Berlins erstes Straßenkinderhaus : Warum Bundesministerin Giffey sich für die „Butze“ einsetzt

Für 7,5 Millionen Euro will der Verein Straßenkinder e.V. ein Haus errichten. Doch es gibt noch einige Hürden – trotz einer Frau, der Berlin ein Anliegen ist.

Familienministerin Franziska Giffey und Vereinsvorsitzender Eckhard Baumann im Gespräch mit früheren Obdachlosen.
Familienministerin Franziska Giffey und Vereinsvorsitzender Eckhard Baumann im Gespräch mit früheren Obdachlosen.Foto: Ingo Salmen

Hier draußen, am Rande der Stadt und doch mitten unter den einfachen Leuten, muss sie nicht Frau Doktor sein. Auch wenn jemand das mit Kreide auf eine Tafel geschrieben hat.

Besuch v. F. Dr. Giffey: eine Tafel im Kinder- und Jugendhaus Bolle in Marzahn.
Foto: Ingo Salmen

„Ich bin die Franziska“, sagt sie, „und wer bist du?“ Jasmin und Elisabeth lassen gleich von Schnitzel und Kartoffelpüree, ihrem späten Mittagessen, ab und ergreifen die ausgestreckte Hand. Dann setzt sich Franziska Giffey zu ihnen an den Tisch und hört sich Geschichten über Engelskostüme an. Sie wird an diesem Nachmittag auch noch mit Grundschülern eine kleine Runde Karten spielen, sich das System von Lernpunkten bei der Hausaufgabenhilfe erklären lassen und mit Jugendlichen reden, die gerade dabei sind, von der Straße wegzukommen. „Ich bin die Kinderministerin von Deutschland“, sagt sie dann oder einfach: „Guten Tag, Franziska Giffey.“

Diese Franziska Giffey ist am Freitagnachmittag in Marzahn zu Besuch, im Kinder- und Jugendhaus „Bolle“ des Vereins Straßenkinder e.V. Das ist nur auf den ersten Blick ein alltäglicher Termin der Bundesfamilienministerin. Denn Giffey ist dem in Berlin gut vernetzten Verein bereits eine Weile verbunden, hat auch schon eine Delegation Jugendlicher im Ministerium begrüßt und engagiert sich persönlich als Schirmherrin für das nächste große Projekt: das Straßenkinderhaus „Butze“.

In der „Butze“ sollen einmal unzählige Straßenkinder eine Anlaufstelle finden. Es soll offener Treff sein und zugleich ein Wohnprojekt, wie der Vorsitzende des Vereins, Eckhard Baumann, erzählt. Auf einer Nutzfläche von rund 2000 Quadratmetern soll es auch eine Holzwerkstatt und eine Gemeinschaftsküche, Projekt- und Kreativräume sowie Büros für Sozial- und Rechtsberatung geben.

Dazu sind mehrere Unterbringungsmöglichkeiten geplant: eine Notschlafstelle mit zehn bis 15 Plätzen, sogenanntes Clearingwohnen für acht bis zwölf Wochen mit zehn bis zwölf Plätzen und verschiedene Formen betreuten Wohnens für die Dauer von bis zu vier Jahren mit etwa 20 Plätzen.

Baumann zeigt Giffey den Außenbereich des Vereinssitzes in Marzahn.
Baumann zeigt Giffey den Außenbereich des Vereinssitzes in Marzahn.Foto: Ingo Salmen

7,5 Millionen Euro will Baumann investieren, voraussichtlich in ein bestehendes Gebäude plus Anbau. Über sechs Millionen Euro gebe es bereits Spendenzusagen. Das Problem: Neben dem restlichen Geld fehlt vor allem noch das Haus. Seit mehr als einem Jahr sucht der Verein bereits ein passendes Objekt, doch auf dem umkämpften Berliner Immobilienmarkt ist für soziale Einrichtungen nicht viel zu holen. Immerhin stehe man jetzt bei zwei Gebäuden in „intensivsten Verhandlungen“, verrät Baumann. Doch sicher ist auch da noch nichts. Viel preisgeben will er nicht, nur das: Innerhalb des S-Bahn-Rings soll es sein – so wie sich auch die bisherigen Anlaufstellen der Straßensozialarbeit in der Warschauer Straße und in der Kopernikusstraße in Friedrichshain befinden.

Das Zweckentfremdungsverbot trifft auch soziale Träger

Die Furcht vor der Zweckentfremdungsabgabe erschwert die Suche zusätzlich. Das klingt kurios, weil dieses Thema meist im Zusammenhang mit Ferienwohnungen und Vermittlern wie Airbnb diskutiert wird. Doch auch die Vermietung von Wohnraum mit tageweiser Kostenübernahme, etwa zur Unterbringung von Flüchtlingen, fällt inzwischen darunter. Baumann verweist auf das Beispiel eines Hauses für obdachlose Frauen des Diakonischen Werks und der Koepjohann'schen Stiftung in Mitte. Der Bezirk forderte von den Trägern nach der Eröffnung eine monatliche Zweckentfremdungsabgabe von 4000 Euro.

Zwar forderte der Senat den Bezirk auf, seinen Ermessensspielraum zu nutzen. Doch die Verunsicherung ist jetzt in der Welt. Baumann wünscht sich mehr „gesunden Menschenverstand“ bei jenen, die eine solche Regelung anwenden. „Das ist kein Profit-Center“, sagt er zu dem Projekt in Mitte. „Alle wollen sich absichern, und dabei werden die Menschen vergessen.“

„Wenn ich jetzt rausfliege, habe ich wieder die ganze Scheiße“

Was die „Butze“ so besonders macht: Sie soll Wohnmöglichkeiten und Beratung unter einem Dach vereinen, sodass alles Hand in Hand geht, und sie soll sicherstellen, dass mit 18 Jahren nicht plötzlich die Unterstützung wegbricht. Ab dann tritt die Jugendhilfe nicht mehr ein. Wer sein Leben bis dahin nicht im Griff hat, kann schnell wieder in Schwierigkeiten geraten. „Dann waren viele Investitionen in der Jugend umsonst“, sagt Baumann. „Das ist doch ein Irrsinn.“ In der „Butze“ sollen auch die „Careleaver“ noch einige Jahre wohnen bleiben können, bis sie stabil sind. Auch wenn das Jobcenter fortan die Kosten trägt, ändert sich nichts an ihren vier Wänden. „Der Klient kann sich um sein Leben kümmern“, sagt Baumann. „Ein solches Haus gibt es bundesweit nicht.“

[Große Pläne, kleine Schätze aus Berlin und seinen Kiezen: In unseren Leute-Newslettern berichten wir über alles, was das Leben in den zwölf Bezirken ausmacht. Der Autor dieses Artikels schreibt jeden Dienstag über Marzahn-Hellersdorf. Hier geht's zur kostenlosen Bestellung: leute.tagesspiegel.de]

Im Gespräch mit der Ministerin erzählt eine junge Frau, wie schwierig es ist, sein Leben zu ordnen, wenn man als Jugendliche auf der Straße gelebt hat. Edith hat inzwischen eine Bleibe bei einem Träger in Charlottenburg gefunden. Doch wie soll sie die Grenze ziehen zu jenen, die noch auf der Straße leben, aber ihre Freunde geworden sind? Sie hat die Sorge, sich das Chaos in die Wohnung zu holen. „Ich hab' mich jetzt von allen abgekapselt“, berichtet Edith. Sie ist inzwischen erwachsen und weiß nicht, wie lange sie noch in ihrer Wohnung bleiben darf. „Wenn ich jetzt rausfliegen würde, hätte ich wieder die ganze Scheiße“, sagt Edith. „Der 18. Geburtstag ist für viele ein echtes Angstdatum“, sagt auch Giffey.

Eine junge Frau schildert Franziska Giffey und Eckhard Baumann ihre Erfahrungen mit dem betreuten Wohnen.
Eine junge Frau schildert Franziska Giffey und Eckhard Baumann ihre Erfahrungen mit dem betreuten Wohnen.Foto: Ingo Salmen

Die „Butze“ will sie deshalb nicht nur ideell unterstützen. Die Ministerin hat dem Verein eine halbe Million Euro für ein dreijähriges sozialpädagogisches Modellprojekt in Aussicht gestellt, um diese neue Form der Betreuung im Straßenkinderhaus zum Übergang ins Erwachsenenalter zu testen. Wichtigste Voraussetzung sei allerdings ein Gebäude, sagte Giffey zu Baumann. „Sonst ist es ein Luftschloss“, erwiderte der.

Diese Übergangsphase will Giffey künftig auch im Jugendhilfe-Recht berücksichtigen. Derzeit arbeitet das Familienministerium an einem neuen Entwurf für das schon einmal gescheiterte „Kinder- und Jugendstärkungsgesetz“. Ein Beteiligungsprozess soll im Dezember zu Ende gehen, im Frühjahr 2020 soll das Kabinett die Reform beschließen. Derzeit sorge das Recht nicht dafür, „dass es jedem Kind wirklich gutgeht“, sagt Giffey. Das habe sie schon in ihrer Zeit als Neuköllner Bürgermeisterin beschäftigt.

Erst kamen William und Kate, dann die eigene Wohnung

Auch Kim Hofmann nahm an dem Gespräch mit der Ministerin teil. Tagesspiegel-Lesern ist sie schon aus dem Jahr 2017 bekannt. Damals traf sie im Bolle-Haus mit William und Kate, dem Herzog und der Herzogin von Cambridge, zusammen. Fast zwei Jahre lebte sie da schon auf der Straße, hatte im Görlitzer Park geschlafen und schließlich den Weg zum Straßenkinder-Verein gefunden. Mit dessen Unterstützung fasste sie wieder Tritt, nahm eine Ausbildung zur Altenpflegerin auf. Nur eine feste Wohnung fehlte ihr noch.

„Viele Vermieter sind so oberflächlich“, erzählte Kim damals – und zeigte auf ihre Piercings. Der Marzahn-Hellersdorfer CDU-Abgeordnete Christian Gräff las seinerzeit den Tagesspiegel-Bericht und nahm Kontakt zu Straßenkinder e.V. auf. Binnen Wochen vermittelte er Kim eine Wohnung bei der Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land.

„Es ist vieles einfacher geworden“, erzählt die 22-Jährige heute. Deshalb hat sie auch nichts mehr dagegen, ihren Nachnamen zu erwähnen. Sie hat jetzt immer einen Rückzugsort, da kann ein Tag noch so stressig sein. „Fickt euch“, sagt sie dann, „ich geh' jetzt nach Hause und leg' mich ins Bett.“ Quietschgrüne Haare trug Kim noch vor zwei Jahren, jetzt kommt sie beinahe bodenständig daher, irgendwo zwischen braun und blond.

Kim Hofmann hat eine eigene Wohnung, doch bleibt dem Verein verbunden.
Foto: Ingo Salmen

Doch das geht vorüber. „Ich habe schon ein neues Projekt“, sagt sie. „Bunt mit vier Farben.“ Dass sie das Leben auf der Straße kennt, hilft ihr heute sogar im Beruf. Gerade hat das dritte Ausbildungsjahr begonnen. Für ihren ambulanten Pflegedienst ist sie oft auch in einem Obdachlosenheim in Niederschöneweide im Einsatz. Viele Patienten sind verschlossen, aufgezehrt, körperlich und seelisch angeschlagen. Das ändert sich, wenn Kim ihre eigene Geschichte verrät. „Dann fangen die an zu reden und zu reden.“

Anders als Edith gerat Kim heute nicht mehr in Versuchung, braucht sich nicht von ihren alten Freunden abzugrenzen. Selbst zu ihrem Vater in Baden-Württemberg hat sie wieder Kontakt. „Mit meinem Papa habe ich wieder ein ziemlich gutes Verhältnis“, erzählt sie. „Der findet's mega, was ich geschafft habe.“ Manchmal besucht er Kim in Berlin und bringt Kleiderspenden mit, die er im Freundeskreis gesammelt hat. Dann fährt sie zu jenen, die noch „auf Platte“ an der Rummelsburger Bucht leben, und gibt ihnen die Säcke.

Die Arbeit von Straßenkinder e.V. in Zahlen:

  • 2500 Mal wurde im vergangenen Jahr Kleidung von der Kleiderkammer ausgegeben.
  • 458 Kontakte hatten die Streetworker unterwegs zu Kindern, Jugendlichen und jungen Menschen auf der Straße.
  • 37 junge Leute vermittelte der Verein erfolgreich in eine Wohnform.
  • 1500 Ladungen Wäsche wurden in der Anlaufstelle an der Warschauer Straße gewaschen.
  • Bis zu 43 junge Menschen suchten die Räume täglich auf.
  • 779 Mal wurde die Dusche in Anspruch genommen.
  • 1323 Liter Milch endeten als heißer Kakao, mit dem sich die Straßenkinder stärken konnten.

„Vielleicht werden Sie ja noch mal Verkehrsministerin“

Auch Franziska Giffey scheint mit sich im Reinen zu sein. Monatelang stand sie unter Druck, weil in ihrer Doktorarbeit zahlreiche Plagiatsstellen entdeckt worden waren. Für den Fall einer Aberkennung des Doktortitels hatte sie ihren Rücktritt angekündigt. Doch Ende Oktober teilte die Freie Universität überraschend mit, es bei einer Rüge für die Ministerin zu belassen. In ihrer Partei beflügelte die Entscheidung die Phantasien. Viele Sozialdemokraten wünschen sich Giffey als Regierende Bürgermeisterin, auch in der Bevölkerung gibt es viele Sympathien dafür.

Einen Monat nach der FU-Entscheidung kehrt Giffey in Marzahn wieder zu ihren Wurzeln zurück. Der Umgang mit den Menschen liegt ihr, deswegen setzen viele Genossen große Hoffnungen in sie. Aufgeschlossen, zugewandt, interessiert zeigt sie sich in den Gesprächen im Bolle-Haus, das keine Anlaufstelle für Straßenkinder, sondern ein Treffpunkt für die Jugend aus dem Kiez ist – so wie man Giffey aus Neuköllner Tagen kennt. Und lässt dabei erkennen, dass sie sich mit Problemen nicht einfach abfinden will.

Foto: Ingo Salmen

Eine Stunde nimmt sich die Ministerin Zeit für die Kinder und Jugendlichen. Eigentlich sollte der Besuch noch etwas länger dauern, doch die Hinfahrt gestaltete sich schwierig. Giffeys Dienstwagen hatte keine Chance gegen zehntausende Klimademonstranten. Letztlich entschied sie sich für den öffentlichen Nahverkehr: mit der U-Bahn bis zum Alexanderplatz und von dort den langen Weg mit der Tram hinaus nach Marzahn.

„Zwei Stunden“ habe die Anreise gedauert, sagt Giffey bei ihrer Ankunft. „Vielleicht werden Sie ja noch mal Verkehrsministerin“, spöttelt Bolle-Chef Baumann. Die Sozialdemokratin begegnet dem Einwurf, wie so vielem an diesem Tag, mit einem Lachen. Wär' das nicht was? Da zögert sie nicht: „Ich glaube, ich bin beim Familienministerium sehr gut aufgehoben.“

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