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Widerstand der Strengreligiösen : In Israel droht die Pandemie außer Kontrolle zu geraten

Die Zahl der Coronavirus-Fälle ist unter Ultraorthodoxen besonders hoch, Tests und Auflagen werden abgelehnt. Als weiteres Problem in Israel gelten die Schulen.

Ein Polizist im Schutzanzug kontrolliert eine jüdische Bildungseinrichtung.
Ein Polizist im Schutzanzug kontrolliert eine jüdische Bildungseinrichtung.Foto: Jack Guez/AFP

In Israel steigt die Zahl der Coronavirus-Fälle sprunghaft an. Am Donnerstag wurden erstmals mehr als 3000 Neuinfektionen binnen 24 Stunden registriert, wie das Gesundheitsministerium meldete. Den dritten Tag in Folge wurde ein Rekordwert verzeichnet.

Am Donnerstag reagierte die israelische Regierung mit Lockdown-Maßnahmen in besonders betroffenen Orten. Das sogenannte Coronavirus-Kabinett entschied, dass die schärferen Regeln von Montag an in 30 Orten mit hohen Infektionszahlen gelten sollten.
Ein israelischer Repräsentant sagte, in diesen Ortschaften sollten die Menschen nur in dringenden Fällen das Haus verlassen, etwa zum Einkaufen von Lebensmitteln oder Medikamenten. „Wenn wir keine Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus ergreifen, kann die Situation außer Kontrolle geraten“, sagte er. Notfalls müsse die Polizei die Maßnahmen in den stark betroffenen Orten entschlossener umsetzen.

Als ein Grund für die massiven Ausbrüche gilt in Israel der Widerstand der Strengreligiösen gegen Tests und die Corona-Beschränkungen. Außerdem stehen jetzt Schulen und Kindergärten wieder im Fokus. Sie waren am Dienstag nach dem Ende der Sommerferien wieder geöffnet worden. Rund 2,4 Millionen Kinder und Jugendliche lernen in Schulen oder gehen in Krippen.

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Eigentlich war es Ziel der Regierung von Benjamin Netanjahu gewesen, die Zahl der Neuinfektionen zuvor deutlich zu drücken. Die Pandemie war in Israel auch wegen eines strikten Kurses der Regierung zunächst glimpflich verlaufen. Nach raschen Lockerungen im Mai schnellten die Fallzahlen jedoch in die Höhe.

Zahl der Covid-19-Toten in Israel steuert auf 1000 zu

Insgesamt wurden bisher nach Ministeriumsangaben 122.539 Coronavirus-Infektionen erfasst. Die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit einer Covid-19-Erkrankung liegt bei 969. Offiziellen Angaben zufolge befinden sich aktuell 418 Patienten in einem kritischen Zustand, von diesen müssen 118 beatmet werden. Zum Vergleich: In Deutschland werden auf Intensivstationen derzeit etwas mehr als 200 Patienten wegen Covid-19 behandelt.

Wegen der steigenden Fallzahlen gehen im Land seit Wochen regelmäßig Tausende auf die Straßen, um gegen den Premier und seine Regierung zu demonstrieren. Es geht bei den Protesten zwar auch um den Korruptionsprozess, in dem sich der Regierungschef verantworten muss – er ist wegen Betrugs, Untreue und Bestechlichkeit angeklagt.

Premier Benjamin Netanjahu besuchte am Dienstag eine Schule.
Premier Benjamin Netanjahu besuchte am Dienstag eine Schule.Foto: Marc Israel Sellem/Pool The Jerusalem Post/AP/dpa

Netanjahu wird aber auch wegen seines Kurses in der Pandemie kritisiert. Der 70-Jährige gab zuletzt zu, dass einige Beschränkungen vorschnell gelockert worden seien. Seine Regierung stand auch wegen der Wirtschaftskrise im Land unter Druck. Die Arbeitslosigkeit lag zeitweise bei mehr als 20 Prozent.

Auch der Corona-Beauftragte Gamzu steht in der Kritik

Im Fokus der Kritik steht auch Netanjahus Corona-Beauftragter Ronni Gamzu, wie die Nachrichtenagentur dpa berichtet. Demnach hatte Chaim Kanievsky, ein führender Rabbiner innerhalb der strengreligiösen Gemeinschaft, Religionsstudenten dazu aufgerufen, sich nicht auf das Coronavirus testen zu lassen. Eine mögliche Quarantäne gefährde die Bibelstudien, sagte er. Die Anzahl der Coronavirus-Fälle in strengreligiösen Vierteln ist besonders hoch.

Strengreligiöse nehmen Gamzu auch einen Brief übel, den er an den Präsidenten der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj, geschrieben hatte. Darin hatte er dazu aufgerufen, die Einreise von Israelis in die Ukraine zu verbieten, um Infektion zu verhindern. Tausende Ultraorthodoxer Israelis besuchen zum jüdischen Neujahr den Pilgerort Uman in der Ukraine. Der Likud-Politiker Micky Zohar warf Gamzu dem Bericht zufolge daraufhin vor, er ermutige zu antisemitischen Übergriffen in der Ukraine.

Systematischer Verstoß gegen Corona-Auflagen

Am Mittwoch hatte Gamzu die ultraorthodoxe Gemeinde Beitar Illit besucht. Dort sagte er einem Bericht der „Jerusalem Post“ zufolge: Ohne eine signifikante Veränderung des Ausmaßes der Ausbrüche in den von der Regierung als „roten Städte“ bezeichneten Zonen – wo zum Bespiel Schulen nicht geöffnet werden dürfen – „werden wir nicht in der Lage sein, eine vollständige Schließung zu vermeiden“.

Er teilte den dortigen Behörden mit, dass etwa 14 Prozent der Menschen, die dort auf das Virus untersucht wurden, positiv getestet worden seien.
„Leider sind wir Zeugen eines systematischen Verstoßes gegen die Richtlinien“, sagte er während des Besuchs. „Jeden Abend finden in der Stadt Veranstaltungen statt, die gegen alle Verfahren verstoßen. Und gestern wurden entgegen unseren Anweisungen die Bildungseinrichtungen in der Stadt geöffnet.“

„Ich verstehe die Komplexität der Situation, aber ich stelle jetzt unmissverständlich fest: Ohne die Durchsetzung der Maßnahmen zu verstärken und Kontrollen zu intensivieren, werden wir komplexe Entscheidungen treffen müssen, die einer totalen Abriegelung gleichkommen können“, warnte er. Er sagte den Verantwortlichen, dass „die Situation in Ihren Händen liegt“.

80 Prozent der Neuinfektionen in ultraorthodoxen Städten

Gamzu fügte hinzu, dass bei einem signifikanten Anstieg der Infektion die Regierung möglicherweise „drastische Maßnahmen auf nationaler Ebene“ ergreifen müsse, und zwar nicht nur in den roten Städten. Seinen Angaben zufolge entfallen etwa 28 Prozent der Infektionen auf die arabische Gemeinschaft und 22 Prozent auf die ultraorthodoxe. Er fügte hinzu, dass 80 Prozent der Neuinfektionen in ultraorthodox dominierten Städten stattfänden. Unter den Neuinfizierten befinden sich demnach Hunderte von Jeschiwah-Studenten.

Auch die hohen Feiertage, die mit dem jüdischen Neujahr Rosch Haschana am 18. September beginnen, bereiten den Verantwortlichen in Israel Sorgen. Im israelischen Fernsehen wurde Mitte August berichtet, Gamzu habe vor, das gesamte Land zu dieser Zeit unter einen Lockdown zu stellen.

Das stimme so nicht, sagte er damals der „Jüdischen Allgemeinen“. „Es ist noch ein Monat Zeit, und wir versuchen, das Virus bis dahin einzudämmen. Dafür brauchen wir die Mithilfe aller Israelis. Das Tragen von Masken und Abstandhalten sind die richtigen Maßnahmen dafür.“

Die hohen Feiertage bereiten in Israel große Sorgen

Er wisse, dass sich die Menschen in diesem Jahr besonders auf die Feiertage freuen und sich nach Familienfesten und Zusammenkünften sehnen. „Wir haben noch nichts entschieden. Es kommt wirklich darauf an, was bis dahin passiert.“ Weiter sagte Gamzu dem Blatt: „Ich tue wirklich alles, um Lockdowns zu vermeiden, denn ich sehe natürlich in der ganzen Welt, welches Desaster dies für die Beschäftigung der Menschen mit sich bringt.“

Auch er sieht im Beginn des neuen Schuljahres am 1. September ein großes Problem. „Die Meinungen darüber, ob es die Öffnung der Schulen war, die für die zweite Welle sorgte, gehen auseinander. Es ist aber eindeutig, dass es eine immense Herausforderung ist.“

Beengte Verhältnisse in Schulklassen in Israel

In Israel waren die Schulen bereits Mitte Mai als Problem ausgemacht worden, als sie nach dem Lockdown wieder geöffnet wurden. Die Schülerinnen und Schüler wurden daher zunächst in Kleingruppen unterrichtet. Für die Älteren galt Maskenpflicht. Fenster mussten geöffnet bleiben. Tische sollten mit knapp zwei Meter Abstand voneinander stehen.

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Da die Infektionszahlen zunächst niedrig blieben, wurden die Kleingruppen aufgelöst, die Schulen kehrten vollends zurück zum Regelbetrieb. In vielen Klassenzimmern herrschten dieselben beengten Verhältnisse wie vor der Pandemie. Das erwies sich als Fehler. Experten gehen davon aus, dass die Schulöffnungen in Israel einen entscheidenden Teil zur zweiten Viruswelle beitrugen. Die israelische Forscherin Ronit Calderon-Margalit nennt die Schulsituation in Israel gegenüber der „New York Times“ (NYT) „ideale Voraussetzungen für einen Ausbruch“.

Und der kam tatsächlich. Die Fallzahlen im Land stiegen rapide. Am 3. Juni schließlich wurden 28.147 Schüler, Lehrer und deren Angehörige in Quarantäne geschickt, nachdem an mehreren Schulen Coronavirus-Fälle nachgewiesen wurden – darunter mindestens 130 Fälle an einem einzigen Gymnasium in Jerusalem. Insgesamt wurden 2026 Schüler und Lehrer positiv auf das Virus getestet. 240 Schulen wurden geschlossen. Grafiken zeigten einen massiven Anstieg der Corona-Fälle in Israel seit den Schulöffnungen.

Andere Staaten melden an Schulen keine größeren Ausbrüche

Interessanterweise sind die Bildungseinrichtungen in etlichen anderen Staaten, die sich ebenfalls für einen Lockdown entschieden hatten, nicht zu einem solchen Problem geworden. So gab es nach dem Ferienende zwar auch in Deutschland Infektionsfälle unter Lehrern und Schülern, größere Ausbrüche blieben aber bisher aus. Auch aus Dänemark, Norwegen und Finnland werden keine größeren Schwierigkeiten gemeldet.

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Und Schweden hielt sogar alle Schulen bis zur 9. Klasse und die Kindertagesstätten seit Beginn der Pandemie geöffnet. Nur für ältere Schüler und Studierende gab es Digitalunterricht. Nach dem Ende der Sommerferien ist selbst dies aufgehoben.

Auch nach Ansicht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) befeuern Schulen die Ausbreitung des Coronavirus nicht. Dies erklärte der WHO-Regionaldirektor für Europa, Hans Kluge. „Bis jetzt wissen wir, dass das schulische Umfeld kein Hauptfaktor für die Epidemie war“, sagte Kluge.

Dies sei eine der wichtigsten Prioritäten für die politischen Entscheidungsträger der Weltgesundheitsorganisation, sagte Kluge. „Was wir wissen, ist, dass wir keine Gesellschaften öffnen können, ohne zuerst die Schulen zu öffnen“, sagte er. (mit jni)

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