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Feuerwerk explodiert während der Silvesternacht in Neukölln hinter Polizei in Berlin.

© dpa/Sebastian Gollnow

Update

30 verletzte Polizisten, 420 Festnahmen, UKB „am Anschlag“: Silvesternacht in Berlin ruhiger als in den Vorjahren – Innensenatorin lobt Einsatzkonzept

Die Berliner Silvesternacht verlief weniger dramatisch als in den Vorjahren, auch weil vorab viel illegales Feuerwerk beschlagnahmt wurde. Doch einzelne Schicksale wiegen schwer. Die vorläufige Bilanz.

Dutzende Böller-Verletzte, Hunderte vorläufige Festnahmen – und doch ist die Berliner Neujahrsnacht nach Einschätzung der Polizei ruhiger verlaufen als in den vergangenen Jahren. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) und Innensenatorin Iris Spranger (SPD) zogen eine positive Bilanz zum Einsatzkonzept gegen Böllerkrawalle. „Berlin hat eine ruhigere Silvesternacht erlebt als in den vergangenen Jahren“, erklärte Wegner. Die Pyroverbotszonen hätten sich bewährt, ebenso wie die Strategie Prävention, Intervention, Repression.

Er dankte den Polizei-, Feuerwehr- und Rettungskräften, die in der Silvesternacht im Einsatz waren. Aus Sicht des Regierenden hätten sich die Pyroverbotszonen bewährt: „Am Alexanderplatz etwa war es so ruhig wie seit drei Jahren nicht mehr und die Berlinerinnen und Berliner konnten auch dort friedlich ins neue Jahr hineinfeiern.“ Nach der laut Wegner „schlimmsten Silvesternacht im Jahr 2022/23“ habe der schwarz-rote Senat Sicherheitsgesetze verschärft und gebe der Polizei „den nötigen Rückhalt“, so Wegner weiter.

Spranger sagte, das entschiedene Vorgehen gegen illegales Feuerwerk und die Polizeimaßnahmen in der Nacht hätten sich als richtig erwiesen. „Die Strategie und das Einsatzkonzept waren erfolgreich“, lobte die SPD-Politikerin. Sie sprach von einer „Kombination von frühzeitiger Prävention, umfänglichen Vorfeldmaßnahmen wie Kontrollen und Durchsuchungen sowie einem konsequenten Eingreifen der Polizei“. So habe man im Vorfeld mehr als 220.000 Stück Pyrotechnik aus dem Verkehr ziehen können, darunter 109.000 Stück gefährliche Sprengstoffe der Kategorie 4 – Kugelbomben oder Raketen. „Hunderttausende von gefährlichen Explosionen konnten so verhindert werden“, sagte Spranger.

Geholfen habe auch die Ausweitung der Pyrotechnikverbotsbereichen. „Mit ihnen konnten Straftaten und Verletzungen von Menschen verhindert werden.“ Die Pyroverbotszonen der Vorjahre – der Alexanderplatz in Mitte, die Sonnenallee in Neukölln und der Steinmetzkiez in Schöneberg – wurden dabei teilweise erheblich vergrößert. Hinzu kam die Admiralbrücke in Kreuzberg. Die Bereiche wurden im Unterschied zu den Vorjahren nicht mehr starr abgesperrt. Stattdessen konnten sich die Polizeikräfte flexibel im Raum bewegen und Personengruppen gezielt ansprechen und kontrollieren.

Die Polizei ist konsequent gegen Gewalttäter vorgegangen.

Iris Spranger (SPD), Innensenatorin, über den Einsatz in der Silvesternacht

Die Polizei hat in der Nacht 430 Personen festgenommen, 30 mehr als im Vorjahr. Die höhere Zahl sei nicht Zeichen von mehr Gewalt, im Gegenteil: Die Lage sei so gut unter Kontrolle gewesen, dass mehr Festnahmen möglich waren. 35 Polizeikräfte wurden verletzt, 22 davon durch Pyrotechnik. Unter anderem überrollte vor der JVA Moabit ein Feuerwehrauto den Fuß eines Beamten. Nur zwei Einsatzkräfte wurden so erheblich verletzt, dass sie stationär in Krankenhäusern aufgenommen wurden. Im Vorjahr hatte es 37 Verletzte gegeben.

„Die Polizei ist konsequent gegen Gewalttäter vorgegangen“, sagte Spranger. „Im nächsten Schritt müssen die Straftaten strafrechtlich schnell und konsequent verfolgt und sanktioniert werden.“ 3200 Beamte waren im Einsatz, davon 800 zur Unterstützung aus anderen Bundesländern und von der Bundespolizei.

Polizei mit Böllern und Raketen angegriffen

Trotz der grundsätzlich positiven Bilanz kam es auch dieses Jahr wieder zu Gefahrensituationen und gezielten Angriffen: In Gropiusstadt in Neukölln beschlagnahmte die Polizei eine selbstgebaute Feuerwerksanlage, für die mehrere Batterien von Raketen durch Zünder miteinander verbunden waren. In Kreuzberg schoss laut Polizei ein Mensch gezielt auf eine Fensterscheibe und warf die Signalwaffe bei der Flucht weg. Eine andere Person schoss den Angaben nach mit einer Feuerwerksbatterie gezielt auf Fahrzeuge und Passanten.

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Mit einem Wasserwerfer löschte die Polizei brennende E-Scooter und andere Gegenstände in Moabit. In der Leipziger Straße in Mitte brannte den Angaben nach eine komplette Wohnung im neunten Stock eines Hochhauses aus. Schon am frühen Abend hatte es für die Feuerwehr einen größeren Einsatz gegeben: In Wilmersdorf stand gegen 18.30 Uhr in Höhe Volkspark ein geparkter Reisebus in Flammen und brannte im hinteren Teil aus. Der Brand entstand von der Gehwegseite aus, vermutlich durch Pyrotechnik. Das Fahrzeug ist zum luxuriösen Partybus umgebaut, es gehört einer Eventagentur. 

Der ausgebrannte Reisebus in Wilmersdorf.

© Jörn Hasselmann / Bearbeitung: Tagesspiegel

Polizeisprecher Florian Nath hatte in der Nacht berichtet, die Polizei sei immer wieder mit Böllern und Raketen angegriffen worden. Auch hatte er weitere Zahlen genannt: 14 Menschen wurden laut Naths gegen 3.30 Uhr vorläufig gezogenen Bilanz in sogenannten Unterbindungsgewahrsam genommen, damit sie keine weiteren Delikte begehen. Gegen sieben Menschen wurde ein Haftbefehl beantragt, unter anderem wegen des Vorwurfs der gefährlichen Körperverletzung. Die Polizei habe zum Teil erfolgreich gegen die Dynamik von kriminellen Tätern, die sich in der Deckung friedlich feiernder Menschen bewegten, gearbeitet.

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Freiluftpartys ohne Probleme

Die Freiluftpartys am Brandenburger Tor und an der Siegessäule verliefen nach Angaben der Polizei ohne Probleme. „Bei der neuen Silvesterparty am Brandenburger Tor haben rund 25.000 Menschen das neue Jahr friedlich und fröhlich begrüßt – und die Bilder vom Silvesterfeuerwerk am Brandenburger Tor sind um die Welt gegangen“, freute sich der Regierende Bürgermeister Wegner.

Einige hundert Meter entfernt fand auf der Straße des 17. Juni eine weitere Open-Air-Party mit mehreren Bühnen statt. Angemeldet war sie als Demonstration. Dort waren aber laut Polizei nur einige hundert Teilnehmer statt der angemeldeten 16.000.

Elfmal Feuerwehrleute bedrängt oder angegriffen

Auch Feuerwehrsprecher Vinzenz Kasch zog am Neujahrsmorgen eine „deutlich positivere Bilanz“ als im vergangenen Jahr. Es habe weder verletzte Kollegen noch beschädigte Fahrzeuge gegeben. „Die Stimmung war deutlich entspannter“, sagte Kasch. In elf Fällen seien Feuerwehrleute bedrängt oder angegriffen worden. In einem Fall musste die Polizei in Moabit eine Barrikade mit einem Wasserwerfer löschen, weil ein Mob die Feuerwehr so massiv angriff, dass diese sich zurückzog.

Die Feuerwehr wurde zwischen Silvester 19 Uhr und Neujahr 6 Uhr früh 1830 Mal alarmiert. Das sind 62 Alarmierungen weniger als vergangenes Jahr, aber 232 mehr als vor zwei Jahren. Im Vergleich zum vergangenen Jahreswechsel gab es etwa 150 Brände weniger, was an der feuchten Witterung liegen dürfte. Es gab nur einen größeren Brand im Neuköllner Ortsteil Britz: Dort brannte es kurz nach Mitternacht im Keller eines fünfgeschossigen Wohnhauses. Eine Person wurde verletzt. Wegen der hohen Temperaturen im Keller konnte anfänglich nur von außen gelöscht werden.

970
Mal mussten zum Jahreswechsel Krankenwagen ausrücken – ein neuer Rekord.

Etwa die Hälfte aller Einsätze waren im Rettungsdienst, 970 Mal mussten Krankenwagen ausrücken. Dies sei ein neuer Rekord, sagte Kasch. In der gesamten Nacht habe es immer Reserven gegeben, betonte der Sprecher. Durch Pyrotechnik habe es „kaputte Hände, abgesprengte Finger und zerstörte Gesichter“ gegeben, die „ganze Palette an Verletzungen“.

Infolge eines Brandes kam es im Nahverkehr zu Einschränkungen, die möglicherweise bis Freitag andauern: Ein Dienstraum am S-Bahnhof Wedding fing gegen Mitternacht Feuer. Die Bundespolizei ermittelt wegen fahrlässiger Brandstiftung, vermutlich durch Pyrotechnik ausgelöst. Die Einsatzkräfte konnten den Brand schnell unter Kontrolle bringen. Dennoch blieb die Ringbahn auch am Neujahrsmorgen zwischen Gesundbrunnen und Westhafen unterbrochen.

Auf einer internen Störungsseite der Bahn war zunächst als Prognose für eine Reparatur der „Nachmittag“ genannt. Am Mittag teilte die Bahn dann mit: „Die Wiederaufnahme des Zugverkehrs kann erst erfolgen, wenn die Statik des Gebäudes begutachtet und gesichert ist.“ Da am Feiertag kein Statiker zu bekommen sei, können Züge frühestens Freitag wieder fahren, hieß es bei der Bahn. Die S-Bahn richtete Ersatzhaltestellen ein und empfiehlt auch weiterhin weiträumige Umfahrungen mit mehreren U-Bahn-Linien.

30 Böllerverletzte im UKB – darunter acht Kinder

Dass Polizei und Feuerwehr sich insgesamt zufrieden zeigten, heißt nicht, dass der Jahreswechsel im Einzelfall nicht auch gravierende persönliche Konsequenzen hatte. Deutlich wurde das bei den Meldungen aus dem Unfallkrankenhaus Berlin (UKB) in Biesdorf, das die besonders schweren Verletzungen versorgt. Dort wurden bis zum Morgen 30 Menschen mit Böllerverletzungen behandelt, teilte Krankenhaussprecherin Angela Kijewski dem Tagesspiegel mit. Wegen der Glätte sei das Patientenaufkommen aber schon am Tage erhöht gewesen. In der Nacht habe man daher „am Anschlag“ gearbeitet – parallel in drei Operationssälen.

Mehrere Betroffene erlitten schwere Handverletzungen, teils mit dem Verlust von Fingern oder Handteilen. Weitere Patienten kamen mit Augen- und Gesichtsverletzungen in die Klinik, weil sie sich über Feuerwerksbatterien gebeugt hatten; auch Chirurgen der benachbarten Augenklinik waren im Einsatz. Unter den Verletzten waren acht Kinder und Jugendliche im Alter von sieben bis 17 Jahren.

Schwere Verletzungen mit Kugelbomben blieben aus

Ein Lichtblick aus Sicht der Klinik: Schwere Kugelbomben-Unfälle wie im vergangenen Jahr, als ein Siebenjähriger lebensbedrohlich verletzt wurde, blieben dieses Jahr aus. Das bestätigte auch die Feuerwehr. Ein 26-Jähriger, den eine Kugelbombe im Gesicht traf, hatte großes Glück: Er kam mit etwas Ruß im Auge davon, wie eine Tagesspiegel-Reporterin aus dem UKB berichtete.

Insgesamt liege das Niveau der Verletzten im Unfallkrankenhaus im Bereich der Vorjahre, teilte Sprecherin Angela Kijewski mit. Das UKB rechnet im Laufe des Tages noch mit weiteren Patienten, da sich manche Verletzungen erst nach dem Ausnüchtern bemerkbar machten oder Verlegungen aus anderen Kliniken anstünden.

In der Charité behandelten Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte nach Angaben eines Sprechers zwischen 17.00 Uhr und 06.00 Uhr 41 Menschen wegen Verletzungen im Zusammenhang mit Feuerwerk, darunter fünf Kinder und Jugendliche. Auch hier ging es oft um Verletzungen der Hände und Knalltraumata.

Ziel: Nächstes Mal soll niemand zu Schaden kommen

Trotz des etwas ruhigeren Verlaufs ist die politische Grundsatzdebatte nicht vorbei. Innensenatorin Spranger betonte in ihrer Bilanz, dass es wieder „einen unverantwortlichen Umgang mit Feuerwerk“ gegeben habe, bei dem „Unbeteiligte und Einsatzkräfte zu Schaden kamen“. Sie kündigte an, sich „weiterhin mit Nachdruck für eine Länderöffnungsklausel im Sprengstoffrecht“ einzusetzen.

„Mein klares Ziel ist, dass beim nächsten Jahreswechsel niemand zu Schaden kommt“, ergänzte die Senatorin. Instrument soll eine „Länderöffnungsklausel im Sprengstoffrecht“ sein. So könne Berlin selbst entscheiden, „wo wir Feuerwerksverbote erlassen und Pyroerlaubniszonen genehmigen“. Bislang darf das Land Berlin nicht eigenständig Feuerwerk in größeren Bereichen verbieten, weil Sprengstoffrecht Bundessache ist. „Hier müssen alle ihrer Verantwortung nachkommen, insbesondere der Bund“, forderte die Senatorin.

Der Landeschef der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Stephan Weh, erklärte, Polizei und Feuerwehr hätten nur mit viel Personaleinsatz „Auswüchse des Silvesterwahnsinns“ abgemildert. „Da dennoch in vielen Stadtteilen Pyrotechnik quer durch alle Richtungen geflogen ist, wir entglaste Fassaden, brennende Fahrzeuge und reihenweise gezielte Angriffe mit Raketen, Batterien und Böllern auf unseren Kollegen erleben mussten, sollte sich aber niemand zurücklehnen“, appellierte Weh. „Auch wenn die schlimmsten Bilder ausblieben, hat das mit Normalität nichts zu tun.“

Die GdP beharrt auf der Forderung nach einem Verbot privaten Feuerwerks. Eine von der Gewerkschaft gestartete Internetpetition für ein bundesweites Böllerverbot hat mittlerweile drei Millionen Unterschriften. Die Petition des Berliner Landesverbands der GdP richtet sich an Innensenatorin Spranger und Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU). „Wir werden nicht nachlassen und erwarten, dass Herr Dobrindt, sich zumindest mal 5 Minuten Zeit für uns nimmt“, sagte Weh.

Der Sprecher der Feuerwehrgewerkschaft DFeuG, Manuel Barth, bezeichnete die zahlreichen Sicherstellungen illegaler Pyrotechnik auf der Plattform X als größten Erfolg der Nacht. Die Polizeipräsenz sowie die vielen Festnahmen seien zwar wirkungsvoll gewesen, zugleich aber „ein mieses Zeugnis für die Gesellschaft“. Schwere Verletzungen seien meist auf illegales Feuerwerk und unsachgemäße Nutzung zurückzuführen. Barth plädierte daher für weitergehende Maßnahmen: begrenzte Abgabestellen und -mengen, höhere Preise sowie ein Verkaufsverbot von Pyrotechnik in Lebensmittelgeschäften.

Für ein Verbot von privatem Feuerwerk warben auch die Grünen-Spitzenkandidaten Werner Graf und Bettina Jarasch. „Dieser alljährliche Ausnahmezustand ist kein Naturgesetz“, teilten sie mit. Sicherheit auch an Silvester sei eine politische Aufgabe. „Es ist gut, dass die Polizei massenweise illegale Pyrotechnik beschlagnahmen konnte“, hieß es in ihrem Statement weiter. „Sie konnte aber nicht überall das Zünden dieser gefährlichen Sprengstoffe verhindern und auch nicht die vielen Verletzungen durch den ganz normalen Böllerwahnsinn.“ Helfen könne „einzig und allein ein absolutes Verkaufsverbot von privaten Böllern“. Das Grünen-Duo forderte den Senat auf, sich dafür beim Bund ins Zeug zu legen. (mit dpa)

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