung von 113 Punkten gegenüber dem sozioökonomisch am stärksten benachteiligten Viertel – das entspricht vier Lernjahren. Das sind noch einmal neun Punkte mehr als 2009. Zum Vergleich: Im OECD-Schnitt liegt dieser Abstand bei 89 Punkten (2009: 87 Punkte).

Deutschland tut sich schwer, seinen „Risikoschülern“ zu helfen

Andere Zahlen zeigen diesen Zusammenhang ebenfalls: In Mathematik erklären die Pisa-Forscher 18 Prozent der Varianz der Leistungen mit dem sozio-ökonomischen Hintergrund der Schüler, in den Naturwissenschaften 19 Prozent, erneut ein Anstieg der Werte. Im OECD-Schnitt sind es vier beziehungsweise sechs Prozentpunkte weniger.

Deutschland tut sich insgesamt schwer, seinen „Risikoschülern“ zu helfen – das sind diejenigen, denen grundlegende Kompetenzen fehlen und die deshalb nicht ausreichend auf ihre weitere Schul- und Berufslaufbahn vorbereitet sind.

Pisa-Studie: 21 Prozent können nur eingeschränkt lesen

So haben 21 Prozent der Getesteten nur eingeschränkte Lesefertigkeiten. Dieser Wert lag 2012 schon einmal deutlich niedriger bei 14 Prozent, ist jetzt aber praktisch wieder auf den Stand von 2001 angestiegen, als die Ergebnisse der ersten Pisa-Studie Deutschland schockten. Estland, Finnland, Kanada und Irland bringen viel mehr Schülerinnen und Schüler zu ausreichenden Lesekompetenzen – leistungsschwach sind hier weniger als 15 Prozent, teils nur elf Prozent.

[Welche Aufgaben müssen Schülerinnen und Schüler bei Pisa bearbeiten? Hier gibt es eine Beispielaufgabe aus dem aktuellen Pisa-Test zur Lesekompetenz.]

Bildungsforscherin Kristina Reiss (TU München), die das deutsche Pisa-Konsortium leitet, weist darauf hin, dass es nach einer Analyse zum beruflichen Status der Eltern gleichwohl eine Steigerung bei in den Leseleistungen gerade am unteren Ende der Skala gebe. Kinder von Facharbeitern und ungelernten Arbeitern hätten von Pisa 2000 bis 2018 aufgeholt – um mehr als 20 bis 30 Punkte. Die verstärkte Leseförderung habe also durchaus etwas bewirkt.

Pisa-Studie: Unterschiedliche Ergebnisse bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund

Auch Jugendliche der zweiten Zuwanderungsgeneration haben sich in den vergangenen zehn Jahren signifikant verbessert - die der ersten Generation dagegen signifikant verschlechtert. Die seit 2015 nach Deutschland Geflüchteten sind zum ersten Mal mitgetestet worden. Sie dürften allerdings das Ergebnis wenig beeinflussen, da sie nur zwei Prozent der Schülerschaft ausmachen.

Und wie ist es in der Mathematik und in den Naturwissenschaften? Auch hier steigt der Anteil der Risikoschüler in Deutschland auf 21 beziehungsweise 20 Prozent (bei der vorangegangenen Pisa-Studie waren es jeweils 17 Prozent).

In Mathematik wie in den anderen Bereichen gibt es nur wenige ganz leistungsstarke Schülerinnen und Schüler.
In Mathematik wie in den anderen Bereichen gibt es nur wenige ganz leistungsstarke Schülerinnen und Schüler.Foto: Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa-tmn

Genauso wenig wie es Deutschland gelingt, die Schwachen besser zu fördern, klappt es, die Leistungsstarken mehr zu unterstützen. 2012 setzten sich die Kultusminister als Ziel, dass in allen drei Bereichen jeweils 20 Prozent der Schüler zu den leistungsstärksten gehören sollen.

Davon ist man noch immer weit entfernt. Im Lesen schaffen elf Prozent die beiden höchsten Kompetenzstufen (2015: 11,7 Prozent), in Mathematik rund 13 Prozent (2015: 12,9 Prozent), in Naturwissenschaften zehn Prozent (2015: 10,6 Prozent). In den beiden letztgenannten Bereichen zeichnen sich im Vergleich zu früher sogar immer weniger Schülerinnen und Schüler durch starke Leistungen aus. Im OECD-Schnitt ist der Anteil gleichwohl immer noch ein wenig geringer.

Ist die demographische Zusammensetzung der Schülerschaft ein Grund?

Die Pisa-Forscher kritisierten, dass in Deutschland leistungsstarke und leistungsschwache Schulen mehr als anderswo auf bestimmte Schulen konzentriert sein: „Grund dafür ist die frühe Selektion und Aufteilung auf verschiedene Schultypen.“ Insbesondere die Leitungen von Schulen mit vielen benachteiligten Schülern würden zudem über größere Personal- und Ausstattungsprobleme klagen. Das geben 70 Prozent dieser Schulleitungen an – von denen begünstigter Schulen sind es nur 34 Prozent. Beide Werte sind doppelt so hoch wie im OECD-Schnitt.

Wie ist das Nachlassen Deutschlands insgesamt zu erklären? Ein Grund – vor allem bei den Leseleistungen – könnte die veränderte demographische Zusammensetzung der Schülerschaft sein, etwa weil der Anteil an Jugendlichen mit Migrationshintergrund gestiegen ist, sagen die Pisa-Forscher. Kamen 2009 noch 25,7 Prozent aus einer Familie mit Zuwanderungsgeschichte, sind es jetzt 35,6 Prozent. Das allein reiche aber als Erklärung insbesondere „des umfassenden negativen Trends“ in Mathematik und Naturwissenschaften über die vergangenen Jahre nicht aus, betonen sie.

„Die Leistungsschere öffnet sich“, sagte Bundesbildungsministerin Karliczek. Dass jeder fünfte 15-Jährige in Deutschland im Lesen „nicht einmal auf Basisniveau“ ist, „passt nicht zu dem Ziel, kein Kind zurückzulassen.“ Karliczek forderte wie bereits vor kurzem in einem Beitrag für den Tagesspiegel eine „nationale Kraftanstrengung“ und einen „Bildungsaufbruch“, insbesondere, um den Bildungserfolg vom sozioökonomischen Hintergrund zu entkoppeln.

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