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Isabella Eckerle ist Professorin an der Uniklinik in Genf.
© Anthony Anex/Keystone/dpa

Virologin Eckerle über die vierte Welle: „Wir hätten mit der Euphorie über die Impfung etwas vorsichtiger sein müssen“

Die Virologin Eckerle ärgert sich über den deutschen Corona-Kurs. Und Kollege Drosten sieht das Land „noch meilenweit“ vom Ende der Pandemie entfernt.

Die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus in Deutschland schießen bereits zu Beginn der kühleren Jahreszeit in die Höhe, die Inzidenz steigt auf in der Pandemie nie dagewesene Werte und auch die Zahl der täglichen Covid-19-Toten steigt weiter.

Die Virologin Isabella Eckerle macht der deutschen Politik massive Vorwürfe. „Die vierte Welle kam wirklich mit Ansage. Viele Experten haben sich seit Monaten den Mund fusselig geredet und genau vor der Entwicklung gewarnt, die jetzt eintritt“, sagte die Leiterin des Zentrums für neuartige Viruserkrankungen an der Universitätsklinik Genf dem „Spiegel“.

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„Es tut richtig weh, dabei zuzuschauen, wie wir gerade wieder in eine Situation schlittern, die kurz davor ist, außer Kontrolle zu geraten. Allerdings bin ich froh, dass ich keine Politikerin bin. Es wird keine Lösung geben, die alle zufriedenstellt. Es gibt keinen Königsweg heraus aus dieser vierten Welle.“

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Die in Speyer geborene Forscherin, sagte aber auch selbstkritisch, sie habe die Wirkung der Impfungen überschätzt:

„Ich glaube, wir hätten mit der Euphorie über die Impfung etwas vorsichtiger sein müssen. Auch ich habe das falsch eingeschätzt. Ich hätte nicht gedacht, dass die Pandemie noch so lange dauern würde, wenn wir erst mal die Impfung haben. Wahrscheinlich ist es einfach so, dass wir drei Dosen brauchen, um eine robuste Immunantwort aufzubauen. Das ist ja bei vielen anderen Impfstoffen auch so. Aber selbst mit drei Dosen wird es wahrscheinlich nicht so sein, dass die Impfung alle Probleme löst.“

Direktor Institut für Virologie an der Berliner Charité: Christian Drosten.
Direktor Institut für Virologie an der Berliner Charité: Christian Drosten.
© Michael Kappeler/dpa

Auch Eckerles Kollege Christian Drosten sieht Deutschland „noch meilenweit“ vom Ende der Pandemie entfernt. „Sobald Delta hier voll zuschlägt, sind die Krankenhäuser schnell überlastet“, sagte Drosten dem Magazin. In Ländern mit hoher Impfquote wie Spanien oder Portugal hingegen, „dürfte man die Pandemie im Frühjahr wohl endgültig hinter sich lassen“, sagte der Direktor des Instituts für Virologie an der Berliner Charité.

Eckerle kritisierte, die Dynamik des Infektionsgeschehens sei erwartbar gewesen, die Lage sei nun „sehr ernst.“ Die Wissenschaftlerin, die Mitglied der Europäischen Covid-19-Expertengruppe der Weltgesundheitsorganisation WHO ist, erklärte weiter: „Überraschend finde ich nur, dass es uns jetzt zum vierten Mal so unvorbereitet trifft.“.

Es zeige sich nun, dass es unklug gewesen sei, die Sieben-Tage-Inzidenz als Frühwarnsignal durch die Hospitalisierungsrate zu ersetzen. Es bleibe nicht viel Zeit zum Handeln.

Zumal: „Das Alter der Coronapatienten auf den Intensivstationen ist deutlich gesunken. Die Jüngeren belegen die Betten aber viel länger als die Älteren, teilweise wochen- oder sogar monatelang, bevor sie genesen oder leider doch sterben. Zusammen mit dem Mangel an Pflegepersonal verschärft das die Situation auf den Intensivstationen dramatisch“, so die 41-Jährige, die sich speziell mit der Rolle von Kindern in der Pandemie beschäftigt.

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Die Virologin äußerte Zweifel, ob die 2G-Regel – also der Zutritt zu bestimmten Bereichen nur noch für Geimpfte oder Genesene – ausreichen werde. Die Lage in Berlin, Sachsen und Teilen Süddeutschlands scheine gefährlich zu sein. „Ab einer gewissen Inzidenz reichen sanftere Maßnahmen wie der Umstieg auf 2G wahrscheinlich nicht mehr aus, um die Welle so schnell zu brechen, dass es nicht zu einer Überlastung des Gesundheitssystems kommt“, sagte Eckerle.

Sie habe zwar die Hoffnung, dass angesichts der Lage die Zahl der Erstimpfungen noch einmal deutlich steigen werde. Aber diese würden „ihre Wirkung in der akuten Notsituation eigentlich zu langsam“ entfalten.

[Lesen Sie zum Thema: Kampf gegen Corona – Reicht 2G, um die vierte Welle zu brechen? (T+)]

Eckerle kritisierte zudem, dass auch das Thema der sogenannten Booster-Impfungen verschlafen worden sei. „Wir brauchen die dritte Impfung unbedingt, sie gehört zu den wichtigsten Maßnahmen überhaupt, aber derzeit geht es viel zu langsam damit voran. Und auch nach der dritten Dosis dauert es ja noch etwas, bis die Immunantwort voll ausgeprägt ist.“

Es müssten jetzt alle zur Verfügung stehenden Mittel eingesetzt werden, auf keinen Fall dürfe beispielsweise bei 2G die Maskenpflicht abgeschafft werden. „Für solche Lockerungen ist jetzt wirklich der falsche Zeitpunkt“, sagte Eckerle.

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Mindestens 70 Prozent der Bevölkerung in Deutschland haben mindestens eine Impfung gegen das Coronavirus erhalten. Das sind nach Angaben des Robert Koch-Instituts vom Freitag rund 58,2 Millionen Menschen. Vollständig geimpft sind inzwischen mindestens 67,4 Prozent (56,1 Millionen Menschen). Die Booster-Impfung haben mittlerweile rund 3,6 Millionen Menschen bekommen.

Das RKI nimmt allerdings an, dass unter Erwachsenen vermutlich mehr Menschen geimpft sind, als die Daten nahelegen: Eine hundertprozentige Erfassung der Impfungen könne durch das Meldesystem nicht erreicht werden, heißt es auf der Impfübersicht des RKI.

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Eckerle betonte, dass auch der Schutz von Kindern enorm wichtig sei. „Wir kennen einfach dieses Virus noch nicht gut genug, um Langzeitfolgen bei den Jüngeren auszuschließen.“ Diese würden zwar in der Regel weniger schwer krank.

„Aber es gibt inzwischen genug Daten, die zeigen, dass auch Kinder schwer erkranken können. Auch wenn dies nur einen kleinen Prozentsatz betrifft, so kann man das ja nicht einfach ignorieren. Und derzeit sind es die Jungen, die die Inzidenzen hochtreiben. Der Infektionsschutz an den Schulen ist dringender als je zuvor.“

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Eckerle betonte, ihrer Ansicht nach stehe fest, dass die vierte Welle erst dann abflauen werde, wenn das Virus auf niemanden mehr treffe, der nicht geimpft oder genesen ist. „Und 30 Prozent Ungeimpfte plus die Geimpften mit nachlassendem Impfschutz, von denen sich ja auch manche infizieren können, wenn auch mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit, das reicht dem Virus momentan vollkommen, um sich weiter auszubreiten.“

Mehr zur Coronavirus-Krise bei Tagesspiegel Plus:

Auf die Frage, wann die Corona-Pandemie zu Ende sein und der Zustand der Endemie erreicht sein werde, antwortete die Virologin: „Endemie bedeutet nur, dass Ausbrüche regional, oder in einer Population begrenzt stattfinden, aber nicht automatisch, dass ein Erreger harmlos ist. Malaria ist ein gutes Beispiel dafür. Ich würde mir wünschen, dass sich Sars-CoV-2 irgendwann in die vier harmlosen Corona-Erkältungsviren einreiht, weil wir alle eine starke Immunität aufgebaut haben. Aber ich bin davon noch nicht überzeugt.“

[Alle aktuellen Entwicklungen in der Coronavirus-Pandemie finden Sie hier in unserem Newsblog. Über die Entwicklungen speziell in Berlin halten wir Sie an dieser Stelle auf dem Laufenden.]

Drosten sagte dazu: „Wir müssen uns langsam und bedächtig in die endemische Phase hineinmanövrieren, ohne dass unser Gesundheitssystem auf diesem Weg durch Überforderung zusammenbricht und es zu Todeszahlen wie in Großbritannien kommt.“ Dafür müsse man jetzt aber „so schnell wie möglich reagieren“. Er empfahl drei Maßnahmen, um die Infektionswelle einzudämmen: Shutdowns, Auffrischungsimpfungen, Impflücken schließen.

„Um die wirklich erschreckend hohe Inzidenz zu drücken, sind aus wissenschaftlicher Sicht Kontaktbeschränkungen dringend erforderlich“, sagte Drosten. Man müsse „jetzt alles daransetzen, die millionenfache Impflücke in der erwachsenen Bevölkerung zu schließen“, um schneller aus der Pandemie zu gelangen, erklärte Drosten.

Schließlich könne es zu neuen Virusvarianten kommen, „gegen die wir komplett neu animpfen müssten – vor allem, wenn wir uns dann noch nicht in der endemischen Phase befinden“.

Kollegin Eckerle befürchtet, der Winter werde sicher noch einmal hart werden, bevor es im Frühling und Sommer wieder eine Verschnaufpause geben werde. „Bis zum Herbst und Winter 2022 werden die meisten Menschen eine gewisse Immunität aufgebaut haben. Ende kommenden Jahres werden wir wahrscheinlich wissen, ob sich doch noch eine neue Variante durchsetzen wird, die die Immunantwort ein Stück weit umgehen kann. Dann könnte es noch einmal spannend werden.“

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