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Der Lärm der Großstadt: Berlins Schall und Raum

Es werden wieder Mauern gebaut in Berlin. Diesmal sind es Lärmschutzwände. Die Stadt ist hellhörig geworden. Man beschwert sich. Zieht vor Gericht. Dabei ist Krach nicht eine Frage des Pegels, sondern der Wahrnehmung. Entdecken Sie hier in unserer interaktiven Grafik die Geräusche der Großstadt.

Derart selten, aber zugleich derart erstrebenswert ist offenbar die Stille in Berlin, dass sogar das Finanzamt sie als besonders förderungswürdig anerkennt. Der Verein „Förderkreis Raum der Stille in Berlin“, vor zwanzig Jahren gegründet, ist deshalb ermächtigt, für Spenden Steuerbescheinigungen auszustellen.

Um einmal akustisch nichts zu erleben, betreten etwa 70 000 Besucher im Jahr im Herzen der Stadt, im Nordflügel des Brandenburger Tores, den „Raum der Stille“. Sie lassen zwei Türen als Schallschleusen hinter sich und setzen sich auf einen der Stühle, die sich vor einem Bild zum Halbkreis gruppieren. Der Berliner Bär steppt hier nicht. Absätze klackern entfernt. Das Klingeln der Fahrradrikschas ist kein Konsumangebot mehr. Leise, aber regelmäßig zittert der Raum, wenn die U-Bahn unter dem Tor in Richtung Kanzleramt fährt.

Man kann hier gut darüber nachdenken, was eigentlich in Berlin gefahren ist. Lärm scheint eine Obsession zu werden. Die Senatsverwaltung für Umwelt erhielt unlängst unter www.leises.berlin.de innerhalb von vier Wochen 3000 Vorschläge von Bürgern, wie man den Lärm in der Stadt verringern könnte. „Fluglärmgegner“ geht bald als eigener Beruf durch.

Das SO36 ging beinahe pleite, als ein langjähriger Nachbar auf eine 100 000 Euro teure Lärmschutzwand bestand. Nach dem Knaack-Klub vor zwei Jahren schlossen wegen Anwohnerbeschwerden noch weitere Clubs in Pankow. Und mit dem „Kater Holzig“ und dem „Lichtpark“ haben sich gerade sogar zwei Clubs gegenseitig Lärmbelästigung vorgeworfen. Trotzdem ist es immer noch so, dass einem Berlin, wenn man aus jeder anderen europäischen Metropole zurückkehrt, oasenhaft ruhig erscheint.

Die ehemalige Vizepräsidentin der größten akustischen Vereinigung der Welt, Expertin der Lärmwirkungsforschung, in Berlin lehrende Professorin mit Schwerpunkt Psychoakustik, arbeitet in Charlottenburg. Brigitte Schulte-Fortkamp sprengt mit ihrer Eleganz das Zimmer TA 362 der TU Berlin.

Sie hat es auch bemerkt. Berlin ist hellhörig geworden. Die Stadt schläft schlecht. Man beschwert sich. Man zieht vor Gericht. Es werden wieder Mauern gebaut; diesmal sind es Lärmschutzwände. Da ist der Zorn der Leute, aufbrausend wie früher nur die Orgeln.

Aus der Tinnitus-Forschung weiß man: Bloß nicht drauf fixieren. Aber in Berlin scheint genau das zu passieren. Die Stadt, deren Laute gestern noch eine Sinfonie genannt wurden, scheint heute eine Zumutung. Die gestiegene Aufmerksamkeit steht in keinem Verhältnis zum gestiegenen Pegel. Handelt es sich also um eine nationale Fixierung auf die deutsche „Ruhestörung“? 

„Wir sind über den neuen Flughafen ja alle zu Experten geworden“, sagt Schulte-Fortkamp. Experten für Dezibel, Flugrouten, Windrichtungen – und vergessen dabei, dass Lärm nicht eine Frage des Pegels ist. Schall kann man messen. Aber Lärm ist Schall, der stört. Aber wann stört ein Geräusch? Warum stört es den einen und den anderen nicht? In der Bewertung von Schall seien knapp 30 Prozent der Lautstärke zuzuschreiben, „der Rest ist die Verarbeitung“, sagt Schulte-Fortkamp. Wer Lärm erforschen will, muss die Wahrnehmung erforschen.

Der Senat weiß, dass der gleiche Lärm schwächer wahrgenommen werden kann, wenn bestimmte Faktoren eintreten.

Der Begründer dieser Idee ist Murray Schafer, ein kanadischer Komponist. Schulte-Fortkamp zieht seinen vergriffenen Klassiker von 1977 aus dem Regal: „Klang und Krach“. Schafer hat das Konzept der „Soundscapes“, der Lautsphären entwickelt, und damit die Akustikwissenschaft revolutioniert. Er hat herausgefunden, dass die Bedeutung von Geräuschen für die Menschen wichtiger ist, als die absolute, messbare Lautstärke. Dass Geräusche nie allein, sondern immer in Relation zu den Umgebungsgeräuschen empfunden werden. Dass sich die Sinne überlagern, man also Geräusche anders wahrnimmt, wenn man dazu etwas anderes sieht. Und dass es darauf ankommt, welche eigenen Erfahrungen Menschen mit diesen Geräuschen verbinden, an welchem Ort und in welcher Zeit sie aufgewachsen sind.

Schulte-Fortkamps Kindheitserinnerungen werden vom Pfeifen eines Teekessels durchzogen. „Das steht für Zeit, Zusammensitzen und Reden.“ Meeresrauschen ist ihr lieber als Vogelgezwitscher. Das liebste Geräusch ist ihr Sturm auf Sylt. Sie hat etwas übrig für Autos und ihre Motorengeräusche und lokalisiert einen Schaden am Geräusch. Die Innenräume teurer Fahrzeuge seien inzwischen allerdings so geräuscharm entworfen, dass sie neulich schon erschrak, als auf der Rückbank Seidenpapier knisterte.

Wie beeinflussbar und objektiv tatsächlich falsch die Wahrnehmung von Schall sein kann, hat einer ihrer Studenten an der Fontäne im Berliner Lustgarten erforscht. Unter dem poetischen Titel „Am Brunnen vor dem Dome“ hat er das Verhalten der Städter beobachtet. Dort, wo sommers alle um den Brunnen lagern, gaben die Leute an, sie gingen dorthin, „weil es so schön leise ist“. Tatsächlich werden 65 Dezibel übertroffen, die als Grenze zur Gefährdung der Gesundheit gelten. Das Getöse der Fontäne übertönt den Verkehr. „Das Wassergeräusch maskiert den Verkehrslärm“, sagt Schulte-Fortkamp.

Ein ganz ähnlicher Effekt sei das wie im „Borchardt“ übrigens, bekannt als Berlins beliebtestes Restaurant mit der schlechtesten Akustik. „Man ist nach jedem Besuch völlig fertig.“ Die Stimmen springen zwischen den steinernen Säulen hin und her, „aber man geht trotzdem gerne hin“. Privatheit sei dort nur wegen des hohen Pegels möglich.

Die Stadt Berlin, sagt Schulte-Fortkamp, sei tatsächlich ziemlich gut in der Umsetzung der Umgebungslärmrichtlinie 2002/49/EG. Seit 2002 nämlich arbeiten sie in der Hauptstadt an einem Paradox: der geräuschlosen Urbanität. Oder besser: einer Urbanität, deren Geräusche nicht stören. Es gibt inzwischen genaue Karten, die transparent die Verkehrslärmbelastung aufzeigen. Es wurden Modellprojekte entwickelt, in die die Erkenntnisse der Lärmforschung eingeflossen sind. Man weiß längst auch beim Senat, dass der gleiche Lärm schwächer wahrgenommen wird beim gleichzeitigen Anblick von breiten Radwegen, Bäumen und einem großen Abstand zur Straße.

Schulte-Fortkamp, belesen und gereist, hat ein Abo in der Philharmonie. Sie kann akustisch fundierte Restaurantempfehlungen aussprechen und schwärmt dann von den langen Vorhängen im „The Grand“, die glamourös über zwei Stockwerke hängen und den Schall dämpfen. Vollkommene Stille? Ist für sie der Tod. Sofort sieht sie ein Bild vor sich: schwarze Bäume um ein stehendes Gewässer. Kein Geräusch. Das ist vor allem deshalb gespenstisch, weil es nicht zusammenpasst. „Wenn Geräusche nicht im üblichen sozialen Kontext auftauchen, entstehen Ängste.“ Nie würde sie deshalb zum Beispiel Vogelstimmen in einem Tunnel installieren.

Brigitte Schulte-Fortkamp hat diverse runde Tische mitbegründet, die sich mit dem Fluglärm „im Raum des zu erwartenden Flughafens“ beschäftigen. „Denn der Schlüssel ist die Akzeptanz“, sagt sie. Bei der Eröffnung des Flughafens Tegel sei die Akzeptanz ungeheuer gewesen. Aber die Flieger bedeuteten damals für die eingeschlossene Stadt Freiheit und Anschluss an die Welt. Jetzt bekämen die Reinickendorfer die Flieger „aufgebrummt“, die am neuen Flughafen hätten landen sollen. Und prompt sinkt das Einverständnis. Der Lärm scheint plötzlich nicht mehr berechenbar. „Kontrolle“, sagt sie, „ist eine wichtige Größe zur Verarbeitung der Belastung.“ Indem die Anwohner aber so lange hingehalten wurden, haben sie nicht mehr das Gefühl von Vorhersehbarkeit. Sie fühlen sich getäuscht und ausgeliefert. Ähnlich wie die Anwohner um den neuen Flughafen. Wenn man den Leuten nicht zuverlässig sagt, was passiert, steigt am Ende die Lärmbelästigung, obwohl sich am Schall nichts geändert hat.

Schulte-Fortkamp lehrte am renommierten MIT in Boston, in Paris und Osaka.  In Amerika, sagt sie, sind die Leute bekanntlich klagefreudiger, aber weniger lärmempfindlich. Lästigen Geräuschen widme man wenig Aufmerksamkeit, sagt sie. Osaka kam ihr vor wie ein vielstimmiges Piepkonzert, viel Kommunikation läuft akustisch. „Es ist eine ganz andere Typisierung des Raums.“ Städte, sagt sie, ließen sich „an ihrem Gang erkennen, wie Menschen“. Metropolen liebt man für ihre charakteristischen Geräusche. Rom? Ohne Hupen und die Vespas unattraktiv. New York? Natürlich mit Sirenen. Nur Berlin sei zu heterogen für ein einzelnes Geräusch, sagt sie. „Vielleicht das Jaulen der anfahrenden S-Bahn?“

In Berlin, denkt man, hatten Clubs lange Immunität.

„Eine Gesellschaft, die sich Ruhe leisten kann, will das auch nicht aufgeben“, sagt Schulte-Fortkamp. Und so entwickeln diese Gesellschaften Flüsterasphalt, leise Spülmaschinen, Straßenbahnen, die einen am Ende lautlos hinterrücks überfahren können. Die Maschinen für die Produktion lassen diese Gesellschaften andernorts rattern. „Wer wohnt denn an den ruhigen Seen?“, fragt sie. Das soziale Gefälle ist auch ein Lärmgefälle. Hauptstraßenberliner werden irgendwann zu Herz-Kreislauf-Krankheiten neigen, die auch auf Effekte von Dauerlärm zurückzuführen sind.

Schall springt einen an, er ist unentrinnbar. Weil Schall den Raum durchdringt, ihn absteckt. Weil Schall die Zeit informiert, den Tagen und Nächten ihre akustische Kontur verleiht, und sei es nur, weil zwischen 20 Uhr abends und sechs Uhr morgens niemand Flaschen in den Glascontainer werfen darf.

Man weiß ja längst, was Lärm objektiv anrichten hat. Man hat es genüsslich erforscht: Inwiefern das Geräusch von Windrädern die Landbevölkerung in den Wahn treibt. Warum langer Nachhall in Klassenräumen die Lernfähigkeit von Kindern mindert. Dass ab einem bestimmten Lärmpegel ein Mensch für die gleiche Leistung die doppelte Zeit braucht. Aber unterhalb dieser Schwellen ist vieles verhandelbar.

Am Nauener Platz in Wedding, umflossen von vierspurigen Straßen, kann man an einer Bank auf einen Knopf drücken und hört: Vogelzwitschern. Linker Hand erheben sich stöhnend die Flieger aus Tegel in den Himmel, aber aus den Lautsprechern der Bank dringt tapfer künstlich die Natur.

Es ist ein Beispiel dafür, wie man Stadtraum auch akustisch gestalten kann, und 2012 gab es dafür den „European Soundscape Award“. Denn die Erkenntnisse aus Murray Schafers „Soundscapes“, 30 Jahren Psychoakustik und Wahrnehmungsforschung, münden in eine Methode: die sogenannten „Soundwalks“.

Mit ihnen kann man städtischen Lauten auf den Grund gehen. Dabei kommt es darauf an, Geräusche genau wahrzunehmen. Mit 85 Anwohnern hat Schulte-Fortkamp am Nauener Platz Geräuschquellen gesucht, sie bewertet, Assoziationen erfragt. Zu den vermissten Geräuschen gehörten Meeresrauschen und Vogelzwitschern.

Stille in der Großstadt ist ja immer eine Stille wider Erwarten. Man muss sie extra herstellen, sie kommt nicht natürlich vor. Dies ist schließlich das Anthropozän, in dem der Mensch selbst zu einem geologischen Faktor geworden ist.

Hätte der Mensch nicht so viele Gegenden mit seiner Anwesenheit beeinflusst, bräuchte es einen wie den Amerikaner Bernie Krause gar nicht, der seit 1968 die Geräusche von Orten aufzeichnet, an denen kein menschliches Geräusch zu hören ist. Krause muss dafür weit reisen. Er hat in der Antarktis das Krachen sich verschiebender Eisplatten aufgenommen und in den Bergen und Urwäldern einzigartige Tierlaute gesammelt. Die Hälfte dieser Orte sind inzwischen nicht mehr ungestört, aber auf www.wildsanctuary.com kann man sie noch hören.

Im „Raum der Stille“ in Berlin opfern 80 ehrenamtliche Betreuer je einen Vor- oder Nachmittag für die Aufsicht. Aber der Raum ist auf ganz ähnliche Art nicht still, wie Bibliotheken nicht still sind oder Kirchen. Tatsächlich herrscht ja auch dort eine sehr spezifische Geräuschreduktion, die einen mit geschlossenen Augen wissen lässt, wo man sich befindet: Da ist trocken umschlagendes Papier. Das unablässige Knistern von Tastaturen in einem weiten Saal. Der lange Nachhall, wenn einer in der Kirche ganz weltlich an eine Holzbank stößt.

Zu Hause knarzen nur die Dielen. Zeit für Murray Schafer, den kanadischen Komponisten. Nach der Lektüre seines Buches ist einem, als habe man nie richtig gehört. Die unselige Wahrnehmung von Schall als Krach begann mit der Industrialisierung, schreibt Schafer: Seitdem wir in der westlichen Welt damit begannen, Dinge bewusst zu „überhören“, auszublenden, nicht wahrnehmen zu wollen, taugen die Geräusche nicht mehr als erwünschte Orientierung. Wir hören nicht mehr hin, sondern weg. Innerhalb weniger Jahre wurden Maschinen erfunden, die den Gang der Dinge beschleunigten, aber nebenbei erheblichen Lärm ausstießen. Schafer listet auf: die Nähmaschine 1711, kurz darauf die Schreibmaschine, die Tram auf Gusseisenschienen, Eisenräder für Kohlewagen, Pressluftzylinder, die Wasserdampfpumpe, die Bohrmaschine, das Dampfschiff, die dampfgetriebene Spinnmaschine, die Dreschmaschine, Gaskraftmaschine, den Nachrichtentelegrafen, die Hydraulikpresse und die Gewindeschneidedrehbank. Man stelle sich das alles in Betrieb vor. 

Er schreibt: „Wo immer dem Lärm Immunität gewährt wird, ist er mit Macht verbunden.“ Da wird es quasi heiliger Lärm, der mit größter Autorität unangefochten verbreitet werden darf. Die Orgel habe in Europa lange dieses Privileg größter Lautstärke gehabt. Sie wurde mit der Industrialisierung durch die Fabrik verdrängt. Seit den 70er Jahren haben in Deutschland die Menschen keine Scheu mehr, sich auch gegen Glockenlärm gerichtlich zu wehren.

In Berlin, denkt man, hatten diese Immunität lange die Clubs. Elektronische Musik war das sakrale Geräusch der 90er, Techno der Gott aus Berlin und die unbegrenzt unter freiem Himmel pulsende Love Parade der Höhepunkt des Kults. Die Prozession der Gläubigen wurde in die Welt übertragen. Aber der Gott ist ausgeflogen und in Duisburg gestorben. Die ehemalige Verheißung der Stadt ist zu einer Belästigung geworden.

Es ging dem Komponisten, den Forschern und auch dem Berliner Senat mit seiner Lärmbefragung darum, in einer Art Hörschule die Leute für Geräusche zu sensibilisieren. Man kann sagen, das ist gelungen. Nur: Wer sensibel wird, wird eben auch empfindlich.

Erschienen auf der Reportage-Seite

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