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Weltbildungsbericht 2019 : Deutschland bei Bildung für Flüchtlinge international vorbildlich

Beim Weltbildungsbericht der Unesco mit dem Schwerpunkt Flucht steht Deutschland gut da. Kritisiert werden der Lehrkräftemangel und die Willkommensklassen.

An der Universität Bielefeld werden Geflüchtete mit guten Deutschkenntnissen im Programm "Lehrkräfte plus" ausgebildet.
Neu in der Klasse. An der Universität Bielefeld werden Geflüchtete mit guten Deutschkenntnissen im Programm "Lehrkräfte plus"...Foto: Oliver Krato/dpa

Geflüchtete haben in Deutschland weitaus bessere Bildungschancen als in den meisten anderen Ländern weltweit. Trotz vieler bürokratischer Hindernisse und Wartezeiten wegen fehlender Plätze steht das Bildungssystem den Zugewanderten von der Kita bis zur beruflichen Weiterbildung grundsätzlich offen. Entsprechend positiv wird Deutschland im Unesco-Weltbildungsbericht 2019 mit dem Schwerpunkt Flucht und Migration bewertet.

Der Weltbildungsbericht untersucht jährlich die Fortschritte bei der Umsetzung des Globalen Nachhaltigkeitsziels 4, nach dem bis 2030 „alle Menschen inklusive, chancengerechte und hochwertige Bildung sowie Möglichkeiten zum lebenslangen Lernen“ erhalten sollen (eine deutsche Zusammenfassung des Berichts finden Sie hier).

In vielen Ländern kaum Zugang zu Bildung

Unbegleitete minderjährige Migranten haben in vielen Ländern wie Australien, Griechenland, Italien, Indonesien, Malaysia, Mexiko, Nauru und Thailand nur begrenzten oder keinen Zugang zu Bildung, heißt es. Ein Beispiel aus der Studie: „Etwa 73 Prozent der 86.000 Minderjährigen, die von 2011 bis 2016 nach Italien kamen, waren unbegleitet. Obwohl Gesetze in 2015 und 2017 darauf abzielten, sie zu schützen, besucht nur eine Minderheit von ihnen regelmäßig die Schule.“

Entsprechend hat die Unesco von der internationalen Gemeinschaft deutlich größere Anstrengungen zur Integration von Flüchtlingskindern in Schulen gefordert. Alleine in Deutschland würden rund 42.000 Lehrkräfte zusätzlich benötigt, heißt es in dem Bericht der Kultur- und Bildungsorganisation der Vereinten Nationen. "Alle verlieren, wenn Zuwanderer und Flüchtlinge keinen Zugang zur Bildung haben", erklärte Unesco-Generaldirektorin Audrey Azoulay bei der Vorstellung des Berichts in Paris. Die Zahl der betroffenen Kinder im schulpflichtigen Alter ist demnach seit dem Jahr 2000 weltweit um 26 Prozent auf 18 Millionen gestiegen.

In Deutschland werden ansonsten aber die vielfältigen Maßnahmen bei der Integration gelobt, etwa die „überdurchschnittliche“ Sprachförderung für Neuzuwanderer. Die Autoren des Berichts, der am Dienstag auch im Auswärtigen Amt in Berlin vorgestellt wird, heben ein 800-Millionen-Euro-Programm für die sprachliche Bildung in Kindertagesstätten hervor. Hilfreich sei auch das Engagement Ehrenamtlicher beim Deutschlernen und beim Erreichen von Abschlüssen, erklärte Maria Böhmer, die Präsidentin der deutschen Unesco-Kommission.

„Die großen Investitionen in die Sprachförderung zahlen sich aus“, betonte Böhmer. Dem Weltbildungsbericht zufolge haben Geflüchtete mit guten Deutschkenntnissen, Lese- und Schreibfertigkeiten eine um 19 Prozentpunkte höhere Chance auf Beschäftigung und 18 Prozent höhere Löhne.

Unesco kritisiert "separierende Maßnahmen"

Doch es gibt auch Kritik an der Integration Geflüchteter ins Bildungssystem. So lernen 30 Prozent der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge unter 16 Jahren hierzulande außerhalb der Regelklassen. Bei den über 16-Jährigen sind es sogar 85 Prozent. Für den Einstieg in die Regelklassen vermittelten die Sonderprogramme zwar „essenzielle Qualifikationen“, heißt es. Dann müsse aber eine möglich rasche Eingliederung erfolgen.

Der Direktor des Weltbildungsberichts, Manos Antonionis, kritisiert solche „separierenden Maßnahmen“ auch in anderen Ländern mit hohen Einkommen wie Frankreich und Österreich. Das gemeinsame Lernen müsste die nächste Aufgabe sein, der sich Deutschland stelle, betont Antonionis. Maria Böhmer mahnt Untersuchungen dazu an, wie sich der Aufenthalt in den Willkommensklassen auf den Schulerfolg auswirkt.

Weltweit herausragend ist Deutschland dem Bericht zufolge indes bei der Anerkennung der beruflichen Qualifikationen von Flüchtlingen und Migranten – durch ein seit 2012 geltendes Gesetz, das dies auch unabhängig vom Aufenthaltsstatus ermöglicht. Eine anerkannte Qualifikation erhöht die Jobchancen laut Unesco um 45 Prozentpunkte und den Stundenlohn um 40 Prozent.

Mangelhafte berufliche Integration von Mädchen und Frauen

Deutschland müsse aber weiterhin in Bildung und Ausbildung investieren, betont Böhmer. Die Angebote sollten so gestaltet werden, dass sie die jungen Zugewanderten auch erreichen – insbesondere Mädchen und Frauen, die bislang die größten Schwierigkeiten bei der beruflichen Integration hätten.

Etliche der Empfehlungen, die die Unesco an Regierungen weltweit richtet, sind denn auch in Deutschland noch nicht erfüllt. Länder mit einem starken Zustrom an Migranten und Flüchtlingen sollten deren Bildungsbedürfnisse in Management-Informationssystemen „erfassen und in ihre Planung einbeziehen“, heißt es. Ihnen „Schulplätze und Arbeitschancen zu bieten, ist nur der erste Schritt auf dem Weg zu Inklusion.“

Appell: Das Zugehörigkeitsgefühl von Lernenden stärken

Um inklusive Gesellschaften aufzubauen, werden alle Länder zudem aufgefordert, größere gesellschaftliche Anstrengungen unternehmen: „Die Regierungen müssen Bildungsinhalte und -vermittlung überprüfen, Lehrpläne anpassen und Lehrbücher überdenken, damit sie Vielfalt in der Geschichte und in der heutigen Zeit wiederspiegeln.“ Lernende sollten so „Unsicherheiten beim Umgang mit anderen Kulturen überwinden“.

Auch die Lehrkräfte nimmt der Weltbildungsbericht in den Blick. Bei allen Unterrichtenden müsse „ein Bewusstsein für Migration und Flucht“ gefördert werden, auch um „das Selbstbewusstsein und Zugehörigkeitsgefühl von Lernenden mit Migrations- und Fluchthintergrund zu stärken“.

Eine hochwertige und chancengerechte Bildung gemäß der Globalen Nachhaltigkeitsagenda komme „allen in Deutschland lebenden Kindern und Jugendlichen zugute“, resümiert Maria Böhmer. Deutschland stehe aber weiterhin vor großen Herausforderungen.

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