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Stele zur Erinnerung an nach Theresienstadt deportierte Jüd:innen (Archivbild aus Berlin).
© Kitty Kleist-Heinrich

Pandemiepolitik jüdischer Ärzte in Theresienstadt: Seuchenkampf im Ghetto

Unter widrigsten Umständen: Wie es jüdische Ärzte schafften, im Ghetto Theresienstadt eine Gesundheitsversorgung aufzubauen.

„Infektion verhindern um Himmels willen, Hände waschen, Hände waschen, desinfizieren, ja? Auf die Schwestern aufpassen, daß das nicht weiter g’schleppt wird (...) impfen, natürlich.“

Diese Worte stammen nicht aus der Covid-Pandemie, sondern von Franz Hahn, einem jungen jüdischen Arzt aus Wien, der sich an seine zwei Jahre als Arzt in Theresienstadt erinnert. Dieses mitteleuropäische Ghetto war eine Festungsstadt im heutigen Tschechien. Die Nazis deportierten viele ältere Juden nach Theresienstadt und stellten es im Rahmen einer Propagandakampagne als Altersheim dar; tatsächlich war es für viele aber nur eine Zwischenstation auf dem Weg in den Tod.

Theresienstadt ist bekannt für seine künstlerische Kreativität sowie für Kinderfürsorge. Weniger bekannt ist, dass die medizinische Versorgung im Ghetto vielfach den kulturellen Errungenschaften ebenbürtig war, und womöglich sogar besser war als anderswo im nationalsozialistisch besetzten Europa.

Die SS-Leute hatten Angst vor der "jüdischen Seuche"

Es gab einige besondere Gründe dafür. Zum Beispiel hatten die SS-Leute, die das Ghetto leiteten, so viel Angst vor „jüdischer Seuche“, dass sie dem Gesundheitswesen, einer Abteilung der Jüdischen Selbstverwaltung, medizinische Ausstattung reichlich zur Verfügung stellten.

Wie in anderen Ghettos und KZs der Nazis grassierten auch in Theresienstadt Krankheiten. Die Unterkünfte waren völlig überfüllt, Heizung und Verpflegung unzureichend, Hygiene schwierig. Aber die massive Ausbreitung von Infektionen, wie sie aus anderen Ghettos bekannt ist, konnte dank des Managements der Häftlingsärzte vermieden werden. Ihre Schlüsselrolle ist Teil einer umfassenderen Geschichte, die heute besonders relevant ist.

Ab seiner Eröffnung im November 1941 als Transitghetto für alle tschechischen und einige mittel- und westeuropäische Juden überließen die Nazis die Organisation des Alltags einer jüdischen Verwaltung. Die jüdischen Funktionäre konzentrierten sich dabei nicht auf die, die laufend in den Osten deportiert wurden, sondern auf die, die blieben.

Das Ziel: eine halbwegs lebensfähige Gesellschaft aufrechterhalten

Von den insgesamt 143.000 im Ghetto Theresienstadt Inhaftierten wurden 87.000 deportiert. Die jüdischen Funktionäre, mehrheitlich Männer und einige Frauen, sahen Bürokratie, Management und Organisation als ein Mittel, eine halbwegs lebensfähige Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Ein zentraler Teil dieses Unternehmens war die Medizin.

Das ehemalige Krankenhaus in Theresienstadt.
Das ehemalige Krankenhaus in Theresienstadt.
© Anna Hájková

In den dreieinhalb Jahren seines Bestehens bauten die Häftlinge das Gesundheitswesen auf, mit einem umfangreichen Instrumentarium an Krankenhäusern und Ambulanzen. Theresienstadt hatte 14 bis 16 Krankenhausbetten pro tausend Einwohner. Zum Vergleich: In den USA sind es heute 2,7. Es gab 18,1 Ärzte pro 10 000 Einwohner. In Deutschland ist die Zahl mit 39 heute nur doppelt so hoch.

Das sind beeindruckende Zahlen, selbst wenn wir berücksichtigen, dass die Bevölkerung in Theresienstadt überdurchschnittlich alt war. Das liegt einerseits daran, dass viele junge Menschen emigrieren konnten, um den Nazis zu entkommen, andererseits deportierten die Nazis ältere jüdische Menschen aus Deutschland und Österreich nach Theresienstadt als Teil ihrer Propagandakampagne. Im Februar 1943 war fast ein Drittel der Theresienstädter Häftlinge krank, die Hälfte davon waren chronisch kranke alte Menschen.

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Die jüdischen Ärzte setzten auf Prävention, ein Beispiel dafür ist ihr Vorgehen bei Tuberkulose. Vor der Entdeckung und dem Einsatz von Antibiotika und eines Impfstoffs verlief die Tuberkulose oft tödlich.

Lilly Pokorná, die Leiterin der Röntgenabteilung, war so erschrocken, wie oft sie Tuberkulose diagnostizierte, dass sie sich fragte, ob die Röntgenbilder vielleicht Rückstände von Sulfonamiden zeigten. Es waren keine Rückstände: Die Ghettobewohner hatten eine außerordentlich hohe Infektionsrate von 7,8 Prozent.

Lilly Pokorná, die Leiterin der Röntgenabteilung. Das Bild zeigt sie im Jahr 1939, noch vor ihrer Deportation nach Theresienstadt.
Lilly Pokorná, die Leiterin der Röntgenabteilung. Das Bild zeigt sie im Jahr 1939, noch vor ihrer Deportation nach Theresienstadt.
© Tschechisches Nationalarchiv

Die Gesundheitsverwaltung reagierte holistisch: Alle Bewohner wurden zum Röntgen geschickt. Die Erkrankten wurden dann in ein separates TB-Krankenhaus eingewiesen und mit den Mitteln behandelt, die es vor den Antibiotika gab: therapeutischer Pneumothorax, Ruhe und bessere Ernährung. Auch konnte das Transportkomitee der jüdischen Verwaltung, das auf Anweisung der SS die Transportlisten in den Osten aufstellte, Schwerkranke vor der Deportation bewahren.

Von den Tuberkulosekranken, die trotzdem auf Transport geschickt wurden, waren einige so weit erholt, dass sie die Selektion in Auschwitz überstanden und auch noch monatelange Zwangsarbeit überlebten. Viele starben an den Folgen, doch das Bemerkenswerte ist, dass andere nach ihrer Befreiung ein langes, erfülltes Leben führten, und zwar dank der Gesundheitsvorsorge, die die Theresienstädter Ärzte betrieben.

1943 brach Bauchtyphus aus

Im Januar 1943 brach eine andere Epidemie in den Theresienstädter Jugendheimen aus – Bauchtyphus. Die Funktionäre der Jugendfürsorge reagierten prompt. Im Ergebnis erkrankten weniger als 500 von ihnen und die Sterblichkeitsrate blieb unter zehn Prozent. Lediglich 13 Kinder starben.

Nach dieser Epidemie impften die Ärzte systematisch alle Neuankömmlinge. Franz Hahn schwärmte, wie er und seine Kollegen dabei vorgingen: „Typhusimpfstoff hat’s immer gegeben, nicht hundertprozentig wirksam, oder lang nicht so wirksam wie der jetzige, der schon g’schluckt wird, damals ham ma g’spritzt, das hat weh getan, aber man hat erbarmungslos das ganze Lager durchgeimpft, es is’ ja nicht anders gegangen.“

Diesen Standard der medizinischen Versorgung gab es nicht von Anfang an. Er entwickelte sich aber binnen Monaten, was die Geschichte heute so relevant macht. Wenige Tage nachdem die Nazis im Dezember 1941 die ersten Häftlinge nach Theresienstadt schickten, erkrankte ein Mann an einer Blinddarmentzündung. Da der behandelnde Arzt keinerlei Instrumente zum Operieren hatte, konnte er nur hilflos zusehen. Die jüdische Verwaltung wandte sich daraufhin an die SS und verlangte, dass bei den Deportationen nach Theresienstadt Ärzte und medizinisches Material Vorrang haben sollten.

Das Gesundheitswesen war die zweigrößte Abteilung im Ghetto

Bereits 1943 war das Gesundheitswesen die effektivste und zweitgrößte Abteilung im Ghetto geworden. Die Abteilung wusste die Angst der Deutschen vor der „jüdischen Seuche“ geschickt zu nutzen: Leitmeritz, eine Kreisstadt im annektierten Sudetengau, war nur vier Kilometer entfernt, und ein Wehrmachtslazarett für Genesende lag direkt außerhalb des Ghettos. Die Deutschen standen zudem unter dem Druck, zu Propagandazwecken ein bestimmtes Bild dieses Lagers aufrechtzuerhalten. Die SS ermöglichte deshalb die Lieferung von Medikamenten.

Diese Karikatur zeichnete der Tenor Frank Gobets, ein Häftling in Theresienstadt, für den Leiter der Chirurgie im Ghetto, Erich Springer.
Diese Karikatur zeichnete der Tenor Frank Gobets, ein Häftling in Theresienstadt, für den Leiter der Chirurgie im Ghetto, Erich Springer.
©  Nachlass Erich Springer/Petra Kristen

Dieser Vorzug unterscheidet Theresienstadt von anderen Ghettos wie Warschau, Minsk oder Lodz. Der Betrieb war modern und komplex, so Harro Jenß’ Interpretation des Operationstagebuchs von Erich Springer, dem Leiter der Chirurgie-Abteilung. Ende 1942 gehörten vermeidbare Todesfälle durch Blinddarmentzündungen der Vergangenheit an.

Wir wollen hier keineswegs argumentieren, dass die Lage in Theresienstadt perfekt gewesen wäre – sie war alles andere als perfekt. Nicht alle wurden in Theresienstadt gleich behandelt: Für ältere Häftlinge war die Inhaftierung wesentlich härter. Von den fast 34.000 Menschen, die im Ghetto starben, waren 92 Prozent über 60 Jahre alt. Ein Teil dieser Sterblichkeitsrate hängt mit der Ernährung zusammen. Der Anspruch auf Lebensmittel richtete sich nach der Kategorie des Arbeiters, Nichtarbeitende bekamen die kleinsten und am wenigsten nahrhaften Rationen.

Ein ungeschriebenes Triage-System

Für weibliche Häftlinge war das 60. Lebensjahr die Grenze, ab der sie nicht mehr arbeiten mussten, und die Mehrheit der älteren Häftlinge war weiblich. Für Männer lag die Grenze bei 65 Jahren. Die geschwächten Alten fielen so überproportional der infektiösen Enteritis zum Opfer. Fast alle in Theresienstadt wurden mit dieser Krankheit infiziert, aber für die Älteren wurde es tödlich, aufgrund ihrer Mangelernährung und ihres Alters.

Das Gesundheitswesen nutzte seine Krankenhausbetten für Krankheiten, die als „wichtig“ galten. Enteritis blieb unbehandelt als Teil eines ungeschriebenen Triage-Systems, das alte Menschen als weniger wertvoll behandelte.

Während Tausende Alte starben, konnten viele junge tschechische Juden, die die soziale Elite des Ghettos bildeten, begehrte Positionen ergattern und somit Zugang zu Lebensmitteln, mit denen sie ihr Sozialleben finanzieren konnten. In Theresienstadt gab es zum Beispiel eine große Fußballbegeisterung und vielbeachtete Matches. Das Essen zur Stärkung der Spieler war ein illegales Geschenk von Köchen, die es von den Rationen der Nichtarbeitenden abzweigten.

Ältere Menschen protestierten

Im Wissen um Ungleichbehandlung bei der Lebensmittelverteilung protestierten die älteren Menschen erbittert. Ernst Michaelis, ein zweiundsiebzigjähriger Berliner, nahm sich kein Blatt vor den Mund: „Ganze Diebsbanden brachen in Proviantmagaziene ein [...] Das waren die Leute, die 6 [Mark] und mehr für eine Cigarette, deren sie ein Dutzend am Tage rauchten, ausgaben, und Juwelen und goldene Uhren kauften. Sie hatten die hübschesten Freundinnen!“ Die jüdische Selbstverwaltung nahm von den Protesten jedoch kaum Notiz.

Eine weitere Zeichnung aus dem Ghetto Theresienstadt, diese stammt vom niederländischen Zeichner Jo Spier.
Eine weitere Zeichnung aus dem Ghetto Theresienstadt, diese stammt vom niederländischen Zeichner Jo Spier.
© Nachlass Erich Springer/Petra Kristen

Von Anfang an verfolgte das Gesundheitswesen in Theresienstadt eine langfristige Strategie, anstatt einfach impulsiv zu reagieren oder nur kurzfristige Ziele im Auge zu haben. Zudem erhielt das medizinische Personal etwas bessere Essensrationen, hatte Zugang zu Duschen und sogar einen gewissen Schutz vor Transporten in den Osten. Ebenso wichtig war, dass die Häftlinge das Medizinpersonal bewunderten und ihre Anweisungen befolgten. Das Gesundheitswesen besaß nicht nur Glaubwürdigkeit, sondern auch Rückendeckung, die es ihm ermöglichte, sich mit der Zeit zu verbessern.

Eine langfristige Strategie für die medizinische Versorgung

Der Zugang zur medizinischen Versorgung war im Ghetto kostenlos, ebenso wie die Unterbringung und die Verpflegung auf den Krankenstationen, auch wenn sie noch so dürftig war. Mit der (großen und wichtigen) Ausnahme der älteren Kranken wurden alle Patienten, unabhängig von ihrem Status, in dieselben Krankenhausbetten eingewiesen, von denselben Ärzten operiert und erhielten die gleichen Essensrationen. Wenn das Gesundheitswesen Röntgen-Reihenuntersuchungen anordneten, hielten sich alle daran, denn diese Regelung war ihre einzige Hoffnung, Tuberkulose zu isolieren und zu behandeln.

Im Großen und Ganzen verhielten sich die Häftlinge genauso verantwortungsbewusst wie die jüdische Verwaltung, da sie sich der drohenden Gefahr bewusst waren, nicht nur der Massenvernichtung im „Osten“ (obwohl dies sicherlich eine Rolle für ihr Gefühl der Solidarität spielte), sondern auch der unmittelbaren Bedrohung durch tödliche Krankheiten, denen sie jeden Moment begegnen konnten.

Das Beispiel der Gesundheitsversorgung durch die jüdischen Ärzte in Theresienstadt hilft uns, die allgemeine gesellschaftliche Bedeutung der Medizin als mehr als nur Heilung zu verstehen. Unsere medizinischen Einrichtungen – wie sie funktionieren und wen sie versorgen – sind ein Maßstab für unsere Menschlichkeit. Solange diese Institutionen funktionieren, können wir uns als funktionierende Gesellschaft betrachten; wenn sie versagen, ist das ein klares Zeichen, dass unsere Gesellschaft versagte.

- Übersetzt von Justus von Widekind. Anna Hájková ist associate professor an der University of Warwick und Autorin von „The Last Ghetto: An Everyday History of Theresienstadt“. Michael Beckerman ist Carroll und Milton Petrie Professor für Musik und Institutsleiter der Musikwissenschaft an der New York University. Er hat unter anderem zur Musik-Komposition in Theresienstadt veröffentlicht.

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