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Christian Drosten ist Direktor des Instituts für Virologie an der Charité Berlin.
© picture alliance/dpa | Kay Nietfeld

„Nicht jedem Bürger gegeben, sich selbst zu schützen“: So lautet Drostens Sommer-Appell an die Bundesregierung

Zwar blickt der Virologe optimistisch in den Sommer, doch sieht auch Nachholbedarf bei der Politik. Zudem kritisiert er die Aufarbeitung der Pandemiemaßnahmen.

Der Virologe Christian Drosten hat sich nach seinem Rückzug aus dem Corona-Sachverständigenausschuss zu seinen Beweggründen geäußert. Ihm sei bewusst geworden, dass eine wissenschaftliche Evaluation gemäß seinen qualitativen Ansprüchen „in diesem Gremium, wie es zusammengesetzt ist und wie es ausgestattet ist, nicht möglich sein“ werde, sagte Drosten im Deutschlandfunk.

Ende April hatte der 49-Jährige seinen Rückzug aus der Kommission zur wissenschaftlichen Beurteilung der staatlichen Corona-Beschränkungen erklärt. Diesem Sachverständigenausschuss gehören Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen an. Laut Infektionsschutzgesetz soll das Gremium bis zum 30. Juni einen Bericht vorlegen.

Hierzu kritisierte Drosten ein unzureichendes Verständnis für die Wissenschaft. „Hier wird etwas verlangt, was eine Herkulesaufgabe ist, was die Gesamtheit der fachwissenschaftlichen Community leisten wird“, sagte er. Deshalb liege der Verdacht nahe, dass der wissenschaftliche Prozess seitens der Politik künstlich beschleunigt werden solle.

Insbesondere die Zusammensetzung des Gremiums kritisierte Drosten scharf. Ungeachtet seiner anfänglichen Mahnung gebe es „überhaupt keine hauptberuflichen Epidemiologen in der Kommission“, sagte er.

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Dies sei auch Folge einer fehlenden wechselseitigen Abstimmung. „Da haben beispielsweise einzelne Fraktionen gesagt, den hätten wir gerne, oder ein Ministerium hat gesagt, die hätten wir gerne.“ Eine Überprüfung auf Vollständigkeit habe es aber nicht gegeben.

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Zugleich warnte Drosten vor zu hohen Erwartungshaltungen an die Wissenschaft. Die Pandemie entwickle sich weiter und verändere ständig ihre Charakteristik. „Das wird noch eine ganze Zeit dauern – ich denke, deutlich mehr als noch ein Jahr“, sagte der Leiter des Instituts für Virologie an der Berliner Charité. „Leider müssen wir das aushalten, bis das abgeschlossen ist und dann wird man da irgendwann eine Erkenntnis kriegen.“

Zweifel an allgemeiner Fähigkeit zur Eigenverantwortung

Zur weitestgehenden Aufhebung der politischen Corona-Beschränkungen äußerte sich Drosten zwiegespalten. „Unsere Bevölkerung wird eine Bevölkerungsimmunität aufbauen“, sagte er mit Blick auf die aktuelle Impfquote von knapp 76 Prozent.

Dennoch forderte Drosten Sondermaßnahmen für vulnerable Gruppen, die sich nicht selber schützen können. „Man muss jetzt die Möglichkeiten der Medizin und des Gesundheitssystems dafür nutzen und auch bahnen.“

Auch das Narrativ der Eigenverantwortung gehöre laut Drosten auf den politischen Prüfstand. Hierzu gehöre auch die Fähigkeit zur Eigenverantwortung, „und die ist leider nicht jeder Bürgerin, jedem Bürger gegeben, sowohl sich selbst zu schützen als auch bestimmte Entscheidungen zu treffen“.

Zugleich stellte er eine Abmilderung des Infektionsgeschehens in Aussicht. „Im Sommer haben wir geringere Verbreitungsfähigkeit des Virus wegen des Temperatureffekts.“ Diese Phase sollte laut Drosten politisch für weitere epidemiologische Aufklärungsarbeit genutzt werden.

Scheu vor dem Virus nimmt ab

Einhergehend mit den sinkenden Infektionszahlen ist offenbar auch die abnehmende gesellschaftliche Scheu vor dem Virus. Laut dem sogenannten Corona-Monitor des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) gaben 87 Prozent an, in den vergangenen 14 Tagen Masken getragen zu haben. Vor Ostern waren es noch 94 Prozent gewesen, wie das BfR am Dienstag mitteilte.

Auch der Anteil derjenigen, die deutlichen Abstand zu anderen Menschen halten, sank demnach seit Ostern von 76 Prozent auf nun 64 Prozent. Unverändert viele setzen zum Schutz vor einer Infektion auf häufigeres Lüften (65 Prozent) oder die Coronawarnapp (40 Prozent).

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Der Anteil derer, die das Ansteckungsrisiko in Geschäften des täglichen Bedarfs als hoch einschätzen, sank von 37 auf 31 Prozent. Als Orte mit dem höchsten Infektionsrisiko werden nach wie vor Schulen und Kitas (64 Prozent) sowie öffentliche Verkehrsmittel (61 Prozent) gesehen.

Mit Blick auf das Thema Schulen kritisierte Drosten nun den gesellschaftlichen und politischen Diskurs. „Das ist alles ziemlich fehlgeleitet, weil der Wissenschaftsprozess nicht abgeschlossen ist, und dann kommt es zu diesem Phänomen, dass einzelne Personen mit ihren Privatmeinungen da reindiskutieren“, sagte er.

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Bei der Diskussion sei der Verweis auf Strategien anderer Länder nur bedingt sinnvoll. „Die konnten aus bestimmten Gründen auch besser auf Homeoffice-Regelungen setzen“, so Drosten. Zugleich erklärte er, dass die Komplexität dieses Themas vom Wissenschaftssystem erfasst werden könne – bis dahin müsse die Unsicherheit jedoch noch ausgehalten werden.

Omikron-Varianten BA4 und BA5 wohl unproblematisch

Angesprochen auf die Pandemieentwicklung in Südafrika, wo sich die neuen Omikron-Varianten BA4 und BA5 verbreiten, versuchte Drosten etwaige Sorgen zu zerstreuen. Zwar seien diese ansteckender als der hierzulande vorherrschende Typ BA2. Doch die pandemischen Grundvoraussetzungen seien anders. „Wir hatten ja BA1 und BA2 separat, so dass ich nicht glaube, dass wir hier bei uns noch mal ein großes Problem mit BA4, BA5 bekommen werden“, so Drosten.

Zum einen habe Deutschland eine BA2-Nachdurchseuchung durchlebt, was in Südafrika nicht der Fall gewesen sei. Dort seien BA4 und BA5 direkt auf BA 1 gefolgt. Zum anderen sei nun der sommerliche Temperatureffekt entscheidend. „Das heißt, ich erwarte schon, dass BA4 und 5 auch zahlenmäßig zunehmen werden, aber innerhalb einer Gesamtzahl, die sehr niedrig ist“, erklärte Drosten.

Nach dem Rückzug von Drosten umfasst der Corona-Sachverständigenausschuss noch 16 Mitglieder, darunter den Bonner Virologen Hendrik Streeck und die Berliner Soziologin Jutta Allmendinger. Bei seinem Rückzug hatte Drosten betont, dass er jedoch weiter Mitglied des Corona-Expertenrats der Bundesregierung bleibe. Letzterer arbeitet auf der Grundlage aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse Empfehlungen für die Bewältigung der Pandemie aus.

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